bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Garfield's Babes and Bullets

„I like babes and bullets!”

„Babes and Bullets“ ist eine der in der Comicverfilmung „Garfield: His 9 Lives“ unberücksichtigt gebliebene Geschichte aus dem gleichnamigen Buch, geschrieben von Ron Tuthill und gezeichnet von Kevin Campbell. Garfield-Erfinder und -Zeichner Jim David adaptierte diese als Drehbuch für einen weiteren eigenständigen Garfield-Zeichentrickkurzfilm, den wie üblich Phil Roman inszenierte: Der 24-minütige „Garfield's Babes and Bullets“, eine humorige Hommage an bzw. Parodie auf die Film-noir-Hardboiled-Detectives der 1940er Jahre, wurde im Mai 1989 im US-Fernsehsender CBS erstausgestrahlt.

Garfield ist langweilig, als er einen Trenchcoat und einen Hut findet. Als er in den Mantel schlüpft und sich die Kopfbedeckung aufsetzt, wird das Bild schwarzweiß und fantasiert sich Garfield in eine Rolle als Privatdetektiv Sam Spayed, angelehnt an Humphrey Bogarts Rolle als Sam Spade in „Die Spur des Falken“.

Und so trifft Garfield denn hier auch auf eine Femme fatale, während er zugleich als Off-Erzähler im Präteritum fungiert und von ebendort eine saxofonlastige musikalische Untermalung ertönt. In seinem Büro hängt ein Fahndungsplakat, das sein Herrchen Jon Arbuckle zeigt, und Hündchen Odie hat eine kleine Nebenrolle inne.

Das ist ausgesprochen nett gemacht, wenngleich sich mir im US-Original ohne Untertitel die – dem Hommagen-Aspekt sicherlich untergeordnete – Handlung nicht ganz erschloss. Eine deutsche Fassung ist leider derzeit nicht aufzutreiben, obwohl Anfang der 1990er als „Schöne Frauen und blaue Bohnen“ auf Sat.1 gesendet. Klar ist aber, dass der üblicherweise recht harte Noir-Stoff hier auf Familientauglichkeit zurechtgestutzt wurde, dadurch interessanterweise für die jüngsten Zuschauerinnen und Zuschauer aber womöglich die erste Konfrontation mit jener Filmgattung bedeutete.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Wednesday [Staffel 1]

„Deine versnobbte Gruftie-Art zog vielleicht in deiner normalen Schule – aber hier ist das anders.“

Der jüngste „Addams Family“-Spin-off, ursprünglich ein Comic-Strip in den 1930er-Jahren, erstverfilmt in den 1960ern als SitCom-Serie, ist die Serie „Wednesday“, deren erste Staffel im Jahre 2022 auf dem Video-on-Demand-Dienst Netflix zum Streaming bereitgestellt und zu einem großen Erfolg wurde. Die von Alfred Gough und Miles Millar entwickelte Serie spielt zeitlich in der Gegenwart und vereint in Staffel 1 in acht knapp einstündigen Episoden einen Mystery-Detektivkrimi mit Fantasy-Horror-Anleihen und typischen Teenie-Serie-Elementen. Niemand Geringerer als der auch als ausführender Produzent fungierende Tim Burton („Edward mit den Scherenhänden“) übernahm die Regie der ersten vier Episoden, Gandja Monteiro („Panic“) und James Marshall („The Shannara Chronicles“) inszenierten die übrigen vier.

„Du musst die neue Psychopathin hier sein!“

Die Gothic-Teenagerin Wednesday (Jenna Ortega, „Scream V“) ist ein Spross der morbide veranlagten Gruselfamilie Addams und besitzt übernatürliche Fähigkeiten. Nachdem sie das Schwimmbad ihrer Schule in ein blutiges Piranhabecken verwandelte, um ihren kleinen Bruder Pugsley (Isaac Ordonez, „Das Zeiträtsel“) zu verteidigen, wird sie an die Nevermore Academy für ähnliche Außenseiterinnen und Außenseiter in Jericho versetzt, die bereits ihre Eltern Morticia (Catherine Zeta-Jones, „High Fidelity“) und Gomez (Luis Guzmán, „Traffic – Macht des Kartells“) besuchten. Diese wird mittlerweile von Larissa Weems (Gwendoline Christie, „Star Wars: Das Erwachen der Macht“) geleitet. Während sie sich mit ihrer pubertierenden Zimmerkollegin Enid Sinclair (Emma Myers, „Girl in the Basement“), einer Kitsch- und bunte Farben liebenden Werwölfin in spe, herumplagt und ihren Platz im Schulgefüge zu finden versucht, wird sie mit einer Mordserie konfrontiert, die sie aufzuklären gewillt ist. Ihr zur Seite steht das eiskalte Händchen, das ihr ihre Eltern als Aufpasser entsandten.

„Irgendetwas stimmt mit diesem Ort nicht – und das nicht nur, weil es eine Schule ist.“

Wednesday führt als Off-Erzählerin durch die Episoden, was sich dadurch erklärt, dass sie ihre Erlebnisse als Roman-Manuskript aufschreibt – interessanterweise auf einer deutschen Schreibmaschine. Musik hört sie dazu per Grammophon. Diese Anachronismen sollen vermutlich ihr Gothic-Image unterstreichen. Ihren Bruder Pugsley lernt man zu Beginn kennen, als sie Rache an dessen Mobbern verübt, fortan wird er aber keine Rolle mehr spielen. Sie hat neuerdings so etwas Ähnliches wie das Shining, mit dem sie noch umzugehen lernt. An der Academy können sie manche nicht leiden und wollen ihr ans Leder, manche halten ihren Vater gar für einen Mörder – eine Nebenhandlung, die bereits in dieser Staffel aufgelöst werden wird.

