Hunted - Waldsterben - Vincent Paronnaud (2020)

Moderator: jogiwan

Antworten
Benutzeravatar
Salvatore Baccaro
Beiträge: 2272
Registriert: Fr 24. Sep 2010, 20:10

Hunted - Waldsterben - Vincent Paronnaud (2020)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

69c8a19e4451b3076d7bab553c8d406f.jpg
69c8a19e4451b3076d7bab553c8d406f.jpg (758.14 KiB) 52 mal betrachtet

Originaltitel: Hunted

Produktionsland: Frankreich/Belgien 2020

Regie: Vincent Paronnaud

Darsteller: Christian Bronchart, Lucie Debay, Ciaran O'Brien, Jean-Mathias Pondant, Kevin Van Doorslaer, Gilles Vandeweerd



Den Namen Vincent Paronnaud habe ich im Zusammenhang mit vorliegendem eigenartigem Streifen zum ersten Mal gehört. Was wohl vor allem daran liegt, dass ich über nahezu keine Expertise im Comic-Sektor verfüge. Dort nämlich ist Paronnaud seit den 90ern als Zeichner tätig. Über die eigene Subkultur hinaus Bekanntheit scheint der gute Mann vor allem mit zwei Animationsfilmen erlangt zu haben, die gemeinsam mit der iranischen Zunftgenossin Marjane Satrapi entstehen: 2008 PERSEPOLIS, 2011 POULET AUX PRUNES. Mit Comics und Animationen hat HUNTED wiederum auf den ersten Blick rein gar nichts zu tun, - andererseits hätte sich mir der Film möglicherweise aber mehr erschlossen, wenn ich wenigstens ein bisschen mit dem bisherigen Werk Paronnauds vertraut wäre. So jedenfalls präsentiert sich HUNTED mir als ein im Kern relativ prototypischer, minimalistischer Backwood-/Rape-&-Revenge-/Survival-Horrorthriller, dessen Mainstream-Appeal andauernd ganz gezielt durch eklektizistische Einsprengsel regelrecht durchkreuzt, wenn nicht sogar komplett vernichtet wird:

Ève hatte einen Scheißtag. Für ihren patriarchalen Boss soll sie ein Bauprojekt betreuen, was immens an ihren Nerven zehrt. Und dann belästigt sie ihr sich vernachlässigt fühlender Freund auch noch ohne Unterlass mit Anrufen und Kurztextnachrichten. Um Dampf abzulassen, geht sie abends saufen und tanzen. Worauf sich zum Reigen sie belästigender Männer noch ein lüsterner Club-Gast gesellt, der sie ungefragt antatscht. Zur Stelle ist aber sofort eine helfende Hand, die einem weiteren Mannsbild gehört, unter dessen Avancen Ève nicht nur aus Dankbarkeit einknickt. Nach noch mehr Drinks und noch mehr Tanzbeinschwingen findet sie sich jedenfalls zungenküssend in seinem Auto wieder – und plötzlich als Gefangene, denn der Kerl und ein jüngerer Komplize brausen mit Ève in die Nacht davon und stellen ihr in Aussicht, schreckliche Dinge mit ihr anstellen zu wollen.

Bis hierhin folgt das Spektakel ja noch der (einfallslosen) Logik ähnlich gelagerter Genre-Beiträge – und auch die restlichen Hauptstationen der Handlung können wir uns bereits zusammenreimen: Ève wird die Flucht gelingen, sie wird vor den Unholden in den dichten, dunklen Wald fliehen, es wird sich ein blutiges Katz-Maus-Spiel entspinnen. So weit, so generisch, zumal ein ganz ähnliches Szenario im selben Jahr bereits (noch viel formelhafter) in den USA von John Hyams unter dem Titel ALONE vorgelegt worden ist.

