Beatrix - Milena Czernovsky/Lilith Kraxner (2021)

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Salvatore Baccaro
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Beatrix - Milena Czernovsky/Lilith Kraxner (2021)

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Originaltitel: Beatrix

Produktionsland: Österreich 2021

Regie: Milena Czernovsky / Lilith Kraxner

Cast: Eva Sommer, Marthe de Crouy-Chanel, Katharina Farnleitner


Abt.: Dem Gras beim Wachsen zuschauen

Eine der unverhofftesten Offenbarungen des diesjährigen Braunschweiger Filmfestivals stellte für mich eine kleine, bescheidene österreichische Produktion dar, die schlicht BEATRIX heißt und von dem Regisseurinnen-Duo Milena Czernovsky/Lilith Kraxner auf 16mm gedreht wurde.

Die Titelheldin befindet sich in einem geräumigen Häuschen, das offenbar nicht das ihrige ist. Wem es eigentlich gehört, was die junge Frau dort verloren hat, was der Zweck ihrer Isolation in ungewohnter Umgebung sein mag, erfahren wir während der eineinhalb Stunden Laufzeit genauso wenig, wie dass uns irgendwelche Hintergründe zur Figur Beatrix selbst geliefert werden würden. Hat sie einer Freundin versprochen, in deren Abwesenheit ihr Haus zu hüten? Kann sie sich keine eigene Bleibe leisten und ist deshalb provisorisch irgendwo untergekommen, wo derzeit alle ausgeflogen sind? Hat sie sich in dem Häuschen eingemietet, um ganz gezielt eine Auszeit von ihrem Alltag zu nehmen, in selbstgewählter Isolation? Soll Beatrix' Herauszug aus jedweder Produktivität ein politisches Statement sein, ein ausgestreckter Mittelfinger gegen ein System, das klar jene Zeitfenster, in denen Leerlauf herrscht, denen unterordnet, in der wir unser täglich Brot verdienen? Alles mögliche Szenarien, und keins wird wirklich verworfen, keins wirklich bestätigt. Stattdessen wohnen wir nahezu die gesamte Filmlänge bei, wie Beatrix ihren Alltag in dem leerstehenden Gebäude gestaltet: Sie gießt die Gartenpflanzen; sie wäscht Salat; sie putzt sich die Zähne; sie schaut sich Dokumentationen über Hyänen im TV an; sie bezieht das Bett neu – alles Dinge, die wir tagtäglich in unseren eigenen Leben tun, die wir aber, um Siegfried Kracauer zu zitieren, möglicherweise noch nie derart vor Augen geführt bekommen haben, wie Czernovsky und Kraxner es in ihrem gemeinschaftlichen Regie-Debüt tun: Vor der Leinwand sitzend und damit quasi der Option entbunden, den Blick einfach abzuwenden, sind wir gezwungen, uns auf all diese an sich banalen Handgriffe, Verrichtungen, Ereignisse mit Haut und Haar einzulassen – und dies führt, wenn man erst einmal aufgehört hat, darauf zu warten, dass noch irgendeine dramaturgisch ausgefeilte Handlung ihren Lauf nimmt, dazu, dass wir, um erneut Siegfried Kracauer zu zitieren, das Zähneputzen, das Salatwaschen, das Rasensprenkeln plötzlich wahrnehmen, als hätten wir es nie zuvor vor Augen geführt bekommen, in anderen Worten: Als epochale Erlebnisse, heftiger als sämtliche Schwauwerte der Monumentalfilmgeschichte zusammenaddiert.

Verkörpert wird Beatrix von der Performancekünstlerin Eva Sommer. Wie diese im Q&A nach der Projektion berichtete, wusste sie oft gar nicht, inwieweit und ob überhaupt sie sich im Fokus der Analogkamera befindet. BEATRIX parzelliert den Körper seiner Heldin: Mal rollt sie auf einem Gymnastikball hin und her, immer hauchscharf außerhalb des Frames; immer wieder sehen wir ihren lediglich mit Shorts bekleideten Hintern, so oft und so beiläufig, dass der Gedanke, es könne sexuelle Zurschaustellung sein, im Keim erstickt wird; Kamerafahrten gibt es sowieso keine, die Bildkompositionen sind streng und wirken, wie das Schauspiel, wie die einzelnen Stationen von Beatrix‘ Alltag, auf angenehme Weise improvisiert: So, als würden wir tatsächlich an einem Schlüsselloch kleben und als unsichtbare Voyeure einem Menschen beim Alleinsein zugucken.

