Was vom Tage übrigblieb ...

Euer Filmtagebuch, Kommentare zu Filmen, Reviews

Moderator: jogiwan

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Maulwurf
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...

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Gangs of Glasgow (Peter Mullan, 2010) 7/10

Hey, Du. (Männlicher) Leser dieser Zeilen. Bist Du in Deiner Jugend eher einer der Wilden gewesen? Hast gesoffen, geprügelt und exzessiv gelebt? Bist mit den Kumpels losgezogen, den anderen eine aufs Maul zu hauen? Dann ist das Dein Film!

Du begleitest John McGill, einen braven Musterschüler und Streber, in sein Leben hinein, das mit Drohungen von Größeren und Stärkeren flankiert wird, und das immer unter der Fuchtel arschlochiger Lehrer, des versoffenen und aggressiven Vaters und der schwachen Mutter stattfindet. Bis John eines Tages herausfindet, dass Gewalt wider Erwarten eben doch Lösungen anbietet. Wenn auch kurzfristige, aber der Typ, der ihm am ersten Schultag erklärt hat dass es jetzt jeden Tag Prügel setzen wird, der ist nach einer Behandlung durch den großen Bruder plötzlich lammfromm. Und der Vater, der abends stockbesoffen nach der Mutter brüllt weil er ficken will, der ist nach der näheren Bekanntschaft mit einer Bratpfanne ebenfalls wie geläutert. Und die Bandenkriege mit den Scheiß-Krews aus dem Nachbarviertel? Hey, das ist doch ein Riesenspaß, sich gegenseitig mit Eisenstangen und Messern zu bearbeiten. OK, der Typ der hinterher mit durchgeschnittener Kehle liegengeblieben ist, der fand das vielleicht nicht … Aber sonst ist Gewalt doch geil!

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Oder bist Du ein Braver gewesen? Zuhause sitzen und Bücher lesen, mit den Eltern etwas unternehmen, und eine gesicherte Existenz aufbauen? Dann kannst Du bei Diesem Film lernen, was Du alles verpasst hast: Knutschereien auf dem Friedhof, schlafen in einem Geräteschuppen auf dem Dach eines Wohnblocks, zum Frühstück eine geklaute Flasche Milch, zerschlagene Gesichter, blutige Hände, wenn es ganz heftig kommt auch mal ein bleibender Hirnschaden …

Der Weg John McGills ist ein sehr zielgerichteter Weg in eine einzige Richtung: Nach unten. Prügelnde Lehrer, prügelnde Mitschüler, ein (mutmaßlich) prügelnder Vater, und irgendwann ist klar was hier Sache ist, und wie man sich durchsetzt. John hat aber einen Vorteil: Sein Bruder Benny ist eine ganz große Nummer in der Welt der Gangs. Die D-Cars wollen ihm seine neuen Fußballschuhe und etwas Geld stehlen, aber als sie erkennen wessen kleiner Bruder das ist, da ist er sofort einer der ihren. Klare Sache was hier zählt: Die Bereitschaft härter zuzuschlagen und kaltblütiger zu sein als die anderen muss klar erkennbar sein, dann wird man akzeptiert. Von Haus aus mit einer hohen Intelligenz gesegnet erkennt John, dass diese Intelligenz in den Gorbals, einem der deutlich ärmeren Stadtviertel Glasgows, nur Nachteile bringt. Im Gegensatz zum Einsatz der Faust. Seine Intelligenz demütigt ihn, mit dem Messer in der Hand kann er die anderen demütigen …

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Angesiedelt in der ersten Hälfte der 70er-Jahre und mit deutlicher lokaler Referenz (breitester Glasgower Dialekt, Einsatz von Namen, die innerhalb der Ned-Szene ähnlich tatsächlich existiert haben) ist GANGS OF GLASGOW in erster Linie ein Coming-of-Age-Drama, aber eines, das man als Fan von Filmen im Stil von MADE IN BRITAIN oder AWAY DAYS, aber auch wenn man Hooligan-Filme mag, sehr wohl goutieren kann. Ein böser und düsterer Film, der nicht nur den Zuschauer am Ende in eine Welt ohne Hoffnung schickt, und der aufzeigt, dass Dramen mit sozialem Anspruch und knüppelharte Auf-die-Fresse-Filme sich in keinster Weise ausschliessen müssen.

https://en.wikipedia.org/wiki/Ned_(Scottish)

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Maulwurf
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Beitrag von Maulwurf »

Lost Killers (Dito Tsintsadze, 2000) 3/10

Branko und Merab versuchen sich als Auftragskiller, allerdings sind sie viel zu weich für den Job. Letzten Endes leben sie davon, dass Brankos Freundin Maria Geld ins Haus bringt, welches sie dann gemeinsam versaufen können. Parallel dazu lernen wir Lan kennen, die in Vietnam sehr begehrt war, hier aber kaum einen Freier bekommt. Doch, der gestrandete Carlos aus Haiti hat Gefallen an ihr gefunden. Und Lan hat Gefallen an Carlos. Carlos will eine Niere spenden, damit er weiter kann nach Australien, und Lan möchte mitkommen. Da kommt das Angebot von Branko, in ihrem Auftrag einen Mord zu begehen, gerade richtig.

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Uwe Schrader versucht sich als Quentin Tarantino. Das Milieu, die Figuren, der Charme zwischen Gloryhole und Kneipe, das könnte alles aus jedem Uwe Schrader-Film übernommen sein. Und die Dialoge und die etwas eigenartigen Situationen, die könnten aus den Filmen von Tarantino oder Guy Ritchie kommen.

Passt das dann zusammen? Nun ja, in der Theorie klingt das sehr gut, und ein guter Regisseur kann aus dieser Kombination sicher eine Menge herausholen. PULP FICTION in Mannheim, Xavier Unsinn rockt dazu die Hütte, und jede Menge Leichen und nackte Frauen bringen Stimmung in die Bude. Aber der georgische Regisseur Dito Tsintsadze geht lieber den anderen Weg, den des unbedingten Anspruchs, der leisen Komödie und des stillen Melodrams. Und scheitert damit, zumindest in den Augen des Genrefans. Denn die Figuren bleiben durch ihre Beschränktheit eher fern, und die Situationen sind überhaupt nicht skurril oder grotesk, sondern haben an manchen Stellen sogar einen echten Hang zum Fremdschämen.

