Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

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Tatort: Lockruf

„Ok, ich hab‘ gelogen!“

Fall Nummer 14 der Essener „Tatort“-Kommissare Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) und Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge) ist der zweite im Jahre 1978 erstausgestrahlte „Tatort“ des damaligen Stammregisseurs Wolfgang Becker. Am 2. Juli jenes Jahres flimmerte der von Herbert Lichtenfeld geschriebene „Lockruf“ über die bundesdeutschen Mattscheiben und präsentierte neben einem Mord und der polizeilichen Ermittlungsarbeit vor allem eine Familientragödie.

„So viel Blödheit muss ja bestraft werden!“

Architekt Peter Huck (Herbert Fleischmann, „Raumpatrouille“) betrügt seine Ehefrau Helga (Agnes Fink, „Sternsteinhof“) mit seiner Geliebten Simone Karelus (Gracia-Maria Kaus, „Das Spukschloss von Baskermore“) im an einem Waldsee gelegenen Wochenendhaus, das Helga und ihm gehört. Ihr hat er gesagt, er befände sich auf einer Geschäftsreise in Frankfurt am Main. Den Frankfurter Hotelportier hat er geschmiert, damit er mitspielt und Helgas Anrufe zu ihm weiterleitet. Der gemeinsame Sohn Heiko (Dieter Schidor, „Der Seewolf“) gräbt derweil die aus einem Jugendheim ausgerissene Sabine Knoop (Sonja Jeannine, „Ekstase – Der Prozeß gegen die Satansmädchen“) in einer Kneipe an. Obwohl sie zunächst abweisend wirkt, hat er bald Erfolg bei ihr. Sie nimmt ihn mit in ihre kleine Hütte auf dem Bahnhofsgelände, wo sie sich häuslich eingerichtet hat. Anschließend fährt man gemeinsam zum Wochenendhaus, das Heikos Vater und dessen Geliebte gerade verlassen haben. Doch seine Mutter hat mittlerweile herausgefunden, was wirklich los ist, und erschießt Sabine, während Heiko Lebensmittel einkaufen gefahren ist. Sie hat sie mit ihrer Nebenbuhlerin verwechselt und ahnt noch nicht, dass es sich um die junge Freundin ihres Sohns handelte…

„Das ist mir zu überzeugend!“

Dieses Drama aufzuklären obliegt nun Haferkamp und Kreutzer, die erst nach ungefähr einem Drittel ins Spiel kommen. Zuvor hat Heiko die Tote gefunden und rasch alle Spuren beseitigt, da er fürchtete, der Tat verdächtigt zu werden. Und tatsächlich hat die Polizei zunächst ihn auf dem Kieker, denn sein Vater hat war schließlich in Frankfurt und die Befragung seiner Mutter hat nichts ergeben. So gerät hier also ein Unschuldiger in Schwerverdacht, während dessen Vater enervierend oft betont, in Frankfurt gewesen zu sein – bis dieser die Schuld auf sich nimmt, um ihn zu schützen. Doch Haferkamp glaubt ihm kein Wort. Eine verfahrene Situation, die erst durch weibliche Hilfe von außen gelöst wird: Einmal mehr ist es Haferkamps Ex-Frau Ingrid (Karin Eickelbaum), die hier entscheidende Hinweise gibt, als ihr Ex-Mann während einer Verabredung mit ihr nicht aus seiner Haut kann und schnell wieder dienstlich wird.

„Du hast lange kein Disziplinarverfahren am Hals gehabt!“

Die hier beide im Büro biertrinkenden Haferkamp und Kreutzer geraten sogar in Streit miteinander, als Kreutzer der mittlerweile verdächtigen Helga eine Falle stellen will, Haferkamp dies aber strikt ablehnt. Diese Sequenz ist eines von mehreren Elementen, die diesen „Tatort“ mit von vornherein bekannter Täterin und bekanntem Motiv fürs Publikum aufpeppen. Neben der eher diffusen Thematisierung von Generationskonflikten und dem Sozialchauvinismus insbesondere Helga Hucks, der der Umgang Heikos mit „einer wie Sabine“ ohnehin nicht recht gewesen wäre, ist es eben jene Sabine bzw. Schauspielerin Sonja Jeannine, die für Schauwerte sorgt: Sie konnte in diversen Sexreport- und Erotikfilmchen, aber auch im anspruchsvolleren internationalen Genrekino („Mannaja – Das Beil des Todes“) bereits Erfahrungen sammeln und zeigt sich hier vor ihrem Rollentod oben ohne, räkelt sich nackt im Bett, und die Kamera hält jeweils drauf. Dadurch erhält dieser „Tatort“ einen nicht ungefähren Sleaze-Faktor.