„Die Pflanzen, die im Schatten wachsen, sind die interessanten.“

Vornehmlich geht es um ein wie Gollum aussehendes, „Hyde“ genanntes Monster, das einen Jungen am Ende der ersten Episode tötet, der jedoch in Episode 2 plötzlich wieder quicklebendig ist. Während Wednesday dahinterzukommen versucht, erfährt die Zuschauerschaft schon sehr bald, dass der vermeintliche Rowan (Calum Ross, „Kill“) lediglich die aktuelle Form eines Gestaltenwandlers ist. Die mehr oder weniger spannende Frage ist aber, was das alles soll. Freude bereiten Wednesdays antireligiöse Sprüche bei ihrer Begegnung mit Pilgern, die sie in der dritten Episode mit fundierten Aussagen zum Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern einmal mehr rundmacht. In einer ihrer Visionen sieht sie zudem einen weit in der Vergangenheit liegenden Massenmord durch christliche Fanatiker. Ein Mädchen konnte sich damals retten – eine ihrer Vorfahrinnen. Diese unter der derzeitigen US-Regierung ja als höchst politisch unkorrekt geltenden Stiche gegen Hurra-Patriotismus und gefährlichen evangelikalen Humbug wissen sehr zu gefallen.

Bald entwickelt sich auch eine Teenie-Serien-typische Romanze, denn Wednesday hat sich mit Sheriffsohn Tyler (Hunter Doohan, „Your Honor“) angefreundet, der sich in sie verknallt. In der vierten Episode führt sie ihren zum Web-Hype avancierten, an Siouxsie Sioux angelehnten Rabentanz auf. Episode 5 beginnt mit einer Rückblende ins Jahr 1990, zum vermeintlich von Gomez begangenen Mord, in den nun auch so richtig Bewegung kommt. In der darauffolgenden Episode geht’s in ein Gruselhaus und in Episode 7 taucht Onkel Fester (Fred Armisen, „Jay & Silent Bob Reboot“) auf. Wer das Monster ist, wird nun auch geklärt – jedoch noch nicht, wer es steuert. Dies bleibt dem Staffelfinale vorbehalten, in dem ein Überpilger alle Außenseiter ausrotten will, was unschwer als politische Parabel zu verstehen ist. Das Ende avisiert bereits die Fortsetzung.

Wie die klassische TV-Serie und die Spielfilme aus dem 1990ern bricht auch „Wednesday“ eine Lanze sowohl für Andersartigkeit als auch für das Makabre, legt es aber weniger darauf an, das Spießbürgertum mit all seinen Marotten zu veralbern – wenngleich die Nicht-Außenseiter hier Normies heißen, was wiederum vielmehr an die Muggles aus dem Harry-Potter-Universum erinnert. Größere Teile der Handlung (wie auch Potters Hogwarts-Schule) scheinen wiederum Parallelen zu Tim Burtons (von mir noch ungesehenem) „Insel der besonderen Kinder“ aufzuweisen, der wiederum auf den Romanen Ransom Riggs‘ beruht. Die Originalität dieser Serie ist demnach zumindest mit einem Fragezeichen zu versehen.

So süß anzusehen Ortega als Teenie-Gruftie auch ist: Dass Wednesday quasi eine Alleskönnerin ist, mag für kleine Mädchen ein ähnliches Faszinations- und Identifikationspotential wie einst Superman für kleine Jungen aufweisen, ist als erwachsener Zuschauer aber etwas schwer zu akzeptieren. Und darüber hinaus ist die Gute auch noch überaus schlagfertig, intelligent, belesen und selbstbewusst, daraus resultierend leider auch zuweilen recht unangenehm arrogant. Wednesday blinzelt nie, verfügt stets über denselben stoischen Gesichtsausdruck (erst als Blut durch die Sprinkleranlage beim Rabentanzball gejagt wird, huscht ihr tatsächlich mal ein Lächeln übers Gesicht) und den immer gleichen abgeklärt-gelangweilten Tonfall. Da sie auch als Voice-over-Erzählerin fungiert, ist ihr Geplapper permanent zu hören, was irgendwann zu nerven beginnt.

Die Handlung eröffnet ständig Nebenschauplätze und -handlungen, bis die Übersicht flöten geht, und wird dabei immer egaler, denn wird jemand tatsächlich einmal schwer verwundet, wird er mir nichts, dir nichts magisch geheilt. Das wiegt umso schwerer, als „Wednesday“ seinem Mystery-Whodunit? zum Trotz eine ohnehin sehr artifiziell anmutende Teenie-Serie (inklusive oberflächlich abgehandelten Teenie-Problemen und -Problemchen) ist, in die wirklich einzusteigen mir schwerfiel. Christina Ricci, die grandiose Wednesday aus den Kinofilmen, ist als Lehrerin Marilyn Thornhill mit von der Partie, leider jedoch bis zur Unkenntlichkeit maskiert und chargierend, damit ziemlich verschenkt.

