Cœur fidèle - Jean Epstein (1923)

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Salvatore Baccaro
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Cœur fidèle - Jean Epstein (1923)

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Originaltitel: Cœur fidèle

Produktionsland: Frankreich 1923

Regie: Jean Epstein

Darsteller: Gina Manès, Léon Mathot, Edmond Van Daële, Marie Epstein, Claude Benedict, M. Maufroy, Madeleine Erickson



Den Begriff Melodrama hat man für solche Geschichten erfunden: Die Vollwaise Marie führt ein freudloses Leben bei ihren Adoptiveltern, die eine Hafenschenke in Marseille betreiben und ihr Ziehkind wie eine Haussklavin behandeln. Auch dass ein berüchtigter Trunkenbold und Kleinganove namens Petit Paul ein Auge auf Marie wirft, stellt für die Eheleute kein Grund zur Besorgnis dar, vielmehr reift in ihnen der Gedanke, dem zwielichtigen Gesellen Maries Hand bereitwillig zu überlassen, sie aber gleichzeitig weiter als Bedienstete behalten zu können. Marie freilich verspürt Petit Paul gegenüber Angst und Abscheu, und findet Zuflucht bei Dockarbeiter Jean, mit dem sie sich seit geraumer Zeit heimlich trifft: Wenn sie ihren Rabeneltern weismacht, sie würde frisches Öl für die Küche holen gehen, erträumt sie sich stattdessen zusammen mit Jean ein Leben in Freiheit und Liebe. Jean wiederum erträgt Maries Kummer nicht länger – und schon gar nicht, dass Paul in die Offensive geht, und sie offiziell zur Frau fordert. Als Jean allerdings Maries Adoptivvater ins Gewissen reden möchte, sind Paul und seine Spießgesellen schnell zur Stelle, um den Nebenbuhler per Gewalt aus der Kneipe zu befördern. So schnell gibt dieser jedoch nicht auf und folgt Paul und Marie auf den Rummel, wo dieser mit seiner unwilligen Braut die Verlobung zu feiern gedenkt. Es kommt zum Zweikampf zwischen den beiden Männern, ein Polizist wirft sich in die entbrennende Schlägerei, und endet mit einem Messer in der Brust. Da Petit Paul sich flink aus der Affäre zieht, ist es Jean, für den die Handschellen zuklappen: Ein Jahr lang muss er wegen Totschlags hinter schwedische Gardinen wandern, eine Zeitspanne, die nicht ausreicht, ihn Marie vergessen zu lassen, weswegen seine erste Amtshandlung nach der Entlassung es ist, seine Liebste in ganz Marseille zu suchen. Zwar bricht für ihn eine Welt zusammen, als er sie an der Seite Pauls in einer armseligen Wohnung vorfindet, wo sie tagsüber ihren kranken Säugling pflegt und sich um den Haushalt kümmert, und abends die gewalttätigten Saufattacken ihres Angetrauten über sich ergehen lassen muss. Doch Jean liebt Marie zu sehr, als dass er sie in ihrem Unglück würde alleinlassen können. Zusammen mit einer gehbehinderten Nachbarin setzt er alles daran, Maries Los durch kleine Gesten und Aufmerksamkeit etwas leichter zu gestalten – solange jedenfalls bis das Gerücht im Hafenviertel die Runde macht, dass Marie in Pauls Abwesenheit fremden Männerbesuch empfängt, und der Gangster sich einen Browning besorgt, um seinen Rivalen endgültig in einem kurzen Prozess abzuurteilen…

Unter den Händen eines durchschnittlichen Regisseurs hätte ein solcher Stoff im besten Fall zu klischeebeladener Konfektionsware werden müssen, im schlechtesten Fall zu einem rührseligen Herzschmerzkarussell, bei dem kein Auge trockenbleibt. Was der seinerzeit gerade mal fünfundzwanzig Jahre alte Jean Epstein, der das Drehbuch zusammen mit seiner Schwester Marie geschrieben hat, mit der auf dem Papier eher schematisch anmuteten Handlung anstellt, ist indes nichts weniger, als ihr Avantgardismen einzuimpfen, die wohlgemerkt zu keinem Zeitpunkt wie selbstzweckhafter Manierismus wirken: Epstein arbeitet mit extremen Großaufnahmen, in denen die Gesichter seiner Schauspieler förmlich in die Kameralinse hineinzuschlüpfen scheinen; mit Verfremdungseffekten, die dadurch entstehen, dass er seine Darsteller hinter Zerrspiegeln filmt; mit Maschinengewehr-Montagen, die gerade die emotional aufgepeitschten Szenen wie Musterbeispiele dafür wirken lassen, wie man Spannung allein über den Schnitt herstellt; mit Blicken, die seine Hauptdarstellerin Gina Manès, die vierte Wand durchbrechend, direkt in das Objektiv wirft; nicht zuletzt schnallt er die Kamera in der Rummelplatzsequenz, die tatsächlich ähnliche Experimente im expressionistischen Stummfilm der Weimarer Zeit bei Murnau oder Dupont vorwegnimmt, auf ein Karussell, was zu Bewegungsentfesselungen der statischen Apparatur führt, die die Zeitgenossen noch viel mehr beeindruckt haben müssten als es bei mir fast einhundert Jahre später der Fall ist. Wie so oft nimmt das zeitgenössische Publikum den Film allerdings eher kühl auf: COEUR FIDÈLE wird, was das Schicksal etlicher Meisterwerke der Stummfilmzeit darstellt, erst Jahrzehnte später wiederentdeckt, dann aber gerechtfertigtertweise dafür gefeiert, dass er das Wunder vollbringt, einen Stil einzuschlagen, der sich irgendwo zwischen Poetischem Realismus und purer Experimentierfreude einpendelt. Anders gesagt: Naturalistische Schilderungen des Hafenarbeitermilieus mit seinen am Existenzminimum dahinsiechenden Säufern, Prostituierten, Körperbehinderten treffen auf lyrische Aufnahmen des Ozeans, wie sie Epstein auch in seinen späteren Filmen regelmäßig verwenden wird, um das aufgewühlte Innenleben seiner Figuren zu versinnbildlichen. Dass Jeans Schwester Marie, die ab Ende der 20er mit ihrem Ehemann Jean-Benoît-Lévy selbst mehrere sehenswerte Filme inszenieren wird, die „verkrüppelte“ Nachbarin ihrer fiktionalen Namensvetterin verkörpert, ist dabei genauso ein zusätzliches Sahnehäubchen wie die filigrane Art und Weise, mit der Epstein, obwohl sein Film freilich in einem Happy End ausklingt, auch am Schluss wenigstens noch ein paar schwarze Wolken am Horizont kleben lässt.

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