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Vor allem ist das alles von diesem Hang zur Kopflastigkeit durchdrungen! Es darf nicht gelacht und gestaunt werden, das wäre dann wahrscheinlich nicht förderungswürdig. Stattdessen muss das Wort Anspruch in fast jeder Szene um die Ecke lugen, dürfen Situationen nicht durch Witz und Verve aufgelöst werden, sondern durch Schweigen und nachdenklich-stimmungsvolle Musik. Nicht die Söhne Mannheims, sondern Ludwig Hirsch, wenn ihr wisst was ich meine. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden schreibt dazu: „ [..] mit meisterhaften Brechungen, teils ironisch, teils grotesk, teils drastisch-realistisch [..]“. Wahrscheinlich wurde bei der Sichtung heimlich SNATCH reingezogen, denn von den erwähnten Adjektiven passt nicht ein einziges auf LOST KILLERS. Höchstens der Begriff realistisch, aber den kenne ich von Uwe Schrader dann wiederum ganz anders. Brankos pflegebedürftige Tante, die Asche von Lans Vater, oder der Überfall auf das ältere Ehepaar im Hotel, das mag ja alles recht komisch sein – aber nur, wenn man eben noch nie einen Film von Tarantino oder Ritchie gesehen hat, und die Filmwelt bisher hinter Wim Wenders und Woody Allen zu Ende war. Muss man tatsächlich eine cineastische Beschränktheit mitbringen, um Filme als künstlerisch wertvoll erachten zu können?

Die Schauspieler sind es, die hier den Finger von der Vorspultaste fernhalten. Misel Maticevic als Branko und Lasha Bakradze als Merab sind erstklassig, und gehen in ihren Rollen auf als ob sie nie in ihrem Leben etwas anders gemacht hätten. Vor allem aber Franca Kastein ist es, die hier rückhaltlos begeistert, und ich habe absolut jede Szene mit ihr unendlich genossen. Eine wilde und hingebungsvolle Schauspielerin in einer Rolle, die ich so im wirklichen Leben tatsächlich des Öfteren angetroffen habe. Franca Kastein hat nach Abschluss der Dreharbeiten ihrem Leben ein Ende gesetzt. In Zusammenhang mit ihrer Schauspielkunst und –lust sowie den Anekdoten, die über sie im Internet zu finden sind, schien sie wohl eine Künstlerin zu sein, die an den Grenzen des Mediums und der Beschränktheit der modernen Stoffe gescheitert ist. Eine Darstellerin, die sicher eine Seelenverwandtschaft zu Darstellern wie Klaus Kinski spürte, die aber in künstlerisch wesentlich zahmeren Zeiten arbeiten musste. Ihr möchte ich diese Zeilen widmen …

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Maulwurf
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Beitrag von Maulwurf »

So sweet… So perverse (Umberto Lenzi, 1969) 7/10

Das Leben in der Welt der Reichen und Schönen ist nicht ganz einfach. Das weiß jeder DALLAS-Fan, und das wird auch hier sehr schön veranschaulicht: Der vermögende Industrielle Jean Reynaud ist mit der wunderschönen Danielle (Erika Blanc) verheiratet, besteigt nebenher die Frau eines Klubkameraden (Helga Liné – die Frau, nicht der Klubkamerad), und als in das Appartement über dem seinem die gutaussehende Nicole (Carroll Baker) einzieht, ist er sofort elektrisiert und versucht einen Kontakt herzustellen. Ein reicher Schwerenöter, der aber, das muss man im lassen, bereit ist alles stehen und liegen zu lassen wenn er eine gutaussehende Beute wittert. Sogar seine Frau …
Jean beginnt sich in Nicole zu verlieben, doch diese Liebe steht unter keinem guten Stern. Schnell stellt sich heraus, dass Nicole von ihrem brutalen Mann Klaus (Horst Frank) geschlagen wird, und Jean, der sich dann irgendwann sogar von Helene scheiden lassen will, verspricht, sich um die Sache zu kümmern. Nun, man kann wohl davon ausgehen, dass ein Problem mit Horst Frank niemals im beidseitigen Einvernehmen gelöst werden kann …

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Die Handlung klingt erstmal nach einem STRANGER ON A TRAIN-Szenario: Du tötest meine Frau, und ich töte Deinen Mann. Offiziell hat keiner ein Motiv und ist damit auch nicht verdächtig, so reimt der Zuschauer sich das zusammen. Knapp eine Stunde lässt sich Umberto Lenzi Zeit, um diesen Eindruck zu erwecken und den Zuschauer dahin zu führen, dass er sich in einer Neuauflage des bekannten Hitchcock-Motivs wähnt - Um dann in einer fulminanten Szene alles umzudrehen, alle Regler auf Anschlag zu stellen und die letzte halbe Stunde so richtig am Rad zu drehen. Wer da mit wem und warum und überhaupt und sowieso, das ist ziemlich Over the Top und lässt hängende Kinnladen und große staunende Augen zurück. Ist SWEET .. PERVERSE bis dahin ein hübsch anzuschauendes Gesellschaftsdrama mit der ein oder anderen nackten Frau und vielen fein anzusehenden kleinen und gemeinen Szenen, so kommt nach einer Stunde eben ein Punkt, an dem der Wahnsinn sich Bahn bricht und die bis dahin gemächlich dahinfließende Geschichte wegspült und mit etwas ersetzt, was einfach nicht zu beschreiben ist. Zum einen, weil die Ereignisse ziemlich abgedreht sind, und zum anderen um nicht zu spoilern …