Positiv verbuchen kann die Serie das junge Schauspielensemble inklusive Emma Myers als zuckersüßer Werwölfin, die einen tollen Kontrast zu Wednesdays Gothic-Schick bildet und vielleicht die Entdeckung der Serie ist. Äußerst sympathisch ist zudem die Grundausrichtung der Serie, ihre Glorifizierung des Außenseitertums und ihr Plädoyer für gegenseitige Akzeptanz und Zusammenhalt, insbesondere in Krisensituationen. Wenn das Jungvolk also so etwas auf Netflix bingt, die hektische und sprunghafte Handlung goutiert und sich eventuell gar positiv beeinflussen lässt, bin ich der letzte, der etwas dagegen hätte.

Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass meine bessere Hälfte wesentlich mehr Spaß mit „Wednesday“ zu haben schien als ich. Was weiß also ich schon...
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Das Kabinett des Professor Bondi

„Ein Künstler muss anscheinend ein bisschen verrückt sein!“

Die US-amerikanisch produzierte „House of Wax“-Neuverfilmung aus dem Jahre 1953 wurde vom ungarisch-stämmigen (und einäugigen!) Regisseur André De Toth („Gegenspionage“) als Farbfilm in damals ganz neuer 3D-Technologie inszeniert und gilt als erster 3D-Film mit Stereoton. Der deutsche Verleih benannte die Hauptfigur von Henry Jarrod in Henry Bondi um. Für Hauptdarsteller Vincent Price („Laura“) bedeutete dieser Horrorfilm den endgültigen Durchbruch im Genre.

„Sensation! Grauen! Nervenkitzel!“

New York im Jahre 1910: Wachskünstler Henry Bondis (Vincent Price) ganzer Stolz ist sein Wachsfigurenkabinett prominenter Persönlichkeiten. Sein Geschäftspartner Matthew Burke (Roy Roberts, „Tabu der Gerechten“) klagt über zu wenig Besuch und fordert eine sensationellere Ausrichtung des Kabinetts, die Bondi jedoch ablehnt. Kurzerhand fackelt Burke das ganze Museum ab, um die Versicherungssumme von 25.000 Dollar zu kassieren. Es wird davon ausgegangen, dass Bondi in den Flammen umkam. Doch just, als eine mysteriöser Todesserie unter Bondis ehemaligen Partnern grassiert, deren Leichen zudem aus dem Leichenschauhaus entwendet werden, erscheint Bondi wieder auf der Bildfläche. Der mittlerweile auf einen Rollstuhl angewiesene Exzentriker baut sein Kabinett wieder auf – mit verblüffend realistisch anmutenden Exponaten, die Grausamkeiten nachstellen…

Bondis klassisches Kabinett bekommt das Filmpublikum zu Beginn zu sehen, als er durch die Ausstellung führt. Bereits zu diesem Zeitpunkt wirkt der Künstler exzentrisch, spricht mit seinen Figuren, als seien sie lebendig. Der erste dramaturgische Höhepunkt des Films folgt sodann, als die Ausstellung in Brand gesetzt und Bondi niedergeschlagen wird. Die Figuren werden ein Raub der Flammen, während Bondi noch verzweifelt zu löschen versucht und nach einem weiteren Kampf in den Flammen zusammenbricht. Es ist sicherlich nicht gespoilert, wenn ich schreibe, dass Bondi mitnichten tot, vielmehr derjenige ist, der seine Peiniger tötet und es wie Suizide aussehen lässt. Dass er auch vor Cathy (Carolyn Jones, „Eintritt verboten“), der Ex-Freundin Burkes, nicht zurückschreckt und deren Freundin Sue (Phyllis Kirk, „Unser eigenes Ich“) verfolgt, weil er in ihr Marie Antoinette, das ehemalige Prunkstück seiner Ausstellung, zu erkennen glaubt, macht Bondi vom bemitleidenswerten Sympathieträger zum Antagonisten dieses Stoffs. Scotland Yard nimmt die Ermittlungen auf und besorgt somit den Krimianteil.

Bondi sieht (zumindest bis zum Finale…) überraschend normal aus und hat mit seinem taubstummen Diener Igor (Charles Bronson, „Pat und Mike“) eine neue Werkstatt eröffnet. Auf Bondis Einladung des Investors Sidney Wallace (Paul Cavanagh, „Tag und Nacht denk’ ich an Dich“) folgen ein größerer Zeitsprung, eine Intermission und die Eröffnung der neuen Ausstellung. Diese ist für manche Besucherin zu viel, doch der seine Exponate blumig kommentierende Bondi hat Riechsalz parat. Da Sue sich als Scream Queen und Final Girl geriert, geraten Bondis weitere Pläne schließlich ins Stocken, was den Anfang vom Ende bedeutet und in einem wunderschön gruselig und suspensiv gestalteten Finale kumuliert. Überhaupt sieht der Film nicht nur aufgrund seiner Farben toll aus, die Aufnahmen unheilschwangerer nebelverhangener Straßen und Gassen sowie expressionistische Schattenwürfe tragen ihren Teil dazu bei und sorgen für die richtige Atmosphäre. Vincent Price geht voll in seiner Rolle auf und legt viel „Phantom der Oper“ in sein Schauspiel, was ihm zu gleichen Teilen Erhabenheit, Tragik und Grauen verleiht.

