Was vom Tage übrigblieb ...

Euer Filmtagebuch, Kommentare zu Filmen, Reviews

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Maulwurf
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...

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Werewolf in a women’s prison (Jeff Leroy, 2006) 7/10

Leise geht der Mond auf über dem Frauengefängnis von Campuna, und nach einem langen Tag voller Folterungen und Prügeleien, voller Auspeitschungen und sadistischer Spielchen der Wärter, nach all dem Mühsal und Ärger können sich die Insassinnen nun endlich entspannen. Bebe und Kelly, die beiden mit den größten Möpsen, streicheln sich gegenseitig, küssen sich zärtlich und lecken sich voller Inbrunst. Die fiese Oberaufseherin Rita reitet den noch viel fieseren Direktor Juan brünstig von hinten. Rachel, die heute einen erfolglosen Ausbruchsversuch gestartet hatte, und darum lange gefoltert wurde, wird gefesselt und von einem Bekannten der Familie vergewaltigt, und die böse Crystal lässt die männliche Wache ran, damit der sie in die Zelle von Sarah lässt und sie Sarah umbringen kann. Doch Sarah, die Neue, die heute bei der Prügelei auf dem Gefängnishof absolut alle Angreiferinnen zu Brei geschlagen hat, ist offensichtlich gar nicht in ihrer Zelle. Stattdessen liegt dort eine grausam zerstückelte Leiche. Und als Crystal sich umdreht und sieht, was die Leiche in ihre Einzelteile zerlegt hat, da ist es für sie auch bereits zu spät. Denn Sarah ist ein Werwolf (richtiger: Ein She-Wolf), und nachdem sie beim ersten Vollmond nach dem originären Biss im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt hat, hat sie die Kontrolle über sich verloren, und verwandelt sich in stressigen Situationen in ein blutgieriges Monster mit herkulischen Kräften. Wie der gewaltige Hulk …

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Als Monster sieht Sarah ein wenig aus wie eine blutbespritze Mischung aus einem Osterhasen und einem verschimmelten Stückchen Fell mit rotleuchtenden Augen (so wie in Jeff Leroys Erstling EYES OF THE WEREWOLF auch), aber davon darf man sich nicht täuschen lassen. Als Juan Sarah auf einer Art Jahrmarkt ausstellt und ihre Verwandlung erzwingt, indem er ihre einzige Freundin Rachel auspeitschen lässt, da zeigt sich, dass Sarah definitiv keinen Spaß versteht. Das folgende Blutbad ist dann ziemlich umfassend, aber Juan hat vorgesorgt und sechs silberne Kugel gegossen. Wird eine davon Sarahs Blutrausch beenden können?

Eingebettet in eine Landschaft, die so auch aus Jess Francos FRAUEN IM LIEBESLAGER stammen könnte, werden wir lustvoll Zeugen eines Frauenknasts, den sich Onkel Jess wahrscheinlich immer erträumt hat. Die Frauen sind entweder fast nackt oder komplett unbekleidet, die Wärter sind fies, und die Stimmung ist auf dem Höhepunkt. Tatsächlich habe ich mich mehrmals in einem Franco-Exploiter aus der Erwin C. Dietrich-Zeit gewähnt, die ganze Atmosphäre ist irgendwo zwischen FRAUENGEFÄNGNIS und sagen wir KILLER BARBYS angesiedelt. Letzterer hat zwar keine Monster im Cast, aber diese überbordende und völlig verquere Stimmung, die würde gut passen.

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Was allerdings gar nicht zu Jess Franco passen würde ist das große Sterben, das ausgesprochen blutig ins Bild gesetzt wird, freilich nicht ohne einen gewissen Hang zur grotesken Übertreibung. Eine Gefangene wird vom Monster durch die Gitterstäbe gezogen: Ein Bein links, das andere rechts, und Hauruck. Das Ergebnis steht der Vervielfältigung John Steiners in CUT AND RUN nicht nach, nur die Tricktechnik ist vielleicht nicht ganz so überzeugend. Macht aber nichts, es funktioniert, vor allem weil das sowieso alles nicht ernst gemeint sein kann. Die Schauspieler gehen völlig in ihren Rollen auf, die von allen Hemmungen befreiten Brüste wackeln dass es nur so eine Freude ist, und Rita weht in Unterwäsche und langem Lackmantel durch die Gefängnisgänge auf der Suche nach einem weiblichen Opfer zum Peitschen oder einem männlichen zum Vögeln - Alles nur und ausschließlich zur Freude des (männlichen) Zuschauers, der vor lauter attraktiven Damen, denen gleich reihenweise die Gedärme rausfallen, gar nicht mehr weiß wo er hinschauen soll. Vor allem die extrem hübsche Yurizan Beltran, die im Evaskostüm mit Unmassen von Blut bekleckert wird, und sich vorher mit der nicht minder hübschen Sindy Lange vergnügt, macht viel Laune. Wer die Filmographien der beiden Damen studiert könnte sich dann höchstens noch darüber ärgern, dass WEREWOLF.. den Schwerpunkt doch eher auf das spritzende Blut legt, anstatt auf andere ebenfalls spritzende Körpersäfte …

