Kind 44 - Daniel Espinosa (2015)

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Maulwurf
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Kind 44 - Daniel Espinosa (2015)

Beitrag von Maulwurf »

Kind 44
Child 44
Großbritannien/Russland/Tschechien/USA 2015
Regie: Daniel Espinosa
Tom Hardy, Gary Oldman, Noomi Rapace, Joel Kinnaman, Paddy Considine, Fares Fares, Jason Clarke, Vincent Cassel, Mark Lewis Jones, Nikolaj Lie Kaas, Charles Dance, Tara Fitzgerald


Kind 44.jpg
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OFDB

Die Sowjetunion im Jahr 1953: Vermeintliche Verräter werden gejagt, mutmaßliche ausländische Spione erschossen, und mögliche Kollaborateure gefoltert. Menschen werden aus ihren Wohnungen und von ihren Arbeitsplätzen abgeholt und verschwinden auf Nimmerwiedersehen, während die Propaganda der Regierung hohle Phrasen plärrt und Menschen auf der Straße nach Lebensmitteln anstehen. Doch was es in der Sowjetunion des Jahres 1953 definitiv nicht gibt ist Mord. Es gibt keinen Mord im Paradies! Der kleine Junge des Polizisten Alexei Andreyev ist einem Unfall zum Opfer gefallen, so hat sein Freund und Kollege Leo Demidov ihm den Untersuchungsbericht vorzulesen. Doch Demidov beginnt trotz gegenteiliger Order Nachforschungen anzustellen, und stellt schnell fest, dass es noch weitere tote Jungen gegeben hat, die alle nach der gleichen Methode „behandelt“ und ausgeweidet wurden. Da er ein verdienstvoller Offizier ist und ein Kriegsheld noch dazu, darf für seine Insubordination er zuerst gegen seine eigene Frau ermitteln, und wird dann als Belohnung „nur“ in die Verbannung in den Ural geschickt, wo er mit Entsetzen feststellen muss, dass bisher 44 Kinder ermordet wurden. Und er schneller auf der Abschussliste des Inlandsgeheimdienstes landet als er es für möglich hält. Er, und alle in seiner Umgebung …

Ein Serienmörderkrimi, aha. Ein Verrückter rennt rum und tötet Jungens, während ein Polizist hinterher rennt und immer mehr verzweifelt. Hat man schon hundertmal gesehen, kennt man.

Aber KIND 44 ist anders, grundlegend anders. Allein schon dadurch, dass die Geschichte in der Sowjetunion im Jahr 1953 spielt, also im Jahr von Stalins Tod, ist das grundlegende Setting ein ganz anderes, archaischeres. Viel wesentlicher für den Film ist aber, dass die Geschichte um den Serienkiller nur den Hintergrund bildet für eine düstere und brutale Darstellung des Grauens der spät-stalinistischen Zeit. Willkürliche Verhaftungen, Erschießungen von Unschuldigen und Folterungen von Verdächtigen sind die narrative Basis für die Darstellung von Angst und Einsamkeit, für ein permanentes Grauen in den Seelen der Menschen. Der Polizist Leo Demidov zum Beispiel weiß genau, wie weit er gehen darf, und wo seine Fähigkeit zum selbständigen Denken gefälligst zu enden hat. Freundschaften, ja sogar die Ehe mit der schönen Raissa, sind alle unter dem Aspekt der Angst und des Misstrauens entstanden. Das eigene Leben könnte jeden Moment in einer unendlich scheinenden Explosion von Schmerz zu Ende gehen, dies ist die einzige Gewissheit, welche die Menschen in dieser Zeit haben.

Entsprechend legt Regisseur Daniel Espinosa viel mehr Wert auf ein überzeugendes Zeit- und Sittenbild, als auf eine Mörderhatz, die erzählerisch nicht immer logisch ausgereift erscheint. Vielmehr untersucht er die Frage, inwieweit Loyalität und Vertrauen in einer Umgebung, in der diese Eigenschaften prinzipiell meistens als suizidal verstanden werden, überhaupt Bestand haben, und das Ergebnis dieser Untersuchung wird dann eingepackt in wunderschöne und größtenteils naturalistische Bilder voller Elend, Schmutz und Armut. Die Abwärtsspirale Demidows, vom Kriegshelden zum angesehenen Polizeioffizier, vom machtlosen Milizionär zum gejagten Verbannten, dem sogar innerhalb eines Verbanntentransports mittels Viehwagon noch gedungene Mörder auf den Hals gejagt werden, ist finster, brutal und eindrücklich, und eines ist sie sicher nicht: Nostalgisch …
Ich musste oft an George Orwells Roman 1984 denken, der ja bekanntlich unter dem Eindruck von Nationalsozialismus und Stalinismus entstanden ist, und dessen eisige Atmosphäre hier durch jedes einzelne Bild weht. Die permanente Überwachung, die Unsicherheit, dieses ständigen Gefühl von Angst und Verzweiflung, die vor allem die erste Hälfte des Romans ausmachen, die ist in KIND 44 in jeder Pore zu spüren. Auch der Schluss passt gut zu 1984, wenn Demidow irgendwann die Kombination aus freiem Denken und Angst eintauscht gegen Sicherheit und dem Nachplappern der offiziellen Wahrheiten. Der große Bruder hat halt doch immer Recht …

Und somit sei KIND 44 allen ans Herz gelegt, die denken, dass ihre persönliche Freiheit den Bach runtergeht, weil sie sich ab und an ein Stückchen Stoff vor den Mund hängen müssen, sie nicht mehr nach Kroatien fahren dürfen, und Partys als gesundheitsgefährdend deklariert werden. Freiheitsberaubung, oder viel mehr Unterdrückung, das lernen wir hier, bedeutet die Anwesenheit zur falschen Zeit am falschen Ort mit garantierter Todesfolge. Unterdrückung bedeutet, den geliebten Menschen entweder zu denunzieren (und damit dem sicheren Tod auszuliefern), oder den Mund zu halten und damit die gesamte Familie möglicherweise einem langen und schmerzhaften Tod zu überantworten. Unterdrückung bedeutet, dass Geständnisse legal erfoltert und erprügelt werden, und dass eine Aussage, und sei sie noch so falsch, einfach nur das Ende der unerträglichen Schmerzen bedeutet. Und last but not least bedeutet Unterdrückung, dass es keinen Mord mehr gibt, wenn er nicht von oben herab zugelassen wird. Und dass eine Mordermittlung eine apokalyptische Einwegstraße in die Hölle ist.

KIND 44 ist eine Reise in die Nacht der Menschheitsgeschichte. Eine Bloßlegung unserer tierischen Wurzeln und deren Auswirkungen. Eine nachdrückliche Erzählung darüber, was sich Menschen unter dem lächerlichen Oberbegriff sogenannter „Zivilisation“ gegenseitig antun. Finster, bildgewaltig, eindrucksvoll …

7/10

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