Doch es ist unbedingt zu bemerken, dass das Ende des Films den Zuschauer im ersten Augenblick sogar unbefriedigt zurücklassen kann. Das, was unzählige Krimis am Ende inszenieren, und was schon immer als State of the Art zu jeder Kriminalerzählung dazugehört, das wird hier ganz einfach ignoriert. Weggelassen. Ersetzt durch ein offenes Ende, das hervorragend zu dieser letzten halben Stunde passt, aber eben nicht so richtig glücklich macht. Wirklich nicht? Doch, macht es. Wenn man bereit ist die arrivierten Standards des Genres zu überwinden. Und wenn man sich an stilistischen Schönheiten der ausgehenden 60er-Jahre erfreuen kann, welche die erste Stunde rückhaltlos beherrschen: Blickwinkel mit Spiegeln, wunderschöne Frauen die sich in den passendsten oder auch nicht Momenten ausziehen, ein Mann der mit einem Gewehr auf dem Rücksitz seines Cabrios durch Paris fährt, alles dargestellt in edlen und augenschmeichelnden Kulissen, und mit einer Musik von Riz Ortolani gesegnet die wie leckerster Zuckerguss wirkt.

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Diesen stilistischen Schönheiten sollte man auch die volle Aufmerksamkeit schenken, denn wenn man mal ehrlich ist, reißt der größte Teil der Geschichte im Jahr 2020 keinen Krimikenner mehr vom Sofa, und wer mehr als ein paar Gialli gesehen hat, der ahnt den Ausgang der Geschichte und den grundlegenden Twist schon sehr früh. Gar zu konstruiert wirken Geschichte und rote Heringe, um nicht sehr schnell daraufhin zu weisen, dass an dem Grundkonstrukt etwas faul ist. Gleichzeitig ist es bemerkenswert, wie sich der ausführende Produzent Sergio Martino an der grundsätzlichen Story für seinen zwei Jahre später entstandenen DER KILLER VON WIEN bedient hat, und damit einen erheblich größeren Erfolg hatte als Lenzi. Ob das nur an Edvige Fenech lag, die halt einfach schnuckeliger und zeigefreudiger war als Caroll Baker? Ob der Zeitgeist vielleicht zugeschlagen hat, und Lenzi vielleicht einfach zu früh dran war? Sicher ist, dass Martino seine Geschichte raffinierter einfädelt als Lenzi dies tut, und die Auflösung zumindest bei der Erstsichtung im KILLER VON WIEN kaum zu erahnen ist, bei SWEET .. PERVERSE aber relativ deutlich durch die Quadrage weht.

Oder könnte es nicht auch sein, dass Lenzi die Zuschauer mit seinem Twist damals einfach nur ziemlich vor den Kopf gestoßen hat? Heute sind Twist und Schluss des Films natürlich Leckerbissen, und ich bin garantiert nicht der Einzige, der angesichts solcher Szenarien die Ideenlosigkeit moderner Filme lauthals beweint. Aber ob das vor mittlerweile 50 Jahren auch schon so gesehen wurde …? Ich weiß nicht, ich weiß nicht …
SWEET .. PERVERSE macht aus heutiger Sicht viel Laune, weil eben die Settings so herrlich nostalgisch sind, weil hervorragende Schauspieler sichtlich in Spiellaune sind, und weil einfach alles hervorragend zusammenpasst. Ein Spät-60er-Flair zum darin suhlen wird transportiert, und die ganze Stimmung ist angenehm dekadent und hat mehr als nur einen Hauch von gesellschaftlicher Verwesung. Das Ferkel in mir hätte den Film vorzugsweise von Max Pécas verfilmt gesehen, vor allem weil die weibliche Besetzung ja allererste Sahne ist, und ganz allgemein hätte ich vielleicht gerne auch den ein oder anderen gemeinen Seitenhieb auf die Welt der Schönen und Reichen genossen, aber man kann ja nicht alles haben. Wenn man versuchen würde alles zu bekommen, wer weiß ob es einem dann nicht so gehen würde wie Jean Reynaud …

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Und für die Abgründe der Schönen und Reichen schaut man dann ja auch eher zu Claude Chabrol als zu Umberto Lenzi. Der hat mit SWEET .. PERVERSE keinen wirklich herausragenden Giallo geschaffen, aber Spaß auf hohem Niveau kann auf jeden Fall garantiert werden.

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Maulwurf
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Die Geschichte vom Brandner Kaspar (Joseph Vilsmaier, 2008) 7/10

Der Brandner Kaspar führt ein gutes Leben: Er trinkt, er liebt, er wildert, und hat bei alledem viel Spaß, trotz seiner 70 Jahre. Und er liebt seine Enkelin Nana, deren Verlobter Toni mit ihm wildert und ihm auf dem Hof hilft. Doch eines Tages besucht ihn der Boanlkramer: Der Tod kommt, um ihn in den bayerischen Himmel zu holen. Weil aber der Brandner Kaspar ein Hund ist (Für Preißn: Ein gewitzter und hintertriebener Mensch), und weil er gerne lebt, trickst er den Boanlkramer aus: Erst gibt’s einen Kirschgeist, dann noch einen und noch einen, und wie der Tod besoffen ist wird er beim Kartenspiel betrogen und der Brandner bekommt weitere 21 Jahre Leben geschenkt. Der Bleiche hat seine Mühe das vor Petrus zu erklären, während der Brandner sein Leben in vollen Zügen genießt. Doch der missgünstige Bürgermeister will an den Hof vom Brandner, und scheut auch nicht davor zurück, dem das Leben nachhaltig zu versauen. 21 Jahre mehr, das können auch 21 Jahre Gefängnis sein …

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Mein Name ist Kramer. Boanl Kramer.

