bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Kir Royal

„Wer reinkommt, das bestimm‘ ich!“

Drei Jahre nach seiner Kultserie „Monaco Franze – Der ewige Stenz“ arbeitete der Autor und Regisseur Helmut Dietl erneut mit Co-Autor Patrick Süskind für eine Fernsehserie zusammen. Die sechs Episoden à einer knappen Stunde umfassende Serie „Kir Royal“ taucht noch tiefer in die Münchner Schickeria ein, handelt es sich doch um eine Persiflage auf den Klatschreporter Michael Graeter von der Münchner Abendzeitung. Der heißt hier Baby Schimmerlos und wird von Franz Xaver Kroetz („Tatort: Spiel mit Karten“) gespielt. Ähnlich wie bei „Monaco Franze“ handelt es sich um in sich abgeschlossene Episoden, die Momentaufnahmen aus Schimmerlos‘ Leben zeigen.

„Der Strichbur, der kokainistische!“

Das titelgebende alkoholische Getränk wird insbesondere in der Auftakt-Episode ständig getrunken, denn es handelt sich dabei nicht nur um Babys favorisierten Trunk, sondern erfreut sich in der Schickeria-Szene generell großer Beliebtheit. Baby ist mit Mona (Senta Berger, „Der Mann ohne Gedächtnis“) liiert, vernachlässigt sie aber gerne mal, wenn es um seine Karriere geht, und nimmt es mit der Treue auch alles andere als genau. Sein ständiger Begleiter ist der Fotograf Herbie Fried (Dieter Hildebrandt, „Is‘ was Kanzler?!?“); seine Sekretärin Edda Pfaff (Billie Zöckler, „Neonstadt“) tippt seine Klatschkolumnen für die Münchner Allgemeine Tageszeitung, die der vermögenden Friederike von Unruh (Ruth Maria Kubitschek, „Monaco Franze – Der ewige Stenz“) gehört, zu der er hin und wieder zum Rapport muss. Diese Figuren bilden das Stammensemble der Serie.

„Isch scheiß‘ dich sowat von zu mit meinem Geld!“

Die erste Episode beginnt stilecht mit einem Sektfrühstück im Bett und dreht sich um den reichen Kleberfabrikanten Heinrich Haffenloher (Mario Adorf, „Der Mafiaboss“), der alles daransetzt, einmal in Babys Kolumne aufzutauchen, weshalb er ihn unbedingt kennenlernen will und ihm nachstellt. Baby hingegen ist darauf bedacht, seine Unabhängigkeit zu bewahren, verwehrt sich auch gegen die Versuche Herbies, die zeigefreudige Blondine Lisa (Corinna Drews, „Die Säge des Todes“) über ihn in die Schickeria einzuschleusen – muss sich am Ende aber eingestehen, letztlich auch seinen Preis zu haben. Dass Haffenloher droht, Baby über Gebühr zu bezahlen, ist der absurd anmutende Clou dieser Episode, die sowohl Babys Macht als eine Art Gatekeeper illustriert als auch den Geltungsdrang, das Streben nach Beachtung oder gesellschaftlichem Aufstieg, verschiedener Typen Mensch persifliert, die Riten sowie ungeschriebenen Gesetze der feinen Gesellschaft aufs Korn nimmt und nicht zuletzt die gehobene Gastronomie durch den Kakao zieht. Drews zeigt ihre Möpse und Adorf spielt zum Niederknien.

„Immer und überall der gleiche Fraß!“

In Episode 2 versucht Baby, einer Fernsehschauspielerin (Christine Schuberth, „Josefine Mutzenbacher“) eine Schwangerschaft anzudichten, betrügt Mona mit einer (erneut äußerst freizügigen) Blondine, verscherzt es sich dadurch mit Mona, gerät sogar in Lebensgefahr, wird vom bayrischen Ministerpräsidenten (Georg Marischka, „Die Akte Odessa“), einem Franz-Josef-Strauß-Verschnitt, gerettet, muss am Ende aber den Tod seiner Mutter (Erni Singerl, „Monaco Franze – Der ewige Stenz“) beklagen. Diese monologisiert gedanklich wie verbal in dieser Folge vor sich hin und sorgt so für nachdenkliche Momente, während ansonsten Hektik, Überstürzung und Emotionalität regieren. Eine schöne Parabel auf die rein selbstzweckhaften Mechanismen der Klatschpresse. Und was Nacktszenen betrifft, steht Kroetz den weiblichen Nebendarstellerinnen übrigens in kaum etwas nach.

„Jeder Idiot sieht, dass man von hier aus nichts sieht!“

In der dritten Episode erfährt man, dass Baby finanziell über seine Verhältnisse lebt, auch hier also mehr Schein als Sein. Es geht um windige Immobiliengeschäfte und einen krummen Deal, der bis in die Politik hineinreicht, also um handfeste Korruption. Baby glaubt, aus diesem Klüngel einen persönlichen Vorteil zu erzielen, sieht sich am Ende jedoch damit konfrontiert, lediglich ein Spielball Mächtigerer gewesen zu sein. Zugleich bereitet Mona ihm immer ausuferndere Eifersuchtsszenen. Der besondere Sprachwitz der Serie erblüht hier zu ganzer Pracht, während Methodik und Prozesse der Korruption durchexerziert werden – mit allen Konsequenzen.

„Wie sieht denn die aus? Abgefuckt madamig…“

Eine Ausnahmestellung nimmt die Episode „Adieu Claire“ ein, die als einzige von Kurt Raab geschrieben wurde. Babys skrupellose Versuche, an eine Exklusivgeschichte zu gelangen und dafür einen sterbenden jüdischen Komponisten (Curt Bois, „Casablanca“) sowie dessen alte Liebe (Marianne Hoppe, „Die seltsame Gräfin“) zu belästigen, sind der Aufhänger einer letztlich sehr einfühlsamen Folge, die sich mit Deutschlands NS-Vergangenheit auseinandersetzt. Dass in einer Nebenhandlung ausgerechnet der militärische „Marines-Look“ zur angesagtesten Frisur avanciert, die plötzlich jeder zu tragen scheint und man sogar Senta Berger mit Kurzhaarfrisur zu Gesicht bekommt, ist ebenso wenig ein Zufall wie die vielen an die Zeiten des nationalsozialistischen Terrors erinnernden Details. Man verlässt sogar für eine kurze Zeit München und unternimmt einen Abstecher nach Paris. Eine herausragende Episode, die gerade wegen ihrer Andersartigkeit besticht: Die verachtenswerten Methoden des Klatschjournalismus spielen hier nur eine untergeordnete Rolle. In einer Nebenrolle als tuntiger Friseur: Udo Kier („Suspiria“). Und als Kellner: Dirk Bach („Im Himmel ist die Hölle los“).

In der vorletzten Episode geht es ebenfalls faschistoid zu, denn die gebürtige Münchnerin und jetzige Königin (Michaela May, „Komm, liebe Maid und mache“) des (fiktionalen) Inselstaats Mandalia reist nach München, was ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse ist. Während Baby und Herbie sie in ihrem Hotelzimmer auf eigentlich widerwärtig voyeuristische Weise bespitzeln, bekommen sie jedoch Wind davon, dass der königliche Besuch vornehmlich dem Erwerb von Waffen dient, um die mandalische Freiheitsbewegung brutal niederzuschlagen. Dietl und Süskind erzählen auf dieser Grundlage davon, wie aus etwas Falschem etwas Richtiges erwächst, das aus den falschen Gründen zunächst verurteilt und aus anderen, nicht minder falschen Gründen dann doch gutgeheißen wird. Ein wunderbares Bildnis für den Umgang mit ausländischen Autoritäten, mit Stand und Herkunft sowie der Gewichtung von schönem Schein und Etikette gegenüber Ethik und Moral. Die auf die Schippe genommene Faszination fürs Royale erinnert bereits ein wenig an Dietls später in „Schtonk!“ verfolgten Ansatz, was das boulevardeske Interesse an Nazigrößen betrifft.