Der komödiantische Anteil des Originals wurde stark zurückgefahren und findet sich lediglich in von Nebenfiguren eingebrachten Einsprengseln wieder. Die Polizisten reden indes etwas schnell miteinander, den Dialogen ist somit nicht immer leicht zu folgen. „Das Kabinett des Professor Bondi” ist gegenüber dem Original ein großer Schritt nach vorn und die wesentlich bessere, stimmigere Verfilmung, wenngleich der Film natürlich etwas an Spannung verliert, wenn man seine Geschichte kennt. In Bezug auf Schockeffekte und Terror wäre zudem mehr drin gewesen, doch das ist von einem Film aus dem Jahre 1953 sicherlich nur schwer zu erwarten.

Ein verdienter, prachtvoller Genre-Klassiker!
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[●REC]³ - Genesis

„Damit gelingen richtige Kinoaufnahmen!“

Drei Jahre nach der ersten Fortsetzung des spanischen Found-Footage-Infizierten-Zombiehorrors „[●REC]“ war Co-Autor und -Regisseur Jaume Balagueró raus, sein Kompagnon Paco Plaza inszenierte den dritten Teil der Reihe allein. Bei diesem handelt es sich um ein Prequel, das parallel zum ersten Teil spielt.

„Ich hab' grad meinen Onkel Pepe beim Kotzen gefilmt. So geil, ey!“

Die Jungvermählten Clara (Leticia Dolera, „Al salir de clase“) und Koldo (Diego Martín, „Aquí no hay quien viva“) haben zur Hochzeitsfeier geladen; Familie und Freunde sind erschienen und dokumentieren das freudige Ereignis mit ihren Handy- und Amateurkameras, ebenso der eigens dafür verpflichtete Profi Rafa (Ismael Martínez, „El día de la bestia“). Die Stimmung kippt, als Onkel Pepe (Emilio Mencheta, „Crematorio – Im Fegefeuer der Korruption“) zu einem rasenden Zombie mutiert, nachdem er von einem Hund gebissen wurde. Er überträgt den Erreger und verursacht eine Epidemie, in der das Hochzeitspaar verzweifelt, aber auch willens sich zu wehren, zu überleben versucht…

„Filmst du noch?!“

Der Auftakt gerät originell, zeigt er doch eine Diaschau von der Hochzeits-DVD – inklusive deren Menü. Die darauffolgenden Bilder entstammen den verschiedenen Videoquellen der Anwesenden und enthalten Gespräche über Kameras sowie witzige Kommentare. Der ausführliche Prolog endet mit der Zombie-Eskalation, in deren Zuge dem zuletzt Filmenden die Kamera aus der Hand geschlagen wird. Sein Found-Footage-Konzept wirft der Film nun über Bord und mischt herkömmliche, „unbeteiligte“ Filmkamerabilder unter anderem mit jenen einer Nachtsichtkamera in einem dunklen Schacht. Zunächst hat es den Anschein, es seien nur noch fünf Figuren übrig (eine davon der GEMA-Kontrolleur), die sich verschanzen, doch weitere befinden sich unversehrt in der Kirche. Baut und Bräutigam wurden getrennt, kommunizieren aber über eine Lautsprecheranlage miteinander. Der Pfaffe hält die Ereignisse für die biblische Genesis und ist mit der zu allem Überfluss auch noch schwangeren Braut allein. Mit Bibelzitaten gelingt es dem Padre, die Zombies in Schach zu halten. Spongejohn Spongebob ist auch noch unterwegs, treibt als Comic Relief sein Unwesen.

„Heute ist mein Tag!“

Nach dem starken Found-Footage-Beginn begibt sich „[●REC]³ - Genesis“ also in weitestgehend herkömmliche Horrorfilmgefilde und lässt dabei Federn. Die Figuren wirken wenig glaubwürdig, vielmehr parodistisch überzeichnet. Und nachdem jemand per Friendly Fire einen Morgenstern in den Kopp bekommen und die Braut ihr Kleid mit einer Kettensäge gekürzt hat (eine durchaus memorable Szene), gerät der Film zum sehr comichaften Fun-Splatter-Beitrag inklusive über sich hinauswachsender Heldin. Dennoch gelingen Regisseur Plaza einige genrekonforme, nichtsdestotrotz gutgemachte Spannungsszenen, zudem sind die Spezialeffekte meist ordentlich anzusehen. Die laute zeitgenössische Musik ist hingegen Geschmackssache. Ein kitschiges Ende bleibt letztlich nur angetäuscht, stattdessen entlässt romantischer Fatalismus aus dem Film.

„[●REC]³ - Genesis“ ist unterhaltsam, keine Frage, so richtig warmgeworden bin ich mit ihm, vor allem mit den harschen stilistischen Brüchen gegenüber den vorausgegangenen beiden Teilen, aber nicht. Der hinzukommende mehrfache innerfilmische Duktuswechsel mag für Plaza eine Fingerübung und Demonstration seiner Vielseitigkeit gewesen sein – einem kohärenten Ganzen indes ist er abträglich.
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Der Umleger

„Wir wissen nur eins, Chef: dass wir es in diesem Fall mit einem ausgesprochen abartigen Menschen zu tun haben!“

US-Regisseur Charles B. Pierces („The Legend of Boggy Creek“) „Der Umleger“ aus dem Jahre 1976 ist eine Mischung aus Proto-Slasher und True Crime, der die Texarkana Moonlight Murders aufgreift, die sich im Jahre 1946 in und um das texanische Städtchen Texarkana an der Grenze zu Arkansas ereignet haben.

