Les Cinq diables - Léa Mysius (2022)

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Salvatore Baccaro
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Les Cinq diables - Léa Mysius (2022)

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Originaltitel: Les Cinq diables

Produktionsland: Frankreich 2022

Regie: Léa Mysius

Cast: Adèle Exarchopoulos, Sally Dramé, Swala Emati, Moustapha Mbengue, Daphné Patakia, Noée Abita


Der kleinen Vicky geht es ähnlich wie Grenouille, dem Protagonisten von Patrick Süskinds Roman „Das Parfüm“: Sie verfügt über die Gabe, jedwede Gerüche ihrer Umwelt sowohl bis ins Kleinste unterscheiden zu können – beispielweise, ob es sich beim Odeur, das den Wald durchzieht, um das eines Wiesels oder das eines Marders handelt – als auch Dinge auf weite Entfernung erschnüffeln zu können – beispielweise, ob sich gerade hundert Meter entfernt ein Iltis oder ein Igel durchs Unterholz bewegt. Einmal abgesehen davon, dass Vicky bestimmte Duftnoten von ihren Trägerobjekten extrahiert und sie in Einmachgläsern sammelt, um sie beliebig zu reproduzieren – darunter zum Beispiel den Körpergeruch ihrer eigenen Mutter -, führt sie ein recht gewöhnliches Grundschulkinderleben mit Höhen und Tiefen: Ihre Eltern Joanne und Jimmy haben sich längst auseinandergelebt und verbringen die Abende schweigend vor dem Fernsehapparat; in der Schule wird Vicky aufgrund ihrer von Jimmy ererbten dunklen Hautfarbe regelmäßig Opfer rassistischer Hänseleien, die sie vor den Erwachsenen verheimlicht; Lichtblicke bilden die Nachmittage, wenn sie ihre Mutter, die ihr Geld als Schwimmlehrerin verdient, ins örtliche Hallenbad begleiten darf oder wenn Mama und Tochter Ausflüge in die Natur unternehmen. Alles ändert sich, als eines Tages ihre Tante Julia vor der Tür steht: Die hat Vicky noch nie gesehen, nicht mal von ihrer Existenz gewusst. Schnell merkt die Kleine, dass da mehr im Busch ist als eine unverhofft wiederaufgetauchte Verwandte: Jimmy zeigt sich eher verhalten über die Rückkehr seiner Schwester und weicht ihren Fragen, weshalb die Tante so lange verschwunden gewesen sei, auffällig aus; Julia selbst spricht oft und gerne dem Alkohol zu, und scheint von irgendetwas belastet zu sein, das sie mit sich herumschleppt wie einen Felsbrocken; vor allem Joanne wirkt nach dem Auftauchen Julias seltsam neben der Spur, so, als ob die pure Anwesenheit ihrer Schwägerin sie keinen klaren Gedanken mehr fassen ließe. Vicky beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen, - und zwar mithilfe ihrer Einmachgläser voller Düfte, an denen sie bloß zu schnuppern braucht, um sich physisch in Situationen lange vor ihrer Geburt versetzen zu können, in denen sie als stumme Zuschauerin dem Drama zuschaut, das sich damals zwischen Joanne, Jimmy und Julia entwickelt hat, und dessen Flackerschein noch bis auf die Gegenwart ausstrahlt…

Welch eigenartiger, enigmatischer, jedoch überhaupt nicht unzugänglicher oder gar elfenbeintürmiger Film von Léa Mysius, deren (mir bislang unbekannter) Debüt-Langfilm AVA vor einigen Jahren bereits von der Kritik mit höchsten Weihen bedacht worden ist, und die mit LES CINQ DIABLES den beeindruckenden Spagat schafft, zeitgleich eine (queere Liebes-)Geschichte zu erzählen, dabei konstant eine bedrohlich-mysteriöse Stimmung aufzubauen/aufrecht zu erhalten, die dem Genre-Publikum schmeicheln dürfte, und drittens sich so viele berührende, witzige, sacht surreale Momente, so viele eindrucksvolle Bildkompositionen aus dem Ärmel zu schütteln, dass ich schlicht sprachlos bin. Ganz viele Themen werden da zwar angerissen – von Schulmobbing über Closet-Homosexualität bis hin zu Zeitreisen und folkloristischer Magie -, diese dann aber nicht, weil nur an ihren reinen sensationsträchtigen Oberflächen interessiert, links liegengelassen, sondern völlig homogen in das faszinierende Gesamtkonzept eingebettet, das einige Überraschungen auf erzählerischer Seite bereithält, das, wie gesagt, filmisch ausgesprochen gelungen ist, und mich, was Montage, Kamera etc. betrifft, niemals dazu verleitet hat, die Augen zu schließen, das in wohltuender Art und Weise die raumzeitliche Kohärenz aushebelt, ohne dass es prätentiös schmecken würde. Da der reine Inhalt sich entfaltet wie ein langsam wachsender, schillernder Pilz, der (mehrfach!) zumindest für mich nicht voraussehbare Verästelungen nimmt, und eine Prise Magischer Realismus das Ganze zudem wenigstens hauchzart in einem phantastischen Kontext verortet, lohnt es sich, glaube ich, gar nicht, allzu viel darüber zu erzählen, WOVON der Film eigentlich handelt, (was, glaube ich, eh Interpretationssache sein soll), oder etwaige am Ende sowieso enttäuschte Erwartungen zu schüren. Es mag ja sein, dass Mysius eine im Kern triviale Love Story bzw. ein triviales Family Drama in ein wild-avantgardistisches Kleidchen stopft, aber, puh, wenn das der Status Quo des Gegenwartskino wäre, wäre ich ja schon vollauf versöhnt mit diesem. Alles in allem ist LES CINQ DIABLES (auf positive Weise) arg irritierend, dann wieder subtil selbstironisch, plötzlich im Naturalismus-Modus komplett down-to-earth, um in der mit Abstand schönsten Karaoke-Szene der Filmgeschichte seit Jessica Hausners LOURDES zu münden: „Once upon a time, I was falling in love / Now I′m only falling apart / There's nothing I can do / A total eclipse of the heart.“ Falls der hierzulande einen Kinostart bekommen sollte: Wer Augen hat, der sehe!
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