Beatrix‘ Zeit mit sich selbst ist dabei nicht ohne Emotionen, nur dass diese meist eben knapp unterhalb der Oberfläche brodeln: In der Klimax des Films schneidet sie sich relativ unvermittelt die Haare ab; zuweilen wirkt es, als langweile sie sich zu Tode, zappt unbeteiligt durch die Fernsehsender, daddelt auf ihrem Handy herum, scheint fast froh, dass der Staubsauger kurzzeitig seinen Geist aufgibt, und sie ihn aufschrauben muss, um nach dem Rechten zu schauen, denn das ist wenigstens ein bisschen Abwechslung im monotonen Trott; dann wieder macht Beatrix den Eindruck, als würde sie mit der unglaublich langsam verrinnenden Zeit regelrecht verschmelzen, sich mit Haut und Haaren auf sie einlassen, dann, wenn sie gefühlt in Zeitlupe auf der Veranda herumliegend eine Traube nach der andern isst, oder wenn sie präzise Butter und Marmelade auf einer Toastbrotscheibe verteilt, als ginge es darum, mit akribischen Pinselstrichen eine Leinwand in ein Gemälde zu verwandeln. Die schauspielerische Leistung Eva Sommers kann bei alldem gar nicht genug gelobt werden: Expressiv ist dieses nach gängigen Kriterien sicher nicht, und doch versteht es Sommer, in subtiler Stetigkeit ihren kompletten Körper zum Einsatz zu bringen, Mimik, Gestik, lethargische Starre.

Wenn man mal von einer Katze absieht, der Beatrix regelmäßig einen (viel zu vollen) Napf mit Futter hinstellt und die zwischendurch mal in ihren Armen döst, erhält sie im Verlauf des Films lediglich dreimal Besuch von draußen: Einmal ist eine Familie gekommen, um sich das Haus zu besehen. Vielleicht steht dieses zum Verkauf. Vielleicht ist es Beatrix‘ Aufgabe, es nicht nur zu hüten, sondern auch potenziellen Nachmietern feilzubieten. Im besten Bresson-Stil filmen Czernovsky und Kraxner die Hausbesichtigung und vor allem das anschließende Kaffeekränzchen, zu dem Beatrix einen selbstgemachten Kuchen auftischt, fast ausnahmslos über Detailaufnahmen von Körperteilen. Die Köpfe der Gäste sehen wir selten einmal, dafür beispielweise die Hände einer alten Dame, die sichtlich entsetzt darüber sind, dass Beatrix ihren Kuchen nicht in kleine Scheiben, sondern in regelrechte Blöcke zerteilt hat, und die dementsprechend jeden Versuch abwehren, ein Stück probieren zu müssen – und in solchen Momenten ist BEATRIX unglaublich witzig, ohne dass es den Anschein machen würde, die Regisseurinnen hätten es bewusst darauf angelegt, mich zum Lachen zu bringen. Möglicherweise hat man zu dem Zeitpunkt auch einfach lange genug Zeit mit der anfangs unnahbaren, dann immer liebenswerter werdenden Beatrix verbracht, um problemlos über ihr manchmal eigenwilliges Verhalten schmunzeln zu können, als würde man der eigenen Tochter bei einem sympathischen Fauxpas zuschauen.

Früher im Film, und das ist montagetechnisch eine ziemlich umwerfende Vignette, besucht Beatrix eine alte Freundin zusammen mit ihrem Partner. Schnell wird klar: Zwischen den Frauen herrscht eine enorme Intimität. Sie sind wirklich enge Freundinnen, vielleicht gar mehr? Auch der Lebensgefährte wittert dies, versucht, seine bessere Hälfte noch am Abend von Wein und Beatrix wegzuziehen: Wir müssen weiter! Aber sie bleiben dann doch, und zu einer Version von Ben E. Kings „Stand by Me“ tanzen sich Beatrix und ihre Freundin die Seele aus dem Leib, danach steigen sie zusammen nackt in die Wanne – und am nächsten Morgen reist die Freundin doch ab: Ein Kuss auf die Stirn, und Beatrix bleibt mit bedröppeltem Gesicht am Frühstückstisch sitzen. Das sind insgesamt vier, fünf Einstellungen, die zusammengenommen viel mehr sind als die Summe ihrer bloßen Einzelteile, die zwischen den Zeilen einen kompletten Roman erzählen, und die, einmal mehr, wundersam montiert und kadriert sind: Allein die Szene, in der Beatrix und ihre Freundin zu dem erwähnten ohrenbetäubenden Pop offenkundig auf einer Matratze herumhüpfen, und die Kamera so positioniert ist, dass sie lediglich die obere Hälfte ihrer Köpfe einfängt, wenn sie sich beim Springen der Zimmerdecke nähern.

Später im Film, und das ist dann das grandiose Ende eines grandiosen Films, sitzt plötzlich eine andere Frau bei Beatrix auf der Terrasse. Es werden Pfannkuchen gemacht. In Großaufnahmen beobachten wir zusammen mit den beiden Frauen, wie sie in der Pfanne brutzeln. Dann kommt die Nacht. Nebeneinander liegen Beatrix und ihre Besucherin in der Finsternis, beide wach, beide zum Himmel hinauf starrend. Beatrix wendet sich nach links, schaut zu ihrem Gast. Schnitt. Abspann. Haben wir dem Beginn einer Liebesgeschichte beigewohnt? Während der Endcredits läuft eine Instrumentalversion von „Stand by Me“.
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