bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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buxtebrawler
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Blutspur im Park

Zwischen seinen beiden Gialli „Das Grauen kam aus dem Nebel“ und „Der Mann ohne Gedächtnis“ drehte der italienische Genre-Regisseur Duccio Tessari im Jahre 1971 „Das Messer“ alias „Blutspur im Park“, der ebenfalls dem gelblichen Genre der heimtückischen behandschuhten Morde zuzurechnen ist, sich dabei jedoch wesentlich stärker als andere Genrevertreter dem klassischen Kriminalfilm verbunden zeigt.

Im Stadtpark in Bergamo wird die junge Französin Françoise Pigaut (Carole André, „Von Angesicht zu Angesicht“) erstochen. Die Indizienlage scheint eindeutig, der populäre Fernsehmoderator Alessandro Marchi (Giancarlo Sbragia, „Komm, süßer Tod“) wird verhaftet und für schuldig befunden. Dennoch folgen weitere Morde mit ganz ähnlicher Vorgehensweise, die Zweifel an Marchis Schuld aufkommen lassen. Spielt es evtl. eine Rolle, dass Marchis Anwalt Giulio Cordaro (Günther Stoll, „Der Pfarrer von St. Pauli“) ein Verhältnis zu dessen Frau (Ida Galli, „Der schöne Körper der Deborah“) unterhält? Welche Rolle spielt Marchis Tochter (Wendy D'Olive, „Priester, du sollst nicht ohne Liebe leben“) dabei? Hat eventuell der junge Giorgio (Helmut Berger, „Die Verdammten“) etwas mit den Morden zu tun?

Nach seinem eröffnenden Mord, der unmittelbar die hübsche Françoise dahinrafft, erscheint „Blutspur im Park“ lange Zeit wenig gialloesk: Beinahe zwei Drittel der Handlung spielen sich vornehmlich im Gerichtssaal ab oder zeigen die polizeiinterne Ermittlungsarbeit in Person Inspektor Berardis (Silvano Tranquilli, „Dracula im Schloss des Schreckens“). In Form von Rückblenden jedoch wird das Leben Françoise Pigauts beleuchtet und die Dame im Zuge dessen charakterisiert, wodurch sie zu einem Opfer mit einer wirklich Identität wird, zu einem, das einen wirklich interessiert. Die gesamte Zeit über kommt Tessaris Film auch mit nur drei Morden aus, die wenig spektakulär inszeniert, geschweige denn ausgewalzt werden. Nach einer knappen Stunde jedoch reichert Tessari seinen Justizkrimi umso kräftiger mit Giallo-Ingredienzien an: Sexualität tritt in den Vordergrund und psychische Abgründe tun sich auf.

Dabei wirft „Blutspur im Park“ eine Frage nach der anderen auf, verleitet zum Miträtseln, treibt das klassische Whodunit? auf die Spitze – bleibt dabei trotz allem bzw. gerade wegen dieser Sorgfalt im Spiel mit dem Zuschauer überraschend, nun ja, seriös, hält sich mit übertriebenen Überzeichnungen ebenso zurück wie mit hanebüchenen Unwahrscheinlichstkeiten, rückt derweil wenig vertrauenserweckende Personen ins Licht, von denen eine abgründiger als die andere erscheint. Und so gelingt es Tessari im Gegensatz zum einen oder anderen Genrekollegen dann auch tatsächlich, am Ende das Puzzle zu vervollständigen, ohne noch einmal mit der Schere an die Einzelteile heranzumüssen. Die Auflösung erscheint für Giallo-Verhältnisse nachvollziehbar und schlüssig, die gestreuten roten Heringe stinken nicht gen Himmel, das Ende gleicht einem Aha-Erlebnis und wurde zudem eindrucksvoll inszeniert.

Atmosphärisch bewegt sich „Blutspur im Park“ ebenfalls auf gehobenem Niveau und profitiert für seine Melancholie und sein subtiles, diffuses, doch stetes Unbehagen von Gianno Ferrios Filmmusik, die auf einem Klavierkonzert Tschaikowskis basiert, weshalb man auf quasi jegliche Effekthascherei verzichten kann. Aufgelockert wird diese Stimmung durch das sich wiederholende Witzmotiv zwischen dem Kaffee verabscheuenden Inspektor und seinem ihm immer wieder einen anbietenden Assistenten (Peter Shepherd). Auch schauspielerisch erlaubt man sich keine Ausreißer und die internationale Besetzung samt deutsch(sprachiger) Beteiligung lässt aufhorchen. All diese positiv hervorzuhebenden Eigenschaften entschuldigen in gewisser Weise dafür, dass „Blutspur im Park“ letztlich dann doch für meinen Geschmack etwas zu bieder geriet, zu selten expressiv aus seiner vorgefertigten Bahn herausbricht, irgendwie zu zurückhaltend und brav bleibt, zudem den Zuschauer zu lange auf Distanz hält, ihn zum unbeteiligten Beobachter degradiert, der sich erst langsam Zugang zu den Charakteren verschafft. Mit all seinen klassischen Kriminalfilm-Versatzstücken in Kombination mit seinen Giallo-Elementen erinnert „Blutspur im Park“ dabei interessanterweise gewissermaßen an Tessaris „Ringo“-Western, die wiederum wie Hybriden aus US- und Italo-Western wirkten.

Einem Publikum mit entsprechend angepasster Erwartungshalt eröffnet Tessari mit „Blutspur im Park“ nichtsdestotrotz einen sehenswerten, gerade dank seines raffinierten Finales gut gelungenen, spannenden und unterhaltsamen Film mit düsterer, trauriger Note, der am besten unabhängig von allzu engen Genre-Schubladen betrachtet werden und als das genossen werden sollte, was er ist.
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Guardians of the Galaxy

Never forget Schinken-Kev

Bei den „Guardians of the Galaxy” handelt es sich offenbar um ein Spin-Off des Marvel-Comic-Universums, das die üblichen Superhelden-Geschichten mit reichlich Humor auflockert. Im Zuge vieler erfolgreicher Marvel-Comicverfilmungen wagte man den Schritt, sich auch dieser skurrilen Gestalten anzunehmen und sie auf die Leinwand zu bringen. Für die Regie fiel die Wahl auf den US-Amerikaner James Gunn, der nach einem Kurzfilm und Serienbeiträgen im Jahre 2006 mit der B-Science-Fiction-Horror-Hommage „Slither“ auf sich aufmerksam gemacht und sich 2010 mit „Super“ offenbar für die Umsetzung komödiantischen, ironischen/satirischen Superhelden-Stoffs empfohlen hatte. Dieser überarbeitete auch prompt den Drehbuchentwurf Nicole Perlmans grundlegend, bis das fertige Ergebnis 2014 in die Kinos kam – und zu einem wahren Kassenknüller avancierte.

Die Mutter des kleinen Peter Quill (Wyatt Oleff, „Verrückt nach Barry“) stirbt im Jahre 1988 an Krebs, übergibt ihrem Sohn aber kurz zuvor noch ein Geschenk und macht eine Andeutung über Peters ihm unbekannten Vater: Dieser sei ein „Wesen aus Licht“ gewesen. Als Peter das Krankenhaus verlässt, wird er von einem Raumschiff entführt. 26 Jahre später ist er (ab jetzt: Chris Pratt, „Jennifer’s Body“)ein „Ravager“, ein Weltraum-Kleinkrimineller geworden, der sich selbst wenig bescheiden den Namen „Star-Lord“ angeheftet hat. Durch die Entführung wurde er Teil der Bande des Außerirdischen Yondu Udonta (Michael Rooker, „Super“). An sein Leben auf der Erde erinnert ihn vor allem sein alter Walkman mit der Musikkassette alter Pop-Songs, die ihm seine Mutter aufgenommen hatte. Als er auf einem verlassenen Planeten jedoch ein mysteriöses Artefakt in Kugelform an sich nimmt, löst er ungewollt eine Reihe schwerwiegender Ereignisse aus: Sowohl Udonta als auch der finstere Kriegsherr Ronan (Lee Pace, „Lincoln“) bekunden ausgesprochenes Interesse an dem Stück; letzterer will mit den Kräften, die der Kugel innewohnen, sich gar das Universum Untertan machen und an den Xandarianern rächen, die er als verantwortlich für den Tod seiner Vorfahren auserkoren hat. Er setzt die grünhäutige Auftragskillerin Gamora (Zoe Saldana, „Avatar - Aufbruch nach Pandora“), die Adoptivtochter Thanos' (Josh Brolin, „Mimic“), auf Peter an, der zunächst nichts Böses ahnend die Kugel verhökern will. Als es zur Konfrontation mit Gamora kommt, durchkreuzt indes ein Kopfgeldjäger-Duo, bestehend aus dem sprechenden Waschbären Rocket und dem Baumwesen Groot, ihren Plan, das es auf Peter abgesehen hat. Die Auseinandersetzung bringt zunächst alle vier ins Gefängnis, wo sie den muskulösen, tätowierten und etwas tumben Drax (Dave Bautista) kennenlernen, dessen Familie Ronan auf dem Gewissen hat. Da auch Gamora sich von Ronans Einfluss befreien will, beschließen die fünf, gemeinsame Sache zu machen und brechen spektakulär aus dem Gefängnis aus, um anschließend zu versuchen, das Artefakt zu verkaufen. Doch verschiedene große Mächte sind hinter ihnen her...