Dieter Schidor sieht in der Rolle Sabines Kurzzeitliebhabers Heiko hingegen alt aus, will sagen: zu alt für eine Rolle, die gerade einmal 18 Jahre jung sein soll. Tatsächlich war er bei den Dreharbeiten bereits fast 30. Heikos Trauer indes hält sich sehr in Grenzen; unklar ist, ob auch diese Rolle bewusst wenig sympathisch angelegt wurde oder es seitens der Autorschaft bzw. der Regie ein Unvermögen in Empathie für sie gab. Definitiv nicht als klassische Sympathieträger taugen die Eheleute, wobei Vater Peter immerhin einen liberaleren Eindruck als Mutter Helga macht, im Endeffekt hier aber viel zu gut wegkommt – seine zumindest moralische Mitschuld ist irritierenderweise kaum ein Thema und seine Frau ihm nach ihrer Überführung nicht mehr im Wege. Das mutet beinahe zynisch an. Musikalisch unterlegt wurde dieser ansonsten aber ansprechend erzählte und unterhaltsame „Tatort“ wiederkehrend von Pink Floyds „Shine on you crazy Diamond“.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Tatort: Der Feinkosthändler

„Das ist mir alles nur so rausgerutscht.“

Ein Jahr nach ihrem „Tatort“-Einstand „Das Mädchen von gegenüber“ meldeten sich die Gies-Brüder Hajo (Regie) und Martin (Drehbuch) mit einem weiteren Fall der Essener Kommissare Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) und Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge) zurück: „Der Feinkosthändler“ ist der mittlerweile fünfzehnte Einsatz des Duos und wurde am 10. September 1978 erstausgestrahlt. Es sollte der letzte Gies-Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Krimireihe werden, bevor Hajo Gies Haferkamps WDR-Nachfolger Horst Schimanski ins Rennen schickte.

„Du kannst ihn doch nicht einfach beschuldigen!“ – „Warum denn nicht?“

Die attraktive Frau Böhmer (Kathrin Ackermann, „Unter den Dächern von St. Pauli“) kehrt früher als geplant aus ihrem Urlaub zurück, doch die Lebensmittelgeschäfte haben bereits geschlossen. Daher bittet sie ihren Nachbarn, den verheirateten Familienvater und Inhaber eines Supermarkts Walter Wever (Walter Kohut, „Supermarkt“), ihr seinen Laden noch einmal aufzuschließen. Wever willigt ein, wird jedoch permanent von ihr umgarnt und provoziert. Beide hatten einmal ein Verhältnis miteinander, mit dem Wever abgeschlossen hat. Am nächsten Morgen wird Frau Böhmer erschlagen in ihrer Wohnung aufgefunden. Die Kommissare Haferkamp und Kreutzer ermitteln, Herr Wever ist dringend tatverdächtig. Er enthält der Polizei einige Informationen vor, man muss ihm den genauen Ablauf des Abends förmlich aus der Nase ziehen. Auch seine Angestellte, die Kassiererin Biggi Lampertz (Mariele Millowitsch, „Minipli“) weiß kaum etwas Gutes über ihren Chef zu berichten. Dieser hat sie tatsächlich auf dem Kieker, da er ihren Lebenswandel missbilligt. Doch ist sie ausgerechnet mit dessen Sohn Andreas (Kai Taschner, „Aus einem deutschen Leben“) liiert – heimlich, denn Herr Wever darf davon nichts wissen…

„Warum verhaften wir sie nicht gleich?“

Die anfänglichen Dialoge zwischen Böhmer und Wever wirken seltsam aufgesagt, als würden sie in Chiffre miteinander reden. Bald stellt sich der Grund heraus: Je mehr sie ihm Avancen macht, desto stärker ist er um Distanz und Förmlichkeit bemüht. Eine bizarre, auch fürs Publikum unangenehme Situation. Wever, der von der Affäre nichts mehr wissen und sie um jeden Preis geheim halten will, hätte also ein hinreichendes Tatmotiv. Ob er wirklich der Täter ist oder nicht, bleibt jedoch zunächst im Dunkeln. Im weiteren Verlauf wird Wever als superspießiger Chef charakterisiert. Dem ist es auch sichtlich unangenehm, dass Haferkamp und Kreutzer in seinem Laden auftauchen und Biggi befragen. Von ihr erfahren sie von der Affäre Wevers und Böhmers. Diese Szenen gehen aus heutiger Sicht mit einem der Situation zum Trotze angenehmen Zeitkolorit in Bezug auf Supermarktausstattung und, vergleichen mit der Gegenwart, unaufgeregterem, stressfreierem Einzelhandel einher. Als die Presse Wind von der Sache bekommt, berichtet sie reißerisch, woraufhin kaum noch jemand bei Wever einkauft. Rufmordkampagne oder der richtige Umgang mit einem mutmaßlichen Mörder?