Sicherlich hätte ich mir nicht die Mühe gemacht, auch nur eine Zeile über derartige 08/15-Ware zu tippen, gäbe es da aber nicht doch ein Haar, ach was, ein ganzer Nutriapelz, in der massentauglichen Suppe. Denn das ebenfalls von Paronnaud mitverfasste Drehbuch erweckt mit zunehmender Laufzeit den Eindruck, dass während der Dreharbeiten ganze Seitenblöcke in es hineingeraten scheinen, die ursprünglich zu einem ganz anderen Projekt gehörten:

Den Großteil der Laufzeit trägt Ève einen auffallend roten Mantel. Ein modernes Rotkäppchen? Auch im Prolog wird eine märchenhafte Rahmung betont: HUNTED beginnt mit einer zunächst hermetischen Szene, in der eine Mutter ihrem kleinen Sohn beim Lagerfeuer die Geschichte vom sogenannten Wolfsmädchen erzählt, das einst eine feindliche Armee in die Flucht geschlagen haben soll, weil es sich auf ganz natürliche Weise mit einem Rudel wilder Isegrims verbündete. Aber auch sonst blitzen metaphysische Funken immer wieder in der eigentlich geradlinigen, schnörkellosen Story auf: Die Wildsau, die den Autounfall verursacht, der wiederum Ève hilft, ihren Peinigern (zunächst) zu entkommen, wirkt, als würde sie einem übersinnlichen Lockruf gehorchen, wenn sie sich mitten auf der Fahrbahn platziert. Und später wird auch eine Krähe wie von Zauberhand auf dem Kopf eines Menschen landen.

Zugleich handeln die Figuren stellenweise in einer Weise irrational, die nahezu parodistische Züge trägt: Offenbar scheint es unsere Heldin mit ihrem knallroten Gewand förmlich darauf anzulegen, ihren Häschern sofort ins Auge zu stechen, denn ihr Mantel schimmert feurig vor dem Hintergrund des nächtlichen Forstes, dass man es meilenweit sehen müsste. Und dann schlendert die junge Frau auch noch größtenteils seelenruhig an einem Flusslauf entlang, als sei sie auf dem sorglosen Weg, der Großmutter etwas Kuchen vorbeizubringen. Völlig verquer erscheint auch die Entscheidung der beiden Frauenfänger, Ève, nachdem sie sie bereits in ihrer Gewalt haben, noch einmal in der Nähe einer Tankstelle in die Freiheit zu entlassen, - was dazu führt, dass sie umständlich wieder eingesackt werden muss und dabei auch der Tankstellenwärter zu Tode kommt. Übrigen ist das Wildschwein auch nicht allein schuld daran, dass das Entführerfahrzeug entgleist, vielmehr sind die beiden Männer während der Fahrt deshalb abgelenkt, weil der ältere (und psychotischere) von seinem jüngeren Sidekick verlangt, er solle ihn küssen und ihm sagen, dass er ihn liebe, - was im Kontext dieses Streifens meine Kinnlade um einige Zentimeter nach unten rücken ließ.

Wenn gegen Ende dann auch noch Mutter und Sohn aus der Prologsequenz wieder auftauchen – (die Alte und ihr inzwischen zum Teenager herangereifter Sprössling halten sich regelmäßig für längere Zeit im Wald auf, um dort das Überleben für den Dritten Weltkrieg zu üben) -, und wenn Ève es schafft, vor ihrem Erzfeind in einen Neubau zu fliehen, wo gerade ein potenziell am Kauf interessiertes Pärchen von einem Makler herumgeführt wird, der alles daran setzt, seine Kunden in spe den Anblick der blut- und dreckverschmierten Frau zu ersparen, und wenn dann auch noch aus dem Nichts eine Gruppe Paintball-Spieler auftaucht, die Ève, als würden sie sie gar nicht registrieren, mit bunter Farbe beschießen, sodass ihr schreiendes Gesicht alsbald um eine hellblaue Kriegsbemalung ergänzt wird, dann weiß ich wirklich nicht, ob HUNTED ernsthafter Genre-Film sein will, dem manchmal die eigenen Avantgarde-Sensibilitäten zu Kopf steigen, ob Paronnaud derartige Genre-Ware bewusst dekonstruieren und durch den Kakao ziehen wollte, oder ob HUNTED vielleicht sogar ein Film ist, der in die Surrealismus-Schiene eines Bunuel gehört: Straighte Narration wird vorgetäuscht, um dann doch durch wohldosierte, jedoch wahrhaftige Kopfpatsch-Momente vereitelt zu werden.

Antworten