Was vom Tage übrigblieb ...

Euer Filmtagebuch, Kommentare zu Filmen, Reviews

Moderator: jogiwan

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Maulwurf
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The case against Brooklyn (Paul Wendkos, 1958) 7/10

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Aus heutiger Sicht, also der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts, sind Filme über korrupte Polizisten filmischer Alltag. Sei es, dass in DAS GESETZ DER EHRE ein paar Cops mit den schweren Jungs gute Geschäfte machen, oder dass in BLACK AND BLUE fast ein ganzes Revier Drogen vertickt, um nur zwei Beispiele zu nennen. 1958 war die (cineastische) Welt noch ein wenig anders gestrickt, da reichte es aus, illegale Buchmacher unter den Schutz einiger weniger(?) Polizisten zu stellen, um eine spannende Handlung zu generieren: In den Hinterhöfen Brooklyns halten die Buchmacher Hof, und wer seine Wettschulden nicht zahlen kann, muss damit rechnen, sein Leben zu verlieren. Und obwohl die Geschäfte quasi überall stattfinden, kann die Staatsanwaltschaft nicht einschreiten, da keine polizeilichen Ermittlungen stattfinden: Die Polizei selber beschützt die Buchmacher! Dem Oberstaatsanwalt Norris reicht es, und um das Problem zu umgehen, dass er nicht weiß, welchen Polizisten er trauen kann und welchen nicht, setzt er Neulinge direkt von der Polizeiakademie unter der Leitung von Sergeant Pete Harris ein, der nach dem Krieg nachrichtendienstliche Erfahrungen gesammelt hat, und darum für so einen Undercoverjob geradezu geeignet zu sein scheint. Harris macht sich an die Witwe des letzten Todesopfers ran und kann sich in Windeseile in den Wettbüros etablieren. Dadurch gerät er auch sehr schnell in die Schusslinie der Gangster, die alles andere als dumm sind, und darauf bauen, dass ihnen die Polizei helfen wird. So wird ein eigentlich nüchterner und übel zusammengeschlagener Harris im Revier auch mal eben als stockbesoffener Rowdy in die Zelle gesteckt und darf dort schmoren, während gleichzeitig andere Menschen ihm eigentlich nur helfen wollen, ihn durch ihre Zuneigung und ihre Hilfe aber erst so richtig in die Scheiße reiten.

ASPHALTGEIER ist rein prinzipiell erstmal ein 08/15-Krimi von der Stange, der seine Ausgangsbasis als trockenes Fernsehinterview platziert und gleichzeitig den Helden als gutbürgerlichen Familienmenschen präsentiert. Soweit nichts Aufregendes, aber die Stimmung schlägt schnell um. Dass der Freund des Helden den klassischen Freund-des-Helden-Tod erleidet ist auch noch gang und gäbe, aber alles was nach diesem Tod passiert, ist in Sachen Brutalität und Magenschwinger ein permanentes Auftrumpfen mit einigen unangenehmen Überraschungen für den Zuschauer. Das Showdown in einer Wäscherei, noiresk-stilecht mit viel eindrucksvollen Schatten und düster-eindringlicher Atmosphäre, packt den Betrachter ebenso bei den Eiern wie das Nicht-wirklich-Happy End. Auch scheint es, als ob der Pete Harris-Darsteller und All-American-Guy Darren McGavin, der sein Berufsleben zu großen Teilen in Fernsehserien zubrachte, im Lauf des Films immer verrohter wird, immer mehr zu dem wird, was er eigentlich bekämpfen wollte. Seine Methoden werden proportional zu seinem Hass brachialer, und sein Gesichtsausdruck ist am Ende der eines gehetzten Killers auf dem letzten Kreuzzug, zu dem er seine Mission ja letzten Endes auch gemacht hat. Inklusive aller Opfer die er dabei zu bringen hat.
Und dann ist da auch noch die Sache mit dem Hitchcock: Der hat bekanntlich mal die Definition des Begriffs Suspense erläutert: "Wenn eine versteckte Bombe unter einem Tisch, an dem mehrere Leute frühstücken, plötzlich explodiert, ist dies ein Schreck und unterhält 20 Sekunden lang; wenn der Zuschauer die Lunte jedoch lange brennen sieht und die Figuren nichts davon ahnen, ist dies Suspense und fesselt fünf oder zehn Minuten lang." ASPHALTGEIER gefällt sich vor allem im letzten Drittel darin, dem Zuschauer eine Bombe zu präsentieren, ihn aber genüsslich auf die Folter zu spannen bezüglich deren Explosion. Regisseur Paul Wendkos dehnt die Spannung bis zum Allerletzten und zeigt die Richtigkeit dieses Zitats, vor allem aber kann er damit eine unglaubliche Spannung erzeugen, die das düstere Showdown intensiv und mit einem wahren Knalleffekt einläutet.

Und so ergibt sich in der Summe dann doch ein kleiner und feiner Thriller der härteren Gangart, der mit den standardisierten Formeln geschickt spielt und letzten Endes genau weiß, wann diese Routinen über Bord zu werfen sind und die grobe Kelle auszupacken ist. Und damit viel mehr Spaß macht als man zu Beginn annimmt.
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
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Maulwurf
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Pornospiele mit Stock und Peitsche (Joe Sarno, 1967) 6/10

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Gerd Naumann definiert in seiner Filmbesprechung in der Splatting Image die Handlung von PORNOSPIELE MIT STOCK UND PEITSCHE als Daily Soap, und ich komme nicht umhin ihm recht zu geben: Wendy bricht die Schule ab und zieht zurück zu ihrer Mutter Jo, einer erfolgreichen Geschäftsfrau, die eine On/Off-Affäre mit ihrem Angestellten Don hat. Im Büro lernt Wendy Barbara kennen, die im gleichen Haus lebt wie Jo. Barbara wiederum ist mit dem Künstler Billy liiert, außerdem lebt in deren Wohnung noch Pam. Billy und Pam leben von Barbaras Geld, und da Jo als Geschäftsfrau nicht ganz unvermögend ist, entsteht der Gedanke, dass Billy Jo verführt um an deren Kohle ranzukommen. Bei Barbara und Billy finden regelmäßig (also so mehr oder weniger täglich) wilde Ausschweifungen statt. Orgien, bei denen Pam nackt tanzt und irgendwann Männchen und Weibchen wild übereinander herfallen. Bei einer dieser Partys ist auch Nachbar Hank dabei, der gerne seine Frau Nancy verprügelt und jetzt an Wendy Gefallen findet. Also: Mutter Jo gibt Alt-Liebhaber Don den Laufpass um mit Jung-Liebhaber Billy zu vögeln. Tochter Wendy ist schockiert und treibt es mit Nachbar Hank. Doch als Wendy und Billy miteinander und so, gibt Hank seiner Eifersucht nach und will töten …