Im Serienfinale stehen die Zeichen auf Veränderung und Abschied. Baby fehlt die rechte Inspiration und erwägt einen Jobwechsel, während Mona unerwartet mit einer Gesangskarriere durchstartet. Absonderliche Extravaganzen eines milliardenschweren Tycoons treffen auf eine verborgene Talente entdeckende und sich dadurch von ihrem Lebensgefährten emanzipierende Frau. Vielleicht hätte man sich einen größeren Knall fürs Finale gewünscht, doch Dietl beherrscht auch die leiseren Töne und legt Wert auf Ambivalenzen seiner Figuren, die er karikiert, jedoch nicht bis zur völligen Überzeichnung verzerrt. Die Absurdität und das Lachhafte sind in der hier persiflierten Realität verhaftet und werden nicht etwa erst durch die Übertragung in die Komödie erweckt. So bekommen neben Baby Schimmerlos, stellvertretend für Boulevardpresse-Schmierfinken, auch die einzelnen Versatzstücke der berühmt-berüchtigten Schickeria ebenso ihr Fett weg wie Wirtschaft und Politik.

Insbesondere aber wirft „Kir Royal“ ein Schlaglicht auf Persönlichkeit und Selbstverständnis eines Klatschreporters, dessen Arbeit mit Journalismus nicht viel zu tun hat und der sich für wichtiger hält, als er es eigentlich ist. Dass man ihm permanent das Gefühl gibt, es zu sein, ist Teil eines gesellschaftlichen Spiels, in dem er wenig mehr als ein Bauer ist. Trotz mitunter auftretender bayrisch-hochdeutscher Sprachbarriere ist der hintergründige Humor dieser Serie verdammt gut gealtert und gilt „Kir Royal“ zurecht als ein Stück deutschen ‘80er-Fernsehkults.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Das war der wilde Osten – Go Trabi Go 2

„Blauer Himmel über Bitterfeld!“

Gut eineinhalb Jahre nach der so köstlichen wie erfolgreichen Roadmovie/Wende-Komödie „Go Trabi Go“ lancierte man eine Fortsetzung in die gesamtdeutschen Kinos. Der Experte für hintersinnige ostdeutsche Komödien, Peter Timm, führte diesmal jedoch nicht die Regie und war auch nicht am Drehbuch beteiligt. Übrig waren nur Reinhard Klooss, Co-Autor des Vorgängers, geblieben, der sich nun die Regie mit dem Populär- und Subkultur-affinen Wolfgang Büld („Punk in London“, „Gib Gas – Ich will Spaß“) teilte und das Drehbuch zusammen mit dessen Intimus Stefan Cantz verfasste – und natürlich das Familie Struutz mimende Ensemble um den Kabarettisten Wolfgang Stumph.

„Jetzt wird investiert!“

Als Familie Struutz, bestehend aus Deutschlehrer Udo (Wolfgang Stumph), seiner Frau Rita (Marie Gruber, „Dornröschen“) und der gemeinsamen Tochter Jacqueline (Claudia Schmutzler, „Polizeiruf 110: Eine unruhige Nacht“), mit ihrem bunten Cabrio-Trabant „Schorsch“ aus dem abenteuerlichen Italienurlaub in ihre Heimat Bitterfeld zurückkehrt, erkennt sie diese nicht wieder: Ihr Wohnhaus wurde abgerissen, ein US-Investor will dort einen Golfplatz („Mit 16 Löchern!“) errichten. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Udo hat eine die Gartenzwergfabrik „Rote Mütze“ im nahe Dresden gelegenen Landwitz geerbt. Diesen ehemaligen VEB plant Bürgermeister Kuhn (Uwe Friedrichsen, „Schwarz-rot-gold“) eigentlich für eine lumpige D-Mark zu erstehen, um ihn für eine Autobahn plattzumachen. Doch nicht mit Udo Struutz! Dieser tut sich mit dem westdeutschen Charlie (Rolf Zacher, „Der Formel Eins Film“) zusammen, der die Gartenzwerge mithilfe eines Investors international vermarkten möchte. Ehefrau Rita umgarnt derweil den Bürgermeister, natürlich aus rein taktischen Erwägungen heraus, und Jacqueline wird langsam flügge…

„Anarchistenflittchen!“ – „Kapitalistenschlampe!“

„Go Trabi Go 2“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Ausverkauf Ost satirisch-komödiantisch aufs Korn zu nehmen. Vermutlich durch den Erfolg des ersten Teils konnte man eine übers Stammensemble hinausgehende interessante Besetzung zusammentrommeln, von der ostdeutschen Moderatoren- und Entertainer-Legende Wolfgang Lippert als Boutiqueverkäufer über Komödiant Jochen Busse als mit Wirtschaftsworthülsen um sich werfendem Abwicklungsbeamten und den Sänger und Moderator Gunther Emmerlich als singendem Mittelalterkneipenwirt bis hin zu Rolf Zacher als geschäftstüchtigem Wessi, der Kondome in Deutschlandfarben verkauft.

„Was sind Sie denn?“ – „Gelernter DDR-Bürger.“

Zusätzlich begegnet man Pseudoskins, wie sie damals nicht nur im Osten Deutschlands aus allen Löchern krochen, sowie sich wie Kolonialherren aufführenden Wessis. Udo und Charlie besuchen einen Empfang in der Semperoper, wo Udo unablässig Goethe zitiert, und mit seinen Gartenzwergen geht’s sogar nach New York. Für eine leicht anregende Komponente sorgt Jacqueline, die mit ihrer Freundin nur in Unterwäsche bekleidet im Nachtclub, in dem sie nun jobbt, tänzelt. Trabi Schorsch spielt leider nur noch eine untergeordnete Rolle.

„Der Weg in die Zukunft ist der Weg in den Osten!“

Die Dialoge sind witzig, auf ihnen schien ein Hauptaugenmerk zu liegen. Die Handlung hingegen ist etwas konfus und unfokussiert, die Pointe gar schwach und das Happy End unnötig in die Länge gezogen. Als Satire ist „Go Trabi Go 2“ etwas trocken, dann wieder reichlich albern. Eine humoristische Offenbarung ist diese Fortsetzung somit sicher nicht, in ihren Ansätzen jedoch sehr gut und durchaus sozialkritisch-bissig. Große Teile des hörenswerten Soundtracks stammen von den britischen Glam-Rockern Slade. Auffallend sind auch die beeindruckenden Landschaftskulissen von Elbsandsteingebirge und Konsorten, die Büld und Klooss augenscheinlich ein Anliegen waren.

Alles in allem war Timms erster Teil aber wesentlich charmanter, während die Fortsetzung mal über- und mal unterambitioniert und dadurch letztlich etwas sehr bemüht wirkt. Immerhin lernen wir: „New York ist auch nicht viel anders wie Dresden!“
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Polizeiruf 110: Der Dicke liebt

„Trinken, um zu vergessen. Trinken, um zu vergessen, dass man trinkt. Trinken aus Frustration.“

Zum 50. Jubiläum der Fernsehkrimireihe „Polizeiruf 110“ hatte man mit Henry Koitzsch (Peter Kurth, „Good Bye, Lenin!“) und Michael Lehmann (Peter Schneider, „Als wir träumten“) ein neues Hallenser Ermittlerduo eingeführt, das Ende Mai 2021 in „An der Saale hellem Strande“ erstmals aktiv werden durfte. Lange Zeit war zu befürchten, dass es bei dieser einen Ausnahme bleiben und kein zweiter Fall folgen sollte. Diese Sorge erwies sich jedoch als unbegründet, denn knapp drei Jahre später, am 21. April 2024, gab es in der Episode „Der Dicke liebt“ ein erneut von Clemens Meyer und Thomas Stuber geschriebenes und von Stuber auch inszeniertes Wiedersehen mit den beiden.

