ESCALATION - Roberto Faenza (1968)

Klamauk, Satire & jede Menge Gags

Moderator: jogiwan

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McBrewer
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ESCALATION - Roberto Faenza (1968)

Beitrag von McBrewer »

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Originaltitel: Escalation
Herstellungsland: Italien
Erscheinungsjahr: 1968
Regie: Roberto Faenza
Darsteller: Lino Capolicchio, Claudine Auger, Gabriele Ferzetti, Didi Perego, Leopoldo Trieste, Paola Corinti, Dada Gallotti, Jacqueline Perrier
Luca, der exzentrische Sohn eines italienischen Großindustriellen, möchte allen Annehmlichkeiten zum Trotz lieber ein freies Hippie-Leben führen, als die Fabrik seines Vaters zu übernehmen. Mit allen Mitteln versucht er dem öden Schreibtisch-Schicksal zu entrinnen. Doch auch Lucas Vater ist mit allen Wassern gewaschen. Er engagiert die bildschöne Psychologin Carla Maria, die Luca mit Hilfe der Wissenschaft auf den rechten Weg führen soll. Dies scheint ihr zunächst auch zu gelingen, wenn auch weniger mit den Waffen der Wissenschaft als mit denen einer Frau. Als sie es zu weit treibt und Luca die eiskalte Manipulation erkennt, wendet sich das Spiel…Quelle: Forgotten Film Entertainment
https://www.ofdb.de/film/146871,Escalation
https://www.imdb.com/title/tt0062938/
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McBrewer
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Re: ESCALATION - Roberto Faenza (1968)

Beitrag von McBrewer »

escalation.jpg
escalation.jpg (107.43 KiB) 685 mal betrachtet
Bei diesem Werk von Roberto Faenza dachte ich eigentlich, das sich hier schon mehrere Beiträge & Diskussionen sammeln würden.
Bei mir hatte der Film ja einige Startschwierigkeiten, was aber nicht daran lag, das ich nicht mit dem Film zurecht kam, eher technischer Natur.
Aber nachdem nun ein neuer BluRay Player im Hause ist & dieser tadellos läuft, konnte ESCALATION noch einmal in Gänze genießen.
Und der Film ist schon ein farbenprächiges (die BluRay von Forgotten Film bietet da ein tolles Bild!) , eigenwilliges Werk. Hauptdarsteller Lino Capolicchio als Luca schrammt schon nahe am Overacting bzw darüber hinaus, das es weh tut.
Dafür ist Bond-Girl Claudine Auger eine wirklich hinreißende & aufreizende, manipulative Femme-Fatale. Und so schwankte ich bei dem Gesehenen zwischen Verzückung & Klamauk, bis mir dann zum Ende hin das Lächeln im Hals stecken blieb...
► Text zeigen
...da muß ich dann als Resümee gestehen, das der Film mir doch mehr zu als ab sagte & ich dann darüber mehr und mehr nachdachte.
Aber auch der vielleicht von einigen als anstrengend empfundene Morricone Score konnte ich etwas abgewinnen



Definitiv ein Film, der nicht jedermann/fraus Sache ist, aber mit einem hohen Wiedererkennungswert und Diskussionspotential, also bitte: haut in die Tasten :opa:
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CamperVan.Helsing
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Re: ESCALATION - Roberto Faenza (1968)

Beitrag von CamperVan.Helsing »

"Escalation" und "Gangster sterben zweimal" habe ich Anfang letzten Jahres direkt bei Konni von FFE bestellt, aber obwohl gewiss nicht nur etwas fürs Auge(r) ist, noch nicht geschaut. :oops:
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Arkadin
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Re: ESCALATION - Roberto Faenza (1968)

Beitrag von Arkadin »

Luca Lambertinghi (Lino Capolicchio) genießt das Leben als Hippie im Swinging London in vollen Zügen. Bis eines Tages sein Vater Augusto (Gabriele Ferzetti), ein italienischer Industrieller, auftaucht und ihn zur Mitarbeit im Familien-Betrieb zwingt. Obwohl Luca darauf keine Lust hat, folgt er seinem Vater zurück nach Italien. Da Luca immer wieder – erfolglos – versucht, sich aus der auferlegten Verantwortung zu stehlen, heuert der Papa die wunderschöne Psychologin Carla Maria (Claudine Auger) an. Diese soll aus seinem Sohn einen fleißigen firmenerben machen. „umdrehen“ soll. Tatsächlich gelingt es der eiskalten Carla Maria Luca zu „bekehren“, und Luca verliebt sich in sie. Bald schon wird geheiratet. Doch Clara Maria verfolgt ihre ganz eigenen Pläne und hält den ihr gänzlich verfallenen Luca an der ganz kurzen Leine…