Eine schier unglaubliche Ansammlung an verworrenen Geschichtchen, die in der LINDENSTRASSE sicher über ein Jahr gebraucht hätten um auch nur grundlegend ordentlich ausgebreitet zu werden. Hier laufen die Stories in 80 Minuten komplett durch, garniert mit einigem nackten Fleisch, Eifersucht, Liebesschwüren und jazzigem Soundtrack. Hank hat das Aussehen und die Figur eines griechischen Gottes und schlurcht durch die Kulissen wie eben so ein Gott der Niedertracht. Seine Frau Nancy ist wunderschön, hat Narben von brennenden Zigaretten am Körper, und scheint bei ihrem Gott am liebsten zu leiden. Billy ist ein verkommenes Subjekt, das sich wider Willen in Jo verliebt und sich nicht damit abfinden kann, dass Jo als ältere Frau eigentlich eben Don bevorzugt. Barbara will das Geld von Jo und ab und zu guten Sex, und mittendrin ist Wendy als Katalysator, die schnell Gefallen findet an sexueller Abwechslung, dann aber auch wieder die gelangweilte Jugendliche der modernen Generation gibt.

Die verschiedenen Beziehungen wirbeln durcheinander wie geölte Spaghetti und erzeugen vor allem zum Schluss hin immer irrwitzigere Konstellationen von Partnerschaft oder Feindschaft, was hier auch gerne mal das Gleiche ist. Das Ganze wird aber nicht präsentiert als kinogerechtes Drama mit nackten Brüsten und Gewalt im Russ Meyer-Stil, sondern tatsächlich ist die Aufmachung diejenige einer Fernsehserie im kühl-nüchternen Spät-60er-Stil. Die Dialoge könnten auch jederzeit aus CORONATION STREET oder eben der LINDENSTRASSE stammen, die zwischen den Dialogen eingestreuten nackten Brüste hätte dann eben der Filmproduzent Alois Brummer reingeschnitten (dem wir tatsächlich die gelungene deutsche Synchronisation und den weniger gelungenen deutschen Titel zu verdanken haben), und nur der lässige Jazz-Soundtrack und das Hüftwackeln von Angelique Pettyjohn erinnern daran, dass wir es hier tatsächlich mit einem Kinofilm zu tun haben. Letzten Endes hat Regisseur Joe Sarno eigentlich nur die Schlagworte jener Zeit, nämlich die Begriffe Liebe und Rebellion, in einen Film gepackt und mit zeitgeistlicher Nacktheit garniert. Alle wollen Liebe, meinen jedoch Sex, und wer nicht haben kann was er will, der nimmt sich das dann eben einfach mit Gewalt. PORNOSPIELE MIT STOCK UND PEITSCHE ist ein wildes Sammelsurium aus Pulp, Drama und Titten (in dieser Reihenfolge), das ein interessantes Schlaglicht auf die Jugendlichen dieser Jahre wirft. Nicht der Hollywood’sche Blick von DIE REIFEPRÜFUNG (deren Handlung hier ebenfalls zu finden ist), sondern eher der Blick von unten, von der Straße. Und zwar der schmierigen Sackgasse am Ende des übelriechenden Viertels. Als Vergleich würde mir vielleicht sowas wie der 17 Jahre später entstandene A CERTAIN SACRIFICE einfallen, der die Probleme mit der Liebe und der Gewalt ebenfalls mit diesem speziellen Underdog-Blick anfasst, aber das ist wahrscheinlich schon sehr weit hergeholt. Nichtsdestotrotz ergibt sich ein anschauliches zeitgenössisches Sittenbild (höhö) mit einer Gemengelage, wie man sie in Kinofilmen meist deutlich abseits eines gewissen Niveaus findet. Schmierig, schäbig, wundervoll!
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Maulwurf
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Ödipussi (Vicco von Bülow, 1988) 7/10

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Wenige haben es geschafft, die Sprachlosigkeit der bürgerlichen Kommunikation so zu offenbaren wie Loriot. Gerhard Polt würde mir da noch einfallen, der aber einen anderen, oft brutaleren Stil, an den Tag gelegt hat. Loriot hingegen hat wie kaum ein Zweiter Menschen einander gegenüber gestellt, und deren Kommunikation, richtiger: Dis-Kommunikation, auf die satirische Spitze getrieben. Und oft genug ist nicht klar, ob man da nun lachen oder weinen soll. Oder beides …

Der 56-jährige Paul Winkelmann ist Geschäftsführer der Firma Winkelmann und Söhne, eines Möbel- und Dekorationsgeschäftes. Er lebt allein in einer kleinen Wohnung, aber in seinem Herzen ist seine Mama die alles bestimmende Frau. Er isst bei der Mama, sie bügelt seine Hemden (selbstverständlich freiwillig), sie bestimmt sein Leben. Nein, anders: Er lässt sie sein Leben bestimmen, und ist dabei auch glücklich. Oder zumindest ist es das, was er als Glück empfindet. Auf eine bestimmte Weise eine recht deutsche Art von Glück, sein Leben in Ruhe und Ordnung führen zu lassen. Doch als er die Diplom-Psychologin Margarethe Tietze kennenlernt offenbart sich ihm eine ganz andere Art Frau: Nicht die dominante Frau Mama mit ihren impertinenten Freundinnen, sondern eine Frau in seinem Alter, die genauso wie er an der Gefühlslosigkeit der modernen Welt zu schlucken hat, und mit ihren Unsicherheiten und Komplexen genauso allein ist wie Paul. Man lernt sich kennen, man arbeitet miteinander (oder sowas ähnliches), man geht miteinander essen (oder sowas ähnliches), und als Paul zu seinem Lieferanten nach Italien fährt, kommt Margarethe für das Wochenende mit. Auch wenn es nie ausgesprochen wird: Irgendwann mag man sich …

Ja, man muss tatsächlich konstatieren, dass der Film leicht gealtert ist. Solche Menschen wie hier gezeigt, solche Menschen sind mittlerweile anscheinend ausgestorben. Oder wann wurden das letzte Mal alte Damen mit überstarkem Selbstbewusstsein und weißen Hüten beim Konditor gesehen? Oder ältere, komplexbehaftete Männer im hellen Leinenanzug? Selbst in der Geschäftswelt sind lockeres Auftreten und genauso lockere Kleidung mittlerweile gang und gäbe, der von Loriot dargestellte Typ Mann ist in den letzten knapp 30 Jahren irgendwie ausgestorben.

