Wie haltbar ist Videokunst? Beiträge zur Konservierung und Restaurierung audiovisueller Kunstwerke

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buxtebrawler
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Wie haltbar ist Videokunst? Beiträge zur Konservierung und Restaurierung audiovisueller Kunstwerke

Beitrag von buxtebrawler »

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Wie haltbar ist Videokunst? / How durable is Video Art?
Beiträge zur Konservierung und Restaurierung audiovisueller Kunstwerke

Dieses 116-seitige broschierte Buch auf hochwertigem, festem Papier habe ich vor einiger Zeit aus einer „Zu verschenken“-Kiste am Straßenrand gefischt. Da ich selbst VHS-Bänder aufbewahre, hatte es mein Interesse geweckt. Herausgegeben wurde der sämtliche Inhalte in einer deutschen und einer englischen Fassung enthaltende, dadurch zweispaltig gestaltete Sammelband vom Kunstmuseum Wolfsburg im Jahre 1997. Anlass war das dessen Videosymposium am 25. November 1995. Aufgeteilt in neun Kapitel plus zwei Vorworte und ein paar Begleitinformationen wird der Begriff „audiovisuelle Kunstwerke“ dahingehend verengt, dass es vornehmlich um Videoinstallationen in Ausstellungen geht, weniger um z.B. fiktionale Spielfilme und Serien auf Videobändern. Anlass des Symposiums war die Ausstellung „High-Tech-Allergy“ des Künstlers Paik; abgedruckt sind die Vorträge verschiedener Referentinnen und Referenten jener Tagung sowie ein Interview mit Paik.

Das Vorwort verdeutlicht, worum es vorrangig geht:
„Die Zersetzung von Magnetbändern in Archiven, der Ausfall von Abspielgeräten, Mangel an Ersatzteilen, eine aufwendige Wartung sowie die rasante Weiterentwicklung der Bildverarbeitung verlangen vom Restaurator eine intensive Beschäftigung mit dieser erst dreißig Jahre alten Kunstform und ihrer Technik.“ (S. 7)

Nach einem Abschnitt über die grundlegenden technischen Unterschiede zwischen analogen und digitalen Speichermedien (damals vor allem die CD) sensibilisiert das zweite Kapitel für die Vielfalt an Videoformaten und deren Flüchtigkeit bei unsachgemäßer Handhabung, also die Empfindlichkeit der Magnetbandtechnologie. Fortan geht es, unterbrochen von einem recht aufschlussreichen Kapitel zum Thema Restaurierung, verstärkt um Videoinstallationen, die i.d.R. aus auf Video gespeichertem Filmmaterial und dazugehöriger Hardware bestehen. Daraus ergeben sich Fragen, inwieweit Einzelteile austauschbar sind, wenn z.B. zur Installation gehörende Röhrenmonitore ausfallen und ein absolut gleiches Ersatzmodell nicht mehr verfügbar ist. Das Fazit lautet sinngemäß: Das müsse mit der jeweiligen Künstlerin bzw. dem jeweiligen Künstler besprochen werde. Diese sind meist entspannt und reagieren mit „Nimm halt etwas Ähnliches, passt schon.“ Zugleich wird dadurch aber auch ein Plädoyer dafür ausgesprochen, vermeintlich veraltete Technik nicht zu verschrotten, sondern aufzubewahren und zu pflegen.

Besonders schön ist Axel Wirths‘ Kommentar zu Restaurierung, den sich das eine oder andere Heimkino-Label zu Herzen nehmen sollte:
„Diese Grundrestaurierung muß selbstverständlich die durch die damalige Technik bedingten Eigenschaften wie Grundrauschen, Dropouts etc. bewahren. Ein Band von 1972 darf nach der Restaurierung nicht aussehen wie eine Fernsehproduktion der 90er Jahre.“ (S. 64)
Wirths ist auch, der bereits damals eine Mischung aus Streaming-Angeboten, Pay- und Free-TV prognostizierte, wie wir sie heute als selbstverständlich empfinden.

Eher rechtlich und damit etwas trocken wird es bei Julia Meusers Kapitel zu Urheberrecht und Werkintegrität. Stilistisch ganz furchtbar ist Hans Ulrichs Recks Kapitel „Authentizität in der Bildenden Kunst“, aus dem ich exemplarisch folgenden Absatz zitiere:
„Die authentische Auslegung ist eine vom Verfasser/Urheber selbst getroffene Erklärung. Gerade die Erzählung der Kunstgeschichte ist dem Individuum als Instanz der Absicht, des Apriori jeder Intentionalität verpflichtet. Sie läßt ihrem Gegenstand – die Genesis der neuzeitlichen Kultur – aus dem Individuum hervorgehen. Daran wird eine Doppelung sichtbar: Diskurs der Geschichte als Setzung des Ich. Meta-Diskurs der Kunsthistorie als Genesis der Genesis dieses Ichs, das, mit der Kraft der Abstraktionen ausgestattet, in die Sphäre einer ästhetischen Geschichte verlegt wird.“ (S. 85)
Hiernach habe ich dieses Kapitel abgebrochen, denn es sollten noch 16 (!) weitere Seiten geschwurbelter Bleiwüste folgen.

Ein Interview mit Videokünstler Nam June Paik rundet den Band ab, der – von Reck einmal abgesehen – interessante Einblicke in das museale Interesse damals moderner Kunst bietet, für die Bedeutung älterer Technik sensibilisiert und Tipps zu Lagerung und Konservierung gibt. Eingeschlichen haben sich jedoch recht viele Zeichensetzungsfehler. Sonstige Rechtschreibfehler unterscheiden sich je nach Kapitel (und somit nach Referent(in)). Bildmaterial in Form sehr kleiner Fotos von Installationen und mitunter gar grauschraffierten Skizzen und Diagrammen ist meist nur schwer zu erkennen, hier wäre mehr Mut zu größeren Abbildungen und an die Publikationsform angepassten Grafiken wünschenswert gewesen. Insgesamt macht das Buch einen semiprofessionellen Eindruck.

Dem aktuellen Stand der Technik entsprechen die Inhalte natürlich nicht mehr, denn zumindest das relativ einfach mögliche Digitalisieren von VHS-Aufzeichnungen dank beschreibbarer DVDs und die Archivierungsmöglichkeiten dank erschwinglicher großer Festplatten und SSDs wurden damals noch nicht vorausgesehen. Und so manche Videokassette auf Qualitätsband, das nicht in zig verschiedenen Billigrekordern zu Tode genudelt wurde, hat sich bis in die Gegenwart dann glücklicherweise doch auch als robuster erwiesen als einst befürchtet.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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