Habe ich schon Jack erwähnt, der Sarah regelmäßig als Geist besucht, und sich im Lauf des Films immer mehr in seine Einzelteile auflöst? Ein Auge landet beim Husten versehentlich auch mal in Sarahs Mund … Oder das Telefon, das angeblich eine Direktleitung zur amerikanischen Botschaft hat, in Wirklichkeit aber eine Direktleitung zur Steckdose. Oder Badger, der fette Söldner, der gut dafür bezahlt wird flüchtige Mädchen wieder einzufangen. Oder Werwölfe … WEREWOLF.. befriedigt niedrigste Instinkte und macht einfach ziemlich Spaß, und zwar auf einem absolut unintellektuellem Niveau. Was zu einer fetten Empfehlung meinerseits führt …

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Maulwurf
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Waltz with Bashir (Ari Folman, 2008) 8/10

Der einstige Soldat Ari Folman versucht sich zu erinnern was er im Krieg getan hat. Da ist ein schwarzes Loch in seiner Erinnerung, und nun besucht er einstige Kameraden, um herauszufinden was damals geschah. Damals, das heißt im Libanonkrieg 1982: Israelische Soldaten marschieren in den Libanon ein, um die Infrastruktur der dortigen PLO zu zerstören.

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Manchmal gibt es Filme, die lassen einen einfach sprachlos zurück. Da fehlen dann die Worte, um das Gesehene adäquat auszudrücken, zu verarbeiten, und wiedergeben zu können, was da gerade über einen hereingebrochen ist. Dabei ist es ja nicht einmal so, dass WALTZ WITH BASHIR besonders brutal ist, außerordentliche Grausamkeiten oder gar einen Genozid zeigt oder beschönigt. Im Gegenteil, lange Zeit hält der Film, trotz düsterer Grundstimmung, eine gewisse Lockerheit bei. Die Erlebnisse der israelischen Soldaten am Strand, sowohl im Gefecht wie auch in den Pausen, tragen dazu bei, dass man sich den Krieg auch schön reden könnte (wenngleich spätestens das Baden im Meer nicht von ungefähr an APOCALYPSE NOW erinnert). Erst gegen Ende, wenn die Massaker von Sabra und Schatila greifbarer werden, und die mehr oder weniger unmittelbar Beteiligten (und ich meine das genau so) erzählen, dann schleicht sich allmählich das Grauen in das Unterbewusstsein des Zuschauers. Dabei ist WALTZ WITH BASHIR ein Trickfilm, und seine Bilder, die in ihrer Einfachheit und Eindringlichkeit manchmal an die Zeichnungen von Jacques Tardi erinnern, unterscheiden sich durch nichts von echten Bildern aus Srebenica oder Ruanda. Oder aus Kasimierz. Erst am Ende des Films wechselt der Trickfilm in einem fließenden Übergang zu echten Bildern der Opfer, und dem Betrachter wird dann erst schmerzhaft klar, wie kurz der Weg nach Theresienstadt sein kann.

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Mit diesem Vorgehen hat WALTZ WITH BASHIR das Zeug, kräftig zu polarisieren, und Freundschaften während der Diskussion zu zerstören. Dabei will der Film doch eigentlich nur den Blick der Welt auf ein Geschehnis richten, dass zum Entstehungszeitpunkt des Films runde 25 Jahre zurücklag, fast völlig vergessen ist, und durch seine Auswirkungen immer noch für Angst und Tod, für Terror und Schrecken sorgt. Und dies nicht nur am Ort des Grauens, sondern weltweit, den es kann mir keiner erzählen, dass diejenigen, die dieses Massaker überlebt haben, danach voller Frieden und Freude im Herzen normalen Bürojobs nachgegangen sind.

Das Spannende an dem Film ist, dass der Regisseur ein Israeli ist, der bei den geschilderten Ereignissen tatsächlich dabei war. Dadurch entfällt der Reflex, der jedes Mal zuschlägt wenn die israelische Regierung eine Militäraktion gegen die Palästinenser startet und Kritik per se als Antisemitismus gewertet wird. Als Resultat sitzt der (deutsche) Zuschauer dann vor dem Bildschirm seines Fernsehers und sieht sich in die Zwickmühle gedrängt, das, was er gerade gesehen hat, als Vorstufe zum Völkermord zu verurteilen, und sich dabei gleichzeitig schuldig zu fühlen, da Israelis so etwas per Definition nicht tun. Wenn ein Film solche Reaktionen und Gedankengänge auslösen kann, dann kann es kein schlechter oder billiger Film sein. WALTZ WITH BASHIR ist vieles, und vor allem ist er nicht schön, denn er entlässt den Zuschauer mit dem Gefühl eines leichten Brechreizes. Was ihn nur umso wichtiger und wertvoller macht.