Die Rahmenhandlung tut an der ein oder anderen Stelle schon manchmal weh, so hanebüchen ist sie. Da geht es zu wie beim Chiemgauer Volkstheater, und an ein paar Stellen ist auch mal leichtes Fremdschämen angesagt. Aber um die Rahmenhandlung geht es hier ja auch gar nicht, auch wenn diese zumindest stimmungsvoll umgesetzt wurde, denn der Brandner Kaspar und der Boanlkramer, das ist das Thema des Films! Wie der schlaue alte Fuchs, der mit seinem Zigarillo und seiner Coolness fast ein wenig an Lee van Cleef in den Italo-Western erinnert, wie der den etwas dimpfeligen Tod austrickst, das ist so dermaßen lustig … Und überhaupt, wie Bully Herbig den Tod darstellt: Als schüchtern-frechen Hässling der unter seiner Einsamkeit leidet, und dem das erste Mal von einem seiner Kunden ein Schnaps angeboten wird, den er natürlich überhaupt nicht verträgt. Und noch einer, und noch einer …

Im Gegensatz dazu dann Petrus im bayerischen Himmel, der Weißwürste futtert und sich von bayerischer Volksmusik beschallen lässt. Und vom Tod übers Ohr hauen lässt, denn der schämt sich so sehr seines Versagens im Vollrausch, dass er dem Petrus glatt vorschwindelt, dass der Brandner nun im Himmel ist. Und Petrus glaubt das – Als er die Wahrheit erfährt ist er dann aber doch einigermaßen sauer: „Zefix!!“. Ja, auch der Petrus flucht mal …

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Dann wäre da noch der Heilige Michael mit seinem Flammenschwert, welches er dauernd vergisst („Zefix!“), und die Wahrheit über Franz und Susi, nein Verzeihung Nana, beziehungsweise Sebastian Bezzel und Lisa Maria Potthoff, die sich schon lange vor den Eberhofer-Verfilmungen kennengelernt haben, und dadurch, aus heutiger Sicht, zum Lächeln animieren. Fehlt eigentlich nur der Rudi, aber dafür haben wir ja dann wiederum den Bully Herbig, der hier den Rudi mit sehr viel Liebe zum Detail gibt. Herzallerliebst, gewissermaßen …

Köstlich-derbes Bauerntheater mit Ablachgarantie. Aber obacht, die Preißn werden bei all dem Gegrantel und der Gschaftlhuberei Untertitel benötigen. Zefix!

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Maulwurf
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Gangster (Takeshi Miyasaka, 1996) 5/10

Vor drei Jahren wurde der Yakuza Yabuki von den Killern der Teitokai als tot liegen gelassen. Jetzt ist er wieder da, und er will Rache. Die Teitokai unterhalten eine geheime Bank, wo Geld gewaschen wird. Zuerst einmal ist diese Bank das Ziel von Yabuki, aber natürlich er will mehr. Yabuki will den Tod von Simon, seinem früheren Partner und Fast-Mörder …

Alles sehr stylisch gehalten das. Nebel wabert rund um die Neonreklamen, das Straßenpflaster ist nass und dunkel, und die Gangster sind cool. Obercool. Obermegaschweinecool. So cool, dass es aufgesetzt wirkt und gerade dadurch an Wirkung verliert. Während zum Beispiel die Gestalten in Takashi Miikes SHINJUKU-Trilogie richtig kaputt sind, oder die Charaktere in Takashi Ishiis BLACK ANGEL ihre Coolness aus ihrer Einsamkeit und ihrer Situation beziehen, wirkt Riki Takeuchi teilweise wie ein sedierter Chow-Chow. Ein überkandidelter Teenieheld, der denkt, dass er in einem schwarzen Ledermantel toll was hermacht, wo er doch tatsächlich eher affig wirkt.

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Was für eine Wohltat dagegen Masayuki Imai als Simon. Was der Mann an unterdrückter Wut und an Hass in sich herumzutragen scheint, dass rettet den Film tatsächlich in trockene Tücher. Denn neben Imai, der in allen seinen Szenen die Kontrolle komplett an sich reißt, passiert irgendwie nicht wirklich viel. Ausdruckslos starrende Schauspieler, die 08/15-Rollen versuchen auszufüllen, reden pseudosymbolisches Geschwurbel und sterben irgendwann, ohne dass man als Zuschauer sich darüber irgendwelche Gedanken macht. Die Erzählung ist zu rudimentär, um wirklich zu berühren, die Musik zu pompös um Stimmung zu erzeugen, und die Actionszenen sind zu zwanghaft auf ikonisch getrimmt um richtig reinzuhauen. OK, wir sind nicht in Hongkong, wir sind in Japan, und da ist die Filmsprache einfach eine andere, erheblich nüchternere, aber eben auch viel verklausuliertere welche. Zwar gibt es einige nachdrückliche Momente voller Kaputtheit und Verkommenheit, aber auf Dauer wird das alles von dieser aufgesetzten Abgeklärtheit erdrückt. Oder anders ausgedrückt: Wenn ich coole Killer sehen will, dann schaue ich mir Filme von Johnny To an. Oder von Ringo Lam. Oder, um im Filmland Japan zu bleiben, Takeshi Kitano, dessen ältere Krimis bekanntlich sehr stylisch geraten sind. Aber bei Miyasaki ist mir das alles immer zu künstlich und zu abgehoben. Nette Yakuza-Unterhaltung, aber nichts, was morgen noch in Erinnerung bleiben wird.

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Maulwurf
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Running Man (Paul Michael Glaser, 1987) 8/10

Die USA der Zukunft sind ein Polizeistaat, in dem Proteste gewaltsam unterdrückt werden, und das Volk mittels Fernsehen still gehalten wird. Das moderne Gladiatorenspiel zur Volksberuhigung heißt Running Man: Der Teilnehmer hat drei Stunden Zeit um durch das Spielgebiet zu kommen, und dabei am Leben zu bleiben. Erwischen ihn die Jäger – stirbt er … Der Ex-Polizist und Ex-Häftling Ben Richards ist der Kandidat des heutigen Abends, und er merkt schnell, dass die Show eine einzige Lüge ist, nur dazu gedacht, den Pöbel da draußen ruhig zu halten. Aber Ben ist kein leichtes Futter für die Jäger – Einer nach dem anderen gehen seine Häscher drauf, und die Zuschauer beginnen allmählich, Ben zu lieben. Ein Alptraum für den süffisanten Showmaster Damon Killian, dessen Show schließlich davon lebt, dass der vielgehasste Gejagte möglichst blutig stirbt.

Ich bin ihr vom Gericht beauftragter Theateragent.