„Bitte stapeln Sie diese Kugeln.“

Der alternde Hallenser Kriminalhauptkommissar Henry Koitzsch verliert seinen Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer und sieht sich nicht nur dadurch mit seinem Alkoholproblem konfrontiert, mit dem er jedoch relativ gelassen umgeht. Eine andere Konfrontation schmerzt mehr; ein Schmerz, den der Alkohol zu betäuben hilft: Die achtjährige Inka (Merle Staacken, „Zwei Weihnachtsmänner sind einer zu viel“) wird in einer Kleingartenkolonie ermordet und missbraucht aufgefunden. Koitzsch ermittelt zusammen mit seinem jüngeren Kollegen Michael Lehmann, unternimmt aber auch Alleingänge. So lernt er Inkas Eltern (Katrin Hansmeier, „Das letzte Schweigen“ und Matthias Walter, „Stubbe – Von Fall zu Fall“) ebenso kennen wie Inkas Mathe- und Nachhilfelehrer Herrn Krein (Sascha Nathan, „Im Westen nichts Neues“), einen alleinstehenden adipösen Sonderling mit exorbitanter Plüschteddy-Sammlung, der einen guten Draht zum Opfer hatte und sich nun auffallend stark um seine kleine Schülerin Juli (Romy Miesner) kümmert. Nicht nur für die Polizei wirkt er dadurch verdächtig. Bei der stellvertretenden Rektorin an seiner Schule handelt es sich ausgerechnet um Monika Hollig (Susanne Böwe, „Herbert“), mit der Koitzsch einst ein Blind Date hatte. Wird sie entscheidende Hinweise geben können?

„Versuchte Penetration mit einem Gegenstand.“

Koitzsch fährt Schlangenlinien. Koitzsch muss zum Rapport. Koitzsch tauscht Jack-London-Zitate mit dem Amtsarzt aus. Der Auftakt gehört ganz ihm. Szenenwechsel, Grundschule, Mathe-Unterricht: Dass Schülerin Inka verschwunden ist, lässt ein eingespieltes Telefonat der Mutter wissen – eines der ersten von vielen achronologisch über die Handlung gelegten Erzählelementen, die sich durch den Stil dieser Episode ziehen. Koitzschs und Lehmanns Büro sieht aus wie ein Kellerverschlag, Baustellenlärm inklusive. Das wirkt mindestens so abgerockt wie Koitsch. Jüngere Kolleginnen und Kollegen führen Befragungen durch, denn die Mordkommission ist noch gar nicht zuständig. Dies wird sie erst nach dem Leichenfund im Kleingarten. Vorher hat man als Zuschauerin oder Zuschauer bereits Lehrer Krein kennengelernt, ihm dabei zugesehen, wie er der kleinen Juli Nachhilfe gibt und wie er einkaufen geht, Bekanntschaft mit seiner Teddybärensammlung auf dem heimischen Sofa gemacht.

„Manchmal bin ich froh, dass ich keine Kinder hab‘…“

Dieser (von Sascha Nathan überragend zwischen bemitleidenswert, bedrohlich und abstoßend gespielte) scheint bei seiner Befragung auch sehr angefasst. Der Täter soll jedoch recht schwer gewesen sein, was den übergewichtigen Krein zusätzlich verdächtig macht. Davon unabhängig werden polizeibekannte Pädophile abgeklappert, ein Vorbestrafter wohnt gar nahe der Schule – und verstößt gegen seine Auflagen. Zu wichtigen Zeugen werden ausgenüchterte Obdachlose, die sich in der Nähe des Tatorts aufhielten. Ähnliches gilt für eine demente alte Dame, die man in ihrem Pflegeheim behutsam befragt. Derweil macht ein wütender Mob (u.a. Johannes Kienast, „Neue Vahr Süd“) bereits Jagd auf Lehrer Krein. Dieses Figurenpanoptikum passt zu diesem sozialrealistisch „Polizeiruf“, in dem es keinerlei Platz für optimistische Heldenfiguren gibt und der die Belastungen der beiden Ermittler aufzeigt, die nicht nur an Fällen wie diesem zu zerbrechen drohen, sich sogar untereinander in die Haare kriegen und dennoch fieberhaft nach Hinweisen suchen; so auch, als Koitzsch den „Tag der Volkspolizei“ mit Rechtsmediziner Reinhold (Andreas Leupold, „Kriegerin“) und seinem Ex-Kollegen Thomas Grawe (DDR-„Polizeiruf 110“-Veteran Andreas Schmidt-Schaller) feiert. Bei einer erneuten Inspektion des Tatorts findet man tatsächlich etwas. Klassische trifft auf unkonventionelle Polizeiarbeit in einem trotz bestem Sommerwetter düsteren sozialen Panorama.

„Manchmal ist es besser, wenn du als Ermittler nur am Rand stehst…“

Auch wenn „Der Dicke liebt“ trotz Whodunit? kein vornehmlich auf Spannung ausgerichteter Fall ist, wird seinem Publikum erst im letzten Drittel ein Wissensvorsprung gegenüber den Ermittlern gegönnt – der aber nur kurz währt. Am Ende dürfte sich jeder einen anderen Ausgang gewünscht haben, doch Meyer und Stuber ersparen ihren Zuschauerinnen und Zuschauern nichts. So wirkt denn das in die Sprachlosigkeit platzende „Summertime“-Lied ausgesprochen zynisch. Der nachdenkliche Epilog verwischt die Grenzen zwischen dem fertig wirkenden, lakonischen und direkten Gesetzeshüter Koitzsch und verurteilten Straftätern, wenn Koitzsch hinter Gefängnismauern mit einem Knacki wieder zur Flasche greift.

Die in einem modernen, zeitgemäßen Post-Neo-noir-Stil gehaltene Episode mit ihren verlangsamten Bildern, den Unschärfen, der sehr getragenen musikalischen Untermalung und den Kinderstimmen als Geräuschkulisse, diese fatalistische Abhandlung über Vorverurteilung, Selbstjustiz und Einsamkeit, ist ein Film wie ein Onkelz-Song (das Getragene, der negative Blick auf die Gesellschaft, die Kinderschänder-/mörder-Thematik, der Alkohol…); ein hervorragend gemachter Downer, nach dem man sich am liebsten die Decke über den Kopf zieht und sich eng an den/die Liebste(n) kuschelt – oder an seinen Lieblingsteddy…

Ein wie schon sein Vorgänger „An der Saale hellem Strande“ herausragender Beitrag zur „Polizeiruf 110“-Reihe, in dem lediglich die Zeit für ein ausführlicheres Täterporträt zu knapp bemessen scheint. 8,5 von 10 Jack-London-Zitaten dafür.
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Last Exit Schinkenstraße

„Euch würd’ ich jetzt das Tschüß anbieten.“

Schriftsteller, Musiker, Humorist und Schauspieler Heinz Strunk schrieb mit „Last Exit Schinkenstraße“ erstmals ein Seriendrehbuch. Dieses wurde im Jahre 2023 von Jonas Grosch („Legend Of Wacken“) für den Streaming-Dienst des finsteren Jeff, Amazon Prime, in sechs knapp halbstündigen Episoden verfilmt. Im Stil einer Buddy-/Verliererkomödie wird die Branche der Ballermann-Stimmungsmusiker persifliert.

„Wir müssen proforma vorspielen, aber das ist reine Formsache!“

Die Mittfünfziger Torben Bruhn (Marc Hosemann, „Die Discounter“) und Peter Voss (Heinz Strunk, „Fraktus“), die die Bläsersektion der Tanzband „Boarding Time“ bilden, werden vom Bandleader (Charly Hübner, „Für immer Sommer 90“) gefeuert und stehen vor dem Nichts. Da entwickeln sie den Plan, jeglichen musikalischen Anspruch über Bord zu werfen und sich als Ballermann-Hit-Komponisten zu verdingen. In Clubbetreiber Tarek (José Barros, „Babylon Berlin“) finden sie tatsächlich jemanden, der die Musik der beiden auf die Bühne bringt, der aber auch kräftig mitverdienen will. Das stellt die Freundschaft Peters, der fortan als Pierre Panade Songs wie „Breit in 100 Sekunden, „Du sollst nicht lecken, bevor es tropft“ oder „Fleisch ist mein Gemüse“ performt, und Torbens, der als dessen Manager fungiert, auf eine harte Probe...

Der Ballermann ist nicht totzukriegen und auch medial ein immer wieder aufgegriffenes Phänomen, ob im Spielfilm (der unterbewertete „Ballermann 6“), im Boulevard-TV und in Doku-Soaps oder in Serien wie „Der König von Palma“ oder nun eben „Last Exit Schinkenstraße“. Während „Ballermann 6“ stumpfsinnige Ballermann-Sauftouristen aufs Korn nahm, unternehmen die Serien Einblicke hinter die Kulissen. Die Protagonisten aus „Ballermann 6“ sind das Publikum von „Künstlern“ wie Pierre Panade und Mickie Krause, der sich hier selbst spielt.

