Als Hansi vom Krampus träumte - Karl Pichler (1984)

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Salvatore Baccaro
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Als Hansi vom Krampus träumte - Karl Pichler (1984)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Originaltitel: Als Hansi vom Krampus träumte

Produktionsland: Österreich 1984

Regie: Karl Pichler

Cast: Andi Egger, Adi Grugger, Lisi Schock, Robert Fanninger, Rudolf Egger


Jedes Jahr Anfang Dezember erwacht in mir eine akute Krampus-Obsession – und umso erfreuter bin ich, dass ich nun endlich auch jenseits einschlägiger US-amerikanischer Horrorstreifen einen genuin alpenländischen Film aufgestöbert habe, der sich dem langzungigen, bocksbeinigen, teufelsgehörnten Begleiter des Heiligen Nikolaus widmet, bei dessen Auftreten allen unartigen Kindern das Lachen im Hals steckenbleibt…

Bei ALS HANSI VOM KRAMPUS TRÄUMTE handelt es sich um einen knapp zwanzigminütigen Amateur-Super8-Film, der im Jahre 1984 in Bad Garstein südlich von Salzburg gedreht worden ist. Regie führte ein gewisser Karl Pichler, die Gesamtleitung hatte ein Sepp Schock (!) inne, und für Kamera und Vertonung ist jemand namens Gerhard Ofner zuständig gewesen. Ob einer dieser drei Herren jenseits seiner Betätigung im örtlichen Filmclub noch anderweitig mit der Kinematographie verbandelt (gewesen) ist, weiß ich nicht zu sagen. ALS HANSI VOM KRAMPUS TRÄUMTE wirkt jedenfalls nicht wie ein Film, der außerhalb eines kleinen Kreises aus Freunden und Bekannten breit rezipiert wurde, - was ihm freilich seinen ganz eigenen Charme verleiht.

Der kleine Hansi wohnt mit seinem gleichaltrigen Bruder und der (alleinerziehenden?) Mutter inmitten einer ruralen Gebirgslandschaft. Es ist Winter, der Schnee liegt meterhoch, und die beiden Buben scheinen hauptsächlich mit Schneeballschlachten beschäftigt – sehr zum Unmut der Frau Mama, die es gar nicht gerne sieht, wenn ihre Jungs sich ständig raufen. Der Abend kommt, und die Brüder müssen ins Bett, wo Hansi dann vom titelgebenden Alptraum heimgesucht wird: Der Heilige Nikolaus verschafft sich Zutritt zu einem Kuhstall und rekrutiert den dortig mit der Bettfeinmachung seiner Rinder beschäftigten Bauer kurzerhand, damit dieser für zwei Tage seinen Assistenten spielt; nachdem dem "Körblträger" wider Willen per Zaubermacht ein Bart gewachsen ist und sich ein Stecken in seiner Hand materialisiert hat, zieht der Nikolaus mit ihm weiter ins Gebirge hinauf, wo die Krampusse geweckt werden sollen: Die scharren tatsächlich bereits mit den Hufen und können es kaum erwarten, auf den Lockruf des Nikolaus aus ihrem Sommerschlaf hochzuschrecken, um sodann wie von Sinnen durch den Schnee zu tollen, sich miteinander zu keilen, schließlich voller freudiger Aussicht darauf, ein paar böse Buben und Mädels verschlingen oder zumindest malträtieren zu dürfen, schellenklingelnd und heiser grunzend hinter dem Nikolaus her ins Tal hüpfen. Hansi wiederum gefällt es natürlich gar nicht, dass ihm alsbald der Geruch erhitzter Krampusfelle durchs Fenster ins Kinderzimmer weht, und auch der Heilige Nikolaus macht ihm keine große Hoffnung, dass er dieses Jahr vor einer Begegnung mit den Schreckgestalten verschont bleiben würde, denn, erklärt ihm der Bischof, von der Mama sei ihm gesteckt worden, dass Hansi viel zu oft mit seinem Brüderchen streite. Just in diesem brenzligen Moment reißt es Hansi aus seinem Traum, der Junge kreischt schweißgebadet nach der Mutter, die sogleich in sein Zimmer kommt und ihn beruhigt: Keine Sorge, so bald kommen die Kramperl doch nicht! – worauf Hansi sichtlich erleichtert über seine Galgenfrist zurück in die Kissen sinkt…