Texarkana wird von einem unbekannten Serienmörder (Bud Davis, „Hollywood Man“), der einen Mehlsack über dem Kopf zu tragen pflegt, unsicher gemacht. Er sucht sich vornehmlich weibliche Opfer und ermordet diese mit Stich- und Schusswaffen brutal. Die Polizisten Morales (Ben Johnson, „Mörderbienen greifen an“) und Ramsey (Andrew Prine, „Grizzly“) legen sich auf die Lauer, tappen jedoch im Dunkeln…

Ein Voice-over-Sprecher im Dokumentarfilmduktus führt durch den Film und zunächst in die Situation kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Texarkana ein, um anschließend zu den schrecklichen Ereignissen, die wir zu sehen bekommen werden und deren Authentizität er betont, überzuleiten. Die ersten Morde finden unmittelbar im Prolog statt; wechselt die Kamera zur Täterperspektive, hört man übertrieben laute Atemgeräusche und Gekeuche sowie eindringliches Gekreische eines der Opfer. Inszeniert wurde dieser Einstieg bereits wie in einem Slasher. Sammy Fuller [sic!] (Mike Hackworth), das erste Opfer, überlebt. Der Erzähler stellt nun ein Pärchen vor, das Opfer eines Doppelmords wurde, von dem wiederum lediglich das Ergebnis gezeigt wird. Polizist Ramsey war dem Täter dicht auf den Fersen, erwischte ihn aber nicht.

Der Off-Sprecher mutet zunehmend wie eine Mischung aus Geschichtenerzähler und „Aktenzeichen XY… ungelöst“ an, macht genau Datumsangaben, die auch eingeblendet werden und den dokumentarischen Anspruch unterstreichen, muss sich jedoch fragen lassen, wie es um die Authentizität bestellt ist, wenn die Polizisten als Frauen verkleidet als Lockvögel in Erscheinung treten, Regisseur Pierce persönlich als Comic Relief die beklemmende Atmosphäre ad absurdum führt oder der Killer für einen ultrabizarren, beim Zusehen fast unfreiwillig komischen Mord ein Messer an einer Posaune anbringt, um beim, äh, „Spielen“ des Instruments ein Opfer zu erstechen. Wie kann letzteres überhaupt überliefert sein, wenn beide Opfer tot sind?

Später klassisch gewordene Genre-Versatzstücke sind hingegen die Hilfe von außerhalb – Captain Morales kommt als hochdekorierter Texas Ranger und soll’s richten –, ein stattfindender Highschool-Ball und ein zum Knutschen rausfahrendes Pärchen. Die sich daraus ergebende Phantomkiller-Action (die in den Posaunenmessermord mündet) ist gekonnt auf Dramatik und Spannung hin ausgerichtet inszeniert – und die Polizei kommt nicht besonders gut weg. Dokumentarisch wird’s wieder, wenn der Erzähler vom Medienrummel berichtet, den die Ereignisse hervorriefen. Ein Psychologe wird hinzugezogen und ein geständiger Täter geschnappt, der’s aber gar nicht war. Der Eindruck von Konfusion, Hilflosigkeit und blankliegenden Nerven wird adäquat vermittelt. Dass der Kopfsackträger ein paar Monate später ein Ehepaar in dessen Haus erschießt, setzt inszenatorisch zunächst auf Schockwirkung und entwickelt sich dann zu einem spannenden Überlebenskampf.

Der Sprecher erläutert weitere gesellschaftliche Auswirkungen, bevor der mit Zeitlupen arbeitende Showdown eingeleitet wird und der Epilog erläutert, was aus den Figuren, die man durch den Film kennengelernt hat, in der Realität wurde. Jener Showdown ist, so heißt es, ist von Ramsey-Darsteller Andrew Prine kurzerhand ausgedacht und ans Drehbuch angehängt worden. Nein, mit der Authentizität kann es nicht übermäßig weit her sein, vielmehr mutet „Der Umleger“ wie eine nicht immer ganz ausgegorene Mischung aus reißerischer True-Crime-Doku und Exploitation an – die aber offensichtlich wichtige Pionierarbeit fürs sich zwei Jahre später gründende Stalk’n’Slash-Subgenre leistete.
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Warte, bis es dunkel wird

„Das ist für Mary!“

Im Jahre 1976 war US-Regisseur Charles B. Pierces „Der Umleger“ erschienen, eine Mischung aus Proto-Slasher und True-Crime-Doku, die die 1946 verübten Texarkana Moonlight Murders aufgegriffen hatte. 2014 wurde die unter der Regie Alfonso Gomez-Rejons („American Horror Story“) entstandene metatextuelle Fortsetzung „Warte, bis es dunkel wird“ veröffentlicht, die sich ganz dem Slasher-Subgenre verschrieben hat.

„Irgendwie hat jeder hier in dieser Gegend Blut an seinen Händen.“

Im Jahre 1946 trieb der unentdeckt gebliebene „Phantomkiller“ im auf der Grenze zwischen Texas und Arkansas gelegenen Städtchen Texarkana sein Unwesen. Die Verfilmung jener Mordserie fand ihren Weg in die Autokinos, wo sie sich einiger Beliebtheit erfreute. Seither ist sie zum lokalen Kulturgut geworden und wird einmal jährlich wiederaufgeführt – so auch an Halloween 2013. Diesmal jedoch geht das Kinoereignis mit einer neuen Mordserie einher – jemand scheint die damaligen Taten nachstellen zu wollen. Oder ist gar der Täter von damals wieder aktiv? Jami (Addison Timlin, „Für immer Single?“) überlebt dessen ersten Angriff und versucht zusammen mit Stadtarchivar Nick (Travis Tope, „#Zeitgeist“), die Identität des Mörders zu lüften…

