Es liegt mir auf der Zunge - Kaspar Heidelbach (2009)

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Es liegt mir auf der Zunge - Kaspar Heidelbach (2009)

Beitrag von buxtebrawler »

Es liegt mir auf der Zunge.jpg
Es liegt mir auf der Zunge.jpg (41.63 KiB) 55 mal betrachtet

Originaltitel: Es liegt mir auf der Zunge

Herstellungsland: Deutschland / 2009

Regie: Kaspar Heidelbach

Darsteller(innen): Jan Josef Liefers, Anna Loos, Justus von Dohnányi, Mira Bartuschek, Catrin Striebeck, Gustav-Peter Wöhler, Victoria Trauttmansdorff, Anna Bertheau, Julie Engelbrecht, Walter Giller, Ina Holst, Vincent Klink, Holger Kunkel, Markus Lerch, Maritna Mank, Charlie Rinn, Alexander Simon u. A.
Anfang der 50er-Jahre: „Mein Potenzial liegt vollkommen brach“, ärgert sich Gelegenheitsschauspieler Clemens Carl Hahn (Jan Josef Liefers). Doch er hat eine geniale Idee: Er wird der erste Fernsehkoch Deutschlands! Dass er gar nicht kochen kann, ist dem Charmeur wurscht. Unter dem Künstlernamen Clemens Wilmenrod komponiert er bald zur besten Sendezeit so exotisch klingende Gerichte wie Toast Hawaii oder arabisches Reiterfleisch. Alles läuft bestens – bis er sich mit Vorwürfen wie Dilettantismus, Plagiarismus und Schleichwerbung konfrontiert sieht und die Ehe mit seiner Erika (Anna Loos) den Bach runtergeht…
Quelle: TV Spielfilm
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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buxtebrawler
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Re: Es liegt mir auf der Zunge - Kaspar Heidelbach (2009)

Beitrag von buxtebrawler »

„Mir ist daran gelegen, eine Bevölkerungsgruppe anzusprechen, die bisher noch viel zu wenig beachtet wurde...“

Regisseur Kaspar Heidelbach („Tatort: Quartett in Leipzig“) inszenierte die tragikomische Biographie „Es liegt mir auf der Zunge“ über den ersten deutschen Fernsehkoch Clemens Wilmenrod für die ARD, die den Film im Jahre 2009 erstausstrahlte.

„Schon mal was von Naturbegabung gehört?“

Anfang der 1950er-Jahre setzt sich der Gelegenheitsschauspieler Clemens Carl Hahn (Jan Josef Liefers, „Knockin' on Heaven's Door“) mit seiner Idee durch, eine Kochsendung für ein weibliches Publikum im deutschen Fernsehen zu etablieren. Die Rolle des Fernsehkochs bekleidet er unter seinem Künstlernamen Clemens Wilmenrod höchstpersönlich – obwohl er gar nicht kochen kann. Seine Ehefrau Erika (Anna Loos, „Anatomie“) assistiert ihm und kümmert sich um das Geschäftliche, während er vor der Kamera von Abenteuern in fernen Länder parliert, die er in Wirklichkeit nie besucht hat, und Gerichte wie arabisches Reiterfleisch oder Toast Hawaii präsentiert, die er von seinen Reisen mitgebracht haben will. Seine Sendung wird ein Erfolg, doch bald stellen sich Probleme ein…

„Die Basis ist die Grundlage eines jeden Fundaments.“

Nachdem Hahn spontan den Text einer seiner Kostümrollen geändert hat, verliert er seine Anstellung am Theater. Daraufhin reift seine Idee einer Kochsendung. Da er sich sehr elaboriert auszudrücken und entsprechend zu präsentieren versteht, scheint er als Fernsehkoch prädestiniert. Dass er gar nicht kochen kann: geschenkt, Fernsehen ist eben immer auch Illusion. „Es liegt mir auf der Zunge“ ist zunächst eine Komödie; wie der zur Selbstüberschätzung neigende, etwas selbstverliebte Hahn alias Wilmenrod Sender und Publikum an der Nase herumführt, ist köstlich, seine Gerichte, die ganz Deutschland nachkocht - das Toastmotiv zieht sich anfänglich durch den Film –, sind es weniger. Er geriert sich als vornehmer Fatzke, ist aber vor allem das, was er auch vor seiner TV-Karriere war: ein Schauspieler. Aber auch ein Geschichtenerzähler, dem man gern zuhört und der weiß, wie man sich und das, was man tut, verkauft.

Das weiß auch seine Frau, die an mehr Geld zu kommen versucht, indem sie Auftragsrezepte von der Lebensmittelindustrie annimmt bzw. ihr quasi Sendezeit verkauft. Und von dort aus ist es nicht weit bis zur handfesten Schleichwerbung, was natürlich nicht ewig gutgehen kann. Wilmenrod bringt sogar ein Buch heraus. Während er sich mit seiner Assistentin Hilde (Mira Bartuschek, „Crazy“) vergnügt und Toast Hawaii „komponiert“, stirbt sein Mutter. Ob das wirklich so war, sei dahingestellt; das erscheint mir doch arg dramaturgisch verdichtet – wie anderes auch. Er überwirft sich mit seinem norddeutschen Freund und Rezeptlieferant Willi Schmidtke (Justus von Dohnányi, „Hardcover“) und beginnt, sich in seiner Sendung um Kopf und Kragen zu reden.

Mit alldem ändert sich auch der Tonfall des Films, der nun zusehends tragischer wird. Wilmenrod entwickelt Magen- und Eheprobleme, sein alter Freund Schmidtke avanciert zu seinem direkten Konkurrenten und erhält sogar eine eigene Kochsendung, es kommt zu einer Generalabrechnung im „Spiegel“. Wilmenrods Leben endet tieftraurig. Dazu, ob er wirklich seine Frau betrog, positioniert sich der Film nicht eindeutig, wenn auch gegen Ende einiges dafürspricht. So bleiben also ein paar Fragen offen, während aber viele andere beantwortet werden und der Fokus auf ein Kuriosum der deutschen TV-Geschichte gerichtet wird. Liefers geht in seiner Rolle spielfreudig auf, spielt Wilmenrod als lausbübisch-sympathischen Geschichtenerzähler und hat mit Loos die ideale Partnerin an seiner Seite. Regisseur Heidelbach integriert authentisches Archivmaterial aus Wochenschauen und ähnlichen Formaten zu zeitgenössischen Ereignissen in seinen Film, Interieur und Ambiente lassen die deutschen 1950er aufleben.

„Es liegt mir auf der Zunge“ ist ein sehr gelungener Fernsehfilm übers Fernsehen, ein Wink mit dem Zaunpfahl gen Haute Cuisine und ähnlichem Gewese, das einfache Speisen wortgewandt zu kulinarischen Besonderheiten hochjazzt, ein Film über die Sehnsucht einer Nachkriegs-TV-Nation nach solch großen Geschichten und Gerichten, zudem ein respektvolles Porträt eines Mannes, der eine ganze Nation mit seinem Charme um den Finger winkelte – und nicht zuletzt ein Film, der erklärt, warum auf Hawaii nie jemand je vom „Toast Hawaii“ gehört hätte.

Bewertung: 7,5 von 10 Cocktailkirschen
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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