Es ist der große Verdienst des Labels Forgotten Film Entertainment, dass es seinen Namen ernst nimmt. Satt den leichten Weg zu gehen und sattsam bekannte Titel zu veröffentlichen, hat Forgotten Films tief in der Geschichte des europäischen Films gegraben und „Escalation“ hervorgezaubert. Einen Film, von dem selbst ich als Italo-Afficado lediglich das markante Poster mit der hübsch bemalten Claudine Auger kannte. Noch nicht einmal der schöne Soundtrack von Ennio Morricone war mir bisher untergekommen. Dabei bringt der Film alle Voraussetzungen mit, um nicht nur einer kleinen Zirkel cinephilen Italo-Liebhabern, sondern einem weitaus größerem Publikum bekannt zu sein. Er schwelgt in Pop-Art Kulissen wie „Das 10. Opfer“ oder „Danger: Diabolik“, bringt die wütende, gesellschaftskritische Kino eines Carlo Lizzani mit, hat mit Claudine Auger eine faszinierend-schöne Hauptdarstellerin, und erinnert in seiner teilweisen surrealen Groteske an geliebte Klassiker wie „Femina Ridens“ oder „Die Falle“. Hinter jeder Ecke scheint auch Elio Petri zu lauern, in dessen Oeuvre „Escalation“ sehr gut gepasst hätte. Bezeichnenderweise war „Escalation“-Produzent auch für Petris „Zwei Särge auf Bestellung“, aber auch den oben erwähnten „Femina Ridens“ verantwortlich. Trotzdem scheint „Escalation“ heute tatsächlich vergessen.

Vielleicht liegt es ja wirklich daran, dass sich der Film gegen jegliche Einordnung sperrt. Er beginnt als locker-flockige Hippie-Komödie aus dem Swinging London, um bald schon dunklere Töne anzuschlagen, dann in eine böse Satire umzuschlagen und am Ende tatsächlich zu einer galligen Krimigeschichte zu werden. Auch wenn sich dies alles auf dem Papier ausgesprochen inhomogen liest, so folgt der Film dabei doch einer bestechenden Logik und bitteren Konsequenz. Je mehr sich der Film von seinem heiter-sorglosen Ton entfernt, umso artifizieller und kälter werden die Bilder. Und auch die Figur des Luca Lambertinghi verändert sich immer mehr. Vom lustigen Hippie zum Hanswurst, der von seiner dominanten Frau an der kurzen Leine geführt und manipuliert wird bis er schließlich zum kühl kalkulierenden Mörder wird. Diese Verwandlung findet auch äußerlich statt. Die lockigen Haare und bunten Klamotten werden bald schon gegen Pomade, gepflegten Schnäuzer und Anzüge eingetauscht. Wirken diese an Luca zunächst noch wie eine Verkleidung, wächst er immer mehr in sie hinein bis man am Ende glaubt, er hätte nie etwas anderes getragen.

Sein Inneres ändert sich dabei aber kaum. Ob Hippie, Ehemann oder Konzernerbe – getrieben wird er immer von einer unglaublichen Bequemlichkeit. Seine ganzes Hippietum nebst Indien-Träumerei ist nur eine Maske, hinter der es sich gut und bequem leben lässt. Für irgendwelche Ideale zu kämpfen käme Luca nie in den Sinn. Als sein Vater ihn aus seiner London-Idylle herausreißt, um das Firmenerbe anzutreten, folgt Luca zwar murrend, aber ohne wirkliche Gegenwehr. Statt „Nein“ zu sagen, denkt er sich kuriose Mätzchen aus, damit sein Vater ihn rauswirft. Lediglich, wenn er aus einer Irrenanstalt ausbüchst, wendet er so etwas wie Energie auf, bevor er sich von einer skurrilen Detektiv-Bande wieder zurück in die Heimat schleppen lässt. Von seiner Ehefrau lässt er sich dann später in Aussicht auf guten, leidenschaftlichen Sex wie ein Tanzbär an der Nase herumführen, ohne dass sich dieses Versprechen wirklich erfüllt. Liegen sie im Ehebett nebeneinander, tragen sie hautenge Overalls, die nicht umsonst an Kondome oder aseptische Schutzkleidung erinnert.