Aber ob das auch für das Miteinander gilt? Dialoge wie „Man könnte ja auch …“ „Das wollte ich auch …“ „Aber ja …“, gibt es so etwas noch? Oder gab es so etwas überhaupt jemals außerhalb des Loriot’schen Kosmos? Loriot hat in seinen Fernsehsketchen genauso wie in den Kinofilmen die Hölle des gutbürgerlichen Alptraums karikiert, ohne jemals in die Abgründe etwa eines Luis Buñuel zu fallen (wobei natürlich gilt, dass zumindest die vom späteren Buñuel dargestellte französische Gesellschaft grundsätzlich anders funktioniert hat als die von Loriot dargestellte bundesdeutsche Gesellschaft). Man sitzt nebeneinander, man redet nebeneinander, und wenn zufällig einmal zwei aufeinanderfolgende Sätze etwas miteinander zu tun haben wundert man sich als Zuschauer schon (Was von Buñuel zugegeben gar nicht so weit weg ist). Die Vereinssitzung des Vereins für Karneval trotz Frau und Umwelt (oder sowas ähnliches) ist da genau diese Dialog-Hölle, von der ich nicht weiß, ob sie schmerzhafte Realität ist, haarscharf daran vorbeigeht, oder sich einfach nur in Grotesken ergeht. Aber bei Loriot gab es diese Realität, und da funktionierte sie vortrefflich: Margarethe sitzt im italienischen Lokal, das gerade französische Woche hat, und weiß nicht was die Begriffe auf der Speisekarte bedeuten. Paul fragt daraufhin den deutschsprachigen Kellner, der mit langen französischen Begriffen antwortet, und Paul gibt das lange Französisch dann als Quasi-Übersetzung an Margarethe weiter, während der Kellner angestrengt-gelangweilt den Luftraum über den Gästen überwacht. Lachen oder Weinen?

Wenn ich sage, dass ÖDIPUSSI leicht gealtert ist, dann meine ich damit nicht die Komik, sondern wirklich und nur die dargestellten Charaktere. Der Humor im Gegenteil wird mit zunehmendem Alter des Zuschauers sogar immer besser und spitzer. Wie ich damals, Ende der 80er, aus dem Kino kam, fand ich den Film nett, aber bei weitem nicht an das Niveau der Loriot’schen Fernsehunterhaltung heranreichend. Mittlerweile, im fortgeschritteneren Alter, bemerke ich viele kleine Fiesheiten, die in den früheren Sichtungen scheinbar nicht vorhanden waren. Ob ich in 20 Jahren vor brüllend-lachendem Entsetzen vom Sofa falle, wenn ich mich selber in Paul Winkelmann erkennen werde (was ja jetzt bereits ansatzweise der Fall ist)? Bis dahin bleibt ÖDIPUSSI auf jeden Fall gut, wenngleich mit Hang zum schrecklich-gut …
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Okami – Blutiger Schnee (Yoshiyuki Kuroda, 1974) 6/10

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Der funkige Soundtrack zu Beginn und die stylischen Bilder im Schnee lassen auf einen wilden Ritt hoffen, und tatsächlich ist die Fotografie von BLUTIGER SCHNEE einer seiner größten Pluspunkte, neben der völlig abgedrehten Story natürlich: Okami hat alle Söhne des ihn verfolgenden Yagyu-Clans getötet, und auch die Tochter des Clans kann sich ihm nicht widersetzen. Yagyu Kaori springt über seinen eigenen Schatten und geht zu seinem Stiefsohn Hyeoi (oder so ähnlich), der einen andern Clan befehligt. Die Mitglieder dieses Clans haben eine geheime Technik, mit der sich sie durch die Erde wühlen können, und sich ihren Feinden so unentdeckt nähern können. Hyeoi sieht eine Chance, durch den Tod Okamis den verhassten Stiefvater zu vernichten und den Yagyu-Klan selber führen zu können. Seine Taktik ist die Fünf-Räder-Technik, mit deren Hilfe den Opfern alle Empfindungen genommen werden können, bis auf die Furcht. Und die Furcht wird immer bleiben …

Aber Okami wäre nicht Okami, wenn er dem nicht Herr werden würde. Die Bilder des Films sind großartig, es gibt viel Gewalt und nackte Frauen (und auch mal beides zusammen), und gerade die Männer um Hyeoi können wirklich Angst und Schrecken verursachen. Ihr Vorgehen, absolut jeden zu töten, der Kontakt hat mit Okami und seinem Sohn Daigoro, ist grauenhaft und isoliert den Wolf schnell. Aber wie immer in dieser Serie ist der Wolf eben unbesiegbar, was den Ablauf des Films für mich persönlich schlicht uninteressant macht. Gleich wie viele Gegner auf Okami eindreschen, und dieses Mal sieht er sich ganzen Armeen gegenüber, er bekommt noch nicht einmal einen Kratzer ab. Bemerkens- und vor allem bewundernswert ist dann höchstens seine moralische Haltung: Selbst, wenn er bis zur Hüfte im Moor steht verhöhnt er noch seine Gegner und gibt nicht auf. Aber Spannung kann zumindest ich nicht aus dieser Handlung ziehen. Die Samurai auf den Skiern erinnern schwer an ähnlich aussehende James Bond-Filme, der Kinderwagen des Daigoro ist mittlerweile zu einer kompletten Festung ausgebaut wurden (inklusive Bond-artiger Gimmicks), und das Ganze ist einfach so Over the Top, dass es in seiner Comicartigkeit irgendwie schon wieder Spaß macht. Wie gesagt sind die Bilder dieses Mal sehr gelungen (erwähnte ich das schon?), ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass BLUTIGER SCHNEE fotografische der gelungenste Teil der diesbezüglich immer sehr hochwertigen Serie ist. Aber eben diese langweilige Unbesiegbarkeit, die mir auch bei den bisherigen Teilen auf den Magen schlug, und die immerhin dazu führte, dass zwischen der Sichtung von Teil 5 und Teil 6 mehr als drei Jahre lagen, die raubt mir doch einigermaßen das Vergnügen. Selbst James Bond musste ab und an mal was einstecken …
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The Killer (David Fincher, 2023) 7/10

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Du, Leser dieser Zeilen, du bekennender Filmfan, wärst Du nach dem Genuss unzähliger Gangsterfilme gerne Auftragskiller geworden? Einer dieser coolen und um die Welt jettenden Männer, die alle Probleme mit Logik und Gewalt lösen können, und die Böses tun, sich in fast unbeschränktem Geld aalen, und dabei ein Leben so weit entfernt vom alltäglichen Spießbürger-Hamsterrad leben wie nur möglich?