https://de.wikipedia.org/wiki/Libanonkrieg_1982
https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_ ... d_Schatila

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Maulwurf
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Beitrag von Maulwurf »

Der Todesrächer von Soho (Jess Franco, 1971) 8/10

Prinzipiell erstmal eine Aneinanderreihung von Bausteinen aus dem Edgar-Wallace-Krimibaukasten, ist die Story sehr wohl flott und spannend, atmosphärisch erstklassig umgesetzt, mit tollen Schauspielern, und überhaupt macht der Film einfach Laune.


Soweit mein Kurzkommentar zum Original DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER, einem CCC-Krimi aus der klassischen Hochzeit der Wallace-Filme. Knapp 10 Jahre später hat Jess Franco dann ein Remake gedreht, schauen wir doch mal, was er aus der sehr guten, wenngleich auch konventionellen Vorlage gemacht hat.

In London geht die Angst um: Männer aus dem Ausland finden ihre Koffer gepackt vor, und wenn sie dann voller Schrecken abreisen wollen, landet ein Messer in ihrem Herzen. Inspektor Redford von Scotland Yard ist bereits am Verzweifeln, da findet sich doch noch eine Spur. Der Arzt Dr. Bladmore, der zufällig am letzten Tatort zugange war, hat den Koffer des Opfers gestohlen. Redford findet nicht nur den Arzt suspekt, sondern auch dessen Angestellte Helen ausgesprochen liebreizend. Da verschwindet plötzlich sein alter Freund, der Kriminalschriftsteller Charles Barton. Redford tappt im Dunklen, der Zuschauer aber weiß mehr: Barton ist gar nicht Barton, sondern hat sich den Namen von einem früheren Zellengenossen geliehen. Außerdem ist er schwer drogensüchtig, und wie er in seinem Stammclub, der Flamingo-Bar, ein Abenteuer mit Mizzi sucht, kreuzt er unglücklich die Wege der Drogenmafia in Form der Barbesitzerin Celia, und landet daraufhin tot im Hafenbecken. Vermeintlich tot, denn er hat den fiesen Mordanschlag überlebt und will jetzt Rache. Rache für ein verpfuschtes Leben als Drogenabhängiger …

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Klingt wirr? Ist wirr. Macht aber nichts, denn so halbwegs macht die Handlung durchaus Sinn, auch wenn das Original auf Logik und schlüssige Abläufe erheblich mehr Wert gelegt hatte. Was Franco aber dem älteren Film weit voraus hat ist die Stimmung die er aufs Tapet zaubert. TODESRÄCHER legt von Beginn an ein höllisches Tempo vor, welches alles und jeden beiseite fegt. Loch in der Handlung? Wurscht! Szenen die einander widersprechen? Egal!! Es wird gemordet und telefoniert dass sich die Balken biegen, und mittendrin mit Elisa Montés und Barbara Rütting zwei extrem gutaussehende Frauen, die beide sehr viel Erotik ausstrahlen – Die eine eher unschuldig und mit verweintem Mascara, die andere mehr lasziv-dominant im Lackmantel. Ein Traum, vor allem wenn Horst Tappert die Rütting zwischen zwei Bettpfosten fesselt, mit Parfüm bespritzt und droht ein Streichholz anzuzünden wenn sie nicht redet …

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Zu diesem Tempo kommt noch eine fetzige und stimmige Musik (das Hauptthema aus Alfred Vohrers PERRAK treibt unaufhörlich nach vorne und bügelt jeden Gedanken an Langeweile einfach nieder), und die Fotografie ist glaube ich mit die Schönste, die ich jemals in einem Jess Franco-Film gesehen habe. Fischauge, Weitwinkel und Zoom treiben wildeste Spiele mit der Wahrnehmung des Zuschauers und führen ihn in eine Welt voller grafischer Überraschungen und Geheimnisse.

