Schneller als 1.000 Colts - Guido Zurli (1966)

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Moderator: jogiwan

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sid.vicious
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Schneller als 1.000 Colts - Guido Zurli (1966)

Beitrag von sid.vicious »

Originaltitel: Thompson 1880
Regisseur: Guido Zurli
Kamera: Víctor Monreal, Franco Villa
Musik: Marcello Gigante
Drehbuch: Jaime Jesús Balcázar, Lorenzo Gicca Palli
thompson_1880_67.jpg
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Ohne Pferd und ohne Waffe, stattdessen mit emsig vibrierenden grauen Zellen, kommt ein Ingenieur mit Namen Ray nach Desert Spring. Frohen Mutes führt sein Weg in den hiesigen Saloon, der obendrein auch als Spielcasino fungiert. Doch der Frohsinn weicht, denn der pfiffige Reisende muss feststellen, dass in Desert Spring alle und alles nach Jameson Bradys Pfeife tanzen und die Aussichten auf einen (seinem IQ gerechten) Job eher bescheiden ausfallen. Brady hat in Desert Spring ein Monopol geschaffen, dass es ihm ermöglicht, Mondpreise für Lebensmittel zu fordern. Ray, der zwar mit dem Colt nicht umgehen kann, aber eine kräftige Portion Courage besitzt, will dem Treiben ein Ende bereiten. Doch die Erfolgschancen sind (wie die auf einen IQ gerechten Job) sehr gering, denn Richter wie Sheriff stehen auf Bradys Gehaltsliste. Auf Rays Helferliste stehen indessen lediglich die taffe Sheila und ein gehandicapter Revolverheld.

SCHNELLER ALS 1000 COLTS sagt(e) man eine Affinität zu WINCHESTER 73 nach, was ich allerdings nicht bestätigen kann. Die Außenaufnahmen zu Guido Zurlis erster Westerninszenierung wurden in Lavinio als auch in La Magliana fotografiert. Das Westerndorf, in dem sich der Löwenanteil der Handlung abspielt, lag auf dem Canale della Lingue, wo später das Möbelhaus Palazzo Leonardo errichtet wurde. Der Film wurde zwar kein großer Erfolg, konnte jedoch zumindest seine Kosten einspielen.

In das angesprochene Westerndorf reitet vor (!) dem Antihelden ein Westerner ein, der schnell Bekanntschaft mit den Häschern des Dorftyrannen macht und nach einem Streit über die horrenden Bierpreise postwendend eliminiert wird. Dem Zuschauer wird somit früh zu verstehen gegeben, dass in Desert Spring keine Beanstandungen gestattet sind. Sollte sich jemand diesem Gesetz widersetzen und eine unliebsame Beschwerde anbringen, wird diese samt dem Überlieferer in einer ca. zwei Meter langen und 0,75 Meter breiten Holzkiste abgelegt.

Unsere Identifikationsfigur, Ray, tritt erst ca. 15 Minuten nach Filmbeginn in denselben ein. Und das praktiziert er per Esel, was Bradys Schurkenschaft reichlich Provokationspotential sowie ein Podium für schlechte Scherze liefert. Die Truppe, die Bradys Monopol seit Anbeginn erfolgreich schützt, ist eine Armada von Unsympathen, die sich an jenem Tag an dem die Verabreichung von Gehirnzellen erfolgte, vom entsprechenden Ausgabeschalter fernhielten. Ihr Anführer, der Mann mit dem heißen Draht zu Jameson Brady, ist ein fieser wie hässlicher Vogel, dessen Rufname Lucky lautet. Lucky (von Sheila respektive von der bundesdeutschen Synchronisation nicht unpassend „glatzköpfiges Schwein“ genannt) führt einen Haufen extrem hohler wie ebenso schmieriger Banditen an, die kraft diverser Erniedrigungen ihre niederen Instinkte befriedigen. Besonders auffällig: Augustine, gespielt von Osiride Pevarello. Übrigens ein waschechten Zigeuner, der im real life in einem Wohnwagen lebte. Ein Typ, der uns in zig Italo-Western über den Weg gelaufen ist und dessen Optik an George Hayes alias Gabby sowie Al St. John alias Fuzzy erinnert. Mit dem Zweitgenannten hat die Filmfigur Augustine notabene den Hang zum Alkohol gemein. Eine weitere äußerst bekannte Fresse innerhalb der Bradyschen Leibgarde ist der von Ignazio Spalla (der vornehmlich als Stuntman aktiv war) verkörperte Fettwanst Pancho. Damit möchte ich auch die Infos über die Besetzungsliste ad acta legen und stattdessen lieber was zum Hauptcharakter Ray schreiben.