David Fincher zeigt uns, wie so ein Leben aussehen kann. Sein namenloser Held erledigt Aufträge, bei denen er andere Menschen tötet. Seine stärksten Waffen sind dabei das strukturierte Vorgehen, sein Können als Scharfschütze, sowie die fast unendlich erscheinende Fähigkeit, Langeweile zu ertragen. Er hat seine Prinzipien, die er uns auch immer und immer wieder aufzählt, und er beherrscht seinen Job. Bis zu diesem Tag in Paris, als etwas verdammt schief geht, und er seinen Job eben nicht erledigt. Es ist für ihn kein Problem aus Paris raus zu kommen, und mit ein paar kleineren Umwegen kommt er auch bis nach Hause, dort aber ist seine Lebensgefährtin das Ziel einer Vergeltungsaktion für seinen eigenen Patzer geworden. Mächtig böser Fehler, denn nun geht der Mann auf die Suche nach den Verantwortlichen für die Vergeltung. Und er ist bereit, alle seine Prinzipien dabei über Bord zu werfen, Hauptsache er kann Blut vergießen.

Empathie ist Schwäche, eine der Maximen des Mannes ohne Namen. Und doch ist dies die erste Weisheit gegen die er selber verstößt, andernfalls gäbe es zugegebenermaßen THE KILLER nicht. Wir begleiten also den Mann auf seiner Reise durch den nordamerikanischen Kontinent, wie sehen ihn töten, wir schauen zu wie er fast getötet wird, und wir sehen, wie er sein Ziel erreicht. Und uns dabei immer wieder seine strukturellen Grundsätze aufzählt - Gegen die er im gleichen Moment verstößt. Ein interessantes Vexierspiel in kühlen und emotionslosen Bildern, das diesen kühlen und emotionslosen Mann bei einer Aufgabe zeigt, die seine Emotionen nach außen kehrt. Eine spannende und gleichermaßen kühle Abfolge von Vorgängen, aus Gefühlen geboren und gefühllos dargebracht. Kein JOHN WICK in einem schnell geschnittenen und überbordenden Todesballett, sondern eher an Melvilles DER EISKALTE ENGEL erinnernd. Ein moderner Thriller, der eine schon oft erzählte Geschichte aus einem anderen Blickwinkel erzählt, nämlich aus der beziehungslosen Ich-Perspektive des Killers. Seine Gedanken begleiten uns ab er der ersten Minute und bis zum Ende, wir hören die Musik die er hört (meistens das unerträgliche Genöle der 80er-Schrammelkapelle The Smiths), und wir üben uns mit ihm in Geduld, wenn es heißt zu warten. Dabei tritt aber niemals Langeweile auf, Fincher weiß genau was er wie tun muss um ein optimales Ergebnis zu erzielen, Etwas, was er mit seinem Protagonisten gemein hat – Professionalität und ein starker Hang, den Beobachter zu überraschen. Dabei sind die grundsätzlichen Elemente des Films, knüppelharte Action auf der einen, Heist-artige Abläufe auf der anderen Seite, und die Suche des Mannes dazwischen, erstklassig verteilt, und lassen keine Langeweile zu. Zugegeben, dem Killer dabei zuzusehen, wie er tagelang auf etwas wartet, kann (Konjunktiv) öde sein. Muss es aber nicht, da Fincher dieses Warten mit den richtigen Bildern und den richtigen Monologen unterfüttert, und damit eine Grundspannung aufbaut, die in keiner Sekunde nachlässt.

Damit setzt sich THE KILLER sehr geschickt zwischen die Stühle: Hier der schicke und angesagt-stylische Thriller über einen Auftragskiller, dort der unter Umständen enervierende Alltag eines Menschen, der dafür bezahlt wird, zu warten. Seine Geduld und seine Voraussicht unter Beweis zu stellen. Und in dem Augenblick, in dem es verlangt wird, geradezu zu explodieren und körperlich und geistig alles zu geben, nur um anschließend wieder in eine Art Stasis zu verfallen. Ein spannendes und abwechslungsreiches Wechselspiel der Gefühle und der Stimmungen, das zwar sicher ein wenig Entgegenkommen seitens des Zuschauers benötigt, dafür aber in dieser Art Film deutlich über dem Durchschnitt liegt.
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Fallen angel (Otto Preminger, 1945) 7/10

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Die Weiterfahrt nach San Francisco kostet Zweidollarfuffzig, und die hat er nicht, also fliegt Eric Stanton aus dem Bus. Irgendwo im kalifornischen Hinterland, in einem Kaff namens Walton. Wo es eine kleine Kaffeebar gibt mit einem alten Mann und einer schönen Bedienung, Stella. Eric will diese Stella haben, und da Stella im Grunde ihres Herzens ein anständiges Mädchen ist, und keine Lust mehr hat auf Männer die nur vögeln wollen und danach wieder fort sind, verweigert sie sich den Avancen Erics, auch wenn sie deutliches Interesse signalisiert. Denn der Weg zu Stella Herz führt nur über eine gesicherte Zukunft namens Geld, und genau dieses hat Eric, der im Prinzip als eine Art Hochstapler auftritt, eben nicht. Aber Stella verweist auf June Mills, denn June Mills hat Geld. 12.500 Dollar um genau zu sein, wenngleich gut bewacht von der altjüngferlichen älteren Schwester. Also wird June umgarnt. Es gibt ein Heiratsversprechen. Eine Hochzeit. Und einen Mord. In der Hochzeitsnacht …