So weit, so scheinbar komplex. Doch was sich nerdig und kompliziert liest, gerät in „Guardians of the Galaxy“ schnell in den Hintergrund, dient vielmehr als Aufhänger für rund zwei Stunden Comic-Science-Fiction-Action-Spaß mit viel Kawumm aus dem Computer, witzreichen Dialogen, einigen Überraschungen und viel Liebe zum Detail (u.a. Anspielungen auf das Marvel-Comic-Universum) in fremden kosmischen Welten. Man suhlt sich in jeder Menge selbstzweckhaften Stunts und Kampfchoreographien, inszeniert rasante Verfolgungsjagden im Orbit und sprengt andauernd etwas spektakulär in die Luft. Dass dies die meiste Zeit so richtig Spaß macht, liegt nicht nur an der begeisternden Qualität der Spezialeffekte und der CGI-Animationen, die man auch als Skeptiker dieser Technologien neidlos anerkennen muss, sondern vor allem an der Interaktion mit den menschlichen Darstellern, der mehrschichtigen Charakterisierung insbesondere des ungleichen Duos Rocket/Groot und der Gruppendynamik, die man diesem zufällig und wild zusammengewürfelten Haufen zuteil werden ließ, der sich als „Guardians of the Galaxy“ plötzlich vor die Mammutaufgabe gestellt sieht, das Universum zu retten – wozu er wie die Jungfrau zum Kinde kam.

All dies geschieht nämlich mit der Extraportion Humor, der glücklicherweise weit entfernt ist von den pseudolässigen Einzeilern des Action-Kinos, sondern aus dem Waschbären einen waschechten Zyniker mit ungeahnten Fähigkeiten macht, mit dem Baumwesen, das lediglich „I am Groot“ zu sagen (angeblich in allen Sprachen gesprochen von Vin Diesel), dafür aber eine Menge außergewöhnliche Talente im Kampf um den Erhalt des Universums in die Waagschale zu werfen in der Lage ist, eine der skurrilsten Gestalten dieser Art Kinos überhaupt präsentiert und mit viel ironischer Brechung Superhelden-Klischees ebenso umschifft wie es Action- bzw. Science-Fiction-Allgemeinplätze aufs Korn nimmt. Vollwertig satirisch bis hin zu desillusionierend entzaubernd à la „Super“ wird es dabei jedoch nie, Gunn bleibt Auftraggeber und Zielgruppe verpflichtet und bereichert das Genre, statt es zu negieren.

Das bedeutet neben vielem anderen auch, dass Gunn „Guardians of the Galaxy“ Platz einräumt für dramatische und tragische Momente, für Szenen, die durchaus berühren und ans Herz gehen bis hin zu regelrechten Romanzen. Doch gelingt es ihm, jeweils kurz, bevor es kitschig oder pathetisch zu werden droht, die Reißleine zu ziehen und einen Gag zu platzieren oder die Szenen überraschende Wendungen nehmen zu lassen – und dies erstaunlich behände. Beim finalen Angriff auf Xandar wird es sogar richtiggehend spannend. Als eigentlicher Überbau des Films kristallisiert sich – wenn man denn so will – im Laufe der temporeichen Inszenierung eine letztlich dann doch irgendwie rührende Ehrerbietung an Außenseiter und Anti-Helden heraus, die Großes zu leisten imstande sind, wenn sie ihre Andersartigkeit gegenseitig aneinander akzeptieren und ihre Kräfte zu bündeln verstehen – und lernen, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Letzteres meint natürlich nicht, sie zu verleugnen, ganz im Gegenteil: Man lässt es sich fantastischerweise nicht nehmen, kräftig Retro-Popkultur in diese augenzwinkernde Science-Fiction-Space-Comedy-Opera einzuflechten, namentlich in Form der „Awesome Mix Vol. 1.“-Musikkassette, die Peter zusammen mit seinem Walkman hütet wie den heiligen Gral und mit reichlich hörenswerten Hits der 1970er aufwartet, die sich als klasse Soundtrack ebenso durch den Film ziehen wie eine Art Running Gag zugunsten Kevin Bacons.

Schauspielerisch gibt sich auch niemand die Blöße, wenngleich manch Rolle auch nicht allzu viel Individualität oder Freiheit zulässt und ein Großteil durch Kostüm/Maske und comichaft überzeichnete Eigenschaften vorgegeben wird. Der ehemalige Profi-Wrestler Dave Bautista jedenfalls beweist Humor und dass letztlich alle menschlichen Pro- und Antagonisten drohen, von den animierten Rocket und Groot die Show gestohlen zu bekommen, dürfte zum Konzept des Films gehören. Den Low-Budget-Regisseur von „Slither“ und „Super“ zu verpflichten wird wahrscheinlich ein gewagter Schritt gewesen sein, der ungeahnten Wagemut und Weitblick seitens Marvel vermuten lässt. Das Experiment ist gelungen; die Frische und der Hunger James Gunns tun dem Film sichtlich gut, der auch für Comicverfilmungsskeptiker wie mich eine sehr unterhaltsame kurzweilige Angelegenheit wurde, die ich nach kurzer Eingewöhnung vergnügt genießen konnte. Dennoch wird mir immer noch etwas schwindelig, wenn ich höre, dass man in Popcorn-Kino dieser Art schlappe 170 Millionen Dollar investiert. Und, ja: „Guardians of the Galaxy“ ist der ungleich aufwändigere Film, Gunns vorherige Spielfilme liegen mir dennoch mehr am Herzen. Nichtsdestotrotz eine dicke Empfehlung für Freunde modernen Kinos und, nein: Man muss kein Marvel- oder Bestrumpfhoste-Weltenretter-Fan für ihn sein. Ich schmeiße 7,5 von 10 Audiokassetten nach der Erstsichtung auf den Markt (und werde mir selbst mal wieder eine aufnehmen). Save the tape!
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Crawlspace

„Töten ist mein Heroin!“

US-Regisseur David Schmoellers erste Zusammenarbeit mit Low-Budget-Produzent Charles Band wurde sein nach „Tourist Trap“ und „Tele-Terror“ dritter Spielfilm, der Horror-Thriller „Crawlspace“ aus dem Jahre 1986, für dessen Hauptrolle man Klaus Kinski („Leichen pflastern seinen Weg“) verpflichten konnte.

Karl Gunther (Klaus Kinski) vermietet Appartements eines New Yorker Mietshauses, in dem er sich auch als Hausmeister verdingt, vornehmlich an junge Frauen, denen er durch die Lüftungsschächte heimlich nachstellt. Als Sohn eines seinerzeit hingerichteten KZ-Arztes liebt er es außerdem, zu foltern und an Menschen zu „experimentieren“, schreckt auch vor Mord nicht zurück. Als ihm die Nazijägerin Lori Bancroft (Talia Balsam, „Anthony“) auf die Schliche kommt, beginnt ein nervenaufreibender Kampf ums Überleben…

Auch „Crawlspace“, in Deutschland ursprünglich unter dem Titel „Killerhaus“ vermarktet, ist unübersehbar ein Low-Budget-Streifen und ein Kind seiner Zeit, der Mitte der 1980er, ohne Außendrehs in Studiokulissen und in typischen Neonfarben gedreht. Er baut in erster Linie auf seinen Antagonisten auf, einen komplett durchgeknallten, pathologischen Mörder, der auf überraschend zurückhaltende, ruhige, doch nicht minder diabolische Weise von Klaus Kinski verkörpert wird, der für den größten Wiedererkennungseffekt des Films sorgt. Kinskis Karl Gunther hält sich auf Dachboden eine Frau in einem Käfig, der er die Zunge herausgeschnitten hat. Dort bastelt er auch seine Folter- und Mordinstrumente, mit denen er seinen Mieterinnen und ihren Freunden oder Verwandten zusetzt und sich ihrer schließlich entledigt. Vom Wahnsinn gezeichnet kriecht er durch die Lüftungsschächte, zerquetscht Ratten mit der Hand, schminkt sich auch mal und schaut sich Nazi-Filme an. Nach seinen Morden spielt er russisches Roulette mit seinem Revolver.

Als Hintergrundgeschichte muss sein Vater herhalten, der als Nazi-„Arzt“ im Dritten Reich sein Unwesen trieb und durch seine Tagebuchaufzeichnungen dafür sorgt, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt – diese werden nämlich fasziniert vom Sohnemann aufgesogen, der ihm nacheifert. Aus dem Off zitierte Tagebucheinträge ziehen sich als zusammenhaltendes Element durch die relativ geradlinige die Handlung, die mit ihrem fiesen Sadismus, den man dem Kinskerich’schen Antlitz eben irgendwie auch immer zutraut, für manch Unbehagen gut ist. Generell handelt es sich bei „Crawlspace“ um einen ruhigeren Vertreter seiner Zunft, der mit seiner unwirtlichen, klaustrophobischen Atmosphäre zu spielen versteht und sich der Nazi-Gräuel bedient, um sein Bild unmenschlicher, pseudowissenschaftlicher Mordlust zu etablieren und den Zuschauer zu konfrontieren.