„Wir haben keine Beweise, nur Vermutungen.“

Je näher Haferkamp die Lampertz kennenlernt, desto verdächtiger erscheint auch sie ihm. Über sie zieht Wever gegenüber seinem Sohn kräftig vom Leder. Die gute alte (ähem…) autoritäre Erziehung selbst gegenüber einem bereits erwachsenen Sohn, Standesdünkel, reaktionäre, intolerante Ansichten gegenüber einer nicht 100%ig konformistischen Jugend – aber selbst gegen jegliche Moral verstoßen und seiner Frau fremdgehen. Ja, Herr Wever täte gut daran, sich endlich einmal den Stock aus dem Allerwertesten zu ziehen.

Dieser „Tatort“ vollzieht ungefähr zur Halbzeit eine Wendung, die durchaus zu erahnen war, wenngleich sie gekonnt verschleiert wurde. Eine Rückblende zeigt die Tat und was ihr vorausging. Spätestens jetzt wird klar: Im Prinzip haben hier alle Dreck am Stecken. Etwas naiv mutet der Plan an, sich nach Paris abzusetzen – in der Hoffnung, dort nicht gefunden zu werden…!? Der inszenatorische Höhepunkt ist das letzte Drittel, in dem kaum noch ein Wort gesprochen wird. Perfiderweise beobachtet man Wever minutenlang dabei, wie er verschiedene Mordszenarien durchspielt. Im nicht minder wortkargen Finale müssen Cornichon-Connaisseure ganz stark sein – und die junge Mariele Millowitsch wird gefordert, unter ihrem hier recht fiesen Minipli todesängstlich dreinzublicken.

Neben einem spannend und wohlstrukturiert erzählten Fall und einer einmal mehr überraschend rabiat und polternd vorgehenden Polizei ist „Der Feinkosthändler“ unter Gies’scher Federführung zu einem soziologisch interessanten Sittenbild doppelmoralischer deutscher Spießer, aber auch deren nachfolgender Generation geworden. Die klare Botschaft: Hört auf, euren Kindern reinzuquatschen und ihnen vorschreiben zu wollen, mit wem sie gehen dürfen und mit wem nicht! Apropos: Hafi und seine Ex-Frau Ingrid (Karin Eickelbaum) gehen erst spazieren, dann aus und hängen schließlich im Parkhaus fest, wo sie scherzhaft ihre gescheiterte Ehe und natürlich diesen Fall diskutieren. 7,5 von 10 Gläschen Sekt im Supermarktgang lasse ich gern springen.
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Beitrag von buxtebrawler »

Tatort: Die Kugel im Leib

„Das könnten wir eigentlich immer so machen, wenn wir nicht weiterkommen: wir machen einfach den erstbesten Zeugen zum Täter!“

Wolfgang Staudtes („Die Mörder sind unter uns“) vierte Regiearbeit für die öffentlich-rechtliche Krimireihe „Tatort“ ist zugleich seine dritte für das Essener Kommissars-Duo Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) und Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge). Deren sechzehnter Fall wurde von Georg Feil geschrieben und im Sommer 1978 sowohl in Essen und München als auch international in Jesolo und Venedig gedreht. Die Erstausstrahlung erfolgte am 14. Januar 1979.

„Polizisten fahren doch nicht mit ihrer Frau durch die Gegend und laufen auf Rummelplätzen ‘rum!“