Auch wenn die meisten der klassischen Noirs in den Sümpfen der Großstädte spielen, so ist die Verquickung von Kleinstadt und Verbrechen doch in hohem Maße genauso Noir-kompatibel. Gerade im ersten Drittel hatte ich oft das Gefühl, eine Weiterführung von Hitchcocks IM SCHATTEN DES ZWEIFELS zu sehen: Das Böse kommt in die kleine kalifornische Stadt und verführt die Menschen zu Alkohol, Tanz und Mord, so scheint es, und die Szenerie wirkt öfters einmal wie das verträumte Santa Rosa, in das Joseph Cotten mit schwarzem Rauch einfährt. Aber das ist natürlich Unfug, denn MORD IN DER HOCHZEITSNACHT ist ganz anders aufgebaut und hat ganz andere Qualitäten als der verkannte, zwei Jahre zuvor gedrehte, Hitchcock-Klassiker. Qualitäten wie etwa den stoischen und toxisch-männlichen Dana Andrews als Eric, der aussieht wie ein junger Sean Connery und mit dem gleichen raubeinigen Charme versucht, beide Frauen gleichzeitig um die Finger zu wickeln, um mit dem Geld der einen an die Brüste der anderen ranzukommen. Eric kann hervorragend reden, damit hat er früher sogar mal Geld verdient, er ist absolut selbstsicher, reaktionsschnell und schaut gut aus. Aber macht ihn das auch zu einem Mörder? Eine andere vorhandene Qualität ist Linda Darnell als Stella, ein wahrer Stern am Himmel der Liebe. Christian Keßler schreibt über sie, dass sich Zigaretten bei dieser Frau von selbst rauchen, eine lockere Untertreibung, wenn man Brünette mag. Die Frau ist ein 500 Grad heißer Ofen, an dem man sich schnell mal die Finger verbrennen kann. Ihre darbenden Blicke, ihre zum Kuss dargebotenen Lippen, ihr resigniert-aufreizendes Lachen – Ein wahrhaft gefallener Engel auf der Suche nach männlichen Seelen. Oder ist doch June der gefallene Engel? Die Sängerin Alice Faye, die ihre Hollywood-Karriere nach diesem Film beendete, weil sie enttäuscht war über die vielen herausgeschnittenen Szenen, wirkt mit ihren 40 Jahren oft wie ein Hausmütterchen, wie ein unattraktives älteres Mauerblümchen beim Collegeball, das seit 20 Jahren auf den Richtigen wartet, und durch den Einfluss der Schwester dazu verdammt ist, von ihren Büchern und ihrem sonntäglichen Orgelspiel in der Kirche niemals wegzukommen. Doch was für ein eisenharter Wille verbirgt sich hinter dem altklugen Blick. Ein Wille, vor dem auch Eric irgendwann kapitulieren muss …

MORD IN DER HOCHZEITSNACHT mag keiner der großen Noirs aus der klassischen Zeit sein, und man darf auf keinen Fall den Fehler machen, ihn mit Otto Premingers Erstling LAURA aus dem Vorjahr zu vergleichen. Aber für sich allein gesehen ist er ein kleiner, schmutziger Krimi mit einer geschickt aufgemachten Mördersuche, viel stimmiger Atmosphäre und einer Frau, die ihre Blicke direkt aus dem lodernden Zentrum der Hölle zu schicken scheint, mittenmang in das Herz eines vermeintlich eiskalten Mannes. Spannend!
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
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Heat (Michael Mann, 1995) 8/10

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Vor wenigen Tagen sah ich David Finchers THE KILLER im Heimkino, da hat die x-te Sichtung von HEAT gut dazu gepasst. Hier ein lässig-stylischer Cop vs. Thugs-Film, der nichts Neues erfindet, dabei trotzdem längst Klassikerstatus erlangt hat, und mit ganz großartigen Schauspielern prunkt; dort der düster-egozentrische Killerfilm mit einem erstklassigen Hauptdarsteller und einer Narration wie sie nicht alle Tage zu sehen bzw. zu hören ist. Aber sonst scheinen die beiden Filme auf den ersten Blick nicht viel gemein zu haben. Oder doch?

In HEAT beobachten wir eine Gruppe Gangster, die ihre Jobs perfekt plant, minutiös und bis ins kleinste Detail durchstrukturiert, und dabei höchstens durch den Faktor Mensch zum Improvisieren gezwungen wird. Das ist die eine Seite der Medaille, die andere Seite ist der sie verfolgende Polizist, der kaum ein Privatleben hat, der die bösen Buben auch mitten in der Nacht per Hubschrauber verfolgt und selbst nach Tagen der vergeblichen Observation noch geradeaus gehen und messerscharf kombinieren kann. Hier wie da sind Profis am Werk. Getriebene, die außer ihrer Arbeit nichts kennen. Die wenigen Momente zwischenmenschlicher Vergnügen sind selten, und arten entsprechend oft genug in Konflikten aus. Diese Männer sind nicht dazu geboren Beziehungen zu führen, die auf Liebe und Zuneigung zu einem anderen, komplexen, Menschen basieren. Diese Männer führen Beziehungen innerhalb der sie umgebenden Gruppe: Das eigene Gangmitglied ist nach den vielen gemeinsamen Jahren im Knast längst zu einem Teil des eigenen Ich geworden, und die Männer der Polizeieinheit sind sowieso ein verschworenes Wir, das einen gemeinsamen Feind hat, und das auch tagelange gemeinsame Schichten durchführen kann, ohne dass die Nerven blank liegen. Man hat ja sich.
Die Ähnlichkeiten zu THE KILLER liegen auf der Hand: Auch Michael Fassbenders Figur hat sich selbst, und findet in der eigenen Person die Stärke und den Rückhalt, den Otto Normalverbraucher in der Beziehung zu einem anderen Menschen findet. Ich gegen 8 Milliarden andere heißt das Motto und das ist bei den Figuren Michael Manns, dem Gangster Neil McCauley und dem LAPD-Lieutenant Vincent Hanna nicht anders. Hanna präferiert im Zweifelsfall einen Fernseher gegenüber seiner dritten Ehefrau, McCauley führt lieber eine Rache aus als mit der Geliebten gen Karibik zu entfliehen, und Fassbenders namenloser Killer hat außer seinem Touristenhütchen sowieso nichts, das ihn noch irgendwie an die Welt der Normalos bindet. Szenarien, so richtig für Fans des Gangsterfilms gemacht.

Ausgestoßene auf allen Seiten also, die sich durch anonyme Straßen von anonymen Städten treiben lassen, immer mit dem Blick nach vorne und hinten gleichzeitig, sich absichernd, die Umgebung abschätzend, irgendwo könnte ja ein Cop ein Gangster ein Killer ein Störfaktor sein, immer mit einer Hand in der Nähe der Waffe, und immer in sich ruhend und doch gleichzeitig hochgradig nervös. Männer, deren Selbstvertrauen darauf basiert, dass sie immer alles richtig machen: Lt. Hanna hat schon viele ganz schwere Jungs festgenommen, auch die Fälle die sonst keiner hinbekommen hat. McCauley weiß, dass seine Pläne perfekt sind, und nur die menschliche Unsicherheit in den Griff bekommen werden muss, und Fassbender weiß ebenfalls dass er immer trifft und niemals Fehler macht. Gerade das strukturierte Vorgehen Fassbenders und McCauleys ist einander sehr ähnlich, und hat starke Übereinstimmung mit dem, was im modernen Geschäftsleben im Projektmanagement verlangt wird: Sehr weites Vorausschauen, einplanen aller Eventualitäten, Improvisationsfähigkeit, Selbstsicherheit, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sowie das Wissen, gegebenenfalls selber Hand anlegen zu können.

