Wunder von Mailand - Vittorio De Sica (1951)

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Moderator: jogiwan

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buxtebrawler
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Wunder von Mailand - Vittorio De Sica (1951)

Beitrag von buxtebrawler »

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Originaltitel: Miracolo a Milano

Herstellungsland: Italien / 1951

Regie: Vittorio De Sica

Darsteller: Emma Gramatica, Francesco Golisano, Paolo Stoppa, Guglielmo Barnabò, Brunella Bovo, Anna Carena, Alba Arnova, Flora Cambi, Virgilio Riento, Erminio Spalla, Arturo Bragaglia, Riccardo Bertazzolo u. A.
Toto ist ein Findelkind aus einfachen Verhältnissen. In einem Mailänder Elendsviertel begegnet er Arbeitslosen und Benachteiligten aller Art. Plötzlich wird Erdöl auf dem Gelände ihrer Barackensiedlung gefunden. Und es gibt sofort einen Interessenten für diesen 'Schatz', der diesen aber natürlich nicht mit den armen Leuten teilen will. Aber Toto, der Junge der fähig ist 'Wunder' zu vollbringen, steht den Leuten bei...
Quelle: www.ofdb.de

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buxtebrawler
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Re: Wunder von Mailand - Vittorio De Sica (1951)

Beitrag von buxtebrawler »

„Das Leben ist schön! - La la la la!“

Der Name Vittorio De Sica ist eng mit dem italienischen Neorealismus verknüpft. Mit „Fahrraddiebe“ steuerte er 1948 einen der beliebtesten Beiträge bei, um diese Gattung mit seinem postneorealistischen Märchen „Wunder von Mailand“ drei Jahre später ein Stück weit hinter sich zu lassen. Nichtsdestotrotz arbeitete er zu großen Teilen weiter mit seinem bewährten Stab zusammen, u.a. mit Drehbuchautor Cesare Zavattini, der „Wunder von Mailand“ bereits 1940 verfasst und später zu einem Roman umgearbeitet hatte.

„Was sind das für Leute?“ – „Arme.“

Die alte Lolotta (Emma Gramatica, „Hochwürden Don Camillo“) findet einen kleinen Jungen im Kohlfeld und tauft ihn auf den Namen Totò. Als sie schließlich stirbt, kommt Totò, den sie bis dahin mit viel Liebe aufgezogen hatte, in ein Waisenhaus. Als Volljähriger (Francesco Golisano, „Unter der Sonne Roms“) verlässt er es und stürzt sich mit zunächst auf seine Mitmenschen befremdlich wirkendem Optimismus und naiver Lebensfreude in den Alltag des Nachkriegs-Mailands und versucht, stets eine helfende Hand zu sein. In den Slums am Stadtrand hilft er, eine Obdachlosensiedlung zu errichten. Auf das Landstück hat es jedoch der Kapitalist Mobbi (Guglielmo Barnabò, „Dick und Doof erben eine Insel“) abgesehen. Der Grund: Unter dem Land wurde Erdöl entdeckt. Doch zusammen mit seiner Freundin Hedwig (Brunella Bovo, „Nackt jeden Abend“) und den magischen Kräften, die ihm von seiner verstorbenen Ziehmutter zuteilwerden, wehrt sich Totò gegen Mobbi und dessen Schergen…

De Sica skizziert grob Totòs Entwicklung als Kind und präsentiert bald einen unfassbar hilfsbereiten Jugendlichen und guten Menschen. Im verarmten, sich im Wiederaufbau befindenden Nachkriegs-Italien grüßt er auch alle Unbekannten mit überbordender Freundlichkeit, spricht fremde Kinder an, denen er Aufgaben aus dem kleinen Einmaleins stellt, und malt Rechenaufgaben auf Schilder. In seiner naiven Fröhlichkeit und positiven Lebenseinstellung bewahrt er sogar einen Bekannten vor dem Selbstmord. Als die Kapitalisten mit schwarzen Hüten und Pelzkrägen kommen und sich das Viertel unter den Nagel reißen, halten die einfachen Leute, die sich nicht einfach so fortjagen wollen, zusammen und intonieren voller Hoffnung Arbeiterlieder. Als Herr Mobbi Besitzansprüche erhebt, wollen sich die Bewohner wehren, Totò vermittelt gewaltfrei. Man besucht Herrn Mobbi und singt ihm ein Lied vor, womit man ihn umgestimmt zu haben glaubt. Dies stellt sich jedoch als Trugschluss heraus, Mobbi lässt den Platz räumen. Die Situation scheint aussichtlos, da der Kapitalist mithilfe der Staatsmacht gegen die Aufständischen vorgeht.