Ist die Figur des Luca Lambertinghi eine Kritik an den bourgeoisen Hippies, die von den Idealen diese Kultur keine Ahnung haben, und einfach mal mitmachen, aber ohne irgendwelche Konsequenzen zu tragen? Die im Herzen noch immer spießig und kleinbürgerlich sind, es aber toll finden, in der ach so hippen, freien Szenen herumzuspazieren und so zu tun, als wenn sie dazugehören? Diese tristen Büroangestellten, die einmal im Jahr ihre grauen Anzüge gegen geschmacklose Hemden und bunte Perücken tauschen, um so schrecklich lustig, verrückt und „alternativ“ zu sein, um am nächsten Tag wieder an ihre penibel aufgeräumten Schreibtischen zurück zu kriechen. Leute die am Wochenende Punk sind und in der Woche das FDP-Parteibuch im der Tasche tragen. Ist Luca am Anfang nicht genau derselbe, wie am Ende? Ein auf seinen eigenen Vorteil bedachter, kaltschnäuziger, bürgerlicher und weiterhin verdammt bequemer Typ, dem es einfacher erscheint, sich anzupassen anstatt zu rebellieren?

Dies ist eine Leseweise des Films. Aber er behält sich auch die Möglichkeit offen, dass Luca Lambertinghi einfach ein naiver, gutgläubiger Typ ist, der von den manipulativen Kräften des Kapitalismus und der Gier langsam, aber sicher korrumpiert wird. So, dass er am Ende seine Unschuld verloren hat, sein Herz erkaltet und seine Seele verkümmert. Zwar hat er sich noch immer ein kleines Stückchen Anarchie bewahrt, doch dies tief in seinem Inneren begraben. Wie bei so manchem 68er, der später in die Wirtschaft oder die Politik gegangen ist, blieb von der anfänglichen Leichtigkeit und Lebensfreude, den guten Vorsätzen und hehren Idealen nicht viel übrig, wenn diese erst einmal durch die Schleifmühle der leistungsorientierten und gierigen, kapitalistischen Gesellschaft gegangen ist. Sieht man sich heute im Bundestag oder den Firmenzentralen um, sieht man viele Luca Lambertinghis. Die grandiose Begräbniszeremonie, mit der „Escalation“ beschließt, trägt auch das Jahr 1968 zu Grabe. Getötet vom Menschen selber, der schwach, bequem und habsüchtig ist.

All dies gelingt es Regisseur und Drehbuchautor Roberto Faenza vorzüglich, in seinem Film zu verpacken. Dabei wird er bei seinem Regiedebüt nicht nur von exzellenten Schauspielern, wie den großartigen Gabriele Ferzetti unterstützt, sondern auch von einem absolut fabelhaften Design, an dem sich das Auge des Betrachters förmlich festsaugt. Ebenso wie an der überirdisch schönen Claudine Auger, die selbst als Bond-Girl Domino in „Feuerball“ nicht solch eine sinnesbetörende Ausstrahlung besaß. Da versteht man gut, dass der Hauptfigur Luca Lambertinghi das Gehirn in die Hose rutscht und er sich von ihr an der Nase herumführen lässt. Denn die Gute stellt einen weiteren Aspekt des Kapitalismus da. Während Ferzetti als Vater und Firmeninhaber die Dekadenz und altmodische verkörpert, ist Claudine Auger der kühle, emotionslos berechnende Intrigant, der durch geschickte Schachzüge und ohne Rücksicht auf andere seine Macht und sein Geld vergrößert. Die verführerische Attraktivität des Bösen. Faenza style.
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CamperVan.Helsing
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Re: ESCALATION - Roberto Faenza (1968)

Beitrag von CamperVan.Helsing »