Dazu dienen auch gekonnt wie schockierend geschminkte und drapierte Leichen sowie als dankbares Motiv immer wieder auftauchende Ratten, vor allem aber die Vermittlung einer Unmoral, die einem Menschenleben kaum Bedeutung beimisst – nicht einmal dem Gunthers, der sich immer wieder selbst eine Waffe an die Schläfe hält und abdrückt. Vieles erscheint letztlich wenig neu oder innovativ, ist in seiner detaillierten Ausarbeitung aber dennoch durchaus originell. Die Kameraarbeit Sergio Salvatis, dem ehemaligen Kameramann des italienischen Meisters Lucio Fulci, ist ebenfalls deutlich über dem Durchschnitt anzusiedeln und veredelt diesen bösartigen kleinen Horror-Thriller ebenso wie die aufregende orchestrale Instrumentierung des Soundtracks, so dass ich geneigt bin, „Crawlspace“ in erster Linie aufgrund seiner europäischen Zutaten als trotz etwas holprigen Timings und unspektakulärer Inszenierung sehenswertes Low-Budget-Produkt bezeichnen möchte, das darüber hinaus den nötigen Grad kruder Schrägheit und konsequenter düsterer Ernsthaftigkeit mitbringt, um aus dem Feld vieler weit unmotivierterer Genre-Produktion herauszustechen.
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Baba Yaga

„Also bist du nur eine Hure!“ – „Das stimmt – aber sind wir das nicht alle?“

Der italienische Regisseur Corrado Farina brachte es anscheinend auf lediglich zwei abendfüllende Spielfilme, nach „Wettlauf gegen den Tod“ war „Baba Yaga“ aus dem Jahre 1973 bereits sein filmischer Schwanengesang. Mit diesem versuchte er sich an der Realverfilmung der Erotikcomicreihe „Valentina“ aus der Feder des Zeichners Guido Crepax. Für den Filmtitel jedoch bediente man sich bei russischer Mythologie, wo „Baya Yaga“ so etwas wie eine Hexe bezeichnet. Als Farina seinen Film fertiggestellt hatte, intervenierten Überlieferungen zufolge die Produzenten, die den Film kräftig strafften. Das Ergebnis ist ein bunter, pulpiger Mystery-Erotik-Streifen, der mehr verspricht, als er hält.

„Sex und Bürgerrechte, Süße!“

Die Mailänder Fotografin Valentina (Isabelle De Funès, „Raphael, der Wüstling“) lernt eines Abends die geheimnisvolle Baba Yaga (Carroll Baker, „Der schöne Körper der Deborah“) kennen und wird seitdem von seltsamen Träumen geplagt. Als sie Baba ein paar Tage später für ein Fotoshooting besucht und sich kurz auf dem Bett entspannen möchte, ereilen sie erneut mysteriöse Visionen. Baba schenkt Valentina eine in S/M-Kleidung gehüllte Puppe als Talisman, sie solle ihn stets bei sich tragen. Valentinas Träume werden unterdessen immer wilder und die Puppe scheint in ihnen lebendig zu werden (Ely Galleani, „Blutrausch“). Als eine Freundin Valentinas getötet wird, wird die Angelegenheit immer unheimlicher. Haben Baba Yaga oder die Puppe damit zu tun? Gemeinsam mit ihrem Freund Arno (George Eastman, „Man-Eater“) versucht sie, das Geheimnis Baba Yagas zu ergründen…

Ich stehe Comic-Verfilmungen ja gemeinhin eher skeptisch gegenüber und auch ohne mit den Vorlagen vertraut zu sein, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass diese Verfilmung den Geist der Originale trifft. Nun will ich aber auch gar nicht vergleichen; in Farinas Film taucht man ein in die Welt attraktiver junger Mittelklassemenschen, die gerade die sexuelle Revolution miterlebt und -gemacht haben, gern über Comics, Fotografie und Godard sinnieren, sich expressionistische Filme im Kino ansehen – und vermutlich freizügiger geben, als sie sind. Die Begegnung mit Baba Yaga scheint tabuisierte sexuelle Sehnsüchte in Valentina heraufzubeschwören, die in ihren Träumen Ausdruck finden: So träumt sie beispielsweise von Nazi-Schergen, die sie abfüllen. Abgefahrene Versinnbildlichungen, z.B. im Boxring, ziehen sich durch den Film, Valentinas Visionen werden auch schon mal direkt als Comic-Strip dargestellt. Baba Yaga versucht also mittels ihres übernatürlichen Einflusses, Valentina zu bisexuellen Sado-Maso-Akten zu verführen.

Deshalb auch der ausgefuchste Plan mit der S/M-Puppe und, nun ja, mal ehrlich: Die Story dieses um einen extrem rassistisch überzeichneten Dreh eines bizarren Waschmittel-Werbespots angereicherten Filmchens taugt nichts, schon gar nicht als Realfilm. Sie steuert gewissermaßen auf eine Sado-Maso-Lesbenszene hin, von der einmal abgesehen „Baba Yaga“ züchtiger bleibt als erwartet. Das Klischee-Unwetter im Finale darf natürlich nicht fehlen, wenngleich sich der Film künstlerischer und psychedelischer zu geben versucht, als er letztlich ist. Der abwechslungsreiche Soundtrack mit seinen Funkrhythmen und Klavierstücken verliert sich gern einmal in nervigem Freejazz; nichtsdestotrotz funktioniert der von Baker, De Funès und Eastman passabel geschauspielerte „Baba Yaga“ ein Stück weit als Allegorie auf verborgene, unterdrückte sexuelle Gelüste. Am meisten Tiefgang hat jedoch das Loch im Fußboden der Sexhexe...
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Laura – Eine Frau geht durch die Hölle

„Prositution und Drogen!“

Der umtriebige italienische Trash-, Schund- und Plagiatsfilmer Bruno Mattei („Die Hölle der lebenden Toten“) hat in diversen Exploitation-Bereichen gewildert, berüchtigte Subgenres wie Nun-/Naziploitation und Women-in-Prison-Filme waren ihm nicht fremd. 1982 drehte er in italienisch-französischer Koproduktion und nach Drehbuch Palmanbragio Moltenis und Oliver Lefaits einen Beitrag zu letztgenanntem, die anscheinend halboffizielle sechste Fortsetzung zur „Black Emanuelle“-Reihe um Kult-Erotik-Aktrice Laura Gemser: „Laura – Eine Frau geht durch die Hölle“.

„Wieder einige neue Lilien für unseren Garten!“

Journalistin und Weltenbummlerin Emanuelle (Laura Gemser) lässt sich als vermeintliche Straftäterin unter dem Namen Laura Kendall inkognito ins Santa-Catherina-Frauengefängnis einliefern. Im Auftrage Amnesty Internationals soll sie die dort vorherrschenden ungeheuerlichen Vorgänge dokumentieren: Misshandlungen, Folter und Vergewaltigungen der Gefangenen durch sadistisches Wachpersonal, geduldet und befohlen von einer skrupellosen Direktion (Lorraine De Selle, „Die Wiege des Teufels“). Unmenschlichkeiten sind an der Tagesordnung, wie auch die bedauernswerte Emanuelle am eigenen Leib erfahren muss. Doch in Gefängnisarzt Moran (Gabriele Tinti, „Nackt unter Kannibalen“) findet sie einen Verbündeten. Kann er ihr zur Seite stehen, als ihre wahre Identität bekannt wird…?

Noch lange vor der RTL-Seifenoper „Hinter Gittern – Der Frauenknast“ blühte in den Bahnhofskinos der westlichen Hemisphäre das Erotik-/Softsex-Subgenre der Women-in-Prison-Filme auf, das vornehmlich krude und geschmacklich fragwürdig ein zweifelhaftes Bild von Frauenhaftanstalten zeichnete, ging es doch vor allem um die Zurschaustellung weiblicher Nacktheit und Sexualität in Kombination mit psychischer und physischer Gewalt. So auch in diesem Sleaze-Streifen (Achtung, Handlung wird gespoilert!): Man beginnt mit dem Transport Emanuelles zusammen mit anderen Gefangenen zum Gefängnis. Ihren ersten Kontakt zum Gefängnisarzt Moran hat sie, als sie sich zwecks Aufnahmeuntersuchung ausziehen muss. Die übrigen Rollen erfüllen weitestgehend bekannte Klischees von der bösartigen Direktorin mit strenger Frisur über die ebenfalls streng gescheitelte, offenbar lesbische, maskulin-dominante, sadistische Oberaufseherin (Franca Stoppi, „Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf“) bis hin zu wahlweise kämpferischen, verzweifelten, resignierenden oder sich zum eigenen Vorteil mit dem System arrangierenden Insassinnen. Und während Emanuelles Zimmergenossin sich eine Kakerlake hält, hält sich die Direktorin den wegen Mordes verurteilten Knastdoktor als Lustobjekt.

„Wieso bist du nackt?! Zieh dich an!“

Nicht minder klischeehaft erscheinen die Herren der Schöpfung, vom Quoten-Mexikaner über den als komische Rolle angelegte tuntigen Schwulen als Lustknaben für die chronisch untervögelten Häftlinge bis hin zu den obligatorischen Hofprügeleien. Denn: Ja, auch männliche Insassen spielen hier eine Rolle, die Gefängnisfestung beherbergt nämlich auch einen Männertrakt. Ausgiebig bedienen Mattei und Co. bestimmte Fetische aus den Lesben-, Voyeur-, Sado-Maso- und Uniform-Bereichen, wenn besagte Oberaufseherin zwei Insassinnen zum gleichgeschlechtlichen Sex miteinander zwingt, dabei in ihrer Wärterinnenkleidung zusieht und es sich anscheinend mit dem Schlagstock selbst macht. Während dieser sehr ausgewalzten Szene hören andere Insassinnen, was da gerade vonstattengeht und werden selbst erregt. Auf dem Höhepunkt ihrer Lust prügelt die Aufseherin auf das kopulierende Paar ein. Opfer des Sadismus wird fortan auch die einmal mehr neben exotisch schön vor allem gazellenhaft zerbrechlich wirkende Emanuelle, die sich nach einem Streit mit den Wärterinnen in (Fäkalfetischisten, aufgemerkt) Fäkalien prügelt und wälzt und daraufhin ins Verlies gesperrt wird. Dort kommt Mattei seiner Vorliebe für Ratten nach, als er die Nager mit diabolisch rot leuchtenden Augen zu Emanuelle schleusen und sie blutig beißen lässt, woraufhin sie einen Schreikrampf und eine Angststarre erleidet. Derweil lässt die Direktorin in ihrer Wohnung eine Insassin von zwei männlichen Häftlingen vergewaltigen. Sie beobachtet den sexuellen Übergriff, geilt sich daran auf und hat Sex mit ihrem Mann – dem Direktor des Männertrakts.