Wer spielt da sonst noch so mit? Horst Tappert ist genial und abgründig als Charles Barton auf seinem Rachefeldzug, Rainer Basedow mimt einen Sergeant der Jacky Chans Telefonstunt aus POLICE STORY fast vorwegnehmen könnte, und hat zusammen mit Fred Williams eine Sequenz beim Öffnen zweier Türen, die mich zum lauten Lachen animiert hat. In einem Jess Franco-Film etwas, was ich so fast nie erwartet hätte … Fred Williams ist nett und macht seine Sache als Inspektor sehr gut, und Luis Morris nervt mit der Stimme von Hans Clarin bei weitem nicht so sehr wie Eddi Arent im Original. Dafür hat es aber ein herrlich knuffiges Sproioioingggg auf der Tonspur, wenn die Messer ihr Ziel treffen. Herzallerliebst …! Der damals schwer angesagte Giallo wird referenziert (ein Mord mit schwarzen Handschuhen, in Großaufnahme und mit den Augen des Mörders aufgenommen, sehr liebevoll inszeniert), und der Tod von Mizzi dürfte Brain Clemens inspiriert haben zum fast identischen Tod in der DIE PROFIS-Folge EVEREST WAS ALSO CONQUERED (auf deutsch SIR ARDENS GESTÄNDNIS) …

Wie würde dann also die Kurzkritik zur Franco-Version lauten? Prinzipiell erstmal eine wilde Ansammlung von Bausteinen aus einem Krimi-Baukasten, ist die Story extrem schnell, wenngleich auch nur bedingt spannend. Dafür aber atmosphärisch hinreißend umgesetzt, macht TODESRÄCHER mit tollen Schauspielern und fetziger Musik unglaublich Stimmung. Einer von Francos besten Filmen. Wenn man bereit ist, sein Hirn vollständig auszuschalten, und sich diesem Rausch rückhaltlos hinzugeben!

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Maulwurf
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House of Flying Daggers (Zhang Yimou, 2004) 6/10

Pünktlich zum ersten Schneefall des Winters gab es HOUSE OF FLYING DAGGERS zu sehen. Draußen wie drinnen Märchenland und Realitätsverlust. Auf beiden Seiten der Fensterscheibe kein Schmutz und keine Arglist mehr zu sehen, sondern weiße Unschuld und Reinheit. Nun gut zumindest was den Film betrifft stimmt das nicht ganz.
Der Held ist Kommissar Jin, der auf die Tänzerin Mei angesetzt wird, steht diese doch im Verdacht, mit der Widerstandsgruppe House of Flying Daggers im Kontakt zu stehen, eventuell gar deren Anführerin zu sein. Jins Vorgesetzter Leo hat einen Plan ausgetüftelt: Jin befreit Mei aus dem Gefängnis und flieht mit ihr. Im Laufe dieser Flucht rettet Jin Mei ein paar Mal das Leben, woraufhin sie ihm vertraut und ihn zu den Rebellen führt. Leo ist immer in der Nähe und kann dann endlich zuschlagen – So der Plan. Nicht in diesem Plan berücksichtigt ist, dass Jin sich allmählich in die kluge und zarte Mei verliebt, genauso wie Mei sich in den ungestümen und gutaussehenden Jin verliebt. Und es ist auch zu berücksichtigen, dass manche Figuren in diesem Schachspiel eine Doppelbödigkeit an den Tag legen, durch die die fragile Komplexität schnell zerbrechen kann.

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Der Versuch, die wesentlichen Bestandteile der einfach gestrickten Handlung nicht zu spoilern, endet in Satzkonstrukten, die fast mit dem Film verglichen werden können: Schöne Worte, wenig Inhalt. Oder anders ausgedrückt: HOUSE OF FLYING DAGGERS ist ein visuelles Meisterwerk, ein opulentes Gemälde vor dem Hintergrund der Liebe und der Pflichterfüllung. Wuxia für Arthouse-Fans, auch wenn der Tod ausgesprochen häufig kommt, und aussieht wie in Filmen von Demofilo Fidani – Unter mindestens einer Rolle seit- und rückwärts gleichzeitig wird hier nicht gestorben. Bilder wie Kunstwerke, die von einer entfesselten Kamera und diszipliniert und dabei gleichzeitig entfesselten Schauspielern punktgenau gemalt werden und geradezu betäuben in ihrer Pracht und ihrer Schönheit. Auch wenn ich des Öfteren einmal den HERR DER RINGE vermeinte zu sehen – Die Waffenbeherrschung von Jin und seine Ausstrahlung erinnern nicht von ungefähr an Legolas …

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Aber hinter den schönen Bildern, den überwältigenden Kämpfen und den herrlichen Naturbildern (gedreht wurde in der Ukraine!) kommt nicht mehr viel. Die Handlung ist wie gesagt eher dürftig und komplett dazu ausgelegt, ansprechende Schauspieler vor ansprechenden Kulissen zu zeigen, Schwertkämpfe mit atemberaubender Artistik (und vielen Schnitten) abzubilden, und allein schon Meis Tanz im Pavillon ist ein Höhepunkt cinematografischer Kunst. Eine opulente Ausstattung, die einem Hollywood-Film aus der goldenen oder silbernen Ära in nichts nachsteht, und deren wunderbaren Märchengehalt noch bei weitem übersteigt. Aber es ist halt alles so schrecklich künstlich und abgehoben. Hübsch anzuschauen und doch so leer. Kein Film, der wirklich satt macht, sondern nur für kurze Zeit Nahrung anbietet, dies dann aber zugegeben umso reichhaltiger. Und wie der Schnee auch wieder schmelzen wird, und es so sein wird als ob nie einer lag, so werden auch die Eindrücke von HOUSE OF FLYING DAGGERS spurlos verschwinden. Meine Erstsichtung vor vielen Jahren hinterließ außer einer deutlich höheren Wertung jedenfalls kaum Erinnerungen. Vielleicht ist Film doch etwas mehr als nur schöne Menschen in schönen Bildern …