Ein Motorradfahrer (Hans Georg Panczak, „Der Strick um den Hals“) bricht während der Fahrt zusammen. Gleichzeitig liegt ein toter Polizist vor einer Sparkassenfiliale – erschossen von einem Bankräuber. Am Tatort nehmen die Essener Kommissare Haferkamp und Kreutzer Zeugenaussagen auf. Der Bankdirektor meint, einen ehemaligen Lehrling erkannt zu haben. Der Motorradfahrer ist Rainer Mettmann, der sich seinen Lebensunterhalt mit einer spektakulären, artistischen Steilwandfahrschau verdient, mit der er zusammen mit seinen Angestellten von Rummelplatz zu Rummelplatz tingelt. Er wird ins Klinikum Essen eingeliefert. Mettmann ist in finanzielle Not geraten, als er sich eine neue Steilwand bauen ließ, die sich jedoch als nicht TÜV-abnahmefähig herausstellte. Mettmann brach zusammen, weil er angeschossen wurde, verweigert im Krankenhaus aber eine Operation, die die Kugel aus einem Körper entfernt. Ist er der Täter und möchte damit verhindern, dass die Kugel als eine aus der Waffe des toten Polizisten identifiziert – und er somit überführt – wird? Als er mit seinem Fahrgeschäft nach Italien reist, folgt Haferkamp ihm zusammen mit seiner Ex-Frau Ingrid (Karin Eickelbaum). Er ist der erste, der mutmaßt, Mettmann könnte nicht Opfer, sondern Täter sein. An der Adria wird Haferkamp Zeuge, dass sich Mettmann und sein angestellter Kompagnon Paco (Klaus Löwitsch, „Mädchen: Mit Gewalt“) nicht sonderlich grün sind…

„Sie reden, als wären Sie von der Polizei!“

Neben dem Kriminalfall behandelt dieser „Tatort“ den Alltag und die Sorgen von Rummelplatz-Schaustellern und -Artisten, was er auch zum Anlass nimmt, die halsbrecherische Motorradschau recht ausgiebig zu zeigen. Aber auch Vorurteile in der Bevölkerung gegenüber diesem Menschenschlag bzw. Berufsbild kommen zur Sprache. Zwischen dem überraschend jungen Chef Mettmann und seinem älteren Angestellten Paco gibt es einiges Kompetenzgerangel und gegenseitige Vorwürfe werden erhoben, den Laden heruntergewirtschaftet zu haben. Haferkamp arbeitet vor seiner Abreise nach Italien eng mit Kreutzer zusammen, wie es angenehmerweise auch in den vorausgegangenen Episoden wieder häufiger der Fall war. Das Ende der einst obligatorischen Gastauftritte anderer „Tatort“-Kommissare symbolisiert gewissermaßen der Umstand, dass der Münchner Veigl zwar von Kreutzer konsultiert wird, man ihn hier aber gar nicht mehr zu Gesicht bekommt: Kreutzer berichtet lediglich vom Telefonat mit ihm.

„Ich belichte und du beschattest!“

Urlaubsstimmung kommt angesichts der Bilder aus Italien auf, wenn Ingrid sich im Bikini zeigt und Paco, nur mit Badehose bekleidet, sie anflirtet. Haferkamp stellt inkognito viele Fragen, sodass Mettmann und Paco ihn zunächst für jemanden von der Konkurrenz halten. Nachdem die Täterfrage fürs Publikum bereits relativ früh geklärt wurde, lebt dieser „Tatort“ von der ungesunden Dynamik zwischen Mettmann und Paco einer- und Haferkamps Suche nach Beweisen – oder Geständnissen – andererseits. Er sät Misstrauen zwischen den Männern, von denen Paco eine neue Nummer plant und sich verdächtigerweise einen Alfa kauft, den er bar zahlt. Bilder einer weiteren Schau, diesmal in Italien, gehen mit einem Unfall einher, den einer der Männer provoziert hat. Diese Actionszenen bilden einen Kontrast zur dialoglastigen Erzählweise, in deren Zuge man die Vergangenheit sowie die aktuelle Beziehung Mettmanns und Pacos zueinander immer besser versteht.

Haferkamps ungewöhnliche Ermittlungsmethoden führen pikanterweise einmal mehr nicht wirklich zum erwünschten Erfolg, denn am Schluss gibt einen weiteren Todesfall zu beklagen. Immerhin konnte er seinen Job mit einem Italienurlaub (auf Staatskosten?) verbinden. Ingrid jedoch hat die Faxen dicke, aus ihrem Streit in den letzten Minuten gehen konkret wie nie zuvor die Scheidungsgründe hervor. Jegliche Sommerstimmung ist am Ende dahin, denn überraschend hart endet dieser ansprechend unterhaltende und mit einem mit viel Machismo ausgestatteten, ordentlich auftrumpfenden Klaus Löwitsch aufwartende Fall, der einmal mehr Haferkamp als recht ambivalente Figur zeichnet.
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitrag von buxtebrawler »

Die "Polizeiruf 110 Box 3" ist mutmaßlich am 12.08.2022 bei Studio Hamburg als 3-DVD-Box erschienen:

Bild

Beinhaltet:
Nachttresor (1973/ca. 72 Min.)
Eine Madonna zuviel (1973/ca. 66 Min.)
Per Anhalter (1974/ca. 87 Min.)
Konzert für einen Außenseiter (1974/ca. 72 Min.)
Lohnraub (1974/ca. 66 Min.)
Die verschwundenen Lords (1974/ca. 62 Min.(s/w)
Fehlrechnung (1974/ca. 60 Min.)
Kein Paradies für Elstern (1974/ca. 66 Min./s/w)