Schließlich treibt man wieder die Handlung und Charakterzeichnung voran: Laura freundet sich mit dem Gefängnisarzt an und erfährt, dass er eigentlich ein guter Mensch ist und nur deshalb hinter Gittern sein trauriges Dasein fristet, weil er seiner sterbenskranken Frau aus Liebe Sterbehilfe (hier als Euthanasie bezeichnet bzw. von ihm als solche empfunden) geleistet hat. Etwas bemüht versucht Mattei durch eine Szene wie diese, sowohl Tragik als auch Hintergrund einzuflechten, um Empathie des Zuschauers zu buhlen, den Film um eine weitere Ebene neben der Sexuellen und Gewalttätigkeiten zu erweitern. Sollte dies mit der nächsten Szene ebenfalls beabsichtigt gewesen sein, ging dies jedoch vollkommen in die Hose – viel zu albern und bizarr wirkt es, als eine Insassin am Zellenfenster strippt, um die männlichen Häftlinge auf dem Hof zu provozieren, die sie daraufhin wie in Trance anstarren. Der Schwule rüttelt sie verzweifelt vor Eifersucht, einen nach dem anderen, woraufhin sie ihn wutentbrannt misshandeln und er auf dem Krankenbett stirbt.

Ein beliebtes Motiv im Sexfilm ist Geschlechtsverkehr aus taktischen Erwägungen mit Partnern, die man eigentlich nicht begehrt: So lässt sich Moran Emanuelle zuliebe widerwillig noch einmal mit der Direktorin ein. Erst nach einer Prügelei mit Todesfolge im Steinbruch stellt sich – für die Gefängnisdirektion ebenso wie für uneingeweihte Zuschauer – heraus, dass „Laura“ eine Journalistin mit gefälschten Papieren ist. Erneut wird sie verprügelt und anschließend gefoltert, sogar vom Leiter des Männerknasts vergewaltigt. Während sie mit Moran die Flucht plant, wird im Essenssaal die obligatorische Revolte eingeleitet und eine Spionin erschlagen. Die Oberaufseherin ermordet eine Insassin, wird daraufhin von einer anderen gerichtet. Der Ausbruch gelingt und unglaublicherweise nimmt man sich noch Zeit für ein Schäferstündchen, festgehalten in einer tatsächlich erotischen, irgendwie romantischen Softsexszene – der ersten dieser Art innerhalb des Films. Dem Mexikaner wird insofern eine gewichtige Rolle zuteil, als er mit seinem reparierten Motorboot Emanuelles Aufzeichnungen zu den Behörden schmuggelt, das Gefährt also ebenfalls etwas überraschend nicht unmittelbar zur Flucht dient. Doch trotz dessen und der unnachgiebigen Jagd auf die Ausbrecher gelingt das Unterfangen und das Gute siegt.

Für Matteis Verhältnisse geriet „Laura – Eine Frau geht durch die Hölle“ relativ sorgfältig inszeniert und bis auf den einen oder anderen unverständlichen Ausflug ins Komödiantische über weite Strecken angenehm grimmig und dreckig, ohne jedoch jemals wirklich ernstzunehmen zu sein. Grobe Timing-Probleme konnte ich keine ausmachen, in den Inszenierungen der unterschiedlichen Softsexszenen schien man mir bewusst zwischen freiwillig und unfreiwillig zu unterscheiden und dennoch durchaus gekonnt großes Augenmerk auf die Erfüllung von Fetischphantasien zu legen, ohne die Handlung gänzlich zur Nichtigkeit zu degradieren. Die Kameraarbeit bietet darüber hinaus auch immer wieder interessante Einstellungen und Perspektiven; so wird der Zellentrakt beispielsweise öfter starr von schräg oben gezeigt, wie aus einer Überwachungskamera, was das Gefühl des Verlusts von Individualität und Privatsphäre sowie des Eingesperrtseins verstärkt. Einige Nebendarsteller agieren zwar hölzern oder sind mit der Theatralik, die Mattei anscheinend hier und dort gern einkalkuliert hätte, überfordert, die Hauptrollen sind jedoch prominent besetzt: Laura Gemser thront keinesfalls über dem Cast, sondern steht gleichberechtigt neben einer irrwitzigen, beängstigend intensiv spielenden Franca Stoppi, die Französin Lorraine De Selle sieht klasse aus und beweist Wandlungsfähigkeit, wenn man ihr die Direktorin auch nicht ganz abnimmt. Tinti wiederum wird vor keine allzu großen Herausforderungen gestellt, versieht seine Rolle aber dankenswerterweise ebenfalls mit der nötigen Ernsthaftigkeit und macht sich gut an der Seite seiner Ehefrau. Allen Absurditäten und offener Spekulation zum Trotz entwickelt „Laura – Eine Frau geht durch die Hölle“ auch mithilfe Luigi Ceccarellis Synthesizer-Klängen so etwas wie Atmosphäre und wer sich darauf einlassen kann und möchte, findet einen unterhaltsamen Sleaze-Exploiter vor, der vieles richtig macht, mir zumindest verglichen mit anderen Genrevertretern überraschend gut reinlief und gewissermaßen Matteis Handschrift trägt, die auch aus einem Film wie „Riffs III – Die Ratten von Manhattan“ zwar keinen wirklichen guten, aber doch interessanten und vergnüglichen machte. Fazit: „Black Emanuelle“ goes WIP in einem Film mit gesteigertem Unterhaltungswert über die subgenreüblichen Zutaten hinaus.
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Lebendig gefressen

„Es sind primitive Wesen, deren Hauptnahrung Menschenfleisch ist!“

Nachdem der italienische Genrefilmemacher Umberto Lenzi im Jahre 1972 mit „Mondo Cannibale“ den Grundstein für den berüchtigten Bastard aus Horror- und Abenteuerfilm, den Kannibalenfilm, gelegt hatte, etablierte die italienische Filmindustrie in einer überschaubaren Anzahl an jedoch umso schwerer im Magen liegenden Filmen den wilden Kannibalen als neues Monstrum neben Vampiren, Werwölfen, Außerirdischen und Zombies. Lenzi persönlich griff erst im Jahre 1980, mutmaßlich nach dem Erfolg von Deodatos „Cannibal Holocaust“, erneut auf das Genre zurück, das er um einen Beitrag mit dem klangvollen Titel „Lebendig gefressen“ erweiterte.

„Mögen Sie Rock?“ – „Nein, ich mag Whiskey!“

Ein Asiate verübt Morde an den Niagarafällen und in New York, indem er mittels eines Blasrohrs vergiftete Pfeile auf seine Opfer schießt. In der Großstadt wird er daraufhin selbst zum Opfer, nämlich des Straßenverkehrs. Die Polizei findet Videoaufnahmen sowie die Anschrift der seit Monaten verschwundenen Diana Morris (Paola Senatore, „Nachtschwester müsste man sein“) bei ihm und kontaktiert daraufhin deren Schwester Sheila (Janet Agren, „Ein Zombie hing am Glockenseil“). Diese weiß zu berichten, dass Diana ihre urbanen Zelte abgebrochen und sich der Purifikationssekte um Guru Jonas (Ivan Rassimov, „Mondo Cannibale“) angeschlossen habe. Die Videoaufzeichnung zeigt eigentümliche Rituale der Sekte und durch Jonas-Opfer Alma (Fiamma Maglione, „Flotte Bienen auf heißen Maschinen“) findet man heraus, dass sich diese anscheinend auf Neuguinea niedergelassen hat, woraufhin Sheila auf die Insel fliegt. Dort lernt sie den Vietnam-Deserteur Mark (Robert Kerman, „Cannibal Holocaust“) kennen, der gerade in einer Kneipe beim Armdrücken gegen einen Einheimischen gewinnt, und heuert ihn als Fremdenführer an. Auf der Suche nach der Sekte lernen sie im Dorf Sakir einen weiteren Weißen kennen, der sie jedoch mithilfe einer Kobra töten will. Aus diesem lassen sich aber weitere Informationen herausprügeln, doch auf dem Weg durch den Dschungel wird erst ein Helfer von einem Krokodil zerfetzt, treffen Mark und Sheila auf verstümmelte Leichen und werden schließlich Zeugen, wie drei Eingeborene eine Frau schänden und roh verspeisen. Das Dorf der Sekte liegt inmitten gefährlicher Kannibalenstämme! Als sie es endlich mühsam erreichen, treffen sie auf Diana, doch die scheint nicht mehr sie selbst zu sein: Alle Sektenjünger stehen unter dem Einfluss des despotischen Jonas‘ und seines Rauschgifts – und aufgrund der sie umringenden Kannibalen gibt es kein Entkommen…