Der Einstieg mit „Boarding Time“ ist eine Reminiszenz an Strunks „Fleisch ist mein Gemüse“, jenem (später auch verfilmten) Beststeller, aus dem hervorging, welch hartes Brot das Dasein als Tanzmucker ist: „Boarding Time“ sind eine aktualisierte Version Strunks ehemaliger Band „Tiffanys“ und der Duktus des Bandleaders ist jenem Gurkis entlehnt. Strunk spielt mit Frikadellenfrisur auch hier eine tragikomische Gestalt, der es aber unheimlich leichtfällt, Ballermann-kompatible Stimmungshits zu komponieren und zu texten. Diese ziehen sich durch die Serie und sind perfiderweise verdammte Ohrwürmer. Neben skurrilen Figuren wie u.a. Olli Schulz („Jürgen – Heute wird gelebt“) als Mitarbeiter Tareks, Situationskomik und Persiflagen speist sich der Humor viel aus Running Gags wie Torbens Sorge, Peter sei alkoholabhängig, weshalb er ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit Fragen aus einem arg durchschaubaren „Psychotest“ stellt („Würdest du auch Alkohol zu dir nehmen, wenn er in Pulver- oder Tablettenform erhältlich wäre?“), sowie Sprach- und Wortwitzen, für die Strunk in seinen Geschichten schon immer ein Faible bewies: Permanente Sprücheklopferei trifft auf absurde Entscheidungsfragen, und Torbens Ehefrau Ilona (Bettina Stucky, „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“) neigt dazu, Redewendungen durcheinanderzubringen. Diese ist mit Torbens vermeintlich unter Muskelschwund leidendem und deshalb angeblich arbeitsunfähigem Sohn Casey (Björn Meyer, „Ach du Scheiße!“) sowie dessen Frau Cathleen (Julia Jendroßek, „Der vermessene Mensch“) und deren gemeinsamen Säugling zu Hause zurückgeblieben, ohne zu wissen, dass Torben und Peter gar nicht mehr bei „Boarding Time“ spielen. Torbens Familie dient als Verballhornung von Prekariatsklischees.

Tarek, ein bulliger Südländer, wirkt von vornherein wenig vertrauenserweckend. Seine Figur ist denn auch der Ausgangspunkt für eine mafiöse Handlung, die fiese Knebelverträge à la Abou Chaker auf die Ballermann-Hit-Branche überträgt. Dass Strunk kein ausgebildeter Schauspieler ist, merkt man ihm durchaus an. Er scheint sich dessen bewusst zu sein und erinnert immer wieder ein wenig an den großen Karl Dall, wenn er sein Schauspiel mit einer feinen Selbstironie versieht, als spiele er einen Schauspieler, der zu schauspielern versucht. Das macht ihn wenig angreifbar und versieht die Serie um eine weitere, subtilere Humorebene. Der mit einer herrlich nach Kneipe klingenden Stimme gesegnete Hosemann mimt Torben als knorrigen, bauerschlauen Typen mit einer Familie, die er am liebsten von hinten sieht, und der sich auf Freiersfüße begibt, während er zugleich seine Musikkarriere-Felle davonschwimmen sieht.

Scooter-Hampelmann Hans-Peter Baxxters Gastauftritt ist verzichtbar und ebenso wie Mickie Krauses Mitwirken ein Indiz dafür, dass Strunk mit dieser Serie niemandem wehtun möchte, schon gar nicht, wenn man so will, ehemaligen „Kollegen“ aus der Musikbranche – ganz gleich, was sie an Stuss fabrizieren. Damit wird das satirische Potenzial dieses Stoffs leider kaum ausgeschöpft. Völlig unpassend ist gar die eingewobene und ohne jede Komik von Bjarne Mädel („Der Tatortreiniger“) und Katharina Wackernagel („Stralsund“) gespielte Ehekrise eines Touristen-Ehepaars, auf das ich zugunsten weiterer Ballermann-Verballhornungen („Verballermannhornungen“?) gern verzichtet hätte.

„Last Exit Schinkenstraße“ ist nicht der ganz große Wurf, aber allemal unterhaltsam und sympathisch – wahrscheinlich gerade auch deshalb, weil die Serie ein Herz für ihre Figuren hat und sie eben nicht nur vorführen will.
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Jäger des verlorenen Schatzes

„Ich glaube nicht an Magie oder irgendeinen Hokuspokus!“

Zwischen „1941 – Wo, bitte, geht's nach Hollywood?“ und „E.T. – Der Außerirdische“ schüttelte US-Regisseur Steven Spielberg in Kooperation mit US-Produzent George Lucas (der zusammen mit Philip Kaufman und Lawrence Kasdan das Drehbuch verfasste, aber keine Zeit hatte, selbst Regie zu führen) einen weiteren Klassiker des Unterhaltungskinos aus dem Ärmel und erschuf im Jahre 1982 eine der Spielfilmikonen schlechthin: den von Harrison Ford („Krieg der Sterne“) verkörperten Abenteurer Indiana Jones, der nach seinem Debüt in „Jäger des verlorenen Schatzes“ in Serie gehen sollte.

„Du verstehst es wirklich, einer Lady eine schöne Zeit zu bereiten!“ (sarkastisch: Marion Ravenwood)

Archäologe Dr. Henry „Indiana“ Jones jr. ist hauptberuflich Dozent an einer Universität in einer ländlichen Gegend der USA. Immer wieder unternimmt er jedoch abenteuerliche und nicht selten hochgefährliche Reisen auf der Suche nach antiken und mystischen Artefakten. Kaum aus Südamerika zurück, verschlägt es ihn zusammen mit seiner Ex-Freundin Marion Ravenwood (Karen Allen, „The Wanderers“) auch schon wieder nach Ägypten, wo er sich auf die Spur der Bundeslade begibt, in der Moses‘ zehn Gebote eingelagert sein sollen. Jedoch: Wir schreiben das Jahr 1936, und auch die Nazis sind hinter diesem alttestamentarischen Vermächtnis her, denn es soll seinem Besitzer unendliche Macht verleihen… So schwebt nicht nur Indy erneut in ständiger Gefahr, sondern auch sein ägyptischer Gefolgsmann Sallah (John Rhys-Davies, „Shogun“) und Marion, die bald von den Nazis entführt wird. Wird Indy sie retten können? Und womöglich gar tatsächlich die Bundeslade finden und vor dem Zugriff der Faschisten schützen können…?

Nicht nur die Figur Indiana Jones, auch John Williams‘ Titelthema mit seinem enorm hohen Wiedererkennungswert wurde ikonisch, avancierte gar zu einer der populärsten Kinomelodien der damals ja noch jungen 1980er. Mit diesem Film reanimierte Spielberg das Abenteuerkino vergangener Zeiten fürs breite Publikum, indem er es entstaubte und neu anstrich, die 1930er (Handlung) erfolgreich an die damals modernen Sehgewohnheiten anpasste – und diese hier und da sogar ein wenig herausforderte. Um sein Publikum gleich für sich zu gewinnen, inszenierte Spielberg bereits die Exposition mit einer Eröffnungssequenz voller Spinnen, fieser Fallen und – Stichwort Sehgewohnheiten – einer nicht ungefähren Härte mit blutigen Leichen. Diese Szenen spielen während Indys südamerikanischer Expedition, sodass man gleich weiß, mit wem man es zu tun hat, wenn er einem im Anschluss als Uni-Dozent begegnet. Jene Szenen werden sodann genutzt, um die spannende, vielversprechende Hintergrundgeschichte in Ruhe auszuformulieren. Seine trinkfeste Ex-Freundin Marion gabelt er nach zehn Jahre in Nepal auf, womit auch für die weibliche Heldin gesorgt wäre.