„Ihre Körper waren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt!“

Wie im 1976er Film führt ein Voice-over-Erzähler in den Film ein, alte Bilder und Zeitungsausschnitte werden zwecks Authentisierung herangezogen. Kirchenfuzzis wettern gegen den „gottlosen“ Film; kurz darauf findet die erste Attacke des neuen (oder alten?) Phantomkillers statt, als ein Pärchen das Autokino verlässt. Sie werden ganz klassisch in ihrem Auto beim Knutschen auf einer Lichtung überfallen. Er – Corey (Spencer Treat Clark, „The Babysitters“) – wird dahingemeuchelt, sie – Jami – aber kann entkommen. Regisseur Gomez-Rejon inszenierte insbesondere optisch beeindruckende Szenen, in denen sich die Angriffe mit den Bildern des im Autokino laufenden Films überlagern und vermischen. Jami redet mit ihrer Großmutter darüber, was damals geschah, und recherchiert im Netz, während ihr Coreys trauernde Mutter vorwirft, ihren Jungen alleingelassen zu haben. Wir erfahren, dass Jami eine Waise ist, die nun aber auf eigene Faust herausfinden will, wer der Killer ist, und sich zur weiteren Recherche ins Stadtarchiv begibt. Parallel werden, ähnlich wie 1946, die Texas Rangers eingeschaltet. Und der Mörder bleibt diesmal nicht stumm, sondern spricht. All dies verbindet die Moderne mit dem Alten, schafft Raum für empathischere, emotionalere Momente, die zumindest einen Teil der Figuren (u.a. mittels Rückblenden) stärker charakterisieren, und nährt die Hoffnung, dass am Ende vielleicht gar wirklich beide Mordserien aufgeklärt werden – was wiederum zur Spannung des Films beiträgt.

Zugegeben, wesentlich weniger charakterisiert als Jami wird ein nur knapp eingeführtes Pärchen, Sonnyboy und Blondine, die sich eine Softsexszene liefern, bevor es ihnen ultrabrutal an die Krägen geht und der Kopf des Beaus durch die Scheibe fliegt. Der sprechende Killer telefoniert nicht nur und avisiert, es immer wieder tun zu werden, er tritt sogar per E-Mail mit Jami in Kontakt. Diese freundet sich mit Nick aus dem Stadtarchiv an, wodurch zwei Außenseiter zueinander finden. Wie innerhalb der „Halloween“-Reihe wird auf einen vermeintlichen Täter geschossen, weil er die gleiche Maske trägt, und in einem neuzeitlichen Slasher wie diesem dürfen dann auch mal zwei schwule Jungs „gemischtrassigen“ Sex haben, bevor sie ermordet werden. Das alberne Posaune-Messer-Konstrukt aus dem ersten Film wird rekonstruiert, ansonsten schießt der Killer wie ebendort auch gern mal um sich (was für Slasher ungewöhnlich ist). Und als Sheriff (Nathaniel Holt, „Abraham Lincoln Vampirjäger“) sollte man sich keinen Blowjob angedeihen lassen, zumindest nicht, wenn ein Serienmörder umgeht.

Zwischen all diesen Gewaltexzessen scheint es aber auch Ermittlungserfolge zu verzeichnen zu geben: Die E-Mail scheint vom örtlichen Pfaffen zu stammen; der Sohn (Denis O'Hare, „American Horror Story“) des Regisseurs des ersten Films wird aufgesucht und glaubt zu wissen, wer der Mörder ist. Das riecht alles nach einem starken und befriedigenden Finale, das dann aber doch etwas enttäuscht: Die Handlung überschlägt sich nun förmlich und die Auflösung bleibt undurchsichtig und überkonstruiert, wirkt zudem wie „Scream“ in schlecht kopiert. Überhaupt, „Scream“: In seiner Metatextualität ist „Warte, bis es dunkel wird“ sichtlich stark von Wes Cravens Meta-Slasher-Reihe beeinflusst. Fairerweise muss man aber konstatieren, dass bereits „Der Umleger“ im Jahre 1976 am Ende eben exakt diese Meta-Ebene andeutete, als dessen Ende den Eindruck vermittelte, der Täter sehe sich die Verfilmung seiner Untaten im Kino an. Weitere Parallelen finden sich zum Zodiac-Killer bzw. zu David Finchers Verfilmung. Aber: Die Texarkana Moonlight Murders fanden früher als die Zodiac-Morde statt und „Der Umleger“ war früher dran als Finchers „Zodiac“.

Vom eher missglückten Finale abgesehen ist „Warte, bis es dunkel wird“ ein sehr ansehnlich gefilmter Neo-Meta-Slasher, der zudem auch einige gelungene visuelle Spielereien und Effekte sowie gute Musikeinsätze vorzuweisen hat – und eigentlich immer dann am besten ist, wenn er die spezielle Stimmung dieser Südstaaten-Kleinstadt vermittelt, mit all ihren Anachronismen und ihrem Umgang mit dem Phantomkiller-Trauma. Zudem vermengt er ziemlich respektabel reale Ereignisse – „Der Umleger“ wurde tatsächlich kontrovers aufgefasst, wird seit 2003 aber auch in der Realität jährlich in Texarkana gezeigt – mit Genre-Charakteristika und macht dabei generell einen souveräneren, vor allem aber professionelleren Eindruck als der Vorgänger.
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Tatort: Wenn man nur einen retten könnte

„Feuer über Bremen…“

Regisseurin Ziska Riemann („Get Lucky – Sex verändert alles“) inszenierte den achten Bremer „Tatort“ um die Ermittlerinnen Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und Linda Selb (Luise Wolfram) nach einem Drehbuch Elisabeth Herrmanns und Christine Ottos. Mit der am 25. Januar 2026 erstausgestrahlten Mischung aus Krimi und Sozialmelodram debütierte Riemann innerhalb der öffentlich-rechtlichen Reihe.