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Maulwurf
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Beitrag von Maulwurf »

Fall of the eagles (Jess Franco, 1989) 4/10

Herbst 1939: Die Sängerin Lillian Strauss liebt den Komponisten Karl Holbach. Doch Karl muss in den Krieg, sehr zur Freude von Lillians patriotischem Vater, und muss in Nordafrika kämpfen. Während er der Stimme seiner Geliebten im Radio lauscht fällt er einem Angriff zum Opfer und wird schwer verletzt. Lillian, die von Karl nichts mehr hört, meldet sich zur Truppenbetreuung und wird an die Ostfront versetzt. Nach wilden Erlebnissen mit Partisanen und der neuen Freundschaft zu einem homosexuellen Kommandeur trifft sie Peter Fröhlich wieder, der sie immer heimlich verehrt hat. Sie heiratet ihn auf dem Sterbebett und ist nicht mal eine Minute später eine Witwe. Mittlerweile ist Karl wieder gesund und kämpft ebenfalls an der Ostfront. Werden sich die beiden Liebenden jemals wieder treffen? Wird der Krieg irgendwann vorbei sein und alles wieder so sein wie früher? Wird Lillians Vater Walter Strauss seine Verblendung erkennen und den Glauben an das Dritte Reich verlieren? Wird das überhaupt jemals jemanden interessieren?

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Jess Franco hat mich schon oft überrascht. EL MIRÒN Y LA EXHIBICIONISTA zum Beispiel mit seinen doppelten Böden und der kunstvoll eingezogenen Metaebene war etwas vollkommen andersartiges, der freche FALO CREST fällt mir ein, der so sonnig und herzig daherkommt, oder die Video-Studie PAULA-PAULA, die sehr sinnlich mit den Möglichkeiten digitaler Bilder spielt.

Und auch dieses Mal überrascht mich Jess Franco - Allerdings im negativen Sinne! Denn eine Kriegsromanze auf technisch hohem Niveau hätte ich von ihm nie im Leben erwartet. Über lange Strecken wähnte ich mich bei der Sichtung einer Vorabendserie über das Schicksal eines jungen Paares, das vom Krieg auseinandergerissen wird. Schicksalswolken im Osten hätte man das dann nennen können, auf der Basis eines Romans von Konsalik. Absolut alles, was filmisch jemals mit Jess Franco in Verbindung gebracht wurde, fehlt hier: Zooms, Schwenks, meisterhaft geführte Wackelkamera, das Meer, nackte Frauen … Stattdessen mehr als nur ein Flair der GULDENBURGS in Verbindung mit jeder Menge Kitsch und Liebesschmonzes, und für die Actionszenen Material aus Alfredo Rizzis HIMMELFAHRTS-KOMMANDO ZUR HÖLLE (was man ja aus OASE DER ZOMBIES schon kennt) sowie aus FOLTERZUG DER GESCHÄNDETEN FRAUEN und CONVOI DES FILLES. Außer beim hanebüchenen Schluss hatte ich in keiner Sekunde das Gefühl, einen Jess Franco-Film zu sehen, sondern einer Produktion der ARD beizuwohnen. Technisch wie erwähnt auf hohem Niveau, ist die Story über weite Strecken schlicht und ergreifend uninteressant und schwülstig. Lillian, die in schwarzer Unterwäsche vor deutschen Soldaten ihr Lied singt (und dabei offenbart dass sie keine wirklich gute Sängerin ist), Lillian die in schwarzen Strapsen vor amerikanischen Soldaten ihr Lied singt (und immer noch emotionslos und schlecht singt), Herzschmerz-Szenen zwischen Liebenden vor dem Hintergrund des alles zerstörenden Krieges (der macht zum Beispiel Autos kaputt, und Häuser, aber manchmal auch Menschen) …

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Der einzige Grund sich diesen Flick anzuschauen ist Christopher Lee als Lillians Vater Walter Strauss. Ein Kriegsspekulant und überzeugter Nationalsozialist, der in seiner eigenen kleinen Welt lebt und nicht erkennt, was die Menschen um ihn herum wirklich bewegt. Über die Jahre spielt Strauss mit Karls Vater (immer wieder schön, Craig Hill zu sehen!) Billard, und selbst als der eines Abends nach seinem Fronteinsatz überraschend mit nur noch einem Arm erscheint, ist Strauss zwar fassungslos, gibt aber seine Haltung nicht auf. Lee spielt souverän, Craig Hill spielt kein Billard, und der Zuschauer spielt mit dem Gedanken diesen Unfug ganz schnell abzuschalten. Für Franco-Komplettisten interessant, ansonsten würde ich die Finger von dieser Soap-Opera lassen.