Arkadin hat geschrieben: So 9. Jan 2022, 22:48 Luca Lambertinghi (Lino Capolicchio) genießt das Leben als Hippie im Swinging London in vollen Zügen. Bis eines Tages sein Vater Augusto (Gabriele Ferzetti), ein italienischer Industrieller, auftaucht und ihn zur Mitarbeit im Familien-Betrieb zwingt. Obwohl Luca darauf keine Lust hat, folgt er seinem Vater zurück nach Italien. Da Luca immer wieder – erfolglos – versucht, sich aus der auferlegten Verantwortung zu stehlen, heuert der Papa die wunderschöne Psychologin Carla Maria (Claudine Auger) an. Diese soll aus seinem Sohn einen fleißigen firmenerben machen. „umdrehen“ soll. Tatsächlich gelingt es der eiskalten Carla Maria Luca zu „bekehren“, und Luca verliebt sich in sie. Bald schon wird geheiratet. Doch Clara Maria verfolgt ihre ganz eigenen Pläne und hält den ihr gänzlich verfallenen Luca an der ganz kurzen Leine…

Es ist der große Verdienst des Labels Forgotten Film Entertainment, dass es seinen Namen ernst nimmt. Satt den leichten Weg zu gehen und sattsam bekannte Titel zu veröffentlichen, hat Forgotten Films tief in der Geschichte des europäischen Films gegraben und „Escalation“ hervorgezaubert. Einen Film, von dem selbst ich als Italo-Afficado lediglich das markante Poster mit der hübsch bemalten Claudine Auger kannte. Noch nicht einmal der schöne Soundtrack von Ennio Morricone war mir bisher untergekommen. Dabei bringt der Film alle Voraussetzungen mit, um nicht nur einer kleinen Zirkel cinephilen Italo-Liebhabern, sondern einem weitaus größerem Publikum bekannt zu sein. Er schwelgt in Pop-Art Kulissen wie „Das 10. Opfer“ oder „Danger: Diabolik“, bringt die wütende, gesellschaftskritische Kino eines Carlo Lizzani mit, hat mit Claudine Auger eine faszinierend-schöne Hauptdarstellerin, und erinnert in seiner teilweisen surrealen Groteske an geliebte Klassiker wie „Femina Ridens“ oder „Die Falle“. Hinter jeder Ecke scheint auch Elio Petri zu lauern, in dessen Oeuvre „Escalation“ sehr gut gepasst hätte. Bezeichnenderweise war „Escalation“-Produzent auch für Petris „Zwei Särge auf Bestellung“, aber auch den oben erwähnten „Femina Ridens“ verantwortlich. Trotzdem scheint „Escalation“ heute tatsächlich vergessen.

Vielleicht liegt es ja wirklich daran, dass sich der Film gegen jegliche Einordnung sperrt. Er beginnt als locker-flockige Hippie-Komödie aus dem Swinging London, um bald schon dunklere Töne anzuschlagen, dann in eine böse Satire umzuschlagen und am Ende tatsächlich zu einer galligen Krimigeschichte zu werden. Auch wenn sich dies alles auf dem Papier ausgesprochen inhomogen liest, so folgt der Film dabei doch einer bestechenden Logik und bitteren Konsequenz. Je mehr sich der Film von seinem heiter-sorglosen Ton entfernt, umso artifizieller und kälter werden die Bilder. Und auch die Figur des Luca Lambertinghi verändert sich immer mehr. Vom lustigen Hippie zum Hanswurst, der von seiner dominanten Frau an der kurzen Leine geführt und manipuliert wird bis er schließlich zum kühl kalkulierenden Mörder wird. Diese Verwandlung findet auch äußerlich statt. Die lockigen Haare und bunten Klamotten werden bald schon gegen Pomade, gepflegten Schnäuzer und Anzüge eingetauscht. Wirken diese an Luca zunächst noch wie eine Verkleidung, wächst er immer mehr in sie hinein bis man am Ende glaubt, er hätte nie etwas anderes getragen.

Sein Inneres ändert sich dabei aber kaum. Ob Hippie, Ehemann oder Konzernerbe – getrieben wird er immer von einer unglaublichen Bequemlichkeit. Seine ganzes Hippietum nebst Indien-Träumerei ist nur eine Maske, hinter der es sich gut und bequem leben lässt. Für irgendwelche Ideale zu kämpfen käme Luca nie in den Sinn. Als sein Vater ihn aus seiner London-Idylle herausreißt, um das Firmenerbe anzutreten, folgt Luca zwar murrend, aber ohne wirkliche Gegenwehr. Statt „Nein“ zu sagen, denkt er sich kuriose Mätzchen aus, damit sein Vater ihn rauswirft. Lediglich, wenn er aus einer Irrenanstalt ausbüchst, wendet er so etwas wie Energie auf, bevor er sich von einer skurrilen Detektiv-Bande wieder zurück in die Heimat schleppen lässt. Von seiner Ehefrau lässt er sich dann später in Aussicht auf guten, leidenschaftlichen Sex wie ein Tanzbär an der Nase herumführen, ohne dass sich dieses Versprechen wirklich erfüllt. Liegen sie im Ehebett nebeneinander, tragen sie hautenge Overalls, die nicht umsonst an Kondome oder aseptische Schutzkleidung erinnert.