Quelle: https://www.ofdb.de/view.php?page=fassu ... vid=118416

Die "Polizeiruf 110 Box 4" ist mutmaßlich am 26.08.2022 bei Studio Hamburg als 3-DVD-Box erschienen:

Bild

Beinhaltet:
Das Inserat (1974/ca. 68 Min./Farbe)
Der Tod des Professors (1974/ca. 72 Min./s/w)
Nachttaxi (1974/ca. 59 Min./Farbe)
Der Mann (1975/ca. 80 Min./Farbe)
Heiße Münzen (1975/ ca. 80 Min./Farbe)
Ein Fall ohne Zeugen (1975/ca. 68 Min./s/w)
Die Rechnung geht nicht auf (1975/ca. 73 Min./s/w)
Zwischen den Gleisen (1975/ca. 61 Min./s/w)

Quelle: https://www.ofdb.de/view.php?page=fassu ... vid=118415
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Beitrag von buxtebrawler »

Tatort: Münchner Kindl

„Wir haben immer Saison!“

Mit der vierzehnten Episode der öffentlich-rechtlichen „Tatort“-Krimireihe trat eine neue Ermittlerfigur auf den Plan: der urbayrische Melchior Veigl („O.K.“, „Meister Eder und sein Pumuckl“), verkörpert vom nicht minder bayrischen Gustl Bayrhammer. Selbstbewusst stieg damit der Bayrische Rundfunk in die Gemeinschaftsproduktion ein. Mit der Inszenierung wurde der österreichische Schauspieler und Regisseur Michael Kehlmann („Der Tod des Handlungsreisenden“) betraut, der zusammen mit Carl Merz auch das Drehbuch verfasste. Es handelt sich um die erste von fünf „Tatort“-Inszenierungen Kehlmanns. Die Erstausstrahlung von „Münchner Kindl“ erfolgte am 9. Januar 1972.

„Das ist kein armes Hascherl!“

Der Münchner Oberinspektor Veigl muss in einem Fall von Kindesentführung ermitteln, die von der aus einer Nervenheilanstalt entflohenen Martha Hobiehler (Marianne Nentwich, „Liebelei“) begangen wurde. Diese ist seit einer Traumatisierung von der fixen Idee besessen, ein Kind zu haben. Ihr erstes Entführungsopfer vor ein paar Jahren hatte das Kidnapping nicht überlebt. Zwar wurde nie eindeutig geklärt, ob Hobiehler unmittelbar für den Tod des Kindes verantwortlich war, doch es muss davon ausgegangen werden, dass für ihr aktuelles Opfer, die kleine Ulrike Benssen (Ulrike Fitzthum), ebenfalls Lebensgefahr besteht. Veigl hat Hobiehler im Verdacht, bis jedoch eine Lösegelderpressung bei Ulrikes Eltern für Verwirrung sorgt – zum einen ist der Erpresser männlich, zum anderen passt dieses Verhalten nicht zu Hobiehler…

„Es lebe die Fünf-Tage-Woche!“

Direkt der Auftakt fällt aus der Reihe: Noch vorm Vorspann berichtet der reale Nachrichtensprecher Werner Veigel über Hobiehlers Flucht, was manch Zuschauerin und Zuschauer zunächst für bare Münze genommen und nicht mit dem „Tatort“ in Verbindung gebracht haben dürften. Veigl wird daraufhin als korpulenter Kauz eingeführt, der seinem Dackel Oswald ebenso Bier zu trinken gibt wie seinem Assistenten, Kriminalobermeister Ludwig Lenz (Helmut Fischer, „Monaco Franze – Der ewige Stenz“). Das hat eher komödiantischen Charakter. Parallel lernt man Hobiehler kennen, die sich mit der erstaunlich desinteressiert wirkenden Ulrike auf der Flucht befindet und ihre Bekannte Frieda Klumpe (Louise Martini, „Deep End“) aufsucht. Diese verdingt sich als Prostituierte und hat in Franz Ziehsl (Walter Kohut, „Supermarkt“) eine unsympathische Mischung aus Freund und Zuhälter am Hals. Dieser versucht, Hobiehler ebenfalls zur Prostitution zu überreden, bereitet mit ihr einen Einbruch im Frisiersalon ihres ehemaligen Arbeitgebers vor und führt diesen auch durch – und wittert schließlich ein paar schnelle Mark mehr, indem er Ulrikes Eltern um Lösegeld erpresst.