„Neugier, dein Name ist Weib!“

Natürlich tut die plietsche Diana aus Angst vor dem irren, an den real existiert habenden Jim Jones von der „Peoples Temple“-Sekte angelehnten Jonas, nur so, als sei sie dort glücklich. Dieser herrscht mit eiserner Hand über seine Schäfchen, versteht so gar keinen Spaß und trachtet Abtrünnigen nach dem Leben – wie den Giftpfeilopfern aus dem Prolog, wie sich herausstellt. Zum Glück des ungleichen Abenteurer-Duos zeigen sich aber auch die Behörden in den USA alarmiert, wie ein kurzer Schwenk zurück in die Zivilisation zeigt. Davon können Sheila und Mark aber noch nichts ahnen und so fällt dieser erst einmal in Ungnade, als er sich weigert, den Drogentrank anzurühren. Er wird verprügelt und gefesselt und kann von Glück sagen, dass ihm der offen mit Massenselbstmord drohende Jonas nicht den Kopf abschlägt wie einem anderen Abtrünnigen. Der nackten Shelia wiederum rammt er einen mit Schlangenblut benetzten Holzdildo in die Vagina. Kerman indes wird befreit und kämpft sich durch die Kannibalen, landet jedoch schließlich wieder bei Jonas und schauspielert, er würde zu Kreuze kriechen. Im Rahmen seines Aufnahmerituals trinkt er vom Trank und die Gemeinde intoniert „Glory Glory Hallelujah“ dazu. Jonas malt die unter Drogeneinfluss stehende Sheila gülden an und peitscht Diana aus, bestraft außerdem einen Alkoholtrinker, indem er ihn aus der Gemeinschaft ausstößt. Die geplante Flucht mit der verwirrten Sheila gestaltet sich schwierig, denn sie glaubt mittlerweile, bleiben zu wollen, doch Mark hat so seine Methoden…

Dessen Rolle hat Lenzi, der auch das Drehbuch verfasste, nämlich als Hardcore-Macho angelegt, immer einen kernigen Spruch auf den Lippen, der der verängstigten Sheila auch einfach mal eine knallt, woraufhin sie ihm sexuell verfällt. Dieses ans Neandertal erinnernde Geschlechterbild zieht Lenzi allen Ernstes konsequent durch; so bekommt Sheila direkt noch eine gezimmert und wird kurzerhand gefesselt und mitgenommen, als es an die Flucht geht. Weitere, nun ja, „Frauenbilder“ fängt Lenzi mit der Kamera ein, wenn er auf (ich nenne es mal) naturalistisches Schauspiel, sprich: möglichst viel nackte Haut setzt. Bei der ersten Begegnung mit Diana ist diese oben ohne, ebenso die in einer Nebenrolle immer wieder durchs Bild huschende, Kannibalenfilm-erprobte Exotin Me Me Lai. Sexualität steht hier zumeist in Zusammenhang mit nackter, gern ritualisierter Gewalt: Eine verwitwete Sektenangehörige muss sich in einem öffentlichen Ritual von einem nach dem anderen besteigen lassen, während hunderte Augenpaare auf sie gerichtet sind. Und während ihrer Flucht wird Diana erwischt, entkleidet und vergewaltigt. Welchen tieferen Sinn Sheilas Penetration mit dem Schlangenblutdildo und manch anderer abwegiger Einfall erfüllt, weiß wohl nur Lenzi allein.

Einzelne Zwischensequenzen, in erster Linie aber das Finale sind bestimmt von Kannibalen-Action, die am Ende tatsächlich dem Filmtitel gerecht werden, indem sie ihre Opfer bei lebendigem Leibe verstümmeln und verspeisen. Dies geht einher mit deftigen Ausweidungsszenen, geschminkte Statisten wühlen in Gedärmen. Im Gegensatz zu anderen Filmen des Genres sind die Kannibalen hier tatsächlich nur stumpfe Monster, die zur reinen Schockwirkung und zur Steigerung des Gewaltgrads ins Unermessliche dienen. Ähnlich verfährt Lenzi leider mit der furchtbaren Unsitte realen Tiersnuffs: Nicht nur, dass die zahlreich eingestreuten Tieraufnahmen in Großaufnahme eine Schlange beim Verzehren eines kleinen Affen sowie einen Kampf Mungo vs. Schlange zeigen, Lenzi lässt auch Menschen Krokodile grausam schlachten, ohne wirklichen Bezug zum Film über die Steigerung der Drastik hinaus. Ansonsten zoomt er gern auf Gesichter und platziert immer mal wieder irgendwelche Maskentänze zu Dschungelrhythmen, die für Exotik sorgen sollen. Außerdem wiederverwertet er Szenen aus seinem eigenen Œuvre sowie aus Sergio Martinos „Die weiße Göttin der Kannibalen“ (Kastrations-/Mamba-Szene).

Das liest sich nicht nur so, als würde sich „Lebendig gefressen“ trotz all seiner Schauwerte gehörig in die Länge ziehen, dem ist leider auch so. Dafür zieht er bei der überaus konstruierten Vermengung des Kannibalenschockers mit der Thematik der „Peoples Temple“-Tragödie sämtliche Register und lässt Jonas‘ Anhänger angesichts des eingreifenden Militärs den avisierten kollektiven Selbstmord wie einst in Guyana mittels eines Gifttranks begehen, was die Kamera in der Komplettfassung des Films ebenfalls ausgiebig festhält und den Film um ein weiteres Entsetzen bereichert. Zurück in der Zivilisation heißt es dann im Epilog, man solle Stillschweigen über die Kannibalen bewahren, das Thema soll also unter den Teppich gekehrt werden. Kein Wunder, dass man so wenig über den Kannibalismus auf Neuguinea weiß und danke an Herrn Lenzi für die Aufklärung! Doch Spaß beiseite: Janet Agren ist zwar sehr ansehnlich, reißt schauspielerisch aber keine Bäume aus, Robert Kermans Rolle ist viel zu unsympathisch angelegt worden, um Identifikationspotential zu bieten, dafür glänzt „Mondo Cannibale“-Veteran Ivan Rassimov als schmieriger, jedoch arg eindimensionaler Sektenheini. Die größte schauspielerische Freude bereitet im Prinzip die Freizügigkeit der Darstellerinnen. Was sich nach dem mit groovendem Disco-Funk unterlegten Vorspann und Sheilas abendlichem Weg durch schicke urbane Leuchtreklamen da auf den Zuschauer ergießt, ist durch und durch spekulativ und bar jeden Subtexts, funktioniert auf seine effekthascherische und ekelerregende Weise als harter bis trashiger Exploitation-Film aber durchaus, ist verglichen mit Ruggero Deodatos vorausgegangenem Meistwerk „Cannibal Holocaust“ jedoch ein deutlicher Rückschritt und dürfte dazu beigetragen haben, dass man sich an Kannibalenfilmen dann irgendwann auch im wahrsten Sinne des Wortes sattgesehen hatte.
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Nachhilfe in Sachen Liebe

US-Filmemacher Bertram Ira Gordon, Spitzname: Mr. B.I.G., war ursprünglich im B- und Drive-in- Horror- und Science-Fiction-Bereich der 1950er zuhause, für den er Filme wie „Der Koloss“, „Die Rache der schwarzen Spinne“ und „Der Turm der schreienden Frauen“ drehte. Später schien er sich neben weiteren Horror- und Monster-Genrearbeiten mit mir unbekannten Filmen wie „How to Succeed with Sex“ (1970) und „Let's Do It!“ (1982) auch an schlüpfrigen Komödien zu versuchen. Ein Ergebnis dieses Faibles dürfte die 1985 veröffentlichte erotische Coming-of-Age-/Teenager-Komödie „Nachhilfe in Sachen Liebe“ gewesen sein:

Schüler Chris Collins (Lance Sloane) lernt die attraktive neue Mitschülerin Beth Cowell (Kim Evenson, „Porky’s Rache“) kennen – und lässt sich unter Gruppenzwang auf eine ebenso pubertäre wie verhängnisvolle Wette ein: Er muss Beth innerhalb von einer Woche ins Bett bekommen. Doch sein fieser Mitschüler will die Wette unbedingt gewinnen und erpresst Beth: Er kennt den Grund für ihren Schulwechsel und droht ihr, diesen öffentlich zu machen, sollte sie tatsächlich mit Chris schlafen. Dieser findet in seiner neuen Nachbarin, der reiferen Michelle (Sylvia Kristel, „Emmanuelle“) unterdessen eine Nachhilfelehrerin in Sachen Verführung – und Sex...

„Nachhilfe in Sachen Liebe“ knüpft an eine lange Tradition von Spielfilmen an, in denen Jugendliche Sex mit deutlich älteren Erwachsenen haben, ohne dass dieser Akt moralisch verurteilt werden würde. Dieses Motiv fand vermutlich erstmals mit „Die Reifeprüfung“ im Jahre 1967 ins große Kino und wird seitdem immer einmal wieder aufgegriffen bis hin zu Teenie-Sex-Komödien wie „American Pie“. Im Gegensatz zu den genannten Titeln fristet Bert I. Gordons Film ein Nischendasein, hat mit Sylvia Kristel als sexy alleinstehende Nachbarin jedoch den Star aus der „Emmanuelle“-Erotik-Reihe verpflichten können. Zunächst stellt Gordon, der auch das Drehbuch verfasste, seine Hauptrolle Chris biographisch im Schnelldurchlauf in Form von Standbildern/Fotos vor und skizziert ihn als Jungen mit reger sexueller Phantasie – in dieser treibt er es nämlich erst mit seiner Nachbarin Mrs. Roberts (Stephanie Blake, „Die Hure“) und anschließend mit ihrer Tochter. Nachdem er nacheinander Michelle und Beth kennengelernt hat, kommt es zur folgenschweren Wette, mit der er sich innerhalb der Hackordnung seiner Clique beweisen muss.