Ist die Figur des Luca Lambertinghi eine Kritik an den bourgeoisen Hippies, die von den Idealen diese Kultur keine Ahnung haben, und einfach mal mitmachen, aber ohne irgendwelche Konsequenzen zu tragen? Die im Herzen noch immer spießig und kleinbürgerlich sind, es aber toll finden, in der ach so hippen, freien Szenen herumzuspazieren und so zu tun, als wenn sie dazugehören? Diese tristen Büroangestellten, die einmal im Jahr ihre grauen Anzüge gegen geschmacklose Hemden und bunte Perücken tauschen, um so schrecklich lustig, verrückt und „alternativ“ zu sein, um am nächsten Tag wieder an ihre penibel aufgeräumten Schreibtischen zurück zu kriechen. Leute die am Wochenende Punk sind und in der Woche das FDP-Parteibuch im der Tasche tragen. Ist Luca am Anfang nicht genau derselbe, wie am Ende? Ein auf seinen eigenen Vorteil bedachter, kaltschnäuziger, bürgerlicher und weiterhin verdammt bequemer Typ, dem es einfacher erscheint, sich anzupassen anstatt zu rebellieren?

Dies ist eine Leseweise des Films. Aber er behält sich auch die Möglichkeit offen, dass Luca Lambertinghi einfach ein naiver, gutgläubiger Typ ist, der von den manipulativen Kräften des Kapitalismus und der Gier langsam, aber sicher korrumpiert wird. So, dass er am Ende seine Unschuld verloren hat, sein Herz erkaltet und seine Seele verkümmert. Zwar hat er sich noch immer ein kleines Stückchen Anarchie bewahrt, doch dies tief in seinem Inneren begraben. Wie bei so manchem 68er, der später in die Wirtschaft oder die Politik gegangen ist, blieb von der anfänglichen Leichtigkeit und Lebensfreude, den guten Vorsätzen und hehren Idealen nicht viel übrig, wenn diese erst einmal durch die Schleifmühle der leistungsorientierten und gierigen, kapitalistischen Gesellschaft gegangen ist. Sieht man sich heute im Bundestag oder den Firmenzentralen um, sieht man viele Luca Lambertinghis. Die grandiose Begräbniszeremonie, mit der „Escalation“ beschließt, trägt auch das Jahr 1968 zu Grabe. Getötet vom Menschen selber, der schwach, bequem und habsüchtig ist.

All dies gelingt es Regisseur und Drehbuchautor Roberto Faenza vorzüglich, in seinem Film zu verpacken. Dabei wird er bei seinem Regiedebüt nicht nur von exzellenten Schauspielern, wie den großartigen Gabriele Ferzetti unterstützt, sondern auch von einem absolut fabelhaften Design, an dem sich das Auge des Betrachters förmlich festsaugt. Ebenso wie an der überirdisch schönen Claudine Auger, die selbst als Bond-Girl Domino in „Feuerball“ nicht solch eine sinnesbetörende Ausstrahlung besaß. Da versteht man gut, dass der Hauptfigur Luca Lambertinghi das Gehirn in die Hose rutscht und er sich von ihr an der Nase herumführen lässt. Denn die Gute stellt einen weiteren Aspekt des Kapitalismus da. Während Ferzetti als Vater und Firmeninhaber die Dekadenz und altmodische verkörpert, ist Claudine Auger der kühle, emotionslos berechnende Intrigant, der durch geschickte Schachzüge und ohne Rücksicht auf andere seine Macht und sein Geld vergrößert. Die verführerische Attraktivität des Bösen. Faenza style.
Ich stimme Arkadin zu, dass FFE ein gewaltiges Lob dafür gebührt, einen weithin unbekannten Film wieder zugänglich gemacht zu haben. Und so sehr mich auch das PopUp-Ambiente und knallige Farben angesprochen haben, insgesamt ist mir der Film dann doch zu grotesk gestaltet, als dass ich ihn wirklich mögen würde.

