Der Umleger - Charles B. Pierce (1976)

Moderator: jogiwan

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sergio petroni
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Der Umleger - Charles B. Pierce (1976)

Beitrag von sergio petroni »

DER UMLEGER

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Originaltitel: The Town That Dreaded Sundown

Alternativtitel: Charles B. Pierce's The Town That Dreaded Sundown: A True Story, Phantom-Killer

Herstellungsland-/jahr: USA 1976

Regie: Charles B. Pierce

Darsteller: Ben Johnson, Andrew Prine, Dawn Wells, Jimmy Clem, Jim Citty, Charles B. Pierce,
Robert Aquino, Cindy Butler, Christine Ellsworth, Earl E. Smith, Steve Lyons, Joe Catalanotto, ...

Story: In dem kleinen Städtchen Texarkana geht im Frühjahr 1946 ein geheimnisvoller Killer mit einem Mehlsack über dem Kopf um, der vorzugsweise Frauen angreift und dann brutal erschießt oder mit Stichwaffen ermordet. Die Police Officers Morales (Ben Johnson) und Ramsey (Andrew Prine) setzen alles daran, den Unbekannten zu fassen, bevor weitere Morde geschehen...
(quelle: ofdb.de)
DrDjangoMD hat geschrieben:„Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach – es wankt der Grund auf dem wir bauten.“
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Arkadin
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Re: Der Umleger - Charles B. Pierce (1976)

Beitrag von Arkadin »

Was für ein grandioser Titel! Unter dem Film habe ich mir immer was anderes vorgestellt. So einen kleinen dreckigen Film. Körnig und 4:3. Tatsächlich ist der sehr elegant und in Scope gedreht worden. Auch die Rekonstruktion des Jahres 1946 ist gut gelungen. Ben Johnson und Andrew Pine harmonieren super als Ermittler-Gespann. Die Terrorszenen sind natürlich der Höhepunkt des Filmes und hochgradig effektiv. Da knabberte ich schon auf den Fingernägeln. Da sind viele 80er Slasher regelrecht lahm gegen. Was mich allerdings sehr gestört hat, sind die völlig unpassenden und unnötigen Comedy-Einschübe für die vor allem Regisseur Charles B. Pierce selber in der größeren Rolle des chaotisch-dümmlichen Patrolman A.C. Benson zuständig ist. Passend mit lustiger Musik. Das haut einen dann ähnlich aus der grimmigen Geschichte, wie die "Dick&Doof"-Gesetzeshüter in "Last House on the Left". Insgesamt ein ein toller, ziemlich beunruhigender Film, der mich noch lange beschäftigt hat. Jetzt freue ich mich tatsächlich schon auf die 2015er Variante "Warte bis es dunkel wird" - von der ich immer noch nicht weiß, ob das jetzt eine Remake oder eine Fortsetzung ist. auf dem Bluray-Cover steht nämlich beides.
Früher war mehr Lametta
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buxtebrawler
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Re: Der Umleger - Charles B. Pierce (1976)

Beitrag von buxtebrawler »

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Der Umleger

„Wir wissen nur eins, Chef: dass wir es in diesem Fall mit einem ausgesprochen abartigen Menschen zu tun haben!“

US-Regisseur Charles B. Pierces („The Legend of Boggy Creek“) „Der Umleger“ aus dem Jahre 1976 ist eine Mischung aus Proto-Slasher und True Crime, der die Texarkana Moonlight Murders aufgreift, die sich im Jahre 1946 in und um das texanische Städtchen Texarkana an der Grenze zu Arkansas ereignet haben.