Die eigentliche Kindesentführung wird erst in einer Rückblende gezeigt. Die Handlung wird vom ungesunden Dreiecksverhältnis zwischen Hobiehler, Klumpe und Ziehsl dominiert, einem Mann, der Frauen verächtlich behandelt und für seine Zwecke auszunutzen versteht. Von der Polizeiarbeit sieht man wenig; Veigl scheint sich mehr für seinen Dackel zu interessieren, mit dem er sogar in einem Bett schläft. Immerhin sucht er einmal Hobiehlers behandelnden Arzt (Hanns Otto Ball, „Rivalen“) auf. Der Fall – einer der wenigen ohne Toten – dümpelt vor sich hin und bleibt ungelöst bzw. löst sich in Wohlgefallen auf, die Polizei ist lediglich Staffage. Veigl hat zwar den richtigen Riecher, bekommt aber nichts so recht auf die Reihe.

Das ist alles ein bisschen arg dünn und unentschlossen für einen Krimi, der mitunter den Anschein erweckt, als eine Art Sozialdrama geplant gewesen und schließlich zugunsten der Etablierung eines neuen „Tatort“-Zweigs umgeschrieben worden zu sein. Immerhin ist er hübsch mit einer recht beweglichen, dynamischen Kamera gefilmt worden. Mitunter wird viel Dialekt gesprochen, der nördlich des Weißwurstäquators zu Verständnisproblemen führen könnte. Göttlich hingegen Helmut Fischers gequälter Gesichtsausdruck, den man anschließend noch in vielen weiteren Veigl-Episoden bewundern durfte.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitrag von ugo-piazza »

buxtebrawler hat geschrieben: Do 1. Sep 2022, 15:13 Veigl wird daraufhin als korpulenter Kauz eingeführt, der seinem Dackel Oswald ebenso Bier zu trinken gibt
:shock: Der Dackel ist ganz offensichtlich bayrisch sozialisiert worden. :nick: :prost:
Nordisch by nature.
Maulwurf hat geschrieben: Ugo, Du bist 'ne Wucht.
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Beitrag von buxtebrawler »

Tatort: 3:0 für Veigl

„Man kann einem jeden Menschen seine Worte zerpflücken!“

Nach dem famosen dritten Münchner „Tatort: Tote brauchen keine Wohnung“ aus dem Jahre 1973, der sogleich im Giftschrank des Bayrisches Rundfunks landete, war es am Regie/Drehbuch-Team des Veigl-Erstlings, Michael Kehlmann und Carl Merz, den Auftraggeber wieder versöhnlich zu stimmen. Denn obwohl „3:0 für Veigl“ zu großen Teil bereits 1972 gedreht worden war, erfolgte die überarbeitete Erstausstrahlung des nominell vierten Falls Kriminaloberinspektor Melchior Veigls (Gustl Bayrhammer) erst am 26. Mai 1974. Dazu später mehr.

„Neapel sehen und sterben!“

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland 1974 bedeutet einigen Mehraufwand für die Polizei, weshalb Kriminaloberinspektor Veigl zu seinem Unmut von seinem Vorgesetzten, Kriminalrat Schneehans (Achim Benning, „Der Fall Jägerstätter“), aufgefordert wird, Ermittlungen bezüglich gefälschter WM-Eintrittskarten aufzunehmen. Dabei hat er wesentlich Wichtigeres zu tun: Schwerverbrecher Johann Strasser (Klaus Löwitsch, „Mädchen Mädchen“) gelingt die Flucht, weil seine Frau Helga (Gaby Herbst, „Lumpazivagabundus“) ihm während eines fingierten Scheidungsprozesses eine Waffe zuspielt. In einem anderen Fall zweifelt Veigl an der Darstellung eines Witwers den Selbstmord seiner Frau betreffend. Und dann sind da auch noch die tödlichen Schüsse eines Polizisten auf zwei Kriminelle, angeblich in einer Notwehrsituation abgefeuert. Wird Veigl dieser Überarbeitung standhalten?

Wie schon bei Veigls Debüt tut sich Regisseur Kehlmann mit dem klassischen Vorspann schwer: Schaltete er damals Nachrichtensprecher Werner Veigel vor, drapiert er hier die ersten Bilder bereits zur noch laufenden Titelmusik Klaus Doldingers. Wir werden Zeuge des Coups der Strassers, von dem der bereits bis zum Hals in Arbeit steckende Veigl noch gar nichts weiß. Beim ersten Gespräch mit Witwer Madlmeier (Karl-Maria Schley, „Der letzte Mann“) deutet ein Dialog darauf hin, dass die Handlung im Jahre 1972 angesiedelt wurde. Kriminaloberwachtmeister Lenz (Helmut Fischer) und Veigl sind sich uneins bei der Beurteilung der Aussagen Madlmeiers, wobei Veigl den richtigen Riecher beweist.