Speaking of "Hanswurst", als solchen empfand ich Luca bereits als Hippie in London. Die Lennon-Brille will nicht zu ihm passen, sein Hippietum wirkt aufgesetzt, und mir persönlich ist die Indien-Begeisterung immer suspekt erschienen. Natürlich habe auch ich mich gefragt, warum er seinem Vater nach Italien folgt, anstatt in London zu bleiben, und darauf keine wirkliche Antwort gefunden. Vielleicht wurde dem Zuschauer ja auch eine wichtige Information vorenthalten, nämlich wovon Luca sein Hippie-Leben in Londra bestreitet. Die Vermutung, dass er vom Vermögen der Familie zehrt, scheint mir zumindest sehr naheliegend.

Für welches Ideal sollte Luca also kämpfen? Es liegt doch schon im Begriff des Ideals, dass dieser Zustand in der Realität nicht erreichbar sein kann. Wer also clever ist, lässt andere sich für scheinbar ideale Ideen sich abstramnpeln, und legt selber erst mal gemütlich die Füße hoch. Näher wird man einem Idealzustand eh nicht kommen...

Vielleicht sollte man sich eher die Frage stellen, warum Lambertinghi sen. eigentlich so versessen darauf ist, seinen Sohn unbedingt in den Familienbetrieb zu bringen? Lucas Schwester scheint auch nur dem dolce vita zu frönen, ohne dass Paps daran Anstoß nehmen würde? Zugegeben, selbst im Revolutionsjahr 1968 wäre allein die Idee von "Lambertinghi & Tochter" wohl zu revolutionär gewesen. Aber man könnte ja auch einen familienfremden Geschäftsführer einstellen. Geht es nicht letztlich vielleicht darum, dass Lucas Existenz überhaupt nur dem Zweck dient, ihn als Nutznießer des väterlichen Einsatzes vorzuschieben, sofern auch der Vater möglicherweise bereits genötigt wurde, im Familienbetrieb zu arbeiten? In dem Fall müsste der Vater sich ja schlimmstenfalls eingestehen, dass er seine Energie völlig sinnfrei für den Ausbau der Firma vergeudet hat. Es sei denn, es gibt einen Nachfolger, dem ebenfalls erstmal der eigene Wille gebrochen werden muss...

Ach ja, was mir auch noch durch den Kopf ging: Von Lucas Mutter findet sich keine Spur im Film. Da es in Italien 1968 auch noch keine Ehescheidung gab, legt die Vermutung nahe, dass Lambertenghi sen. verwitwet ist. Vielleicht ist Luca ja auch hier in Papis Fußstapfen getreten... :shock: :pfeif:


Uff! Jetzt ergehe ich mich in puren Spekulationen, obwohl mir der Film gar nicht zugesagt hat. Wären da mehr Titten zu sehen gewesen, wäre DAS nicht passiert! :opa: :wink:
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buxtebrawler
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Re: ESCALATION - Roberto Faenza (1968)

Beitrag von buxtebrawler »

„Eure schreckliche Firma interessiert mich nicht!“

Das Debüt des italienischen Regisseurs Roberto Faenza („Copkiller“) aus dem Jahre 1968 ist ein Kind seiner Revoltenzeit und schwarze Giallo-Komödie mit satirischen Elementen zugleich. Dies macht ihn sowohl zu einem interessanten, frühen Genrewerk als auch zu einer ungewöhnlichen Mischung im Kanon des italienischen Kinos.

„Weißt du, was Eskalation heißt?“

Luca Lambertenghi (Lino Capolicchio, „Der Widerspenstigen Zähmung“), ein junger italienischer Hippie und von Beruf Fabrikantensohn, lässt es sich in London gutgehen, steht auf Buddha und hat eigentlich als nächste Station Indien auserkoren. Sein Vater, der Unternehmer Augusto (Gabriele Ferzetti, „Zwei Särge auf Bestellung“) hat jedoch andere Pläne mit seinem Sohn, immerhin soll der Filius ihn irgendwann einmal als Firmenchef beerben. Also holt er ihn kurzerhand nach Hause und steckt ihn ins Büro, wo er jedoch in erster Linie Filme schaut und Streiche spielt. Daraufhin wird er in die Klapse verfrachtet, wo er eine Elektroschocktherapie über sich ergehen lassen muss. Als er der Anstalt entfliehen kann, setzt Augusto einen Privatdetektiv auf seinen Sohn an, der ihn schließlich schnappt. Papas letzter Trumpf ist dann die attraktive Psychotherapeutin Carla Maria (Claudine Auger, „Feuerball“), die Luca gefügig machen soll, indem sie ihn ehelicht. Der Plan scheint aufzugehen, hat jedoch fürchterliche Folgen…

