JCVD - Mabrouk El Mechri (2008)

Moderator: jogiwan

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Blap
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JCVD - Mabrouk El Mechri (2008)

Beitrag von Blap »

JCVD (Belgien, Frankreich, Luxemburg 2008, Originaltitel: J.C.V.D.)

Geballte Ladung Universal Shepherd ohne Ausweg

Jean-Claude Van Damme (Jean-Claude Van Damme) ist momentan glücklos. Der Streit um das Sorgerecht für seine Tochter ging verloren, das Geld ist knapp, die Rollenangebote unbefriedigend. Der Actionstar reist in seine Heimat Belgien, er möchte dort seine Eltern besuchen. Als er in einer Postfiliale Geld abheben will, gerät der frustrierte Jean-Claude unfreiwillig in ein groteskes Szenario. Drei überforderte Gauner haben Geiseln genommen, ein Schuss fällt, die Polizei hält den Schauspieler für den Geiselnehmer. Die Kriminellen mißbrauchen Van Damme für ihre Zwecke, vor den Toren des Gebäudes glaubt man tatsächlich, der Filmstar wäre nun völlig aus der Spur geraten. Während sich die Polizei in Kompetenzstreitereien ergeht, hat sich in der Nähe der Post die halbe Gemeinde versammelt, mit Sprechchören bekunden die Menschen ihre Sympathie für Jean-Claude Van Damme. In der abgeriegelten Postfiliale spitzt sich die Lage mehr und mehr zu, droht gar auf gefährliche Weise zu eskalieren. Einer der Gangster sucht die Nähe zu seinem Idol, einer glotzt hauptsächlich blöd aus der Wäsche. Gefahr geht in erster Linie vom dritten Typ im Bunde aus, der sich als Anführer aufspielt und offenbar ein rücksichtsloser Gewalttäter ist...

Jean-Claude Van Damme spielt Jean-Claude Van Damme. Spielt Jean-Claude Van Damme wirklich nur Jean-Claude Van Damme, oder zeigt sich Jean-Claude Van Damme hier von seiner privaten, wenig glamourösen Seite? Ist der Film lediglich clever kalkuliert, will auf kreative Art für Aufmerksamkeit sorgen, oder ist "JCVD" wirklich ein ehrlicher, ernstzunehmender Seelenstriptease? Die Antwort kennt nur die Hauptfigur selbst. Doch -egal ob aufrichtig oder nicht- der Streifen rührt an, versinkt dabei aber nicht in peinliches Geschwafel.

Vor allem darf man von "JCVD" weder Selbstbeweihräucherung, noch einen wüsten Actionreisser erwarten. Zu Beginn führt uns der junge Regisseur Mabrouk El Mechri an der Nase herum. Wir sehen Van Damme in einer typischen, ausufernden Actionsequenz, in der alle liebgewonnenen Klischees verbraten werden. Der Held pflügt sich durch Scharen böser Burschen, es wird geballert und geprügelt bis der Bestatter anrückt, eine Übertreibung folgt der nächsten. Plötzlich fällt eine Kulisse um, die Szene ist versaut. Ja, wir befinden uns am Set zu einem neuen Actionflick, Van Damme ist angenervt von den Produktionsumständen, der asiatische Regisseur versteht ihn nicht, zeigt sich nicht minder genervt. Gleich geht es mit dem nächsten Tiefschlag weiter. Vor Gericht lässt sich der gegnerische Anwalt über die "fragwürdige" Karriere des Belgiers aus, der verzweifelt um das Sorgerecht für seine Tochter ringt. Erneuter Szenenwechsel, Van Damme ist inzwischen in Belgien angekommen. Zwei Filmfreaks sichten ihren Helden, als dieser gerade aus einem Taxi steigt. Kurzer Smalltalk, Fotos, wenig später verschwindet Van Damme in der Post, ein Schuss fällt. Mabrouk El Mechri operiert mit kleinen Zeitsprüngen, schildert die Situation teilweise aus verschiedenen Blickwinkeln, klärt den Zuschauer nach und nach auf.