Einen selbstzweckhaften, ausführlich gezeigten lasziven Striptanz in einem Club später taucht Rolf Zacher („Mädchen: mit Gewalt“) wieder einmal in der Rolle eines Halbstarken auf und durch die zunehmende Thematisierung der gefälschten WM-Eintrittskarten wird deutlich, dass der Fall offenbar während der am Ausstrahlungstermin im Mai 1974 noch in der Zukunft liegenden Fußball-WM spielt. Das verwirrt zusätzlich, zumal die Handlung ohnehin erst einmal seltsam unzusammenhängend wirkt. Was war da los?

Der eigentliche Clou dieser Episode dürfte gewesen sein, dass Veigl vor dem Hintergrund der Olympischen Spiele 1972 kraft seiner Raffinesse und seiner guten Spürnase drei tatsächlich vollkommen unzusammenhängende Fälle löst. Es darf davon ausgegangen werden, dass damit Veigls Debüt, in dem er all dies eher vermissen ließ, kontrastiert und er als ernstzunehmender Ermittler charakterisiert werden sollte. Nach den abscheulichen Mordanschlägen aufs israelische Olympia-Team hielt man die Ausstrahlung jedoch zurück und überarbeitete die Episode grundlegend, um sie nunmehr mit der zwei Jahre später stattfindenden Fußball-WM in Verbindung zu bringen. Dabei rutschte manch Detail (wie o.g. Dialog) durch und da Veigl schließlich auch den Ticketfälschern auf die Schliche kommt, ist sogar der Titel irreführend: Eigentlich steht’s am Ende 4:0 für ihn.

Nun ist ein bayrischer Bulle, der wie im Vorbeigehen innerhalb von rund 80 Minuten gleich vier Fälle löst, nicht sonderlich aufregend, da er wie ein halber Supermann wirkt, dem ohnehin niemand etwas anhaben kann. Die Vielzahl der Fälle mitsamt ihrer Motive und Figuren werden zudem in derart kurzer Zeit abgehandelt, dass das Ergebnis auch ohne nachträgliche Umgestaltung und die damit einhergehenden Verwirrungen eher konfus gewirkt hätte. Höhepunkt der Handlung ist die Überführung eines Killercops durch Veigl. Ausländische Nebenrollen aus kleinkriminellen Milieus wirken hingegen wie Schießbudenfiguren und werden mal mehr, mal weniger der Lächerlichkeit preisgegeben. Kurioserweise wirkt „3:0 für Veigl“ trotz seiner hohen Schlagzahl an Ereignissen betulich erzählt und erinnert zuweilen eher an einen Schwank denn an einen Krimi. Einer der Gründe hierfür ist, dass die einzelnen Fälle kaum Zeit zur Entfaltung haben und das Publikum somit nicht recht packen können.

Dank des Charismas der Hauptbesetzung ist die Episode leidlich unterhaltsam, zudem wird Veigls Dackel Oswald, der bei der Überführung eines Täters tatkräftig unterstützen darf (Kommissar Rex‘ Vorläufer?) niedlich in Szene gesetzt. Die augenzwinkernde Schlusspointe gefällt und unterstreicht den Eindruck, dass „3:0 für Veigl“ durchaus seinen süddeutschen Charme besitzt, aber – ohne eine Komödie zu sein – zu selten ernstzunehmen ist.

Die Produktionsbedingungen sowie der Umstand, dass diese Episode als erster ein reales aktuelles Ereignis thematisierender und sogar in der Zukunft spielender „Tatort“ gilt, machen ihn indes auch historisch interessant.
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitrag von buxtebrawler »

Heute endet die Sommerpause. Kommissarin Odenthal ermittelt im "Tatort: Das Verhör":

:arrow: https://www.daserste.de/unterhaltung/kr ... r-100.html
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Tatort: rot.. rot.. tot

„Bis dass der Tod euch scheidet…“

Der am Neujahrstag des Jahres 1978 erstausgestrahlte „Tatort: rot.. rot.. tot“, der achte Fall des schwäbischen Kriminalhauptkommissars Lutz (Werner Schumacher), entstand nach einem Drehbuch Karl Heinz Willschreis unter der Regie Theo Mezgers, der beinahe alle Lutz-Episoden inszenierte.