Recht bald geht es wieder zur Sache, denn Spielberg gibt dem Affen Zucker in Form vieler Hauereien, Stunts, Schusswechsel und Explosionen. Und ein Nazi-Ägypter kommt mit ‘nem Krummsäbel zur Schießerei… Als diese Schauwerte erstmals etwas langweilig, weil zu vorhersehbar zu werden drohen – Indy & Co. scheinen stets überlegen, wie Übermenschen, denen ohnehin niemand etwas anhaben kann –, scheint Marion plötzlich das Zeitliche zu segnen. Das ist dramaturgisch klug platziert, doch natürlich lebt sie noch und muss nun aus den Klauen der Nazis befreit werden. Einige expressionistische Schattenbilder erinnern an schon damals lange vergangene Kinozeiten, eine fiese und höchst fragwürdige Szene, in der Sympathieträger Indy hunderte unschuldiger Schlangen abfackelt, an auch schon damals geächtete Tierquälerei (wenngleich es sich um einen Spezialeffekt handelt). Morbide Szenen mit mumifizierten Leichen in der Todesgruft sorgen für wohligen Grusel. Der Tonfall ist nur leicht komödiantisch und oft sympathisch augenzwinkernd, anbiedernder bleibt Humor bleibt größtenteils außen vor.

Das Hauptaugenmerk liegt auf Action, narrativ spielt der Zufall aber zu oft eine entscheidende Rolle. Das geht einher mit etwas billigem Buhlen um die Publikumsgunst, ist aber technisch gut gealtert und nicht zuletzt dadurch ist der Film eine Art Evergreen geworden. Seine Spannung bezieht „Jäger des verlorenen Schatzes“ daraus, wie sich Indy immer wieder aus den unwirtlichsten Situationen befreit – und natürlich aus der finalen Öffnung der Bundeslade. Diese endet dann auch mit einem schönen Knalleffekt, inklusive herausfordernder Spezialeffekte, die den Film nur bedingt familientauglich machen. Der jüdische Spielberg schien mir mit diesem Filmreihenauftakt eine Art Rache an den Nazis inszeniert zu haben, und dieser beizuwohnen macht größtenteils Laune – wenn sich mir auch der ganz große Kultfaktor, den „Jäger…“ genießt, nicht 100%ig erschließt.
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Cobain: Montage of Heck

„I'm so happy 'cause today I’ve found my friends. They're in my head…”

Dokumentationen über Nirvana im Allgemeinen bzw. Kurt Cobain im Speziellen wurden bereits so einige produziert. Der im Jahre 2015 erschienene Dokumentarfilm „Cobain: Montage of Heck“ ist jedoch ein ganz Besonderer, handelt es sich bei ihm doch um den einzigen von Cobains Familie autorisierten; Kurts Tochter Frances Bean trat gar als ausführende Produzentin in Erscheinung. Dokumentarfilmer Brett Morgen („Die Rolling Stones – Ein Rückblick auf 50 Jahre Bandgeschichte“) hatte man bereitwillig das private Archiv geöffnet und ihn sich durch etliche Audio- und Videoaufnahmen, Tagebücher, Skizzen und Zeichnungen arbeiten lassen.

„…I'm so ugly, that′s okay, ′cause so are you. We've broke our mirrors…”

Angereichert mit zeitgenössischen Interviews mit Kurts Ehefrau Courtney, seiner Mutter Wendy, seinem Vater Don, seiner Ex-Freundin Tracy, seiner Stiefmutter Jenny, seiner Schwester Kim und Nirvana-Bassist Krist Novoselic entstand so ein sehr intimes Porträt jenes Mannes, der für seine Band Nirvana schwere ‘70er-Riffs mit Punk und Noise kombinierte (was die Musikpresse schließlich „Grunge“ titulierte), mit dem zweiten Album „Nevermind“ zu ungeahntem Weltruhm gelangte und damit sowohl Gegen- und Sub- als auch die Populärkultur der ‘90er wie kaum ein Zweiter mitprägte, zu einer der Ikonen des sich unverstanden fühlenden Teils der Generation X avancierte und letztlich an psychischem wie physischen Problemen und seiner Drogensucht zerbrach. Am 5. April 1994 nahm Kurt Cobain sich das Leben.

„…Sunday morning is every day for all I care. And I′m not scared…”

„Cobain: Montage of Heck“ deckt den Zeitraum von Cobains Geburt im Jahre 1967 in Aberdeen bis zum seinem viel zu frühen Tod mit nur 27 Jahren in Seattle ab, montiert dafür massenweise zuvor häufig unveröffentlichtes Material aneinander und lässt neben den genannten Interview-Partnerinnen und -Partnern erstaunlich oft Kurt selbst zu Wort kommen. Dieser pflegte sich nämlich nicht nur in seiner Musik und seinen Songtexten auszudrücken, sondern auch in Tagebüchern, Notizen und sogar bildender Kunst. Viele der Materialien ließ Morgen von Stefan Nadelman und Hisko Hulsing animieren, wodurch sie zum Leben erweckt wirken und zum Teil eines Films werden, der mit zunehmender Laufzeit immer mehr Freude daran zu entwickeln scheint, im Stil punkiger Collagentechnik die chaotische Nirvana-Ära wieder lebendig zu machen.

„…Light my candles, in a daze, 'cause I′ve found God...”

Minutenlange Heimvideo-Aufnahmen Courtneys und Kurts aus der Zeit, als sie bereits Eltern geworden waren, liefern darüber hinaus unheimlich private Einblicke in das Zusammenleben der jungen Familie – dafür hätte seinerzeit manch Boulevard-Reporter einen Arm gegeben. Kurts Äußerungen und Verhalten, seine Sicht auf sich und sein Umfeld, auf Musik, Medien und Gesellschaft, mögen teils widersprüchlich erscheinen, aber er war – und das wird hier deutlich – nun einmal ein begnadeter Künstler, aber kein Superheld, und mit einer etwaigen Vorbildfunktion für Millionen von Fans verständlicherweise heillos überfordert.

Dieser Film macht Kurt, seine Kunst, seine Leidenschaft, sein Lieben und sein Leiden vielleicht ein bisschen verständlicher – sicherlich umso mehr, je weniger man darüber vor Sichtung des Films bereits wusste. Und vielleicht hilft er auch, das Trauma seines Suizids auf seinem kreativen Zenit ein weiteres Stück zu überwinden. Auf die ganz große Frage nach dem Warum hat aber auch dieser Film keine abschließende Antwort.

Was mich irritiert: Wo sind Dave Grohl und andere Nirvana-Musiker; warum ist Krist der einzige, der ein aktuelles Interview gab? Insbesondere Aussagen derjenigen, mit denen er Nirvana aus der Taufe hob, Musik machte und auf Tour ging, hätten doch Kurts künstlerisches Profil aus interessanten Perspektiven vermitteln können. Vielleicht sollte es aber schlicht nicht so sehr um Nirvana gehen.

So oder so: Schnitt und Dramaturgie beherrschen Morgen und sein Team, der je nach Schnittfassung 125- bis 145-minütige Film dürfte auch für Nicht-Nirvana-Fans kaum jemals langatmig erscheinen. Er erzählt eine eigentlich bekannte Geschichte mit vielen bisher weniger populären Details, tritt als eine Art neu aufgetauchter Augen- und Ohrenzeuge in Erscheinung und transportiert mit seiner Animations- und Montage-Technik nicht zuletzt Kurts Kunst und viel von seinem Geist in die Gegenwart.

Ich kann „Cobain: Montage of Heck” schlecht bewerten, da ich natürlich nicht das gesamte Material, auf das Morgen Zugriff hatte, kenne und somit nicht weiß, was er wegließ und aus welchen Gründen er dies tat. Eventuellen in Richtung Ausverkauf und Leichenfledderei gehenden Vorwürfen kann ich aber entgegnen, dass sich mir der Film seinen Inhalten, Themen und Personen sehr respektvoll zu begegnen scheint.

Und alles, was Kurt Cobain erschaffen hat, ist sowieso ‘ne glatte 10/10 mit Sternchen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Tatort: Die Macht des Schicksals

„Seit wann sagt der Schauspieler dem Regisseur, was gemacht wird?!“

Die leider letzten beiden „Tatort“-Einsätze des Münchner Kriminalhauptkommissars Ludwig Lenz (Helmut Fischer) inszenierte Reinhard Schwabenitzky („Didi, der Doppelgänger“), der weder davor noch im Anschluss als Regisseur für die öffentlich-rechtliche Krimireihe in Erscheinung getreten war. Auch die Autoren der letzten beiden Fälle sind identisch: Ulf Miehe und Klaus Richter. Schwabenitzky drehte „Die Macht des Schicksals“ im Frühjahr 1986, die Erstausstrahlung datiert auf den 25. Januar 1987.