„Ich weiß, was du getan hast!“

Die Studentin Annalena Höpken (Annika Gräslund) ist tot, sie erlag ihren Verletzungen nach einem Sturz von einer öffentlichen Treppe in der Nähe einer Discothek. Offenbar wurde sie die Treppe hinuntergestoßen. Doch von wem und weshalb? Die Kommissarinnen Liv Moormann und Linda Selb sehen sich zunächst am Fundort um. Selb wird vom obdachlosen Dieb des Mobiltelefons der Toten mit einem Stein niedergeschlagen, nachdem sie ihn verfolgte und zu stellen versuchte. Während sie im Krankenhaus behandelt wird, ermittelt Moormann zusammen mit Patrice „Prince“ Schipper (Tijan Njie, „Girl You Know It's True“) vom Kriminaldauerdienst im Umfeld Annalenas. Diese lebte zusammen mit den Studierenden Karima Al-Sharquawi (Shirin Lilly Eissa, „Um die 50“), Colin Trenkner (Mitja Over, „WatchMe – Sex sells“), Laslo Wolf (Joyce Sanhá, „Noah“) und Hannes Butenbeker (Michael Schweisser, „Kundschafter des Friedens 2“) in einer Wohngemeinschaft, war verarmt und nahm Aufputschmittel. Mit Hannes war sie liiert, doch das ist bereits ein halbes Jahr her…

„So lebt doch kein normaler Mensch, oder?“

„Wenn man nur einen retten könnte“ eröffnet mit einer Soft-Hiphop-Nummer, von der, wenn sie später noch einmal erklingen wird, klar wird, dass WG-Bewohner Colin sie rappt. Der poetisch veranlagte, androgyn wirkende junge Mann ist der Außenseiter der WG, die Annalena vor ihrem Tod ebenso wie die Disco noch aufgesucht hatte. Ein Raub mit Todesfolge ist der erste, naheliegende Verdacht, der jedoch bald ausgeräumt werden kann. Moormann verschlägt es zusammen mit Schipper in besagte WG und Disco und erfährt von der Beziehungskiste ausgerechnet mit Hannes. Der ist Sohn eines reichen Immobilienbesitzers (Stephan Schad, „Für immer Sommer 90“), der die WG-Wohnung zur Verfügung stellt, während Hannes sich als Vermieter geriert und die überzogen hohen Zimmermieten in bar kassiert. Zudem erlaubt er sich sexuelle Verhältnisse zu den Mitbewohnerinnen. Diese WG erweist sich als reichlich toxisch, ihre Darstellung in diesem „Tatort“ kommt einer völligen Studenten-WG-Entromantisierung gleich.

So gut – und vermutlich nah an der Realität – diese Idee auch ist, die Figurenzeichnung kann da nicht ganz mithalten. Insbesondere der sich exzentrisch gebende Betroffenheitslyriker Colin, der auch gern einmal in Reimen spricht, stößt auf, aber auch seine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner wirken zumindest facettenweise aufgesetzt und klischeebehaftet. Als auch noch Prostitution Minderjähriger zum Thema dieses Falls wird, ist das dann doch alles etwas zu dick aufgetragen, zugleich aber auch eine Wendung weg von der WG, hin zu Annalenas Familiengeschichte mit verzweifelter alleinerziehender Mutter (intensiv gespielt von Catrin Striebeck, „Gegen die Wand“), der das Wasser bis zum Hals steht, und trotziger, sich entfremdender jüngerer Schwester Betty (Mathilda Smidt, „Naked“). Finanzielle Armut, käuflicher Sex, Leistungsdruck, Drogenmissbrauch, Abhängigkeiten, Obdachlosigkeit und Geldmacherei mit so dringend benötigten Wohnungen bzw. WG-Zimmern geben sich hier die Klinke in die Hand, was für wie üblich knapp 90 Minuten allerhand ist und der Regisseurin bei der Umsetzung des Drehbuchs zu schaffen gemacht haben dürfte.

Diese findet jedoch meist die richtigen Bilder zu dieser Noir-Sicht auf die Jugend und verleiht insbesondere norddeutscher Kälte passenden Ausdruck. Der Sinn hinter der Entscheidung, Selb auszuknocken und Moormann einen nicht unsympathischen Frauenhelden als Kollegen zur Seite zu stellen, erschließt sich zwar nicht, dafür darf Moormann sich erneut mit angemessen angefressenem Gesichtsausdruck durch die Szenerie rüpeln, Eier beweisen, wo diese gefordert sind, und Herz zeigen, wo vielleicht noch nicht alles verloren scheint. Das dicke Auftragen des Drehbuchs zieht sich dabei konsequent bis zum Finale durch.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Almanya – Willkommen in Deutschland

Die Tragikomödie „Almanya – Willkommen in Deutschland“ aus dem Jahre 2011 stammt von den Schwestern Nesrin (Drehbuch) und Yasemin (Drehbuch und Regie, „Ich Chef du nix“) Şamdereli, die Nachkommen türkischer Einwanderer sind. Sie zählt zum Kanon des migrantischen Films und war anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des deutsch-türkischen Migrationsabkommens in die Kinos gekommen, wo sie sehr erfolgreich lief. Sie ist als Dank an die türkischen Gastarbeiter konzipiert, richtet sich dabei aber explizit sowohl an ein migrantisches als auch ein „biodeutsches“ Publikum.