Erstmal ist RUNNING MAN Popcorn-Kino ohne Anspruch. Actionware, die sich an den großen europäischen Vorbildern DAS MILLIONENSPIEL und KOPFJAGD – PREIS DER ANGST orientiert, und diese bösen und dystopischen Phantasien zu einem typisch amerikanischen Spektakel voller Übertreibungen und Schießereien aufbläst, dessen Hang zur Gigantomanie im Vergleich gelegentlich ziemlich nerven kann. RUNNING MAN ist voller logischer Absurditäten, und er ist mit seiner Musik und seiner ganzen Machart dem Geist der 80er zutiefst verpflichtet. Er ist das lebende Hassobjekt für jeden feinsinnigen Arthouse-Fan, und garantiert keine Unterhaltung für einen heiteren Familienabend mit Frau und Kind.

Aber RUNNING MAN ist noch eines, nämlich in erster Linie spannende, nicht allzu harte und insgesamt verdammt gute Unterhaltung. Arnie hat die Coolness hier mit riesigen Löffeln in sich hineingeschaufelt, und posiert als Quintessenz seiner gesamten 80er-Jahre-Actionrollen: Zigarre im Mundwinkel, Riesenwumme in der Hand, und einen lockeren Spruch auf den Lippen – War er so nicht einfach am Stärksten? Maria Conchita Alonso ist sexy, die anderen Darsteller sind auch irgendwie dabei, aber Arnie ist hier einfach auf dem absoluten Höhepunkt seines Schaffens. Er rockt den Film mit einer Selbstverständlichkeit, die stilbildend und bewundernswert ist. Und nach rund 100 Minuten lehnt sich der Zuschauer mit sattem Bauch und wohligem Gefühl zurück und lächelt zufrieden vor sich hin: Popcorn-Kino ohne Anspruch kann ja so viel Spaß machen …

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Maulwurf
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Ôkami: Running is Sex (Banmei Takahashi, 1982) 7/10

RUNNING IS SEX beginnt dort, wo THEMROC aufhört: Ein Mann lebt in einem höhlenartigen Zimmer. Was zum Essen benötigt wird stiehlt er. Er spricht nicht, Kommunikation nach außen findet höchstens über Schreie statt. Und er läuft. Rennt. Der Mann bewegt sich kaum anders als rennend. Wenn er eine Frau sieht bleibt er stehen und vergewaltigt sie. Er hat schon beim Ansehen eine Erektion und begattet sie. Nicht aus Bösartigkeit, sondern um seinen Trieb auszuleben.

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Die Frau lebt in einem Vakuum einer Diskothek, wo sie von der heißen Luft eines dummen Verehrers umweht wird. Ihre Langeweile und ihr Anderssein sind deutlich erkennbar. Sie begegnet dem Mann, und das Paar hat sich gefunden. Sie denken gleich, sie drücken sich gleich aus, sie sind gleich. Sie fallen übereinander her und haben Sex. Sie schnüffeln aneinander. Sie lecken sich gegenseitig ab. Sie suchen die Nähe des anderen. Sie lieben sich wie wilde Tiere. Wie Wölfe leben sie in ihrer Höhle, essen rohes Gemüse, treiben es miteinander, und leben in den Tag und in die Nacht hinein. Das was außen herum passiert wird ignoriert. Nur das Wolf Pack ist wichtig. Dies, und der Fortbestand.

Ein radikaler Film, der in 61 Minuten Laufzeit mehr erzählt als die meisten anderen Filme in 150 Minuten. Der mit Erzähl- und Sehgewohnheiten bricht, und der Denkgewohnheiten grundlegend zerstört. Der eine, auf ihre Grundbedürfnisse reduzierte, Existenz darstellt, in der Essen und Fortpflanzen das einzige sind was zählt. Eine archaische Welt, eine rohe Welt, eingepflanzt in die Nachbarschaft unseres Alltags. Ein archaischer und roher Film, ein Urschrei inmitten des Geblubbers unseres (filmischen) Alltags.

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Assignment: Paris (Robert Parrish & Phil Karlson, 1952) 7/10

In Ungarn wird ein US-amerikanischer Staatsbürger wegen vermeintlicher Spionage zu einer langjährigen Strafe im Arbeitslager verurteilt. Die Wogen in der westlichen Welt gehen hoch, und als der Korrespondent der Herald Tribune in Budapest krank wird, nutzt der Journalist Jimmy Race („A one-man newspaper crusade …“) die Chance nach Budapest zu kommen und dort Kontakt mit dem Widerstand aufzunehmen. Dazu kommt, dass der Chefredakteur in Paris mit der Frau liiert ist, in die Jimmy Race sich verliebt hat, nämlich der Journalistin Jeanne Moray. Die vorher nur knapp aus Budapest herausgekommen ist, ohne allerdings wichtige Beweise für eine Abkehr Ungarns von der Sowjetunion bekommen zu können. Der ungarische Geheimdienst wiederum beschattet Jeanne und ermittelt so die Kontakte von Jimmy Race in Budapest. Die Situation spitzt sich zu, als Jimmy Race die gesuchten Beweise in die Hand bekommt, und die Ungarn gleichzeitig auf die Spur des totgeglaubten Widerstandskämpfers Gabor Czeki kommen und eine Verhaftungswelle beginnt, der auch Jimmy zum Opfer fällt. Der Vorwurf lautet natürlich: Spionage.

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Hübsch fotografierter Krimi aus der McCarthy-Ära. Die Kommunisten sind ganz klar die Oberschurken, denen alles Böse und Schlechte auf der Welt zuzutrauen ist. Sogar einen kleinen Jungen wollen sie erschießen! Potzblitz …
Aber mal abgesehen von dieser billigen und einfältigen Masche ist ASSIGNMENT: PARIS ein durchaus spannender Krimi, der eben mit schönen Bildern von Budapest und Paris punkten kann (gedreht wurde jeweils vor Ort), und der vor allem im letzten Drittel ein gerüttelt Maß an Spannung auffährt. Wenn Jimmy Race sich in Budapest immer mehr im Spinnennetz des Geheimdienstes verfängt, und die Schurken beginnen Beweismittel zu fälschen, dann ist die Spannung tatsächlich mit den Händen zu greifen. Auch die Folterszene Jimmys, die viele Jahre später als Titelsequenz in James Bonds STIRB AN EINEM ANDEREN TAG hommagiert wird, ist mächtig eindrucksvoll und sehr düster.