„Musst du dir beweisen, dass du eine Frau bist?“

Konrad Pfandler (Curd Jürgens, „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“), ein wohlsituierter Versicherungsmathematiker, lebt mit seinem Sohn Uwe (Christian Berkel, „Der Mädchenkrieg“) und seiner zweiten Ehefrau Julia (Renate Schroeter, „Tatort: Taxi nach Leipzig“) auf dem vornehmen Stuttgarter Killesberg. Und er leidet: Seine Frau, eine deutlich jüngere Füchsin, stürzt sich mit Vorliebe ins Nachtleben und betrügt Konrad mit zahlreichen anderen Männern, woraus sie nicht einmal einen Hehl macht. Sein Sohn hingegen scheint des Lebens eher überdrüssig und ertränkt seine Gefühlswelt in Alkohol. Eines Tages reicht es Konrad und er beschließt, Julia umzubringen. Um es wie die Tat eines Serienmörders aussehen zu lassen, der es ausschließlich auf Rothaarige abgesehen hat, wird er zum Serienmörder, der in kurzen Zeitabständen zunächst zwei vollkommen unschuldige Rothaarige ermordet. Dann geht es Julia an den Kragen. Kommissar Lutz fehlt derweil lange der richtige Zugang zu dieser Mordserie…

„Wir müssen jeder Spur nachgehen!“

Der erste Mord wird gar nicht erst gezeigt, der zweite auch nicht, das daraus resultierende Whodunit? ist jedoch höchstens halbgar: Alles spricht für Konrad als Täter, der es dann frei jeglichen Plottwists auch einfach mal ist. Immerhin darf man eine Weile hinsichtlich seines Motivs im Dunkeln tappen. Dies ist jedoch auch dem idiotischen Plan des ach so manierlichen und intelligenten Konrads geschuldet, auf den man erst einmal kommen muss. In Sachen Idiotie steht ihm die Polizei indes in nicht allzu viel nach, denn obwohl beide Mordopfer aus seinem Umfeld stammen – die Friseurin der Frau seines bestens Freundes, die am selben Tag in dessen Wohnung war wie er, und die Freundin seines Sohns (!) –, tappt Kommissar Lutz so lange im Dunkeln, dass er auch den Mord an Julia letztlich nicht zu verhindern imstande ist.

„Du warst immer so klug…“

Immerhin findet dieser Mord einmal onscreen statt. Zuvor und im Anschluss jedoch ist die Handlung derart dröge und tempoarm inszeniert, dass sie manch Vorurteil gegenüber alten deutschen TV-Krimis bedient. Und statt sich näher mit der Täterpsychologie auseinanderzusetzen, wird Konrad ausgiebig beim Klavierspielen gezeigt. Immerhin beherrscht er dies virtuos. Die Polizei rennt nur hinterher und kommt überall zu spät, bezeichnenderweise sogar ganz am Schluss, als der Täter endlich überführt ist. Punkten kann diese Episode mit Curd Jürgens‘ Schauspiel, der immerhin viel in Konrads Mimik legt, und dem Nihilismus des Sohns Uwe, aus dem man jedoch weit mehr hätte machen können. Was offenbar als Abgesang auf ein alterndes, langweilendes Bildungsbürgertum konzipiert war, wurde ein mindestens ebenso hüftsteif wie sein Antagonist anmutendes Fernsehspiel, das zudem leider dessen Virtuosität auf jeglicher Klaviatur vermissen lässt.

Am Ende dürfte im Publikum Verständnis für Julias Verhalten entstanden sein: Wäre ich mit jemanden verheiratet, der oder die, nur um sich an mir zu rächen, auch über ganz andere Leichen gehen und sogar eiskalt die Freundin seines oder ihres Sohns ermorden würde, würde ich auch lieber jemand anderes vögeln. De facto wird natürlich eine gewisse Mitschuld Julias suggeriert, immerhin vollzieht sie keine klare Trennung und lässt sich weiter von Konrad aushalten – obwohl sie offenkundig nichts mehr für ihn empfindet, bzw. wenn überhaupt, dann Verachtung.

Dass ausgerechnet dieser „Tatort“ mit seinem eigenwilligen Titel den Zuschauerrekord bei der Erstausstrahlung hält, ist vielleicht das größte Kuriosum dieses Falls, das auch Lutz nicht lösen konnte…
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!
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Reinifilm
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitrag von Reinifilm »

Tatort: Der Mörder in mir - über weite Strecke eher routiniert, kam der Paukenschlag zum Schluss: Ein Ende wie ein Tritt in die Magengrube. 08/10
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