Die Verunsicherung und Unerfahrenheit in Sachen Liebe uns Sex, die als größtes Hindernis zwischen Chris und der Erfüllung seines Wetteinsatzes steht, bestimmt fortan auf komödiantisch überzeichnete Weise das Geschehen und lässt ihn zu solch außergewöhnlichen wie zum Scheitern verurteilten Maßnahmen greifen wie dem Besuch einer Liebesschule, die sich als Schwulenclub entpuppt. Ein wiederkehrendes Stilelement sind die Visualisierungen von Chris’ Träumereien in zunächst extrem unrealistisch anmutenden Szenen wie der des spontanen Sex mit einer Unbekannten im Fahrstuhl, die in der Regel erst im Nachhinein als Phantasieprodukt enttarnt werden. Ansonsten bemüht sich Gordon um einen gewissen Realismus, der jedoch immer wieder komödiantisch gebrochen wird – beispielsweise als Chris tatsächlich den Fahrstuhl außer Betrieb setzt, um in ihm mit Beth Sex haben zu können, mit dem Ausfall des Lichts jedoch eine Phobie erleidet und sich übergeben muss. Als Pechvogel erweist sich Chris auch, als er eine bizarre Porno-Videothek aufsucht – neben dem fragwürdigen Filmangebot empfehlen Werbeschilder, durch Erotikfilme Mädels ’rumzukriegen –, jedoch das Band reißt, als er genau das an Beth ausprobiert.

Von seiner Nachbarin Michelle, die er durchs Fenster dabei beobachtet, wie sie sich auszieht, lässt er sich jedoch beraten, bis sie zu einer Art weisem Coach avanciert und er schließlich tatsächlich körperlichen Liebesunterricht von ihr bekommt. Dieser Umstand steht in keinerlei Widerspruch zum wachsenden Vertrauen zwischen Chris und Beth, das darin mündet, sich gegenseitig von der Wette und der Erpressung zu erzählen. Ehrlich währt eben am längsten und so schwindet dann auch ganz schnell die Macht des Wettpartners, den Chris letztlich K.O. schlägt. Damit ist die Bühne frei für den inhaltlichen wie stilistischen Höhepunkt des Films, einer überraschend sehr erotisch gefilmten spielerischen Verführungsszene, in der Beth nackt durch einen mit einem sich bewegenden Licht nur leicht illuminierten Raum tanzt und die dadurch auf künstlerische Weise dem Spiel von Hoffnung und Zweifeln, von Begierde und Ernüchterung, Ausdruck verleiht. Wie ein kitschiges Zugeständnis an ein bürgerliches, konservatives Publikum wirkt daraufhin leider der Abspann, der erneut auf Standbilder zurückgreift, die illustrieren, wie Chris und Beth als US-amerikanische Bilderbuchfamilie gemeinsam glücklich und alt werden.

Der mit ’80er-Pop- und Rockmusik unterlegte Film schwankt zwischen augenzwinkerndem Umgang mit jugendlicher Sexualität angesichts eines sexuellen Überangebots, dadurch verstärkter Unsicherheit sowie cliquenbedingtem Leistungsdruck, sich beweisen müssen auf der einen und flachem albernem Humor auf der anderen Seite, punktet aber mit seinem recht stilsicher inszenierten Erotik-Anteil, der gar keinen Hehl daraus macht, jungmännische Phantasien zu bedienen. Dafür, dass dies offenbar sein einziger Spielfilm war, macht der später zum Produzenten aufgestiegene Lance Sloane seine Sache sehr gut und verfügt über naiven bis spitzbübischen jugendlichen Charme. Mit den ebenso attraktiven wie talentierten Schauspielerinnen Sylvia Kristel und Kim Evenson sowie der einen oder anderen Nebendarstellerin bietet er viel fürs Auge, ist temporeich inszeniert und entwickelt den Charakter einer sommerlichen, tief in den ’80ern verwurzelten, juvenilen Wohlfühl-Komödie, von der man keinesfalls dramatische Coming-of-Age-Elemente oder Tiefgang erwarten sollte. Frech genug, um nicht lediglich als seichte Unterhaltung durchgewunken zu werden, ist er dank seines Irgendwie-immer-noch-Tabuthemas des sexuellen Verhältnisses eines Schülers zu einer reiferen Frau jedoch allemal und wer wie ich „Mr B.I.G.“ bisher lediglich von trashigen Schwarzweiß-Drive-in-Vehikeln aus den ’50er kannte, könnte überrascht sein, wie verhältnismäßig gut es Bert I. Gordon gelang, in den 1980ern anzukommen.
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Sunshine Reggae auf Ibiza

„Es gibt keine Pizza, es gibt Grünkohl!“

Der Österreicher Franz Marischka begann seine Regiekarriere im Jahre 1959 und drehte Krimis, Heimatfilme und harmlose Komödien. Zehn Jahre später jedoch stürzte auch er sich auf die neuen Möglichkeiten, die die sexuelle Revolution im Kino bot und stieß mit „Der Mann mit dem goldenen Pinsel“ (mit Edwige Fenech) und „Ein dreifach Hoch dem Sanitätsgefreiten Neumann“ in den Bereich der Erotikkomödien vor. Es folgten so einige „Lass jucken, Kumpel“- und Lederhosen-Filme, mit denen er zu einem der Hauptverantwortlichen für die fragwürdige bayrische/österreichische Verquickung von Klamauk und nackten Tatsachen avancierte. Sein letzter Film datiert auf das Jahr 1983, der berüchtigte „Sunshine Reggae auf Ibizia“, der sich diesmal in Norddeutschland bediente: am ostfriesischen Komiker Karl Dall.

„Gelobt sei, was den Motten schmeckt…“

Der ostfriesische Bauer Karl (Karl Dall, „Lass uns knuspern, Mäuschen“) schwärmt für Pop-Sternchen Linda Lou (Isa Haller, „Himbeereis und heiße Mädchen“), die seine Fan-Post eines Tages mit einer Autogrammkarte beantwortet. Daraufhin wähnt er sich persönlich eingeladen, schwingt sich auf den Sattel seines Fahrrads und reist nach Ibiza zu Linda und ihrer Managerin Christa (Olivia Pascal, „Griechische Feigen“). Als ihm nach einigen ereignisreichen Nächten das Geld ausgeht, schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch, die er jedoch allesamt schnell wieder verliert – außer jenen als Fotograf, der ihn schließlich zu einem reichen Doppelgänger führt…

„Haben Sie ein Bad genommen?“ – „Wieso, fehlt eins?“

Der Prolog spielt noch im beschaulichen Ostfriesland, wo Karl die Euter seiner Kuh Lisa sehnsuchtsvoll streichelt und dabei verliebt an Linda Lou denkt. Niemand Geringerer als Hans-Werner Olm („Zwei Nasen tanken Super“) bringt als Postbote Lindas Autogrammkarte, woraufhin Karl seine Zelte abbricht und gen Ibiza reist. Sein Schwarm entpuppt sich als Dummenblondchen, das mit seiner schrillen Lache Gläser zum Zerspringen bringt und nicht einmal selbst seine Autogrammkarten unterzeichnet. Des Weiteren bekommt man es mit dem misogynen Bernie (Chris Roberts, „Tante Trude aus Buxtehude“) zu tun, der einst schwer enttäuscht wurde und seitdem keine Frauen mehr leiden kann – obwohl sein Hof von weiblichen Nackedeis bevölkert wird. Die einfühlsame Linda-Lou-Managerin Christa tritt jedoch an, das zu ändern… Und dann wäre da noch der extrem overactende Gottlieb Wendehals, der mit seiner nymphomanen Frau Rita (Bea Fiedler, „Die nackten Superhexen vom Rio Amore“) geplagt ist sowie deren genaues Gegenteil, die prüde, um die Jungfräulichkeit ihrer Tochter besorgte Mutter der jugendliche Barbara (Jacqueline Elber, „Macho Man“).

All deren Wege kreuzen sich dann und wann, doch die Handlung ist vollkommen nebensächlich. Diverse Witze werden gerissen, Kalauer folgen auf Slapstick-Einlagen und sketchartige Szenen sowie Ostfriesen- und Kellnerwitze. Als Karl plötzlich auf seinen reichen Doppelgänger trifft, avanciert „Sunshine Reggae auf Ibizia“ zeitweilig gar zu einer Verwechslungskomödie. Angereichert und gestreckt wird die Chose mit diversen Schlagern von Wendehals‘ „Polonäse Blankenese“ bis zu Karl Dalls „Itzi Bitzi Ibiza“ sowie einigen Reggae-Anklängen. Zum Original-Soundtrack gehörte auch der Sommerhit-Hochkaräter „Sunshine Reggae“ der Dänen „Laid Back“, der aus lizenzrechtlichen Gründen jedoch leider in den Heimkino-Veröffentlichungen fehlt. Der Film vermittelt durchaus eine nicht ungefähre Urlaubsstimmung und suggeriert zeitweise, Ibiza wäre ein einziger Oben-Ohne-Strand; kurioserweise gelingt es jedoch nicht, aus der herrlichen Kulisse Ibizas stärker Kapital zu schlagen, schwelgerische Landschaftsaufnahmen o.ä. sind der statischen Kameraarbeit fremd.