Dies ist der Punkt, an dem das eigentliche phantastische Element Einzug in den Film hält. Nachdem Totò die Zaubertaube überantwortet wurde, kann er den Qualm der Rauchgranaten wegpusten und Regenschirme gegen die Wasserattacken der Polizei herbeizaubern. Als die Staatsmacht zu schießen beginnt, lässt Totò Kraft seiner Magie die zur Attacke blasende Polizei singen – und wird daraufhin gefeiert. Schon bald jedoch wähnen sich die Bewohner in einem Wunschkonzert, wollen alles Mögliche von Totò haben, der ja alles herbeizuzaubern zu können scheint, und werden gierig – einem Herrn Mobbi nicht unähnlich. Ständig wird er um Millionen angebettelt. Schließlich werden doch noch alle verhaftet. Seine Hedwig bringt ihm seine Taube, die Engel verabschieden sich und inmitten eines Scharmützels mit der Polizei fliegt Totò zusammen mit Hedwig auf einem Besen davon. Nach und nach tun es ihm alle gleich und singen ihr Arbeiterlied.

Diese Parabel auf gesellschaftliche Kräfte, Klassen und Entwicklungen wurde als kindgerechter Familienfilm angelegt, was eine heillose, eindimensionale Überzeichnungen Totòs als warmherzigen Naivling und himmlischen Heilsbringer zur Folge hat. Dabei entstammen viele Themen und Motive der Welt der Erwachsenenpolitik: Zerstörung und Verelendung durch den Zweiten Weltkrieg, das Scheitern des Kommunismus sowohl am erbitterten Widerstand der Kapitalisten in Kooperation mit der für sie statt fürs Volk arbeitenden Polizei als auch am menschlichen Wesen: Als Mobbi seine Messer wetzte, standen die Vertriebenen regungslos da und taten keine Mucks – fast als warteten sie auf einen neuen Führer. Und nachdem sie Zeugen von Totòs besonderen Kräften wurden, wollten sie sich in egoistischer Weise an ihnen bereichern.

All das wird nicht subtil, sondern mit dem dicken Pinsel gezeichnet. „Wunder von Mailand“ sollte verstanden werden, von Kindern genauso wie von Erwachsenen. Und das ist in seiner Schwarzweiß-Fotografie schön anzusehen, in seinen Kulissen, mit seinen Schauspielern und Charakterdarstellern – und mit seinen Spezialeffekten wie dem zum ikonischen Bild gewordenen Besenritt. De Sica und seinen Autoren gelingt das Kunststück, das Gefühl von Hoffnungslosigkeit, vom Unvermögen, grundlegende gesellschaftliche und politische Veränderungen herbeizuführen, zu vermitteln und zugleich mit einem märchenhaften Happy End zu schließen, das Kinder sicherlich zu begeistern vermochte, sein erwachsenes Publikum aber mit einem alles anderen als positiven Gefühl zurückgelassen haben dürfte. Überzeichnung und Kitsch als Bestandteile dieses Films allerdings zerren auch an den Nerven, die gezeigte Naivität ist auch für einen Familienfilm zu unglaubwürdig, um nicht anstrengend zu wirken.

P.S.: Interessanterweise machte sich bereits dieser Film in einer humoristischen Szene über einen Stotterer lustig, wie es später zum Standard italienischer Komödien werden sollte.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Re: Wunder von Mailand - Vittorio De Sica (1951)

Beitrag von buxtebrawler »

Erscheint voraussichtlich am 11.10.2019 bei Pidax auf Blu-ray:

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Extras:
- Timeless Cinema - Eine Dokumentation über Vittorio de Sica
- Cesare Zavattini - Eine Dokumentation über den Drehbuchautor des Films
- Gespräche über de Sica
- Kinotrailer

Quelle: https://ssl.ofdb.de/view.php?page=fassu ... &vid=97569
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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sid.vicious
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Re: Wunder von Mailand - Vittorio De Sica (1951)

Beitrag von sid.vicious »

Das ist ein sehr schöner Film, den ich vor Ewigkeiten erstmals bei meinen Großeltern im TV schauen durfte.
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