„Escalation“ beginnt mit klischeehaften Hippies-mit-Fahrrad-in-der-Natur-Szenen und einer psychedelischen Hippie-Party mit zahlreichen Farbfiltern in poppigen Swingin‘-Sixties-Kulissen. Der Tonfall ist eindeutig komödiantisch, woran der auftretende Generationskonflikt zwischen Luca und seinem Vater auch zunächst wenig ändert. Der völlig überzogene weitere Verlauf erscheint zunehmend grotesk und kippt mit der Elektroschock“therapie“ ins Schwarzhumorige. Dass Luca mit Psychotherapeutin Carla erst über seine Weltanschauung diskutiert, um sich dann in sie zu verlieben und schließlich – nach eigenartigen visualisierten Visionen, wie ein Inder mit lila Bart ihm Carla zum Kauf anbietet – heiratet, erscheint dann richtiggehend irreal.

Doch erst dadurch entfaltet „Escalation“ seine gialloeske Note. Carla dominiert die Ehe und krempelt den ihr gefügigen Luca um 180 Grad um, der nun bereitwillig für seinen Vater arbeitet und sich optisch wie geistig vollends von seinen einstigen Idealen verabschiedet hat. Er lebt mit ihr in einer abgefahren eingerichteten Wohnung, und indem Carla sich nackt zeigt, erhält der Film seinen Erotikanteil – wenngleich man ihre Geschlechtsorgane nie zu sehen bekommt, Faenza also verglichen mit der weiteren Entwicklung des italienischen Kinos eher dezent vorgeht. Doch Carla spielt auch ihr eigenes Spiel; sie manipuliert Luca, damit sie die Fabrik seines Vaters bekommt. Da wird’s diesem zu bunt…

Trotz allem wirkt „Escalation“ bis zu diesem Punkt auf nicht unangenehme Weise sommerlich leicht. Man teilt eine Vorliebe für Overalls und sieht sich zusammen mit Geschäftsfreunden eine Striptease-Show an. Der Mord, ohne den ein Giallo nicht auskommen darf, wird erst gegen Ende begangen und geht mit Bodypainting einher, das Faenza in seinem kunterbunten Film neben dem Interieur, den Brillen und den Klamotten offenbar als zusätzliche (und im wahrsten Wortsinn) Farbtupfer auch noch unbedingt unterbringen wollte.

In „Escalation“ gibt es keine Sympathieträger und keine Identifikationsfiguren, keine bemitleidenswerten Opfer, keine zu Unrecht Verdächtigten, keine auf eigene Faust Ermittelnden. Die Figuren erhalten kaum tiefergehende Charakterisierungen, sondern sind Projektionsflächen für verschiedene Stereotypen, denen Faenza kräftig einen mitgeben wollte: angefangen beim nichtsnutzigen, seine privilegierte Position verkennenden, pseudoidealistischen Hippie über einen reaktionären kapitalistischen Familien- und Firmenpatriarch bis zur verschlagenen, manipulativen Quasi-Prostituierten. Lucas rasche Wandlung vom Hippie zum angepassten Spießer, der er rein gar nichts entgegenzusetzen hat, steht exemplarisch für eine Entwicklung, die große Teile der einstigen Bewegung vollzogen haben und Faenza offenbar vorausgesehen hat.

Stilistisch ist der von niemand Geringeren als Maestro Morricone musikalisch untermalte Film höchst eigenwillig, vermutlich hat Faenza einen starken Kontrast aus Erscheinungsform und Inhalt angestrebt, was wiederum zu seiner (von mir angenommenen) Aussage passt. Dass es dabei nicht ganz leichtfällt, in den Film hineinzukommen und ihn anteilnehmend zu verfolgen, ist die Kehrseite dieser grundsätzlich interessanten, originellen Herangehensweise.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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