„Das hat nichts mit Ausziehen zu tun, das ist Kunst!“

Ein erfolgloser Kleindarsteller gibt sich in München als Kommissar Heinz Eckhoff (Gunnar Möller, „Ich denke oft an Piroschka“) aus, um wohlhabende Bürgerinnen und Bürger auszunehmen: Er fingiert Erpressungen, lässt sich von den Opfern das Lösegeld aushändigen und verspricht, es nach der unmittelbar bevorstehenden Festnahme der (gar nicht existierenden) Täter zurückzugeben – was er natürlich nicht tut. In Franz Kleppinger (Winfried Hübner, „Ein Bayer auf Rügen“) und August Knopf (Frank Schuster, „Die Undankbare“) hat er zwei Komplizen, die sich als Polizisten ausgeben. Doch nachdem er Herrn Lange (Ulrich Beiger, „Gesprengte Ketten“) 150.000 DM abgenommen hat, lässt er versehentlich seinen falschen Dienstausweis bei ihm liegen. Als er zurückkehrt, um ihn abzuholen, trifft er auf den Einbrecher Heinz Stolle (Sebastian Koch, „Todesspiel“), der Herrn Lange bereits erschossen hat, als er sich an dessen Safe zu schaffen machte. Stolle hält Eckhoff und Co. für echte Polizisten und erschießt auf seiner Flucht auch Kleppinger, dessen Leiche Eckhoff verschwinden lässt. Dieses undurchsichtige Geflecht gilt es nun für den echten Kommissar Lenz zu entwirren, während Stolle hinter dem Geld her ist, das er im Safe vermutet hatte – aber längst Eckhoff ausgehändigt worden war. Dieser versteckt sich beim Gastwirt Hawratil (Karl Merkatz, „Ein echter Wiener geht nicht unter“). Lenz‘ Spur führt unter anderem zu Filmproduzent Rudi Fink (Hans Clarin, „Pepe, der Paukerschreck“), dessen Ehefrau, die Schauspielerin Liane (Elfi Eschke, „Büro, Büro“), ihn mit dem Kameramann betrügt: Heinz Stolle…

„Der ist doch größenwahnsinnig, vergleicht sich mit Fellini!“

Kommissar Lenz bekommt hier einen neuen Kriminalobermeister zur Seite gestellt, der Josef Brettschneider ersetzt: Franzjosef Schneider (Georg Einerdinger, „Liebesgrüße aus der Lederhose“). Mit diesem fremdelt er arg, was Grundlage für einige humoristische Szenen ist. Generell hat dieser Fall einiges von einem Kabarettstück, von der schrulligen Darstellung von Figuren wie jenem Senioren, der behauptet, seine Frau umgebracht zu haben (wodurch die Polizei erst auf Kleppingers Leichnam stößt) bis zur Parodie auf den Spielfilmbetrieb, den hier das ungleiche Trio Rudi Funk, Liane Fink und Heinz Stolle repräsentiert, das zugleich eine ungesunde Dreiecksbeziehung unterhält. Elfi Eschke wird mit einem gewissen Sex-Appeal in Szene gesetzt und als furchtbar widerborstige, ihren Mann wann immer es geht düpierende Person gezeichnet, während Fink das schnelle Geld mit Sexszenen zu machen versucht. Die Dialoge stecken voller Seitenhiebe aufs Filmgeschäft und die Szenen von Finks Drehversuchen sind köstlich. (In dessen Studio finden sich übrigens einige reale Filmplakate, u.a. von Wes Cravens „Todestal der Wölfe“.)

„Ich versteh‘ nur Friedhof.“

Die Handlung mutet trotz Verzichts auf Whodunit? oder Motiv-Rätselraten etwas fordernd und komplex an; um nicht gleich zu Beginn den Faden zu verlieren, ist etwas Konzentration gefragt. Die Tendenz zur Überkonstruktion wird aber durch die humorigen und persiflierenden Ansätze wettgemacht, das Schauspiel-Ensemble verkauft sich alles andere als unter Wert und Helmut Fischer bekommt es in seiner Rolle als Lenz gewissermaßen einmal mehr mit der Schickeria zu tun – zumindest dürften sich die Finks ihr zugehörig fühlen. Dass gegen Ende ein weiterer Mord sozusagen als Film im Film inszeniert wird, ist die Kirsche auf der Sahnehaube dieser vergnüglichen „Tatort“-Episode, der lediglich ein wenig mehr klassische Krimi-Spannung gutgetan hätte.
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Die Discounter

Einzelhandel ist Krieg

„Betrunken macht die Arbeit einfach viel mehr Spaß!“

Die deutsche Mockumentary-Serie „Die Discounter“ umfasst bis jetzt drei Staffeln à zehn Episoden in unterschiedlicher Länge (meist 15 bis 25 Minuten), die erste wird seit Dezember 2021 bei Amazon Prime gestreamt. Produziert wird sie von Christian Ulmen und Carsten Kelber, die den Zwillingsbrüdern Emil und Oskar Belton sowie Bruno Alexander – Nachwuchstalenten also – bei Buch und Regie freie Hand ließen. „Die Discounter“ basiert auf der niederländischen Serie „Vakkenvullers“ und dreht sich um den Alltag einer Filiale der fiktionalen Supermarktkette „Feinkost Kolinski“. Diese befindet sich zunächst im Hamburger Stadtteil Altona, gedreht wurde jedoch in einer leerstehenden Aldi-Filiale in Hamburg-Stellingen. Nach einem Umzug spielt die dritte Staffel im Hamburger „Problem-Stadtteil“ Billstedt, gedreht wurde aber in Hamburg-Jenfeld.

Die komödiantische Serie erinnert in ihrer Mischung aus einer Persiflage auf Supermarktleitung, -personal und -arbeit, Gefühle von Fremdscham verursachenden intimen Einblicken und ihrer die Figuren wahlweise vorführenden, wahlweise zu Sympathieträgerinnen und -trägern machenden Situationskomik an eine Mischung aus „Ritas Welt“, „jerks.“ und „Stromberg“ bzw. deren jeweiligen Vorbildern.

Der Filialleiter ist Thorsten Kruse (Marc Hosemann, „Der goldene Handschuh“), der seinen mehr schlecht als recht laufenden Laden weitestgehend inkompetent, menschlich und kollegial mehr als fragwürdig und nicht nur arbeitsrechtlich alles andere als einwandfrei führt, sich mittels seiner Fähigkeiten, die er sich als Ghettokind auf der Straße angeeignet hat, aber immer wieder vor dem endgültigen Abgrund zu retten versteht und seine Position egoistisch mit unlauteren Methoden verteidigt. Autor und Regisseur Bruno Alexander („Der Rebell – Von Leimen nach Wimbledon“) spielt Titus, einen jungen Mann, der neu zur Belegschaft hinzustößt, zunächst die Rolle des ungläubigen Beobachters einnimmt, im weiteren Verlauf aber immer stärker zum handelnden Charakter avanciert. Erst ist die erste nicht von vornherein als Karikatur konzipierte Figur. Sicherheitschef Jonas (Merlin Sandmeyer, „Unsere wunderbaren Jahre“) wirkt reifeverzögert und ein bisschen zurückgeblieben – und wird, auch weil er als Sicherheitschef weitestgehend unbegabt ist, von niemandem ernstgenommen, schon gar nicht von Ladendieben. Zudem ist er trockener Alkoholiker und wird sich erst im Laufe der Serie seiner Homosexualität bewusst, die er auszuleben beginnt. Peter (Ludger Bökelmann, „Dark“), ein relativ hochgeschossener junger Mann, ist ein großmäuliger Proll, der sich gern als Alphamännchen geriert, was bei genauerem Hinsehen jedoch jeglicher Grundlage entbehrt. Pina (Klara Lange) ist die kompetenteste Mitarbeiterin der Filiale und die Einzige, die ihren Beruf 100%ig ernstnimmt, zugleich aber ein Mauerblümchen, das gern übersehen wird. Thorsten hat Schwierigkeiten, sich ihren Namen zu merken, erstickt all ihre Verbesserungsvorschläge im Keim und hält sie klein, damit sie nicht eines Tages seinen Position einnimmt – was öfter im Gespräch ist.