Neben vielen sekundären Geschlechtsmerkmalen (will sagen: Busen) und dem Werben für freizügigere Sexualität steht und fällt Marischkas Schwanengesang natürlich mit seinem Humor, der ein Spektrum von der peinlichen Zote über „würde Fips Asmussen die Finger von lassen“ und „war lustig – 30 Jahre vor dem Film“ bis hin zu albernem Klamauk bzw. „Ist dieser Witz ihr Ernst?“ reicht. Humoristische Qualität bringt tatsächlich Karl Dall ein, der aufgrund seines Images als proletiger Töffel (und einer gewissen Genre-Vorerfahrung) irgendwie gut zu „Sunshine auf Reggae auf Ibiza“ passt, ja, mitmachen darf, ohne dass es ihm peinlich sein müsste oder seiner Karriere schaden würde. Seine Auftritte versieht er mit seiner gewohnten Selbstironie und erweckt den Anschein – so paradox das klingen mag –, als würde er seine eigene Rolle im Film karikieren, sie zusätzlich ironisch brechen, als sei ihm bewusst, in was er da hineingeraten ist.

Das verleiht dieser dadaistischen Trash-Komödie eine zusätzliche Ebene, die anderen Filmen dieser Art sicherlich abgeht. Details wie Karls Äußerung contra Stierkämpfe oder Wendehals‘ Lektüre des „Otto-Buchs“ wissen ebenfalls zu gefallen, im Gegensatz zur Unsitte, die arme Helga Feddersen („Der Pfarrer von St. Pauli“) für die Müde Pointe eine Rolle als hässliche Nervensäge spielen zu lassen, vor der die Männer Reißaus nehmen. Gerhard Heinz‘ „Lazy Loving“ wiederum macht ebenso viel Spaß wie manch anderes Musikstück und man gab sich sogar Mühe, die einzelnen Nebenhandlungsstränge jeweils im Guten aufzulösen (was wiederum die Seichtheit des Films unterstreicht). Ein Film wie „Sunshine Reggae auf Ibiza“ mag lange Zeit als Negativbeispiel deutschen Humors gegolten haben, doch scheint sich auch eine kleine, feine Kultgemeinde um ihn gebildet zu haben. In seiner irrwitzigen Melange und seiner Offenherzigkeit sowie dank der von Karl Dall bestens bekleideten Hauptrolle wirkt er heutzutage auf mich irgendwie erfrischend und unverkrampft – und ist damit meines Erachtens längst rehabilitiert!

Oder anders ausgedrückt: An einem Katersonntag mit Matschbirne auch nicht schlechter als ein durchschnittlicher Spencer/Hill-Klopfer geeignet; flach, kurzweilig und anspruchslos, dafür ungleich sexyer.
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Top Job

Als Startschuss der Heist Movies, jenem Krimi-Subgenre, das den Fokus statt auf die polizeilichen oder detektivischen Ermittlungsarbeiten auf die Ganoven richtet, die einen großen Coup planen und durchführen, gilt der französische „Rififi“ aus dem Jahre 1955. Zwölf Jahre später, 1967, bereicherte der italienische Regisseur Giuliano Montaldo („Sacco und Vanzetti“) diese Filmgattung um seinen in italienisch-deutsch-spanischer Koproduktion realisierten „Top Job“, der sich zunächst wie ein Heist-Destillat liest, entledigte er seinen Film doch nahezu sämtlicher sonst gern einmal mit dem Subgenre einhergehenden komödiantischer und Buddy-Movie-Elemente.

Der jüngst pensionierte Professor James Anders (Edward G. Robinson, „Abenteuer des Kardinal Braun“) unterrichtete drei Jahrzehnte lang an einer Schule im brasilianischen Rio. Dort beobachtete er, wie das gegenüberliegende Gebäude zweimal jährlich zur kurzzeitigen Zwischenstation für millionenschwere Edelsteine wurde. Lediglich wenn die Lieferung mit dem Carnaval do Rio zusammenfällt, verweilen die teuren Stücke etwas länger im hermetisch abgeriegelten Tresor. Diese Gelegenheit bietet sich nur alle Jubeljahre – und nun ist es wieder soweit. Anders fliegt nach New York zu seinem alten Jugendfreund Mark Milford (Adolfo Celi, „Die Klette“), den er seit 42 Jahren nicht mehr gesehen hat und der in dieser Zeit zu einer geachteten Unterweltgröße aufgestiegen ist. Zusammen planen sie einen großangelegten Coup: den Raub der Diamanten. Zu diesem Zwecke stellen Sie ein Team aus vier Spezialisten zusammen: Militär-Captain Erich Weiss (Klaus Kinski, „Nosferatu“) als Leiter vor Ort und Mann fürs Grobe, Techniker Agostino Rossi (Riccardo Cucciolla, „Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's!“) und Butler sowie Safeknacker Gregg (George Rigaud, „Das Geheimnis der blutigen Lilie“) für Einbruch und Tresoröffnung. Eine besondere, weil ungewöhnliche Rolle wird Playboy Jean-Paul Audry (Robert Hoffmann, „Neues vom Hexer“) zuteil: Er soll die Bankangestellte Mary Ann (Janet Leigh, „Psycho“) verführen, um ihren Schlüssel abzuluchsen – doch ausgerechnet dies erweist sich als schwieriger als zunächst angenommen…

„Das Mädchen ist nicht gerade hübsch!“ (Unverschämtheiten ggü. Janet Leigh…)

Montaldo lässt Professor Anders noch von seinen Schülern mit einer Gesangseinlage verabschieden (aus unerfindlichen Gründen fehlt diese Szene in der deutschen Kinofassung), bevor er in die USA fliegt und die Kamera tolle Bilder des New Yorker Großstadt-Panoramas einfängt. Durch zahlreiche zeitgenössische Leuchtreklamen führt es ihn auf dem Weg zu Milfords mondänen Luxusanwesen, welcher nach einem kurzen Plausch auf seine eindrucksvolle, peinlich genau nach Berufsgruppen sortierte Gangsterkartei hinter einer Bücherwand zurückgreift und vier Personen heraussucht, die den Anforderungen entsprechen. Die Handlung verlagert sich nun gen Rio und verzückt den Zuschauer mit reichlich Lokalkolorit: sonnigen Stränden, fußballbegeisterten Kindern, schönen Frauen und reichlich Exotik, dazu immer wieder zum Schwelgen verleitende Landschaftsaufnahmen. Die Männer erfahren ihre Charakterisierung und nehmen ihre Arbeit auf, wobei sich die Handlung zunächst vornehmlich auf Schönling Jean-Paul konzentriert. Dieser provoziert einen Auffahrunfall mit Mary Ann, um sie auf diesem Wege kennenzulernen. Um den Schaden zu begleichen, besucht er sie mit einem Scheck und bringt gleich einen Blumenstrauß mit. Doch der Charmeur beißt auf Granit, Mary Ann ziert sich wie eine alte Jungfer. Er probiert’s weiter und überhäuft sie mit Blumen, bis sie endlich ein Rendezvous miteinander haben.

„Das ist keine Frau, das ist ein Eisblock!“

Die anderen inspizieren derweil die Kanalisation und präparieren sie. Gregg erläutert detailliert die Kunst des Tresorknackens und simuliert seinen Plan minutiös, übt und probiert aus. „Eine böse Überraschung – sie haben einen Grand Slam 70!“, heißt es schließlich, und schon ist die abweisende Mary Ann längste Zeit das einzige Problem gewesen. Untereinander kriselt es ebenfalls, Jean-Paul wird von Erich aufgrund seines vermeintlich leichten Jobs nicht für voll genommen es kommt zu offenen Konflikten. Jean-Paul will gar aussteigen, doch Erich verprügelt ihn – hier hat der bis hierhin sehr kontrolliert wirkende Kinskerich Gelegenheit, sein aufbrausendes Temperament zu bezeugen. Endlich jedoch bekommt Jean-Paul den begehrten Schlüssel, doch die Zeit wird knapp und der Karneval tobt bereits durch die Straßen. Ca. die Hälfte des Films ging für die Vorbereitungen drauf und obwohl eigentlich klar gewesen sein sollte, dass es auf den Diamantenraub hinausläuft, machte er es gewitzt spannend, ob es überhaupt so weit kommen würde.

Der Coup wird indes das Herzstück des Films und das in einem Detailreichtum, wie es 1967 möglicherweise noch nicht dagewesen war. Konnte man bisher nur erahnen, wie genau der Coup vonstattengehen soll und wurde dadurch neugierig, wird er jetzt quasi in Echtzeit in allen Einzelheiten gezeigt: Auf abenteuerliche Weise gelangt der Schlüssel zu Erich und geht es durch Tunnel und per Seilwinde von einem Gebäude ins andere, gilt es, Panzertüren und Lichtschranken zu überwinden und sekundengenau das Wachpersonal abzupassen – denn tatsächlich kommt „Top Job“ lange Zeit ohne Gewaltanwendung gegen Außenstehende aus. Stattdessen wird mit Profi-Einbruchsequipment gearbeitet und nur das Allernötigste gesprochen, im weiteren Verlauf wird die Stille sogar zur Bedingung für den Erfolg. Als wäre die Stimmung nicht schon angespannt genug, passieren immer wieder kleine Pannen, die die Nerven weiter aufreiben. Die lateinamerikanischen Klänge des Karnevals sorgen für fiebrige Atmosphäre und als faszinierend erweist sich schließlich, wie exakt dieser zusammengewürfelte Haufen, der mehr als einmal vor der Implosion stand, geplant und durchgeführt hat.