Ray ist nämlich ein sehr eigenwilliger IW-Antiheld. Er besitzt kein Pferd, reitet stattdessen auf einem Esel, und ist nicht einmal in der Lage mit dem Colt umzugehen. Dafür besitzt Ray Courage wie Cleverness und - wie der Originaltitel THOMPSON 1880 erahnen lässt - Erfindergeist.

THOMPSON 1880: Im Jahre 1880 begann der zwanzigjährige Westpoint-Kadett John Taliaferro Thompson mit der Entwicklung einer halbautomatischen Schusswaffe. 40 Jahre später feierte John, mittlerweile zum Brigade-General aufgestiegen, seinen größten Erfolg: Das Thompson Machine Gun besser bekannt als (wie nennt sich die A-Seite der sechsten Clash-Single?) Tommy Gun. Auch wenn sich SCHNELLER ALS 1000 COLTS nur minder an die Historie hält, ist Guido Zurlis Film scheinbar der einzige Vertreter im unermesslichen Western-Universum, der mit dem Erfinder John Taliaferro Thompson liebäugelt.

Dieser historische Kontext liefert mir probt die Steilvorlage, ein paar Worte zu dem von José Bódalo verkörperten Richter, die Schnapsdrossel Lennox, zu hinterlassen. Richter Lennox verlegt innert SCHNELLER ALS 1000 COLTS die Gerichtssitzungen in den Saloon. Man muss in diesem Zusammenhang kein Meisterdetektiv sein, um daraus eine Verbindung zu Roy Bean zu erkennen. Jener trinkfreudige Zeitgenosse, der in Vinegaroon, ein Zeltlager das während des Baus der Southern Pacific errichtet wurde, zum Friedensrichter gewählt wurde. Nach der Auflösung des Eisenbahnercamps machte sich Roy auf den Weg nach Langtry, wo er einen Saloon mit dem Namen „Jersey Lilly“ (der Spitzname von Schauspielerin wie It-Girl Emilie Charlotte Langtry) eröffnete, der ihm als Gerichtssaal diente. An diesem Ort erlangte Roy überregionalen Ruhm, denn die texanischen Zeitungen berichteten mit Herzblut von Roys drakonischen Urteilen, was die Leserschaft bei der Stange hielt. Hans von Hentig schreibt in seinem Buch „Der Desperado“: „Seine originellen Entscheidungen werden niemand in Verwunderung setzen, der sein Altersbild, das eines gerissenen chronischen Alkoholikers, mustert.“

Meine Musterung respektive Begutachtung von SCHNELLER ALS 1000 COLTS lieferte mir einen bestenfalls mittelprächtigen Gesamteindruck. Positiv hervorheben möchte ich die Auftritte von Gordon Mitchell und zuvor genannten José Bódalo. Paul Muller ist mir in Anbetracht seiner Rolle als leitender Bösewicht einfach zu brav. Wie ich einem Interview mit Guido Zurli entnehmen konnte, war der gebürtige Schweizer während wie neben der Dreharbeiten eh ein feiner Kerl. Denn als dem Produzenten das Geld ausging, baute Muller Zurli wieder auf und machte ihm klar, dass es schon irgendwie weitergehen würde. Es ging vermutlich deutlich schneller weiter, als es die behäbige Inszenierungsweise des Films reflektiert, denn diese/r konnte mich nicht wirklich packen. Als Entschädigung erhielt ich allerdings finalen Clou, der mich zumindest zum Schmunzeln animierte.

Fazit: SCHNELLER ALS 1000 COLTS stellt sich als ein schleppend inszeniertes Western-Vehikel vor, das viele hässliche Pro- wie Antagonisten, aber - konträr dazu - eine hübsche Landschaftsfotografie zu bieten hat. Auch wenn Historie nur bedingt stattfindet, darf man John Taliaferro Thompson im Film als im Besonderen im Real Life als einen Mann der Tat begreifen. Thompson schrieb nämlich tatsächlich Geschichte. Schwätzer wie Wyatt Earp und James Butler Hickok ließen hingegen nur Geschichten über sich schreiben. Und da sie längst gestorben sind, leben ihre Legenden auch noch heute.
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