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Umso bedauerlicher ist es, dass Dana Andrews als Jimmy Race hier ausgesprochen unsympathisch rüberkommt. Mit seiner oft etwas rüpelhaften Art eckt er nicht nur bei seiner Umgebung an, sondern präsentiert sich auch von Beginn an als Hoppla jetzt komm ich-Amerikaner mit Sendungsbewusstsein sowie einem unstillbaren Hunger nach Frauen und Whisky. Ein Auftreten wie Robert Stack in Sam Fullers TOKIO STORY, und da hat mir ebenfalls die Hauptfigur den Spaß nachhaltig versaut.
George Sanders als Chefredakteur Nick String ist ein wenig blass, und Märta Torén als Jeanne Moray beginnt sehr stark als klassisch-unabhängige Frau, wird dann aber doch mit zunehmender Laufzeit zur zahmen Tigerin, die immer eine starke Männerschulter braucht. Schade, denn die Torén hätte als Hauptdarstellerin wesentlich mehr hergemacht, und dem Zuschauer eine gute Identifikationsfigur und einen interessanten Charakter geboten.

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Nichtsdestotrotz unterhält ASSIGNMENT: PARIS vortrefflich und ohne Längen, und ist trotz seiner billigen Anti-Kommunismus-Haltung auch heute noch ein gut ansehbarer Spannungsstreifen.

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Maulwurf
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...

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Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis (Kathryn Bigelow, 1987) 6/10

Drei junge Männer am Abend in einer kleinen Stadt, irgendwo in der Einöde des Südwestens der USA. Dann ein junges und gutaussehendes Mädchen die ein Eis isst. Einer der jungschen Typen, Caleb, spricht sie an: „Kann ich mal beißen?“ Sie: „Beißen“? Er: Ich würde sterben für ein Eis.“ Sie: „Sterben?“
Der nächste Verlauf ist für alle Zuschauer, die sich mit Vampirfilmen im Allgemeinen und mit TWILIGHT im Besonderen auskennen, fast selbsterklärend: Das Mädchen, Mae, ist eine Vampirin und beißt Caleb, aber nur soweit dass er ebenfalls zum Vampir wird. Als sie ihn ihrer Familie vorstellt stößt er auf brutale Ablehnung, und er hat es auch lange Zeit schwer, weigert er sich doch zu töten, und suggelt stattdessen lieber an Mae. Gerade mal so geduldet reist man also des Nächtens durch die Wüstenei, sucht sich einsame Opfer, und überfällt ziemlich blutig eine Kneipe, damit Caleb endlich mal zum Töten kommt. Statt der überfälligen Initiation setzt sich aber die Polizei auf die Spur der Vampire, und bei einer wilden Schießerei schafft Caleb es, dass alle überleben. Gut gemacht, jetzt ist er einer von ihnen! Zumindest solange, bis die Blutsauger Calebs zufällig anwesende menschliche Familie aus dem benachbarten Motelzimmer zum Abendessen rüberholen, denn da regt sich der Familiensinn und der Mensch in ihm gewinnt Oberwasser. Familie ist halt einfach wichtiger als Liebe, aber vielleicht kann man ja auch beides zusammen haben …?

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Klingt das nicht irgendwie kitschig oderschnulzig? Könnte das nicht auch eine Folge aus dem TWILIGHT-Zyklus sein? Ohne dass ich mich da genauer auskenne behaupte ich mal, dass die Ähnlichkeiten der Storyline soweit verblüffend sind. Klar, es gibt Unterschiede, sonst hätte NEAR DARK nicht diesen Kultstatus: Erheblich mehr Blut und einiges mehr an Gewalt, viel Schmutz, Jenette Goldstein hat ein Dekolleté für wahrhaft sündige Gedanken, und die Vampire sind definitiv nicht nett.
Nein, nett sind sie nicht! Spaß an der Gewalt, Sadismus, Zynismus, das ist das Instrumentarium der Vampirfamilie, und jeder von ihnen ist ein Ausbund an abgrundtiefer Gemeinheit. Allen voran Severen (Bill Paxton), der mit seinem guten Aussehen und seiner König der Welt-Attitüde lange Strecken des Films beherrscht. Vor ihm muss man Angst haben, gegen ihn sind auch die anderen Vampire Waisenknaben. Jesse (Lance Henriksen) mal ausgenommen, aber der versteckt seine Gewalttätigkeit geschickt hinter einer Fassade der Coolness, wohingegen Severen mehr so den Haudrauf-Punk darstellt. Diamondback (Jenette Goldstein) scheint die Älteste des Clans zu sein, aber leider bleibt sie hinter den anderen ein wenig m Hintergrund, genauso wie der kindliche Homer (Joshua John Miller) und Mae (Jenny Wright) recht farblos bleiben.

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Ein Schicksal, welches sie mit dem männlichen Hauptdarsteller Adrian Pasdar teilen. Der nämlich schaut gut aus und hat sicher eine tolle Figur – aber sonst ist da nicht viel. Wie so oft ringt man als Zuschauer die Hände ob der Unvernunft und Einfalt eines Menschen, dem ewiges Leben in den Schatten gegönnt wird, und der einfach nicht verstehen will was da mit ihm passiert. Brad Pitt wird einige Jahre später eine ähnlich angelegte Rolle in INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR spielen, und da wird dann auch klar warum Brad Pitt diesen Gestus des Superstars hat. Der nämlich kann diesen Zwiespalt aus der Verweigerung des Tötens und dem Hunger nach Blut, dieses Dilemma aus Gewissen und Überlebenwollen, überzeugend darstellen, kann den Konflikt eines taggeborenen Menschen, der zu einer Kreatur der Nacht wird, glaubhaft und intensiv zeigen. Adrian Pasdar hingegen schaut oft aus wie ein langjähriger Drogenabhängiger, und benimmt sich auch genau so: Desorientiert, hilflos, müde. Mag sein, dass das als Identifikationsfigur für etwa 20-jährige taugt, ich bin einige Jahre älter und kann mit Lance Henriksen erheblich mehr anfangen. Der hat außerdem die erheblich attraktivere Frau an seiner Seite …