Lia (Marie Bloching, „Lügen haben schöne Beine“), eine attraktive junge Frau, ist von ihrem Job tödlich gelangweilt, hat aber ein gutes Herz. Sie ist die zweite nicht zwingend als Karikatur angelegte Figur. Flora (Nura Habib Omer, „Der Nachtmahr“) träumt von einer Karriere als Rapperin, ist gutaussehend, sexuell sehr aktiv, selbstbewusst, impulsiv und frech. In ihrem Verhalten erinnert sie häufig an eine vorlaute Teenagerin. Samy (David Ali Rashed, „Das perfekte Geheimnis“), der Jüngste des Teams, jobbt auf 450-Euro-Basis, weshalb er von allen nur „450er“ genannt wird. Seine Unerfahrenheit versucht er vor den anderen zu verbergen, wird jedoch immer wieder zum Ziel von Spott – aber auch (vermeintlich) kluger Ratschläge. Frau Jensen (Doris Kunstmann, „7 Tote in den Augen der Katze“) ist eine ältere Mitarbeiterin und so etwas wie die gute Seele der Filiale, die aufgrund ihrer freundlichen Art und ihrer Lebenserfahrung von den Kolleginnen und Kollegen geschätzt wird und die so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Witwer Wilhelm (Wolfgang Michael, „Ewige Jugend“) ist ungefähr im gleichen Alter wie Frau Jensen und arbeitet als Hausmeister des Ladens. Thorsten bezahlt ihn damit, dass er kostenlos auf dem Dachboden des Gebäudes leben darf, da er sich keine eigene Wohnung leisten kann und ansonsten obdachlos wäre. Gastauftritte von Fahri Yardım, Christian Ulmen, Peter Fox, Kida Ramadan, Frederick Lau, Mats Hummels, Heinz Strunk und anderen, die sich meist selbst spielen (und das nicht immer vorteilhaft), runden die Darstellerriege ab.

Dieses Ensemble bietet Potential für viel Komik und kleine wie größere Geschichten, das auch weidlich genutzt wird. Wie viel davon eigene Kreativleistungen sind und wie hoch der Anteil aus „Vakkenvullers“ adaptierter Ideen ist, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis. Der Mockumentary-Stil indes wird rasch ad absurdum geführt, denn vieles, was hier getan und geäußert wird, würde kein Mensch der Welt vor laufenden Kameras eines Dokuteams tun. Übrig bleiben im Prinzip nur die vermeintliche Doku-Perspektive durch die Art der Kameraführung und häufige verstohlene Blicke der Figuren in die Kamera. Dem Realismus abträglich ist auch das Konstrukt eines Supermarkt-Franchise mit nur drei Filialen, das es so zumindest in Deutschland nirgends geben dürfte. Und während man der dritten Staffel ihren Billstedter Handlungsort durchaus abnimmt, sehen die ersten beiden Staffeln leider kein bisschen nach Altona aus.

Inhaltlich stecken die Episoden voller überraschend kluger Alltagsbeobachtungen menschlicher Schwächen und Team-Dynamiken, für die man den Schauspielerinnen und Schauspielern sehr viel Raum zur Improvisation bot. Dies scheint ausnahmslos allen zu liegen, bringt viel Frische in die Serie und lässt das Ensemble seine individuellen Stärken offenbar mehr als respektabel ausleben. Zudem scheint die Chemie untereinander mehr als nur zu stimmen. Im realen Leben träumt Nura Habib Omer nicht nur von einer Rap-Karriere, sondern hat diese als Teil von SXTN sowie solo bereits hingelegt. Ihr Song „Niemals Stress mit Bullen“ wird Bestandteil zweier Episoden. Auffallend viel setzt man inhaltlich jedoch aufs Thema Sex, was mal besser und mal weniger gut gelungen ist. Letzteres ist immer dann der Fall, wenn Geschmacks- und Grenzüberschreitungen zu erzwungen wirken. Leider wird ab der zweiten Staffel die Handlung generell immer absurder und unwahrscheinlicher, steigt dafür der Krawallfaktor. Andererseits wird aber auch verstärkt die horizontale Erzählebene bedient, was einen süchtigmachenden Soap-Effekt begünstigt. Die Handlung scheint in Staffel 3 zunächst wieder an Qualität zu gewinnen; nach einem gemeinsamen Kiezbesuch der Figuren erwartet man in der nächsten Episode dessen Aufarbeitung – jedoch wird er mit keiner Silbe mehr erwähnt, was zu leichten Problemen mit der Kontinuität führt. Anschließend dominiert zuweilen leider erneut der Krawallfaktor. Grenzwertig wird der Humor vor allem dann, wenn zu sehr auf Jonas‘ mangelnden kognitiven Fähigkeiten und seiner Homosexualität herumgeritten wird oder man sich mit fraglichem Erfolg um Tragikomik bemüht – was mit Wilhelms Kerzen noch funktioniert, wird in Bezug auf Jonas‘ Mutter bar jeder Lacher. Dass die erste Staffel als zehnte Episode anstelle eines – eigentlich erwarteten – Staffelfinals ein Making-of präsentiert, irritiert; dafür ist man vom Mock-Making-of als zehnte Episode der zweiten Staffel dann weniger überrascht.

Der Verfasser dieser Zeilen hatte trotzdem ziemlich viel Spaß mit dieser Serie, kann aufgrund durch den Freundeskreis gewonnener Einblicke hinter die Einzelhandelskulissen den Realismus so mancher Szene bestätigen und fühlt vor allem mit der so herrlich angeödeten Lia, die eine prima Identifikationsfigur abgibt. Und natürlich auch mit Titus…

Eine vierte Staffel wird gerade gedreht. Ich werde wieder bei „Feinkost (lol) Kolinski“ vorbeischauen.
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Tatort: Tod im Elefantenhaus

Bullen im Tierpark

„Ich kann diese ganzen akademischen Klugscheißer nicht ab!“

Der sechste Einsatz des Hamburger Ermittlerduos Stoever (Manfred Krug) / Brockmöller (Charles Brauer) ist einer der seltenen Fälle von Romanverfilmungen innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe: Drehbuchautor Sven Freiheit adaptierte für „Tod im Elefantenhaus“ Peter Weissflogs gleichnamigen Roman aus dem Jahre 1982. Regisseur Peter Schadewald („Verlierer“) inszenierte den Fall von August bis Oktober 1986, die Erstausstrahlung erfolgte am 20. April 1987. Schadewald debütierte damit beim „Tatort“, führte auch bei der nächsten Hamburger Episode „Voll auf Haß“ Regie, verabschiedete sich im Anschluss aber wieder aus der Serie.

„In Indien hat man Verräter so hingerichtet.“

Rolf Bergmann (Raimund Harmstorf, „Der Seewolf“) ist der Inspektor des berühmten Hamburger Tierparks Hagenbeck und wird eines Tages in der Box der Elefantenkuh Mogli aufgefunden – totgetrampelt unter dem Gewicht des Tiers. Offenbar ein Mord, wie die Kommissare Stoever und Brockmöller schnell herausfinden. Dass Bergmann ein Choleriker war, den kaum jemand leiden konnte, macht es der Kripo alles andere als leicht, steigt dadurch doch die Zahl möglicher Motive und somit potentieller Täterinnen oder Täter. Zum einen wäre da David Weber (Ben Becker, „Whopper-Punch 777“), Sohn des Tierarztes Dr. Heinz Weber (Peter Bongartz, „Ein Stück Himmel“), der eine Liaison mit Bergmanns Tochter Inga (Kerstin Draeger, „Sturmflut“) hat, die Bergmann nicht guthieß – weshalb es kurz vor dessen Tod zu einer harten körperlichen Auseinandersetzung zwischen ihm und David kam. Davids Vater wiederum hatte Bergmann dessen Verlobte Dr. Christine Lohnert (Hannelore Elsner, „Die Teufelsschlucht der wilden Wölfe“) ausgespannt. Und Buchhalter Albert Liehr (Franz Rudnick, „Libero“) wurde von Bergmann wegen Unregelmäßigkeiten in den Büchern unter Druck gesetzt. Tatsächlich hat Liehr eine höhere Summe veruntreut. Stoever und Brockmöller sehen sich genau im Tierpark um und versuchen, im Dialog zu so viel wie möglich über Bergmann und sein ehemaliges soziales Umfeld herauszufinden, um so vielleicht den Fall zu lösen…