Wichtiger als die skizzenhafte Story scheint es den Verantwortlichen dieses wunderbaren kleinen Films gewesen zu sein, die Folklore ihrer Heimatregion in stellenweise wirklich bezaubernde Bilder zu kleiden: Auch gerade wegen der DIY-Super8-Ästhetik und dem (im positiven Sinne) grobschlächtigen filmischen Handwerk, das sich in einer manchmal etwas unbeholfenen, zuweilen etwas holprigen Montage niederschlägt, entfaltet ALS HANSI VOM KRAMPUS TRÄUMTE einen erfrischend kruden Liebreiz. Da springt eine Gruppe von vier Krampussen wie adoleszente Rehböcke durchs Winterparadies; da verwandelt ein Laiendarsteller im blauen Nikolauskostüm inklusive Bischofsmütze und glitzerndem Stock einen arglosen Landwirt per primitivem Stop-Motion-Trick in seinen (zeitlich limitierten) Knecht Ruprecht; da ergötzt sich die Handkamera auch einfach mal für mehrere aufeinanderfolgende Einstellungen an der Schönheit der Alpenlandschaft irgendwo zwischen spukhaftem Grusel und erhabenem Pathos. Skurril macht diesen sicherlich auch aus ethnographischer Hinsicht hochinteressanten Film sein Sounddesign: Zwar greifen die Macher auch auf atonale Collagen aus Krampus-Glockengeläut zurück, doch gerade in den spektakulären Szenen (wie vor allem dem sensationellen „Erwachen der Krampusse“) bedienen sich Pichler, Ofner und Schock (sicher ohne Tantiemen bezahlt zu haben) beim Score von Spielbergs E.T. – wobei es ganz besondere Effekte erzielt, wenn John Williams' überschwänglicher Orchestersoundtrack mit dem erwähnten Glocken- und Schellenlärm sowie Bildern kombiniert wird, bei denen die Krampusse wie wildgeworden durchs Winterweiß toben.

Obwohl ALS HANIS VOM KRAMPUS TRÄUMTE narrativ denkbar geradlinig voranschreitet, ist es doch ein intelligenter Kniff, den Pichler, Ofner und Schock anwenden, wenn sie die semi-dokumentarischen Krampus-Aufnahmen als Traum eines kleinen Jungen konturieren. Ganz bewusst scheint der Film nämlich eine kindlich-naive Sicht auf das übersinnliche Vorweihnachtstreiben werfen zu wollen: Zu großen Teilen entspringen die phantastischen Bildwelten des Films der prä-pubertären Imagination und sind damit dezidiert Teil einer Perspektive auf die Welt, die noch unbelastet ist von Vernunft und Verstand. Einhergeht damit, dass die erträumten Krampusse für Klein-Hansi realer Bestandteil seiner Alltagswirklichkeit sind, aber auch für alle Zuschauer, die den Kinderschuhen bereits entwachsen sind und nicht mehr an Christkind, Nikolaus und Krampus glauben (können), ein nostalgischer Blick zurück in eine Zeit darstellen, als sich bei Rauhnächten noch die Hölle öffnete und in jeder Wohnstube ein Hausgeist schlief: Wenn die Mutti Hansi schließlich tröstet und ihm (zumindest partiell) seinen Glauben ans Überweltliche zu nehmen versucht, wirkt es beinahe wie ein regulativer Eingriff der Aufklärung, der die wild wuchernden Schattenbilder der Romantik beiseite zu scheuchen versucht - und auf welcher Seite die Sympathien des Films liegen, dürfte angesichts des regelrechten audiovisuellen Zelebrierens des Alpenmythos klar sein.

Krampusse im Gegenlicht, die sich schattenhaft vor der Winterkulisse aufrichten; Krampusse, die ihre Hörner ineinander verzahnen, als hielten sie sich für balzkämpferisches Rotwild; Krampussen, die dem Nikolaus hinterher über Berge voller Schnee zu Hansis Wohnhaus tänzeln – hach, das sind wirklich Bilder, die erst in einen schmucken Holzrahmen, und dann mitten in mein Herz gehören…

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jogiwan
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Re: Als Hansi vom Krampus träumte - Karl Pichler (1984)

Beitrag von jogiwan »

super, was du so zu dem Thema ausgräbst! :thup:
it´s fun to stay at the YMCA!!!



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