"JCVD" lässt sich in keine Genreschublade stecken. Action gibt es hier nur am Rande, in kleiner Dosierung. Der Film punktet mit viel Humor, der zwischen "einfach lustig" und "ironisch-tragisch" pendelt, allerdings nie in dümmliche Comedy abdriftet. Es sind die unzähligen Details, welche ein liebevoll erdachtes -und gekonnt inszeniertes- humoriges Drama entstehen lassen. Kenntnisse über die Karriere des Belgiers -und über das Actiongenre allgemein- erhöhen den Unterhaltungswert deutlich, sind aber nicht zwingend notwendig. Mit besagter "Vorbildung" steigert sich der Genuß allerdings nachhaltig. Schon die Unterhaltung der beiden Burschen in der Videothek, kurz bevor sie Van Damme entdecken, ist einfach nur köstlich. Wir bekommen einen Ausschnitt aus "Delta Force" mit Chuck Norris zu sehen, die Filmfreaks philosophieren über das Genre, prächtig! Grandios die Unterhaltung zwischen Jean-Claude und einem der Geiselnehmer. John Woo bekommt sein Fett weg, Steven Seagal wird spitzbübisch auf die Schippe genommen. Aber auch Spannung und Dramatik, welche aus der Geiselnahme resultuieren, werden nicht vergessen, obschon die Gewichtung nur zu einem überschaubaren Teil auf diesen Elementen liegt. Wer sich nun darüber beschwert, dass der Film nicht "spannend" genug sei, zu wenig "Action" biete, hat -sorry- vermutlich nicht die Befähigung, nicht die Lust, nicht den Mut, nicht die Neugier, um über den Tellerrand zu blicken, beim Namen Van Damme die eingefahrene Erwartungshaltung auszublenden.

Als grosser Fan der Van Damme Filme, die in den letzten Jahren entstanden, aber von der breiten Masse kaum wahrgenommen wurden, blieb mir die schauspielerische Entwicklung des Belgiers nicht verborgen. Ob man Van Damme nun mag oder nicht, seine schauspielerischen Leistungen in Filmen wie "Wake of Death" (2004) und besonders "Until Death" (2007), reichen deutlich über die "Standardanforderungen an einen Actionheld" hinaus. Für "JCVD" gilt dies in Fettschrift mit Ausrufezeichen! Jean-Claude Van Damme offenbart hier souveräne Fähigkeiten als Charakterdarsteller, die ich ihm vor noch vor wenigen Jahren nicht in dieser Form zugetraut hätte. Ganz, ganz gross ist die Szene, in der Van Damme quasi "aus der Kulisse" nach oben schwebt, vor der Kamera über sein Leben, seinen Werdegang sinniert. Er schwebt nicht abgehoben, übermenschlich aus der Kulisse. Im Gegenteil, er trägt einen längeren Monolog vor, der von Grund auf ehrlich und selbstkritisch wirkt. Seine Verzweiflung, Trauer und Verletzlichkeit werden nicht nur spürbar, sie werden regelrecht greifbar. Mich hat dieser Moment tief bewegt, ich bin beeindruckt von dieser mutigen Vorstellung. Ich schrieb es bereits weiter oben, nur Jean-Claude Van Damme wird wisssen, was echt und was gespielt ist, wie viel -oder wenig- er tatsächlich von sich preisgibt. Doch ich halte dies für unerheblich, denn vor allem zählt die großartige Leistung des Schauspielers Jean-Claude Van Damme!

Für manchen "Fan" wird der Film eine Enttäuschung sein, da sein Held nicht so "funktioniert" wie erwartet. Doch vielleicht kann Van Damme endlich einige Skeptiker davon überzeugen, dass er weit mehr Qualitäten zu bieten hat, als lediglich einen durchtrainierten Körper und Kampfsport-Gezappel. "JCVD" präsentiert sich auch in optischer Hinsicht kantig, fast kratzbürstig. Die Farben wurden stark zurückgefahren, der Look mutet trist an. "Schön" ist das sicher nicht. "Schön" will "JCVD" auch gar nicht sein, eine "Bonbon-Hochglanzoptik" würde den Film unnötig beschädigen. Wer noch immer nach einem Haar in der Suppe sucht, wird vielleicht das Argument ins Feld führen, die Idee sich selbst zu spielen sei nicht neu. Man denke z.B. an "My Name is Bruce" (2007), in dem sich B-Movie Legende Bruce Campbell selbst auf den Arm nahm. Ja, dabei kam Freude auf. Doch "JCVD" gibt sich nicht mit gefälliger Selbstironie zufrieden, geht viel tiefer und viel weiter. Die emotionale Intensität baut aber -glücklicherweise- nicht lediglich auf Tränendrüsendrückerei, sie kommt durch die -ich muss mich wiederholen- fantastische Leistung von Jean-Claude Van Damme zustande. Bei allem Lob für Van Damme, soll nicht die tolle Arbeit von Regisseur Mabrouk El Mechri unterschlagen werden. Mit seinen erst 34 Jahren, steht El Mechri hoffentlich erst am Anfang einer grossen Karriere. Ich bin sehr auf die Werke gespannt, die wir in Zukunft von diesem Talent zu sehen bekommen werden. Bei all der Begeisterung für die Leistung von Jean-Claude Van Damme, habe ich es bisher glatt versäumt, auf die sehr gut aufspielenden Nebendarsteller hinzuweisen. Jeder Part wurde passend und überzeugend besetzt, unverbrauchte Gesichter, die ich gern in weiteren Produktionen sehen möchte. Es würde den hiesigen Rahmen sprengen, noch weiter ins Detail zu gehen.