„Das ist Mord!“

Welch ein Ensemble! Zu den oben Genannten gesellt sich noch Evelyn Hamann („Loriot“) als Sekretärin des Buchhalters dazu. Bei der Besetzung dieses „Tatorts“ wurde geklotzt, nicht gekleckert. Raimund Harmstorf als Rolf Bergmann erscheint zunächst gar nicht unsympathisch, als er einen Abend mit seiner Tochter verbringen möchte, was sich jedoch schnell ändert: Er hat Ärger mit dem Tierarzt und mit so ziemlich allen anderen auch. Die zarte Romanze, die sich zwischen seiner Tochter und David entwickelt, wird jäh zerstört, als er sie beim Vorspiel im Stroh erwischt, sogar Ingas Brust blitzt kurz auf. Er sieht rot und prügelt auf David ein, der sich zur Wehr sitzen muss. Schnitt. Rolf Bergmann liegt tot im Elefantenhaus, gefunden von den Tierpfleger Walter Pohle (Bruno Dallansky, parallel Oberinspektor des Wiener „Tatorts“-Zweigs!) und Max Steiner (Manfred Günther, „Bolwieser“), Stoever und Brockmöller ermitteln. Das Whodunit? wird früh scheinbar aufgelöst, doch diese Finte riecht man zehn Meter gegen den Wind. Dafür erfährt man, dass Ekel Bergmann sogar den Elefenten misshandelt hatte, der ihn letztlich totgetrampelt hat – ein nettes Spielchen mit dem Konzept des Karmas.

Während Buchhalter Liehr verzweifelt das Geld aufzutreiben versucht, wird der Verdacht immer stärker auf ihn gelenkt, zumal seine amourös an ihm Interessierte Sekretärin ihm mehr oder weniger signalisiert, Bescheid zu wissen, ihn aber schützen zu wollen (wunderbar gespielt von Hamann). Wir bekommen viele Tiere zu Gesicht und nach einer Verfolgungsjagd per pedes landet Brockmöller im Löwengehege. Angeschossen wird er auch, wenn auch lediglich mit Narkosemunition. Wie derartige Besonderheiten eines Tierparkbetriebs mit der Krimihandlung verwoben werden, ist ziemlich unterhaltsam. Die Kamera agiert recht konventionell, wartet aber mit einer schönen Kamerafahrt am Krankenhaus entlang auf. Gegen Ende erhält „Tod im Elefantenhaus“ wie aus dem Nichts eine melodramatische Komponente und damit verbunden einen weiteren Tatverdächtigen und ein neues Motiv, was in dieser Unmotiviertheit dann leider ein wenig an Schundromane erinnert (ohne Weissflogs Vorlage zu unterstellen, einer zu sein – ich habe sie nicht gelesen).

Seine Besetzung wertet diesen kurzweiligen Fall auf, der weniger ernstzunehmender Krimi denn vielmehr reißerisches Hagenbecks-Tierpark-Feature ist.
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Lisa-Alisa – Licht und Schatten

„Du hast nicht die geringste Ahnung, auf was du dich da eingelassen hast...“

Mit „Lisa-Alisa – Licht und Schatten“ aus dem Jahre 2003 legte der deutsche Regisseur Jochen Wermann seinen nach „Last Summer“ (1994) zweiten und bisher letzten Spielfilm vor. Das semiprofessionelle, überwiegend mit Laiendarstellerinnen und -darstellern besetze Liebesdrama behandelt das Thema Bulimie und beruht nach eigenen Angaben auf wahren Begebenheiten.

„Bei dir ist immer gleich alles schwarz oder weiß!“

Achim (Jens Finn, „NVA“) besucht seinen alten Kumpel Hannes (Sven Hönig) in Berlin. Auf der Zugfahrt entdeckt er eine attraktive junge Frau (Mascha Mareen, FBI“), die im selben Abteil sitzt, und zeichnet ihr Antlitz heimlich in sein Notizbesuch. Und, Überraschung: Hannes kennt sie und vermittelt den Kontakt! Lisa, so heißt sie, gibt sich zunächst unnahbar, doch bald kommt man sich aufgrund gegenseitiger Sympathie trotzdem näher. Achim hält sie für essgestört, und tatsächlich: Lisa leidet unter Bulimie. Dennoch werden sie ein Paar und ziehen sogar zusammen…

Das Thema Bulimie kommt verhältnismäßig früh aufs Tapet: Als sich Achim noch während der Kennenlernphase überlegt, sich an einer Kunstakademie in Rom zu bewerben, scheint dies Lisa zu missfallen, was sie aber nicht ausspricht. Stattdessen kauft sie beim gemeinsamen Supermarktbesuch einen Einkaufswagen voller Junkfood, stopft alles in hinein und geht sich anschließend übergeben. Sprichwörtlich frisst sie also alles in sich hinein und kotzt es wieder aus – wie man in dieser Sequenz exemplarisch erfährt auch (bzw. gerade) ihre Unzufriedenheit. An Achims Faszination für Lisa ändert das indes nichts, er findet es „irgendwie spannend“. Die beiden vertiefen ihre Beziehung miteinander; offenbar glaubt Achim, er könne Lisa helfen, indem er ihr Stabilität bietet und Liebe gibt. Lisa ist zuweilen jedoch eine richtige Schreckschraube und macht es Achim damit nicht unbedingt leicht.

Im Laufe der Zeit führt Wermann weitere Figuren ein: Achims Freund Klaus (Lars-Kilian Falk, „Rosenstraße“), mit dem er im Zug saß, taucht plötzlich auf und greift in die Handlung ein. Als Achim Lisa dazu drängt, sich mit ihrer Mitbewohnerin Kathrin (Ellen Treede) auszusprechen, dreht sie plötzlich durch. Und an Weihnachten fahren sie gemeinsam ihren Vater (Holger Friedrich, „Tolle Lage“) besuchen, wo man ihre Familiengeschichte erfährt: Scheidungskind usw. Zwar wollte sie eines Morgens Tabula rasa machen und entsorgte all ihre Junkfood-Vorräte, doch bei Rückschlägen im Zusammenleben und bei der Zukunftsplanung verfällt sie stets in alte Fresskotzmuster. Zudem ist sie nur selten liebevoll, die meiste Zeit vielmehr schlicht unsympathisch, was es schwer nachvollziehbar macht, was Achim an ihr findet. Konsequenterweise scheitert die Beziehung, ihr Weg aus der Bulimie wird in einer knappen Texttafel am Schluss lediglich angedeutet. Wie genau sie es schafft und worin überhaupt die Ursachen für ihre Erkrankung zu finden sind, bleibt nebulös.

Das ist für einen solchen Film, der offenbar produziert wurde, um für Verständnis für von dieser Krankheit Betroffene zu werben, ein bisschen mau. Auf Menschen, die mit jemand Bulimiekrankem liiert sind, dürfte der Film eher abschreckend und desillusionierend wirken. Ich kann jedoch nicht ausschließen, dass ich den Film nicht verstanden habe, und zwar im Wortsinn: Die sicherlich nicht ganz unbedeutenden Dialoge unterliegen derart starken Lautstärkeschwankungen, dass so einiges im unteren Dezibelbereich schlicht untergeht. Neben dem engagierten Schauspiel insbesondere Mascha Mareens darf sich das Auge an einigen originellen Szenenübergängen erfreuen, wobei jener Part, in dem Achim von einer Tür, die er hinter sich schließt, zur nächsten gerät (und zur nächsten und zur nächsten…) etwas möglicherweise unbeabsichtigt beunruhigend Kafkaeskes hat.

Ohne Wertung aus genannten Gründen – und weil ich einem No-Budget-Projekt, das Betroffenen vielleicht tatsächlich hilft, nicht unnötig ans Bein pinkeln will.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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