Aber wir waren bei TWILIGHT, und aus heutiger Sicht, das mit dem heutig ist vor allem ganz wichtig, drängt sich der Vergleich mit der erwähnten Schnulzen-Vampir-Geschichte geradezu auf – Am dieser Stelle ist NEAR DARK einfach schlecht gealtert. In den Weiten des Internets habe ich eine Kritik zu TWILIGHT gefunden und musste mit Entsetzen und Belustigung feststellen, dass manches, was dort geschrieben wird, auch auf NEAR DARK zutrifft, wenngleich hier auch die Geschlechter getauscht werden. Wollen wir doch mal schauen*:

„Er ist ein Vampir, saugt aber nur Tiere aus. Und er mag Bella wirklich gerne. Eine Romanze beginnt.“

OK, Mae saugt auch an Menschen rum, aber das sieht man nie. Selbst in der blutigsten Szene des Films, dem Überfall auf die Kneipe, hält Mae sich extrem zurück mit irgendwelchen Brutalitäten. Schließlich soll sie ja auch als Sympathiefigur fungieren.

„Währenddessen stromert ein ganz anderes Vampir-Trio durch die Gegend. Im Gegensatz zu Edward und seiner Sippe lutschen sie tatsächlich Menschen aus.“

Diese Sache ist in NEAR DARK ganz einfach auf ein und dieselbe Familie komprimiert worden: Mae ist die Gute, die anderen Vampire sind die Bösen. Aber sonst haben wir da eine identische Grundkonstellation. NEAR DARK hatte, und das sehen wir auch an der Inszenierung vieler Actionszenen, kein allzu hohes Budget zur Verfügung (5 Millionen Dollar waren es, um genau zu sein), eine weitere Vampirgruppe war da einfach nicht mehr drin

[.. ]die Figuren sind erschreckend farblos – nicht nur die Vampire.“

Ja, das kann ich bestätigen. Figuren wie Vorlagen aus dem Handbuch des kleinen Drehbuchautors (der Vater, der Sheriff, Severen) oder Charaktere mit erheblich zu wenig Screentime (Diamondback, Jesse).

„Zudem präsentiert uns „Twilight“ das wohl leidenschaftsloseste Liebespaar, das jemals das Licht des Kinoprojektors erblickt hat. Zwei Teenager im Rausche der Hormone, die sich allen Ernstes die ganze Zeit auf Sicherheitsdistanz anschmachten. Bloß nicht zuviel Körperkontakt, igitt. Herrschaften, die sind Siebzehn. Geht es denn noch lebensfremder?“

Ein guter Teil des Films besteht darin, eine Liebesgeschichte zwischen jungen Menschen abzubilden, die aus bekannten Gründen nicht so recht zusammenkommen können wie sie denn gerne möchten. Ein- oder zweimal wird geknutscht, das war es schon. Familientaugliche Vampirunterhaltung für das Nachmittagsprogramm. Ich meine, wenn der Vampirclan schon so drauf ist wie er ist, nämlich geil auf Blut und hemmungslos brutal, was ist dann mit Sex? In dem deutschen WIR SIND DIE NACHT besteht die Vampirfamilie aus 4 jungen Frauen, und die saufen und koksen und rauchen und vögeln ohne süchtig, fett oder schwanger zu werden. Sie genießen das unsterbliche Leben in vollen und hedonistischen Zügen, ohne Reue und ohne Probleme. Selbst in INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR ist das Thema Sex immer wieder immanent, und der ist auch nur sieben Jahre nach NEAR DARK entstanden …

„Mit dem Charisma einer ausgelutschten Blutorange und der Mimik eines frisch Ausgesaugten markiert er den traurigen Tiefpunkt in diesem Teenie-Trauerspiel. Für so eine schweigsame und melancholische Rolle braucht es einen Darsteller, der mit den Augen spielen kann. Pattinson kann es definitiv nicht.“

Jenny Wright ist nicht unsympathisch, aber als frisch verliebte Vampirin mit einem unstillbaren Hunger nach Blut und Lover geht sie entschieden nicht durch. Die Gründe sind die gleichen wie bei Robert Pattinson …

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Könnte es am Ende gar sein, dass Stephenie Meyer, die Autorin der TWILIGHT-Romane, ursprünglich mal von NEAR DARK inspiriert wurde? Und die Geschichte, abgestoßen vom Blut- und Schmutzgehalt des Films, zu einer sauberen Teenie-Romanze umfunktioniert hat?
Gut vorstellbar, aber vielleicht bin ich ja auch nur zu versaut für solche Märchen. Was mir hier das Vergnügen trübt ist einfach dieser Hang zum Kitsch, zur Schnulze mit dem Zielpublikum des Spätpubertierenden, und der Schluss passt dann zu diesem Kitsch wie Sahnecreme auf Torte. Friede, Freude, Eierkuchen unter einer glücklich scheinenden Sonne, die Familie ist vereint, die Unholde sind tot, und das Leben ist wieder in Ordnung auf unserer kleinen Farm. Vergessen sind die gelegentlichen Ausflüge in die Nacht, denn nun können wir so leben wie es einem ordentlichen Redneck gebührt. Mal ganz ehrlich: Mae wird Sehnsucht nach dem anderen Leben bekommen, wetten? Nach Freiheit und dem Geruch der Nacht. Und zwar ganz schnell …

Ich für meinen Teil habe eher Sehnsucht nach düstereren Filmen, die zwischen Gewalt und Sex pendeln und ein realistischeres Bild der Welt zeichnen. NEAR DARK mag 1987 stilbildend gewesen sein, und die Actionszenen passen genau in diese Zeit und atmen auch den Geist der späten 80er, aber mehrere Jahrzehnte später hat sich das Rad der Filmwelt weitergedreht, und der Film ist, mitsamt seiner 18er-Freigabe, in den Bereich der Familienunterhaltung gerutscht. Für die Tochter hat es die liebende Jungvampirette, Papi und Sohnemann können mit den Actionszenen etwas anfangen, und Mama träumt heimlich davon so zu sein wie Diamondback: Lasziv, verdorben und lebendig, aber bloß nicht zu viel! Immer nur ein biß-chen …

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* Alle Zitate sind von Autor Martin Riggs und dieser Quelle entnommen: https://www.horrormagazin.de/filmkritik ... auen-2375/.