HEAT, um endlich zum Thema zu kommen, packt diese Fähigkeiten in betörend kalte Bilder, die das Leben der Protagonisten perfekt bebildern. Die Straßen sind austauschbar, die Wohnungseinrichtungen entweder kühl-elegant (Hanna) oder gleich gar nicht vorhanden (McCauley), die Seelenzustände sind den Bildern angeglichen. Inmitten einer Parallelwelt findet eine Jagd nach motivistischen Gegenständen statt (die einen jagen Geld, die anderen Gangster, und beides sind in diesem Augenblick völlig von der Realität losgelöste Begriffe), und diese uns fremde Welt schnappt nur dann nach der uns vertrauten Welt, wenn Not am Mann ist. Der Gangster, der auf der Flucht ein kleines Mädchen als Geisel nimmt. Die Geliebte, die sich als Klotz am Bein erweist. Oder als Rettung in der Not. Die Tochter, die mit durchtrennten Arterien in der Badewanne des Hotelzimmers liegt. Ausnahmezustände einer ansonsten gut strukturierten und wohlanständig gefächerten Welt. Wenn sich McCauley und Hanna zu einem Kaffee treffen und sich unterhalten, eine damals sensationelle Szene, brachte sie doch die beiden Ausnahmeschauspieler Al Pacino und Robert De Niro das erste Mal zusammen, dann erkennen die beiden schnell, dass sie in einem anderen Leben sicher hätten Freunde werden können. Dass sie sich sehr ähnlich sind in ihrer Getriebenheit, ihrer Ablehnung des bürgerlichen Lebens, aber auch in ihrer Professionalität. Ein leises, gerade nur angehaucht spürbares Lächeln durchzieht dieses Gespräch, und eine feine Wehmut weht durch die nüchternen Bilder. Was wäre wenn …

Das heißt, so nüchtern sind die Bilder oft gar nicht. Michael Mann zeigt ein Bild von Los Angeles, das oft genug aus kaum beleuchteten Straßen und düsteren Gebäuden besteht, das zwar aus vielen anderen Filmen über LA. bekannt ist, aber selten so stylisch in Szene gesetzt wird. Die Figuren sind immer wieder in den Hügeln über dem Häusermeer, genießen den Nachtwind und die umwerfende Aussicht über die riesige Lichterfläche, die Möglichkeit aus dem Gestank des Molochs Stadt einmal herauszukommen. McCauley hat sich sein leeres Haus am Meer gemietet, seine Freundin lebt irgendwo außerhalb in den Hügeln. Beide weit weg von der Gewalt und dem Dreck, während Hanna anscheinend zwar mitten in der Stadt lebt, aber in einem durchdesignten und wie eine Kulisse wirkenden Haus, passend zu der Kulisse die seine durchdesignte Ehe darstellt. Mit South Central, Watts und Echo Park hat diese Welt nicht mehr das geringste zu tun, es ist eine künstliche Welt, die das Alltags-L.A. bewusst ausschließt.

Abseits dieser starken Bebilderungen neigt Michael Mann dann des Öfteren leider zum Pathos, schwelgt die Musik gerne auch mal in pathetischem Kitsch, was der eigentlich geradlinig durchgezogenen Geschichte eine unangenehme Blockbuster-Mentalität an die Seite stellt, die sie eigentlich gar nicht benötigt. Ein Seitenblick zu David Fincher zeigt, dass gutes Thrillerkino auch ohne dieses Pathos funktioniert, aber Mann hat diesen Hang nun einmal, und als Zuschauer muss man damit umgehen können. DER LETZTE MOHIKANER, 3 Jahre früher entstanden, hat dieses Pathos ebenfalls, wobei es dort aber erheblich besser an die Geschichte angepasst ist und den Zuschauer geschickt emotionalisiert. Bei HEAT wollen großartige Gefühle und knüppelharte Gangster nicht in jedem Moment so recht zueinanderpassen.

Das ist aber das berühmte Gemecker auf sehr hohem Niveau und ändert nichts daran, dass HEAT Gangsterkino par Excellence ist. Wo der Zuschauer selbst bei einem fast dreistündigen Film nicht ein einziges Mal an den eigenen Alltag denkt, sondern vollständig gefangen genommen wird von den Protagonisten und ihren Aktionen. Ihren Gedanken. Und den Widersprüchen zwischen diesen beiden Polen. Auch wieder etwas, was uns zurückführt zu Finchers THE KILLER, der aus diesem Widerspruch einen guten Teil seiner Spannung zieht, und sie sogar zu einem Teil der Handlung macht. HEAT befriedigt die nach gutem Großstadt-Thrillerstoff hechelnden Synapsen so erstklassig wie Filme von Umberto Lenzi oder Takashi Miike (meistens jedenfalls, nicht immer). Oder wie von David Fincher. Und er befriedigt den Wunsch nach Style und nach Substance in gleichem hohen Maße. Großes Kino für Bauch und Kopf!
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Kill Zone SPL (Wilson Yip, 2005) 7/10

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Wong Po ist die ganz große Nummer in der Unterwelt von Hongkong. So groß, dass er aussagewillige Zeugen auf dem Weg zum Gericht einfach plattfahren lassen kann, ohne dass ihm etwas passiert. Inspektor Chung hat diesen schrecklichen Crash vor mehreren Jahren überlebt, und lebt seitdem dafür, Wong Po ans Messer zu liefern. Jetzt steht er einen Tag vor der Pensionierung, sein Nachfolger, Inspektor Ma, lernt gerade das Team kennen, und Wong Po ist immer noch auf freiem Fuß. Eine Nacht hat Chung noch Zeit, und diese Nacht will er nutzen. Zusammen mit seinen Leuten, die mit ihm durch dick und dünn gehen (was zu lesen ist als: Seine Leute sind jederzeit bereit, für ihn zu töten), muss Wong Po endlich erledigt werden. Aber wo wird Inspektor Ma stehen? Der einen Verdächtigen auch schon mal zum Krüppel schlägt, aber sonst eigentlich einen furchtbar normalen Eindruck macht. Nun ja, Inspektor Ma hat keine große Wahl: Entweder sind seine Leute für oder gegen ihn. Und dann rennt da auch noch ein weiß gekleideter Killer durch die Stadt, der Chungs Männer einen nach dem anderen absticht und in kleine Stücke schneidet. Sieht nach einer sehr langen und sehr blutigen Nacht aus …

Inspektor Ma wird von Donnie Yen gegeben, und damit sollte eigentlich alles klar sein: Der Mann gibt nicht so schnell auf, egal wie lang, hart und blutig die Kämpfe sind. Die Kampfkünste Yens sind natürlich atemberaubend, aber angenehmerweise ist der Film trotzdem nicht rund um seine Fights herumgestrickt worden. Die eigentliche Hauptfigur ist Simon Yam als Inspektor Chung, und damit steht das Menschliche vor dem kämpferischen Aspekt, ist Yam doch bekannt als erstklassiger dramatischer Darsteller.