Texarkana wird von einem unbekannten Serienmörder (Bud Davis, „Hollywood Man“), der einen Mehlsack über dem Kopf zu tragen pflegt, unsicher gemacht. Er sucht sich vornehmlich weibliche Opfer und ermordet diese mit Stich- und Schusswaffen brutal. Die Polizisten Morales (Ben Johnson, „Mörderbienen greifen an“) und Ramsey (Andrew Prine, „Grizzly“) legen sich auf die Lauer, tappen jedoch im Dunkeln…

Ein Voice-over-Sprecher im Dokumentarfilmduktus führt durch den Film und zunächst in die Situation kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Texarkana ein, um anschließend zu den schrecklichen Ereignissen, die wir zu sehen bekommen werden und deren Authentizität er betont, überzuleiten. Die ersten Morde finden unmittelbar im Prolog statt; wechselt die Kamera zur Täterperspektive, hört man übertrieben laute Atemgeräusche und Gekeuche sowie eindringliches Gekreische eines der Opfer. Inszeniert wurde dieser Einstieg bereits wie in einem Slasher. Sammy Fuller [sic!] (Mike Hackworth), das erste Opfer, überlebt. Der Erzähler stellt nun ein Pärchen vor, das Opfer eines Doppelmords wurde, von dem wiederum lediglich das Ergebnis gezeigt wird. Polizist Ramsey war dem Täter dicht auf den Fersen, erwischte ihn aber nicht.

Der Off-Sprecher mutet zunehmend wie eine Mischung aus Geschichtenerzähler und „Aktenzeichen XY… ungelöst“ an, macht genau Datumsangaben, die auch eingeblendet werden und den dokumentarischen Anspruch unterstreichen, muss sich jedoch fragen lassen, wie es um die Authentizität bestellt ist, wenn die Polizisten als Frauen verkleidet als Lockvögel in Erscheinung treten, Regisseur Pierce persönlich als Comic Relief die beklemmende Atmosphäre ad absurdum führt oder der Killer für einen ultrabizarren, beim Zusehen fast unfreiwillig komischen Mord ein Messer an einer Posaune anbringt, um beim, äh, „Spielen“ des Instruments ein Opfer zu erstechen. Wie kann letzteres überhaupt überliefert sein, wenn beide Opfer tot sind?

Später klassisch gewordene Genre-Versatzstücke sind hingegen die Hilfe von außerhalb – Captain Morales kommt als hochdekorierter Texas Ranger und soll’s richten –, ein stattfindender Highschool-Ball und ein zum Knutschen rausfahrendes Pärchen. Die sich daraus ergebende Phantomkiller-Action (die in den Posaunenmessermord mündet) ist gekonnt auf Dramatik und Spannung hin ausgerichtet inszeniert – und die Polizei kommt nicht besonders gut weg. Dokumentarisch wird’s wieder, wenn der Erzähler vom Medienrummel berichtet, den die Ereignisse hervorriefen. Ein Psychologe wird hinzugezogen und ein geständiger Täter geschnappt, der’s aber gar nicht war. Der Eindruck von Konfusion, Hilflosigkeit und blankliegenden Nerven wird adäquat vermittelt. Dass der Kopfsackträger ein paar Monate später ein Ehepaar in dessen Haus erschießt, setzt inszenatorisch zunächst auf Schockwirkung und entwickelt sich dann zu einem spannenden Überlebenskampf.

Der Sprecher erläutert weitere gesellschaftliche Auswirkungen, bevor der mit Zeitlupen arbeitende Showdown eingeleitet wird und der Epilog erläutert, was aus den Figuren, die man durch den Film kennengelernt hat, in der Realität wurde. Jener Showdown ist, so heißt es, ist von Ramsey-Darsteller Andrew Prine kurzerhand ausgedacht und ans Drehbuch angehängt worden. Nein, mit der Authentizität kann es nicht übermäßig weit her sein, vielmehr mutet „Der Umleger“ wie eine nicht immer ganz ausgegorene Mischung aus reißerischer True-Crime-Doku und Exploitation an – die aber offensichtlich wichtige Pionierarbeit fürs sich zwei Jahre später gründende Stalk’n’Slash-Subgenre leistete.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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