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Je suis à prendre (Francis Leroi, 1978) 7/10

Hélène hat den gutaussehenden und reichen Bruno geheiratet und geht mit ihm auf sein Schloss auf dem Land. Doch Bruno ist ständig geschäftlich unterwegs, der Stallknecht hat Instruktionen von Bruno bekommen (die nichts anderes besagen, als Hélène kräftig durchzureiten), und das Hausmädchen, nennen wir es vielleicht einmal Mrs. Danvers, reicht Hélène jeden Tag ein Glas Milch.

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Ich gebe gerne zu, dass mich die ersten 30 Minuten ausgesprochen irritiert haben. Für einen Porno gibt es erheblich wenig Explizites zu sehen, die Landschaftsaufnahmen sind schön, die Pferde ebenfalls, und irgendwie passiert relativ wenig von dem, was man mit einem Porno in Verbindung bringt. Aber es zeigt sich, dass nicht das Gepoppe hier den Kern des Films ausmacht, sondern die sonderbare und vergiftet wirkende Atmosphäre im Haus. Mrs. Danvers (die natürlich anders heißt, aber genauso wirkt) reicht Milch, und danach passiert mit Hélène etwas: Ihre Hormone spielen verrückt und sie wird geil wie Nachbars Lumpi. Woraufhin alle Insassen des Hauses, das Hausmädchen, der Stallknecht und der alte Butler, über Hélène herfallen – Heimlich beobachtet von Bruno, der mitnichten auf Geschäftsreise ist, sondern zuschaut, wie Knecht und Butler seine Frau verführen, während die Danvers ihm gleichzeitig einen bläst …

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Die Auflösung dieses ungewöhnlichen HCs ist dann leider sehr platt und bedient billigste Männerphantasien, aber bis dahin wird Hitchcocks VERDACHT reichlich hommagiert, an einer Stelle sogar bildgenau übernommen, und die Atmosphäre ist kalt und befremdlich. Während der HC-Szenen hat es keine Musik, der Soundtrack besteht meistens aus dem Heulen des Windes, und sogar die sehr sexy Szene mit zwei Frauen und dem Butler ist einfach anders als man das aus anderen Filmen kennt. Es schwingt immer so ein klein bisschen das Unheimliche mit, das Surreale, und das Mysteriöse. Ein Psycho-Thriller mit HC-Elementen, wenn man so will. Ein ausgesprochen interessanter Porno, der ganz andere Wege geht als das Hochglanzgelangweile der heutigen Zeit, der narrativ etwas zu bieten hat, und mit Brigitte Lahaie und Karine Gambier definitiv alles in feuchte (anstatt in trockene) Tücher bringt.

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Maulwurf
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Machtlos (Gavin Hood, 2007) 8/10

Der arabischstämmige US-Chemiker Anwar El-Ibrahimi betritt in Kapstadt ein Flugzeug, verlässt es aber in Washington nicht mehr. Offiziell war er nie auf diesem Flug, und die Südafrikaner haben einen Fehler gemacht. Das behaupten die amerikanischen Behörden steif und fest, doch El-Ibrahimis Frau Isabella kann hieb- und stichfest belegen, dass ihr Mann tatsächlich an Bord dieses Fluges war, aber die Frage ist natürlich: Wohin ist er verschwunden? Isabella stößt auf eine Mauer des Schweigens.
Sie kann sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, dass ihr Mann in einem US-amerikanischen Geheimgefängnis in Ägypten sitzt und verhört wird. „Verhört“, das bedeutet dass er gefoltert wird, um die Hintermänner eines vor ein paar Tagen erfolgten Selbstmordanschlags in Nordafrika zu verraten, von denen er selbstredend nicht die geringste Ahnung hat. Und niemand glaubt seinen Unschuldsbeteuerungen …

Nach den Ereignissen im September 2001 dauert es nicht mehr lange und die Nachricht ging durch die Medien der Welt, dass die USA in aller Herren Länder Geheimgefängnisse unterhalten. Dort werden Gefangene mit barbarischsten Methoden gefoltert um den „Kampf gegen den Terror“ weiterzuführen. Da aber diese Gefängnisse nicht auf amerikanischem Boden liegen, unterliegen sie auch nicht der amerikanischen Gerichtsbarkeit. Wer dort landet ist verloren. Bis heute sollen vor allem in einigen osteuropäischen Staaten diese Gefängnisse existieren. HOSTEL anyone …?