Menschliche Schwächen wie Habgier und Egotrips jedoch bedeuten nach einer rapiden Verfolgungsjagd inkl. Explosion und Toten im Anschluss an den Coup das Ende jeglicher Professionalität und die alte Parole „Jeder gegen jeden“ erlangt ihre Gültigkeit zurück, doch das ist lediglich die erste von gleich mehreren überraschenden Wendungen, die das Finale bereithält – und deren letzte die deutsche Kinofassung dem Zuschauer leider ebenso vorenthielt wie Agostinos Begeisterung für eine brasilianische Schönheit.

Trotz seiner Überlänge unterhält „Top Job“ über die gesamte Distanz prächtig; zunächst mit den komplexen Vorbereitungen des Coups, im Anschluss mit dessen fulminanter Durchführung und schließlich mit seinem mehrere Haken schlagenden und einen desillusionierenden Einblick in kalkulierbaren menschlichen Egoismus offenbarenden Ausklang – der indes durchaus schwarzhumorig aufgefasst werden darf, schließlich handelte es sich bei der Bande, der man fast zwei Stunden lang zugeschaut hat, um keine klassischen Sympathieträger, wenngleich Agostino mit seinem verletzlichen und sensiblen, weniger abgeklärten Wesen durchaus Empathie auslöste und Gregg als Gentleman der alten Schule Sympathien errang. Die hochkarätige internationale Besetzung interagiert in ihren unterschiedlichsten Rollen vorzüglich miteinander und trägt entschieden zum Funktionieren des Films bei, sind es doch der Umgang untereinander und das gegenseitige Aufeinanderangewiesensein, was derart viel Konfliktpotential bietet, dass die Teilhabe daran auch ohne millionenschweren Hintergrund bereits gefesselt hätte. Maestro Ennio Morricone arbeitet mit Kindergesang, folkloristischen Rhythmen und Klängen etc., die dem Film perfekt zu Gesicht stehen und ihn mit viel Respekt und Verständnis für den südamerikanischen Drehort und dessen Kultur stimmungsvoll veredeln. Großes Kino, toller Film!
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Entfesselte Begierde

Stumm und blind auf Madeiratlantis

„Für die Lust, die sie erzeugen, lohnt es sich vielleicht, zu sterben!“

Als der umtriebige spanische Vielfilmer Jess Franco („Die Säge des Todes“) seiner späteren Muse und Ehefrau Lina Romay begegnete, traf ein Voyeur auf eine Exhibitionistin, was den Beginn einer sehr langen und fruchtbaren filmischen Zusammenarbeit bedeutete. Erstmals stand Romay für Franco 1972 in „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ vor der Kamera, ein Jahr später be- bzw. vielmehr entkleidete sie die Hauptrolle in Francos „Entfesselte Begierde“, einem Sexfilm mit Vampirhorror-Anleihen.

Die stumme Gräfin Irina Karlstein ist die letzte Verbliebene ihres Geschlechts, einer Vampirin aus Atlantis, auf dessen oberirdischen Rest, der Ferieninsel Madeira, sie residiert. Um weiter auf Erden wandeln zu können, benötigt sie nicht nur das Blut ihrer Opfer, sondern auch deren Ausscheidungen beim Empfinden höchster Lust. Dass ihre Liebesgespielen und -gespielinnen dabei stets das Zeitliche segnen, trägt dazu bei, dass Irina ein Dasein in Einsamkeit führt, dessen sie immer überdrüssiger wird…

„Der Mann wurde durch einen Mund getötet.“

Die Romay läuft oben ohne, nur mit einem schwarzen Umhang, einem Gürtel und Stiefeln bekleidet, zu schwelgerischem Klaviergeklimper durch den Wald, die Kamera scheint ihren Körper regelrecht abzutasten (tatsächlich kommt es sogar zu einer Berührung). Beim Autofahren – einer im Laufe des Films immer wieder verwendeten Szene – erklärt sie sich aus dem Off, Jack Taylor („Die Jungfrau und die Peitsche“) als atlantisforschender Baron von Rathony tut es ihr während der Körperhygiene vorm Spiegel gleich. Überhaupt wird in „Entfesselte Begierde“ verdammt viel aus dem Off sinniert, schließlich ist die Gräfin stumm – ebenso übrigens wie ihr Diener (Luis Barboo, „Reise zur Insel des Grauens“). Franco höchstpersönlich tritt als Gerichtsmediziner Dr. Roberto auf, der schnell die These parat hat, Vampirismus wäre für das Ableben der Person verantwortlich, deren Leichnam er gerade oberflächlich untersucht. Er kontaktiert den blinden Professor Orloff (Jean-Pierre Bouxyou, „Foltermühle der gefangenen Frauen“), der neben einer offenbar rein dekorativen Brille ein paar Mörderkoteletten im Antlitz spazieren trägt (ok, Bartstutzen mit Sehbehinderung ist eine besondere Herausforderung), in diesen Fällen, da dieser irgendetwas über ähnliche Phänomene geschrieben habe.

„Sie sollten sich schnellstens mit übersinnlichen Dingen beschäftigen!“

Doch zurück zu Gräfin Irina, denn diese drei Kerle sind lediglich Beiwerk und Stichwortgeber ihrer Schau: Minutenlang räkelt sie sich nackt auf dem Bett und lässt sich dabei beobachten, leckt am Bettpfosten und masturbiert an ihm – und laugt ihre Opfer in ausgiebigen Softsex-Szenen sexuell komplett aus, beispielsweise die Journalistin, die zum Interview (wir erinnern uns, die Gräfin ist stumm…) gleich mal im Bikini erscheint, oder die S/M-Domina, von der sie sich zuvor hat auspeitschen lassen, aber die Szene in einen lesbischen Dreier mit der Studiochefin kehrt – sie verfügt nämlich über die Gabe, Menschen telepathisch zu manipulieren. Der blinde Professor Orloff betatscht die Domina schließlich ausgiebig, als sie auf Dr. Robertos Tisch gelandet ist und „ertastet“, dass ihr die Eierstöcke entfernt wurden…

Eine tragische, fatalistische Note verleiht Franco der Handlung, als sich Irina in den poetisch angehauchten, von einer gewissen Schwermut geplagten Baron verliebt, ihn aufgrund ihrer unkontrollierbaren Triebhaftigkeit jedoch ebenfalls töten muss. Daraufhin trifft sie einen folgeschweren Entschluss: Sie ertränkt sich in einem Blut-Wasser-Gemisch. Dr. Roberto ist ihr längst auf den Fersen, dringt in ihr Schloss ein, tötet ihren Diener und hält ob ihres Anblicks inne – ihr Tod wird dem Zuschauer dadurch versinnbildlicht, dass sie schließlich in den Wald zurückgeht, aus dem sie eingangs kam.

Franco versuchte augenscheinlich, mit einem arg knappen Budget einen künstlerischen Film mit verträumter, melancholischer, schwermütiger Atmosphäre zu schaffen und dem begehrenswerten jungen Körper seiner Lina ein filmisches Denkmal zu setzen. Versteht man „Entfesselte Begierde“ als Liebeserklärung an Lina Romay, wirkt er nicht nur plötzlich auf eine ganz eigene, irgendwie einnehmende Weise romantisch und liebenswürdig, sondern ist man auch eher bereit, die vielen Schwächen des Films zu verzeihen. Der Verquickung des Vampir-Mythos (der Name Karlstein ist unschwer erkennbar inspiriert von den Vampirlesbierinnen der „Hammer Productions“) mit dem der versunkenen Stadt Atlantis macht nämlich nicht viel her und bei den Dialogen haben sich einige unfreiwillige Schenkelklopfer eingeschlichen, zudem wirken die poetischen und philosophischen Momente häufig bemüht bedeutungsschwanger und die Handlung derart spontan dahingeschludert, dass sie nicht nur wenig Sinn ergibt, sondern auch ihre Funktion als reine Staffage eines Softsex-Films kaum zu verbergen mag.

Die Hingabe, mit der Franco seine Lina bespannt, ist hingegen nicht zu übersehen, ebenso wenig die Leidenschaft, mit der sie es geschehen lässt und sich lustvoll vor der Kamera räkelt, was sogar zu einer echten Masturbationsszene auf einem ihrer Opfer führt, die nicht durch die furchtbar unästhetischen HC-Inserts der Langfassung mit Pornodarstellern eingefügt wurde. Die Stimmung des Films ist durchaus düster und morbide, Franco gelang es, das sonnige Madeira entsprechend in Szene zu setzen, wenngleich dieser Effekt immer mal wieder durch die eher unpassende musikalische Untermalung Daniel Whites torpediert wird.

Fazit: Für Lina-Romay-Fans unverzichtbar, als Geschenk Francos an Lina von rührender persönlicher Bedeutung wie „etwas Selbstgebasteltes“, für Uneingeweihte jedoch sicherlich schwer genießbar – wer mit Franco dann und wann etwas anfangen kann, dürfte hier aber einen durchschnittlich unterhaltsamen Erotikfilm vorfinden, der wacker gegen alle Unzulänglichkeit anzuästhetisieren versucht und den irgendwie liebgewonnenen experimentellen, spontanen, impulsiven und organischen, unperfekten Charakter seines Schöpfers aus jedem Filmkorn stöhnt.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!
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