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Maulwurf
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

Executive Protection – Die Bombe tickt (Anders Nilsson, 2001) 7/10

Ein schwedischer Geschäftsmann, Sven, wird von lettischen Gangstern erpresst, 40% des Umsatzes der örtlichen Niederlassung abzudrücken. Der deutsche Sicherheitsberater Nikolaus Lehmann verspricht Hilfe – gegen 20% Umsatzanteil. Sein Rezept ist, alle Bösewichter einfach abzuknallen, und anschließend 20% des Umsatzes des gesamten Konzerns zu fordern. Sven weigert sich natürlich, und erlebt danach ein paar sehr hässliche Überraschungen. Nachdem die Polizei nicht aktiv werden möchte, wendet er sich an seinen Schwager Johan Falk, der gerade dafür zuständig ist, Fahrraddiebstähle in Göteborg aufzuklären.
Nachdem Falk von Seiten seiner Kollegen keine Unterstützung erhält, kündigt er bei der Polizei und kümmert sich zusammen mit der Sicherheitsfirma seines Freundes Mårtensson um den Fall. Es zeigt sich, dass der frühere Stasi-Killer Lehmann einige ziemlich gute Kämpfer um sich geschart hat, die keinerlei Skrupel kennen, und auch problemlos in den Gnadenlose-Söldner-Modus wechseln können. Als Svens Kompagnon Torbjörn wie aus heiterem Himmel seine Anteile an der Firma verkauft, beginnt Lehmanns Plan sich erst richtig zu entfalten: Er entführt Svens Frau Maria und bindet ihr eine Bombe um den Hals. Gleichzeitig fordert er die Überschreibung der kompletten Firma von Sven an ihn. Und die Bombe geht in 4 Stunden hoch …

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Der Einstieg ist erstmal furios: Im strömenden Regen müssen die anständigen Geschäftsleute Sven und Torbjörn zuschauen, wie die Kulisse der drohend aufgebauten Killer in wenigen Sekunden zu Matsch geschossen wird, von ebendem Sicherheitsberater, den sie vor wenigen Sekunden für verdammt viel Geld eingekauft haben. Vom Regen in die Traufe kommen nennt man das dann wohl, und der Zuschauer realisiert zusammen mit den beiden Männern, dass da wohl noch so einiges Unvorhergesehenes respektive Hässliches passieren wird.

Schnitt zu Johan Falk in Göteborg, der sichtlich unzufrieden ist und sich immer mehr in seinen Schildkrötenpanzer zurückzieht. Der Hilferuf von Schwager Sven kommt da gerade recht, um aus dem Einerlei aus mäkelnder Freundin, geklautem Fahrrad und fortwährender Degradierung (in jedem Sinne) auszubrechen. Er kündigt bei der Polizei und heuert bei dem Sicherheitsunternehmen eines alten Freundes und Kollegen an, um dem Schwager beizustehen.

Im Gegensatz zum ersten Teil, ZERO TOLERANCE – ZEUGEN IN ANGST, der seine Charaktere mit einer furiosen Actionsequenz einführte, lässt sich EXECUTIVE PROTECTION Zeit bei der Ausgestaltung der Geschichte, was beim Anschauen zwar erstmal kurzfristig zu etwas Enttäuschung führt, der Unterfütterung der Geschichte aber natürlich sehr gut tut. Das einzige große Problem ist, dass Samuel Fröler als Sven eine ziemliche Ähnlichkeit hat mit Simon Schwarz, dem Rudi aus den Eberhofer-Krimis. Als deutscher Zuschauer ist man dann immer ein wenig im Birkenberger-Modus, aber die Story im Prinzip ist gradlinig und hart genug um das Wegstecken zu können.

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Denn die Geschichte Sicherheitsdienst versus absolut skrupellose Gangster bietet einerseits einiges an Blei und erstklassig inszenierter Action, andererseits aber auch immer wieder Verschnaufpausen und Möglichkeiten zum Mitraten nach dem eigentlichen Motiv. Tempo und Spannung werden gleichmäßig hochgehalten, ohne aber dabei in ein Dauergeballer moderner Spielart zu mutieren. Vor allem als Maria mit der Bombe am Hals dasteht und allen klar wird, dass die Sache in spätestens 4 Stunden auf die ein oder andere Weise sowieso vorbei ist, wird der Druck auf beiden Seiten des Bildschirms verdammt hoch, und zwar auch ohne andauernd gezückte Knarren. Zum Schluss hin gibt es dann sicher verschiedene gewaltsame Beugungen des Drehbuchs, um Maria aus dem Schlamassel herauszuhelfen, aber das sei verziehen, ist doch vor allem das, bereits nach weniger als einer Stunde eingeleitete, Showdown auf allen Ebenen ausgesprochen spannend. Einzig die permanent dudelnden Streicher im Hintergrund, und mit permanent meine ich leider den fast kompletten Film, die nerven irgendwann sehr, und man wünscht sich zunehmend, dass der stärkste Charakter des Films, Alexandra Rapaport als Sicherheitsangestellte mit Schurken-Psychose, nicht Jagd macht auf die Gangster sondern auf die Komponisten …

EXECUTIVE PROTECTION ist vielleicht nicht ganz so voll auf die Neun wie sein Vorgänger, aber hat genauso viel Dampf unter der Haube und lässt final einen atemlosen und zufriedenen Zuschauer auf dem Sofa zurück.

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