Diesen Zeitbezug muss man aber parat haben, um MACHTLOS richtig einsortieren zu können. MACHTLOS ist kein ewig gültiger Politthriller à la AUGENZEUGE EINER VERSCHWÖRUNG, sondern bezieht sich eben sehr stark auf damals aktuelle Nachrichten und Vorkommnisse, die zwar heute wahrscheinlich immer noch bestehen, aber eben nicht mehr in den Medien gehandelt werden. Durch diesen Zeitbezug kann es aber schnell passieren, dass man den Film als Flickwerk abhandelt, welches einige Löcher im Ablauf aufweist und vor allem gegen Ende hin unlogisch und krampfhaft mainstreamig wird.

Dabei wird aber gerne das Drama übersehen, um welches sich die eigentliche Erzählung rankt. Mehrere Ebenen werden hier parallel aufgefächert, und der deutsche Titel Machtlos passt zu jeder dieser Ebenen geradezu perfekt. Da ist einmal natürlich El-Ibrahimi, der in den Händen der Folterer ist, die ihm seine Unschuld nicht glauben wollen (und nicht glauben dürfen, weil ihnen dies untersagt wird), und denen er auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist bis es ihnen gefällt ihn irgendwann, in gefühlten 1000 Jahren, einmal endlich zu töten. Dann ist da der junge Analytiker und Schreibtischtäter Douglas Freeman, der diese Folterungen berufsmäßig beobachten muss, und daran zunehmend verzweifelt. So kalt wie er tut ist er nicht, und das, was er da sieht was „sein“ Land anderen Menschen antut, beginnt ihn aufzufressen. Diese Dinge wurden in der Agentenschule nicht gelehrt, und er beginnt immer mehr, den Sinn seines Jobs in Frage zu stellen. Aber auch Freeman (man beachte das Wortspiel des Namens) ist machtlos gegenüber den Anweisungen seiner Vorgesetzten einerseits, und den Ausführungen des Folterers andererseits, denn er darf in die „Verhöre“ nicht eingreifen.

Dann ist da El-Ibrahimis junge Frau Isabella, die in Washington versucht herauszubekommen was ihrem Mann zugestoßen ist, und die zunehmend gegen immer höher wachsende Mauern läuft. Zwischen dem Wunsch nach Wiederwahl und der Notwendigkeit des Schutzes der Nation (durch Folterung Verdächtiger in anderen Ländern! Aber die USA foltern nicht, das wird von der CIA-Verantwortlichen Corrine Whitman klar und deutlich festgestellt), zwischen diesen beiden Polen kann und darf es keine Aussage über das Schicksal eines armen Tropfes geben, der zwischen die Mühlsteine der großen Menschenvernichtungsmaschinerien gekommen ist. Auch Isabella ist hilflos, und die Menschverachtung die ihr entgegenschlägt, ist die gleiche, die ihrem Mann angetan wird. Alles im Namen des Schutzes von Menschen, wohlgemerkt …

Parallel dazu wird die Geschichte der jungen Fatima erzählt, die sich in Khalid verliebt hat, wo doch ihr Vater einen anderen Mann für sie ausgewählt hat. Ihr Vater, das ist der verantwortliche Folterer im Gefängnis, der seine Familie liebt, aber die Prinzipien seines Lebens und seines Glaubens sind für ihn wichtige Säulen und geben ihm Halt, und darum darf die Tochter keinen anderen Mann haben als denjenigen der er auswählt. Fatima flüchtet zu Khalid und kann nicht mehr nach Hause – Sie ist ebenfalls machtlos, und muss sich nun mit Khalid zusammen eine Zukunft aufbauen. Was nicht so ganz einfach ist, denn ebendieser Khalid ist ohne ihr Wissen Mitglied einer islamistischen Bruderschaft, die mit Selbstmordattentaten die Welt verändern will. Auch Khalid ist machtlos gegenüber den Einflüsterungen der falschen Propheten, die denken, dass Tod und Leid Heil bringen. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass auf der Seite der Ungläubigen die gleiche Meinung herrscht, nur dass Tod und Leid dort in einem anderen Maßstab verbreitet werden, nämlich durch die Folterung einzelner, anstatt durch möglichst grausam ausgeführte Sprengstoffanschläge auf viele Menschen. Aber Feuer und Schwert sind auf beiden Seiten auf jeden Fall die bevorzugten Mittel zum Bringen der gerade aktuellen Heilsnachricht …