Und mit diesen Voraussetzungen steht dem Vergnügen eigentlich nichts mehr im Weg. Yam sorgt für die eigentliche Geschichte und den Intellekt, Yen für die blauen Flecken, und damit kann sich eine Story entfalten, die zu Beginn zwar einige Male wild hin und her hüpft, aber irgendwann dann mal in die Spur kommt und ordentlich rockt. Im Eifer des Gefechts werden zwar immer wieder Handlungselemente angerissen und wieder fallengelassen (so sorgt etwa Chungs Hirntumor zu Beginn zwar für einen Schockmoment, wird danach aber nie wieder thematisiert), aber die Kernaussage wird eisenhart durchgezogen: Wong Po muss in den Knast, egal wie. Das klappt auch, aber durch die Fehler der Polizisten kommt er auch wieder raus und will jetzt ebenfalls aufräumen. Aus diesem Grund schickt er seinen Killer los, und das Showdown aus Yen und diesem Killer einerseits und Yen und Sammo Hung andererseits lässt kein Auge trocken. Der doppelte Magenschwinger zum Ende macht auch ordentlich was her, und zum Schluss herrscht zumindest auf dieser Seite des Bildschirms eitel Freude und Sonnenschein ob des gelungenen Actions-Abends. Auch wenn KILL ZONE SPL niemals an die Klassiker des HK-Kinos herankommen wird, und auch wenn das pathetische Dauergenudel auf der Musikspur schnell furchtbar nervt, so kann mit diesem Film doch eine Menge guter Laune garantiert werden.
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
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Maulwurf
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Beitrag von Maulwurf »

London kills me (Hanif Kureishi, 1991) 6/10

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In der zweiten Hälfte der 1980er-Jahr war die Wohnungssituation in London katastrophal. Ein 10 qm-Zimmer in einer WG für umgerechnet 200 Euro kalt war keine Seltenheit. Und das pro Woche!! Gleichzeitig standen im gesamten Großraum Unmengen von Wohnungen und Häusern leer, die mit Sperrholzplatten verkleideten Fenster und Türen gehörten zum Alltagsbild der Stadt in dieser Zeit. Nun, das Gesetz war damals, zumindest teilweise, auf der Seite der Wohnungs- und Hausbesetzer, und wenn man es richtig anstellte, konnte man sich für ein halbes Jahr eine oft genug geheizte Unterkunft ergattern.

So wie Clint Eastwood, Sylvie, Muffdiver und ihre Freunde in LONDON KILLS ME. Clint steigt in eine leerstehende Wohnung ein, und die ganze Clique hat plötzlich eine Etage in einem Haus, in dem ansonsten einen Stock tiefer nur noch der knuffige Dr. Bubba eine Selbsthilfegruppe leitet, die anscheinend den ganzen Tag im Kreis läuft, singt und dabei gymnastische Übungen durchführt. Aber gut, die Hauptfigur ist Clint, und der hat die Schnauze voll von diesem Leben, das zwischen besetzten Häusern, der Straße und kleinen Drogengeschäften geführt wird. Clint will mehr, Clint will einen Job. In einem Café, als Kellner. Der Besitzer würde ihn auch einstellen, aber nur, wenn Clint sich vernünftige Schuhe besorgt. Keine Schuhe, kein Job. Kein Job, keine Wohnung. Keine Wohnung, Scheiße. Also zieht Clint los, sich Schuhe besorgen. Gleichzeitig will sein bester Freund Muffdiver ein Geschäft mit dem Großdealer Mr. G an Land ziehen, wo natürlich auch Clint seinen Part zu beitragen soll. Die süße Sylvie braucht sowieso ständig Drogen, und überhaupt scheint es in ganz London keine vernünftigen Schuhe in Clints Größe mehr zu geben …

Ganz normale Typen in einer ganz normalen Umwelt im London der späten 80er und frühen 90er. Nicht die gestylten Edelidioten aus NOTTING HILL, sondern noch ein paar Meter die Portobello Road rauf, da wo kaum noch Touristen hinkommen und die Stände des Straßenmarktes mehr Geklautes anbieten als Gebrauchtes. Und wo man in jedem Geschäftseingang jedwedes Dope kaufen kann. Hier wird nicht mehr coole Musik gehört und hippe Klamotten gibt es auch nur am Rande, stattdessen hat es hier Drogen, abgeranzte Typen die sogar ihren besten Freund beklauen, und das Geld aus den kleinen Geschäften geht für ein warmes Mittagessen und ein Bier drauf.

Das klingt jetzt alles so bitterernst, ist es aber nicht! Clint hat ein supersüßes Lächeln und nimmt die Dinge meistens mit viel Humor, genauso wie Sylvie und Muffdiver. Der etwa will den großen Boss Mr. G vor dem Einfädeln des Deals erstmal in Stimmung bringen und führt ein paar Zauberkunststücke auf. Die schicken rot-weißen Cowboystiefel passen nicht an Clints große Füße? Dann wird die Spitze halt vorsichtig abgeschnitten, die Sohle bleibt dran, und die nackten Füße werden von einer Plastiktüte umhüllt, damit sie, wenn sie vorne rausschauen, nicht so frieren. Kleine, heitere Vignetten, fast wie im richtigen Leben. Aber es gibt natürlich auch die nicht so schönen Momente: Sylvie, die sich mit einer Rasierklinge ritzt. Clint, der das Zimmer seines Kumpels Burns an dämliche deutsche Touristen vermietet, natürlich ohne Burns Bescheid zu sagen, und dafür viel Ärger bekommt. Noch mehr Ärger bekommt er mit einem Dealer, dem er Geld schuldet, und der ihn übel zusammenschlagen lässt. Und irgendwann müssen alle natürlich auch wieder aus der besetzten Wohnung raus, und zwar von gleich auf jetzt.

