Un chant d'amour - Jean Genet (1950) [Kurzfilm]

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Salvatore Baccaro
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Un chant d'amour - Jean Genet (1950) [Kurzfilm]

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Originaltitel: Un chant d'amour

Produktionsland: Frankreich 1950

Regie: Jean Genet

Cast: André Reybaz, Java, Lucien Sénémaud, Coco Le Martiniquais, Bravo


Kürzlich sehe ich nach langer Zeit einmal wieder Jean Genets 26minütigen Experimentalfilm UN CHANT D’AMOUR aus dem Jahre 1950 auf der großen Leinwand. Von den insgesamt drei Screenings, denen ich bislang beigewohnt habe, dürfte dies jedoch dasjenige gewesen sein, das mir die Nackenhaare am heftigsten hat kräuseln lassen – und das nicht etwa wegen der noch immer überwältigenden Energie, die in den Filmbildern steckt, sondern weil Genets einzige Regiearbeit in einer Netzfassung vorgeführt wird, die auf einem Laptopschirm vielleicht noch akzeptabel wäre, auf einer Leinwand jedoch gerade in den dunklen Szenen zu einem Regenschauer aus Pixeln zerfasert…

Packen kann mich UN CHANT D’AMOUR nichtsdestotrotz einmal mehr – und das spricht dann wohl vollumfänglich für diesen fiebrigen Film, der uns mitnimmt in einen Männerknast voll unterdrückter sexueller Begierden: In den einzelnen Zellen sitzen die Insassen fernab der Möglichkeit, einem andern Menschen nahezukommen – sie führen erotische Tänze mit sich selbst auf, bei denen sie auf ihre Oberarme tätowierte Frauenportraits liebkosen; sie onanieren, indem sie ihre steifen Glieder rhythmisch gegen die Bettmatratzen stoßen; sie nehmen Kontakt zueinander auf, indem sie winzige Löchlein in den Mauern nutzen, um beispielweise dünne Röhrchen hineinzuschieben, mittels derer sie dem Jüngling in der Nachbarzelle Zigarettenrauch zupusten, den dieser sodann lustvoll inhaliert, oder indem sie sich auf demselben Wege feuchtgekaute Kaugummis zukommen lassen. Beobachtet wird das Treiben von einem Gefängnisaufseher, der, als würde er sich in einer Peepshow bewegen, immer wieder von Zellentür zu Zellentür tritt, um sein Gesicht an das jeweilige Guckloch zu pressen, und sich von dem, was er bespitzelt, selbst aufgeilen zu lassen.

Anfang der 50er stellte UN CHANT D’AMOUR eine Attacke auf die Sehgewohnheiten dar, die man heute möglicherweise, je nachdem, mit welcher Filmkost man selbst sozialisiert worden ist, nicht mehr wirklich nachvollziehen kann: Der Film besitzt keine Dialoge, keinen Soundtrack, kurzum, keine Tonspur, erzählt rein über das Visuelle, konkret: über statische Einstellungen, die mit zunehmender Laufzeit ihre narrative Chronologie abstreifen, immer assoziativer, wilder, phantasmagorischer werden; der Film thematisiert Dinge, bei deren bloßem Namennennen jedem zeitgenössischen Hollywoodfilm die Schamesröte in die Ohren gestiegen wäre, wie Voyeurismus, Sadomasochismus, vor allem aber gleichgeschlechtliche männliche Liebe, und inszeniert sie nicht etwa, wie seinerzeit Usus, als belustigenden Klamauk oder als etwas Abgründig-Diabolisches, sondern als romantisches Beisammensein auf Augenhöhe; nicht zuletzt schreckt der eigentlich vor allem als Schriftsteller in Erscheinung getretene Genet, selbst sowohl im Homosexuellen- wie Kriminellen-Milieu unterwegs, was ihm beides lange Haftstrafen einbrachte, nicht vor drastischen Bildern zurück: UN CHANT D’AMOUR wird zwar nie in dem Sinne pornographisch, dass wir tatsächlich on-screen der sexuellen Zusammenkunft zweier Männer beiwohnen würde, blutgefüllte Penisse im Close-Up gibt es aber genauso wie eine Tanzszene, in der einer der Häftlinge der Kamera zugewandt sein erigiertes Glied hin und her schwenkt.

Neben diesen, wenn man so will, oberflächlichen Überschreitungen einstiger Moralgrenzen handelt es sich bei Genets Film aber, seinem Titel gemäß, tatsächlich um ein Hohelied der Liebe: In der zweiten Hälfte dringt der Wärter in eine der Zelle ein, um den darin befindlichen Gefangenen mit vorgehaltener Waffe zum Sex zu zwingen; mit Gürtelschlägen versucht er, ihn gefügig zu machen. Der aber grinst seinen Widersacher bloß an – worauf Genet zu mutmaßlich bewusst kitschigen und romantisierenden Bildern schneidet, in denen sich der Häftling zusammen mit einem andern als Liebespaar in einer sonnengefluteten Wald- und Wiesenlandschaft imaginiert: Man spielt fangen; man wälzt sich im Gras; man knutscht und fummelt – und angesichts dieser Überflut an Love Vibes muss sich der Wärter knurrend zurückziehen, die Zellentür schließen, sich aus dem Gefängnisgebäude stehlen, wie ein geprügelter Hund über den Hof hinfort trotten.

Über den Verlauf des Films hinweg haben wir immer wieder folgendes Bild zu sehen bekommen: Zwei Gefangene haben ihre Arme durch die Gitterstäbe ihrer Zellenfenster geschoben; sie sehen sich nicht, wissen aber, dass der andere irgendwo zum Greifen nahe sein muss, ohne dass man ihn greifen könnte; als Bindeglied soll ein Blumenstrauß fungieren, den der eine Arm an einem Seil fortwährend dem andern Arm hinüberzuwerfen versucht, worauf letzterer ihn fortwährend verfehlt. Wenn im allerletzten Filmbild das Unterfangen endlich gelingt, markiert das UN CHANT D’AMOUR final als zutiefst sinnliches, romantisches Werk, allen Aufnahmen von in Männermündern geschobenen Pistolenläufen und allen Aufnahmen von verzweifelt masturbiert werdenden Schwänzen zum Trotz…
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