Der türkische Gastarbeiter Hüseyin (Vedat Erincin, „Daydreaming“) kam in den 1960ern nach Deutschland und ließ kurz darauf seine Frau Fatma (Lilay Huser, „Türkisch für Anfänger“) sowie die drei gemeinsamen Kinder nachkommen. Das vierte Kind Ali (Dennis Moschitto, „Kebab Connection“) kam bereits in Deutschland zur Welt. Mittlerweile sind Hüseyin und Fatma im Seniorenalter, haben Enkelkinder und eine intakte, gut integrierte Großfamilie. Die älteste Enkelin Canan (Aylin Tezel, „Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung“) wird sie zu Urgroßeltern machen, denn sie ist von ihrem englischen Freund schwanger. Als Hüseyin ein Haus in Anatolien kauft, macht sich die ganze Familie auf den Weg dorthin, um zwei Wochen Urlaub miteinander zu verbingen. Dies ist Anlass für Canan, ihrem kleinen Cousin Cenk (Rafael Koussouris, „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“) zu erzählen, wie es damals war, als ihr Großvater nach Deutschland ging…

Der Film der Şamderelis ist ein Mehrgenerationenfilm mit Arbeitsmigrationshintergrund, stellt komödiantisch verpackt in Bezug auf den in Deutschland geborenen Ali die Frage nach dessen Identität (Deutsch? Türkisch?), arbeitet mit dokumentarischem Material im Prolog, bietet verspielte Visualisierungen und operiert auf verschiedenen Zeitebenen über drei, strenggenommen gar vier Generationen. Die komplexe, mit Rückblenden und verschiedenen Schauspielerinnen und Schauspielern für die unterschiedlichen Altersstufen der Figuren arbeitende Erzählstruktur ist sehr gut und stets nachvollziehbar umgesetzt worden. Erfahrene Schauspielerinnen und Schauspieler interagieren mit süßen Jüngstmimen. Die Sprachbarrieren und -probleme werden umgedreht, indem die just nach Deutschland gekommenen Türken Hochdeutsch sprechen, während von den sie umgebenden Deutschen nur unverständliches Kauderwelsch ertönt. Durch diesen Perspektivwechsel werden die Deutschen zu den defizitären Figuren – eine originelle Umkehr der Verhältnisse.

Die schwangere Canan fungiert zugleich als Off-Erzählerin, die anekdotenreich die Familien- und damit ihre Migrationsgeschichte aufrollt. Der unter anderem mit ironischen Brüchen leichtfüßig hantierende Humor ist äußerst angenehm, sensibilisiert aber auch – auf die sanfte Weise – für kulturelle Hürden und transferiert Wissen über den Einlebeprozess. So werden beispielsweise Kruzifixe mit dem toten Lattenjupp als kurios bis angsteinflößend empfunden. Der Erwerb der deutschen Sprache hingegen wird sehr differenziert rekapituliert. Tiefergehende Probleme bleiben jedoch meist außen vor bzw. verborgen unter den kulturübergreifenden Wohlfühlfilm-Ingredienzien. Man hat es hier nämlich mit einer Vorzeigefamilie zu tun, die integrationswillig und nicht übermäßig religiös ist, in der keine Kopftücher getragen werden und die sich letztlich weitestgehend reibungslos in die deutsche Gesellschaft einfügt, die sie im Gegenzug nicht unnötig piesackt.

Betrachtet man Hüseyin, Fatma & Co. nicht als exemplarisch für die türkische Einwandererfamilie (die es natürlich gar nicht gibt), sondern den Film als individuelle Geschichte, in die viele persönliche Erfahrungen einflossen, macht er viel Spaß. Diesen droht er einem im tragisch verlaufenden letzten Akt zu nehmen, schwächt die Tragik jedoch unter anderem durch eine kongeniale Narrationstechnik: Dem bevorstehenden Todesfall, von dem das Filmpublikum noch gar nichts weiß, wird in Bildern und ganzen Szenen bereits Ausdruck verliehen. Das sentimentale Ende ist ebenfalls durchaus gekonnt inszeniert, wenn auch etwas rührselig geraten, dafür mit Zitaten Salman Rushdies und Max Frischs gespickt.

Historisch nicht ganz korrekt scheint mir das vom Film vermittelte Bild, Deutschland habe seinerzeit die türkischen Gastarbeiter herbeigerufen – meines Wissens hatte eher die Türkei darum gebeten. Aber sei’s drum, als sympathische Tragikomödie funktioniert „Almanya – Willkommen in Deutschland“ ziemlich gut, wenngleich zahlreiche Klippen umschifft werden und der Gesamteindruck seinem Unterhaltungswert zum Trotz ein wenig seicht wirkt. Der Film macht auf mich den Eindruck, einer der Höhepunkte moderner, weltoffener deutscher Gemütlichkeit gewesen zu sein, bevor es wieder verstärkt zu gären begann und Nationalisten wie Faschisten seither wieder offensiv nach der Macht greifen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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