Aber die Grundstimmung ist leicht und fluffig, auch wenn bei einem Ausflug aufs Land die Melancholie überhandnimmt. Dafür darf man dort den einzig wahren Elvis Presley bestaunen, und lernt ein wenig mehr über Clint und Muffdiver, die einem bis dahin schon einigermaßen ans Herz gewachsen sind. Aber kaum ist man zurück in London geht das lockere Leben wieder los, und es macht viel Spaß zuzuschauen, wie sich die ziemlich besten Freunde gegenseitig das Leben schwer machen, und am Schluss doch wieder alle miteinander lachen.

Für mich persönlich ist LONDON KILLS ME eine Reise in die eigene Vergangenheit, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Und um den Film gut finden zu können muss man wahrscheinlich eine gewisse Affinität zum damaligen London haben. Und zu den etwas(!) kaputten Typen, die die Straßen damals so bevölkerten …
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Maulwurf
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Beitrag von Maulwurf »

Sibirische Erziehung (Gabriele Salvatores, 2013) 6/10

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Wir müssen alle lebenden Kreaturen respektieren. Mit Ausnahme der Polizei, Leute die für die Regierung arbeiten, Bänker, Wucherer, und jeder der versucht die Macht des Geldes zu nutzen, um den einfachen Menschen zu schaden. Diesen Menschen etwas wegzunehmen ist erlaubt. Aber vergiss nicht: Wer zu viel will, ist verrückt. Ein Mann kann nicht mehr besitzen als sein Herz auch lieben kann.

Wahre Worte, und der dies sagt ist Großvater Kuzya, Oberhaupt eines Clans von sibirischen Kriminellen, die in der Sowjetunion in den Südwesten des Landes deportiert wurden, und dort nun stolz, kriminell und arm leben. Kuzyas Enkel ist Kolyma, und dessen bester Freund Gagarin ist im Hause Kuzya genauso gerne gesehen. Die Erziehung der Kinder läuft dabei nach den oben genannten sibirischen Regeln statt. Und so verfolgen wir Kolymas und Gagarins Weg im Ghetto, wir sehen wie sie erwachsen werden, sich mit anderen Clans wilde Messerstechereien liefern, wie Kolyma sich in die geistig zurückgebliebene Xenia verliebt, und wie die tiefe und innige Freundschaft zu Gagarin zerbricht. Und wir sehen Kolyma, wie er einige Jahre später im Kaukasus Terroristen bekämpft. Wie er als Soldat unterwegs ist, Menschen tötet und dabei die rechte Hand eines Terroristenführers jagt. Einen Mann namens Juri Lebedev, genannt Gagarin …

Die Grundlagen der sibirischen Erziehung sind dabei ganz einfach: Nimm das Geld vom Staat und lebe davon. Lebe einfach, aber in Würde. Verkauf Dich nicht an diejenigen die Deine Feinde sind. Töte wenn Du töten musst, und liebe diejenigen, die es verdienen geliebt zu werden. Einfache und starke Regeln von Menschen, die man nicht als Feinde haben möchte, die aber unersetzliche Freunde sein können. Kolyma lebt streng nach diesen Regeln, aber er kann sie auch brechen: Als Soldaten in das Haus stürmen bedroht er einen Offizier mit einer geladenen Waffe. Ein Regelbruch, denn es dürfen keine Waffen im Haus verwendet werden. Aber mutig ist diese Tat, weswegen Kolyma mit seinem eigenen Springmesser belohnt wird, das ihn für immer begleiten wird. Was sein Fetisch sein wird.

Wir begleiten also Kolyma, Gagarin und ihre kleine Clique auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Die Bilder sind eindrucksvoll und zeigen die Armut und den Stolz dieser Menschen in etwas romantisierter Wucht, aber gerade dadurch sehr stark. Dieses „auf dem Weg ins Erwachsenenleben begleiten“ ist aber tatsächlich nur ein Teil des Filmes, der weitaus größere Teil behandelt Kolymas Leben als junger Mann. Die Freundschaft zu Gagarin, die unvollendete Liebe zu Xenia, ein Gefängnisaufenthalt, das Entdecken seiner Fähigkeiten (ihm führt die Mutter Gottes die Hand, soll heißen, er kann hervorragend zeichnen und wird zum Tätowierer ausgebildet), und immer wieder die Regeln der sibirischen Erziehung. Kein reines Coming-of-Age also, und dann ist da ja auch noch die Geschichte um den Soldaten Kolyma, die mit hässlichen Bildern von hässlichen Kriegen nicht geizt. Alle drei Handlungsstränge sind ineinandergeflochten, und fast wähnt man sich ein wenig in einem Film wie Sergio Leones ES WAR EINMAL IN AMERIKA, wenn der Lebensweg eines Mannes non-linear und umfassend abgebildet wird.
Angenehmerweise sind die Zeitsprünge nicht verwirrend, der Zuschauer weiß immer, an welchem Punkt der Geschichte er sich befindet, aber trotzdem bemängle ich ein ganz klein wenig das Futter im Film. Auf eine merkwürdige Art fehlen die großen Konflikte – Kolyma lehnt sich niemals gegen seinen geliebten Großvater auf, rebelliert niemals gegen die vorgegebenen Regeln, und auch das Zerwürfnis mit Gagarin hat eigentlich einen viel zu kleinen Rahmen erhalten, wenn man mal überlegt was aus dieser zerbrochenen Freundschaft alles folgt. Trotz des ein oder anderen tragischen Moments scheint Regisseur Gabriele Salvatores mehr an einem Bild einer glücklichen Zeit zu liegen, an der Darstellung aufrechter Krimineller, die allemal redlicher dastehen als der Staat. Die Herausarbeitung innerer Probleme und deren (gewaltsamer) Lösung fehlt aber, was schade ist, da auf diese Weise doch die Möglichkeit entfällt, den Film mit der erforderlichen Wucht zu untermauern. Auch hier möchte ich ES WAR EINMAL IN AMERIKA als Gegenbeispiel anführen, der das allmähliche Zerwürfnis der Freunde erheblicher eleganter und glaubwürdiger, vor allem aber dramatischer zeigt. In SIBIRISCHE ERZIEHUNG aber gleitet der Zuschauer auf einem weitgehend ruhigen Fluss dahin, ab und zu hat es einen kleineren Höhepunkt, aber die ganz großen Erlebnisse, die fehlen irgendwie. Ich möchte den Film in meinem Filmtagebuch nicht missen, aber ein klein wenig mehr Schärfe im Ton und eine Betonung der dramatischen Erlebnisse hätten dem Film sicher gut getan.
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