Und das Entsetzlichste ist, dass die Argumentation Corrine Whitmans durchaus schlüssig ist. Wenn durch das Leid eines Einzigen das Leid von Tausenden vermieden werden kann, ist es das Leid dieses Einzigen wert? Diese Frage durchzieht den Film, und es ist eine hochgradig spannende Frage, die all den Unfug der letzten Viertelstunde locker überdauert und hinterher leuchtend im Raum steht: Wie kann man die Menschen, für deren Schutz man zuständig ist, am Besten schützen? Und es ist gleich, ob es um die Bürger eines Landes geht, oder um die eigene Familie. Und weil diese Frage so wunderbar gar nicht beantwortet wird, und weil die Personen, so plattitüdenhaft sie auch angelegt sein mögen, so realistisch wirken, weil zwar die amerikanische Produktion sich nicht einigen konnte ob der Anschlag jetzt in Tunis stattfand und die Folterungen von den Ägyptern ausgeführt werden (halt irgendwo in Nordafrika, das sind ja laut irgendeinem US-Präsidenten der letzten Jahre eh alles Dreckslöcher), die Atmosphäre in den Straßen und Gassen aber perfekt und vor allem realistisch getroffen wird, und weil so einige kleine und kleinste Dramen, die vielleicht auch nur angerissen werden, zum Nachdenken und Reflektieren anregen, deswegen ist MACHTLOS ein Film dem man ruhig eine Chance geben sollte. Er hat einige Fehler, aber er trifft eine (politische) Aussage und regt an zum Nachdenken und zum Diskutieren. Und solche Filme gibt es heutzutage nicht mehr so viele …

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Doctor X (Michael Curtiz, 1932) 7/10

Die Presse nennt ihn den Moon Murder, denn er tötet nur bei Vollmond, und er verstümmelt seine Opfer auf furchtbarste Weise. Aufgrund von Indizien weiß die Polizei, dass der Mörder aus dem Umfeld des Chirurgischen Instituts von Dr. Xavier kommen muss, der von dieser Anklage aber gar nicht begeistert ist, und um den Ruf seiner Anstalt fürchtet. Er erbittet von der Polizei 48 Stunden, die er nutzen will, um mit Hilfe eines wissenschaftlichen Experiments den wahren Mörder zu finden. Gemeinsam mit vier Kollegen und seiner Tochter Joanne zieht er sich in sein Landhaus auf Long Island zurück, um das Experiment durchzuführen: Alle Teilnehmer sind mit Handschellen an ihre Stühle gefesselt, alle Türen sind abgeschlossen, und der Butler Otto soll von den Augen der entsetzten Teilnehmer so tun als ob er Joanne ermordet. Doch zu diesem Zeitpunkt steckt bereits jemand anderes in Ottos Kleidung. Der wahre Mörder …

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Gesehen wurde die Originalfassung in Zweifarb-Technicolor, und es ist kaum zu glauben, was so ein bisschen Farbe ausmacht. Prinzipiell erstmal ein Mad Scientist-Fest in gotischem Ambiente, geben die Farben der Geschichte eine Tiefe, die sie eigentlich gar nicht verdient hat. Bei der Sichtung wähnte ich mich ein paar Mal fast im KABINETT DES DR. CALIGARI, so raffiniert und fantasievoll wird hier mit dem Technicolor umgegangen. Die Szenen in denen der Mond scheint und die Wissenschaftler alle so richtig nervös werden, das ist schon fortgeschrittene Gruselkunst.

Überhaupt, die Gruselkunst. William K. Everson schreibt über DOCTOR X „… vollgestopft mit zupackenden Händen, einem unheimlichen Laboratorium, einem vermummten Killer, Gasdüsen, Geheimtüren, einer wundervollen Ansammlung von Verdächtigen …“ (1), und damit hat er die Stimmung und den Inhalt des Films perfekt beschrieben. Ich persönlich mag Lee Tracy als komischen Journalisten Lee Taylor überhaupt nicht – Sein Humor kommt deutlich vom zeitgenössischen Slapstick, den Slowburn hat er sich von Oliver Hardy abgeschaut, und seine dummen Sprüche und sein Verhalten gegenüber der starken Fay Wray schaden dem Film in der ein oder andere Szene sogar eher. Dafür hat es mit der erwähnten Fay Wray als Joanne Xavier eine toughe und selbstbewusste Heldin mit Hang zur Schrecksekunde, die in ihren Szenen den Bildschirm deutlich beherrscht, und den affigen Lee Taylor schnell in seine Schranken weisen kann.

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Aber eigentlich ist das alles eitles und intellektuelles Geschwätz über einen Film, der mit seiner Atmosphäre und seinen Farben einfach erstklassig unterhält und eine Menge Spaß macht. Klassischer Grusel in einem gotischen Ambiente mit verrücktem(?) Wissenschaftler, erstklassigen Schauspielern und wunderbarer Atmosphäre – Da hat dann sogar Nervensäge Lee Tracy eine tolle Szene, wenn ein Plastikskelett am Nylonfaden auf- und abwippt, und er lächelnd dazu den Takt klatscht … Großes Kino!

(1) William K. Everson: Klassiker des Horrorfilms, München 1980

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