Zum Abschluss noch kurz ein Blick auf die in Deutschland verfügbaren Scheiben. "JCVD" ist als DVD oder Blu-ray erhältlich, es gibt unterschiedliche Ausstattungen und Verpackungsvarianten. Mir liegt die einfache Blu-ray Ausgabe vor, die nur eine geringe Menge Bonusmaterial bietet. Die alternative Variante bietet eine zusätzliche Bonus-DVD, über deren "Mehrwert" ich leider keine Aussage tätigen kann. Vielleicht wäre der Griff zur üppiger ausgestatteten Version klüger gewesen, da mich der Film sehr fasziniert, ich gern weitere Boni gesichtet hätte. Der Film liegt auch in der einfachen Ausgabe in deutscher und französischer Sprache vor. Deutsche Untertitel und ein Audiokommentar des Regisseurs sind ebenso an Bord. Koch Media hat "JCVD" in ansprechender Form ausgewertet. Klarer Kaufzwang, ich will keine Ausreden hören!

Sehr gut bis überragend, ein großartiger Film = 8,5/10

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"...und dessen ganze Karriere ausschliesslich auf Filmen basiert, mit fragwürdigen Wertvorstellungen, die keine verantwortungsvollen Eltern ihren Kindern jemals vermitteln würden..."
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Re: JCVD - Mabrouk El Mechri

Beitrag von buxtebrawler »

Blap hat geschrieben:Während sich die Polizei in Kompetenzstreitereien ergeht, hat sich in der Nähe der Post die halbe Gemeinde versammelt, mit Sprechchören bekunden die Menschen ihre Sympathie für Jean-Claude Van Damme.
:lol: :lol: :lol:
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Re: JCVD - Mabrouk El Mechri

Beitrag von purgatorio »

Stein fällt auf Ei
- Ei kaputt

Ei fällt auf Stein
- Ei kaputt

Es spielt im Leben überhaupt keine Rolle ob du oben oder unten liegst, ob es dir gut oder schlecht geht, ob du dich begünstigt oder benachteiligt fühlst, ob du Geld hast oder keines, ob du erfolgreich bist oder eben nicht. Was zählt ist ob du das Ei oder der Stein bist!

JCVD ist ein großartiger und ehrlich anmutender Film. Es ist zwar hart den Helden der eigenen Jugend so abgewrackt zu sehen, aber er spielt seine Rolle absolut und bis ins Detail überzeugend. Das Pendeln zwischen filmischer Fiktion und der vermeindlichen Realität (die immernoch im Film statt findet) ist hier hervorragend inszeniert. Ein Blick hinter die Kulissen und ein Blick hinter van Damme. Seine harte, versteinerte Maske fällt ebenso wie die symbolische Kulisse im Intro - fantastisch und absolut sehenswert!
Über Fiktionsgehalt und Wirklichkeitsnähe des dargestellten, gebrochenen Helden kann man gerne im Anschluss diskutieren - muss man aber nicht.

8/10 (mit der Bereitschaft noch höher zu gehen)

:thup:
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Re: JCVD - Mabrouk El Mechri

Beitrag von buxtebrawler »

Erscheint voraussichtlich am 22.04.2016 bei Cargo Records noch einmal auf Blu-ray und DVD:

Bild Bild

Extras:
Audiokommentar mit Regisseur Mabrouk El Mechri,
Ein Tag mit JCVD (52:58 Min.)
Die Geschichte eines Drehs (37:02 Min.)
Entfallene Szenen (6 Min.)
Synchro-Outtake (0:47 Min.)
Diverse Teaser (14 Min.)

Quelle: OFDb-Shop
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Re: JCVD - Mabrouk El Mechri (2008)

Beitrag von purgatorio »

Ich bin ja auch nicht ganz normal - so musste es meine Gattin auf unserem eben absolvierten Städtetripp nach Brüssel wieder zugestehen. So begab es sich, dass wir als wichtigste und somit erste Sightseeing-Station den Stadtteil Anderlecht aufsuchten, um dem JCVD-Refugium zu huldigen, welches in seiner Heimatstadt auf einer Verkehrsinsel errichtet wurde.
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Und wenn man in Brüssel die Augen aufhält, dann fallen einem durchaus Details ins Blickfeld, die von der Huldigung der Brüsseler für ihren Helden, ihren Muscles from Brussels, zeugen. Wo sonst würde van Damme direkt neben Leopold II. hängen?
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