Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Moderator: jogiwan

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karlAbundzu
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitrag von karlAbundzu »

Tatort Saarbrücken: Der Herr des Waldes
Im Wald wird eine junge Frau mit Pfeil angeschossen, erstochen und wie ein Stück Wild behandelt. Das junge Vierer-Team um Schürk und Holzer ermitteln. War es ein Psychopath, der im Wald herumspringt oder doch eine Beziehungstat?
Dazu kommt ja eine laufende Story: Schürk und Holzer kennen sich ja schon seit der Kindheit und Holzer hat Schürks Vater niedergeschlagen, weil dieser mal wieder seinem Sohn brutal verprügelte. Der wachte wachte nach 17 Jahren wieder auf, woran erinnert er sich und was hat er mit dem aktuellen Fall zu tun...

Schon spannend und auch in den anderen Rollen gut besetzt, Kai Wiesinger als Philosophielehrer und Torsten Michaelis als Vater Schürk haben eine großartige Szene miteinander. Die beiden Frauen aus dem Team gefallen auch.
Insgesamt war die Handlung ein wenig zuu überkonstruiert, aber insgesamt habe ich mich unterhalten.
Und dafür, dass nur ein Fall pro Jahr kommt, ging das mit der übergeordneten Handlung gut, es gab kein "Was bisher geschah", sondern das bisherige wurde gut eingebaut.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.

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karlAbundzu
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitrag von karlAbundzu »

Tatort Ludwigshafen: Der Böse König
Ein Kioskbetreiber wird niedergeschlagen und mit Kleingeld erstickt. Es geht um Drogen, dem Vorbesitzen, Dartspielen und einen empathielosen Psychopathen.
Das Team Odenthal/Stern hat hier einen spannenden Kiez-Fall. Schnell ist einem der Täter klar, aber das wie und warum ist noch spannend aufzuschlüsseln. Diesmal hat Lisa Bitter als Johanna Stern mehr zu tun, ihre psychologische Vorbildung ist entscheidend, und auch sie bekommt die persönliche Bedrohung, durch die jede*r Tatortkommissar*in mal durch muss.
Und so spannend das auch ist und auch von den beiden und den ganzen Nebenrollen (Pit Bukowski!!! Als drogennehmender Dartspieler. Endlich wird mein SPort ins falsche Licht gerückt, weg vom kneipigen spießiegen ;) ), so sehr leided es allerdings auch darunter, dass man dem Psycho von Anfang an den Psycho anmerkt, auch wenn er noch auf sorgevollen Ex-Freund und leicht spinnerten Flirter macht. Weiß nicht, ob das so gewollt, an nicht gelugenem Schauspiel oder Schauspielführung liegt. Dazu kommt dann die Bedrohung: Wenn ein Psychopath schon mal bei einer Kommissarin vor der Haustür auftaucht, sollte man vielleicht nicht die Kinder alleine zu Hause lassen....
Aber insgesamt gute Unterhaltung.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.

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karlAbundzu
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitrag von karlAbundzu »

Tatort Hamburg und Umgebung: Macht der Familie
Eine russische Familie ist ein fetter Player im Waffenhandel, die Bundespolizei ist seit einer Zeit dran und hat einen verdeckten Ermittler über Jahre aufgebaut und eingeschleust. Bei einem wichtigen Deal, wo alle Hops genommen werden sollen, explodiert das Flugzeug mit verdeckten Ermittler und Neffen des Clanchefs. Die Nichte und Ziehtochter des Paten ist selbst verdeckte Ermittlerin bei der Sitte und wird durch persönliche Kontakte zu Falke miteinbezogen. EIne andere Polizistin hatte noch eine Affaire mit dem Neffen. Und ein richtigen Dandy-Sohn gibt es auch noch.
Hm, eigentlich gut erzählt, mit Rückblicken, leicht verschachtelt aber nicht zu sehr springend und unverstädnlich, im Gegensatz zum Ton und Genuschle. Und das Buch gibt dann auch nicht viel her, muss am Ende halt der KGB wieder ran...
BUch und Regie vom Tatortveteran Niki STein, Regie gut, Buch schlecht, war nicht so dolle. Immerhin Tatiana Nekrasov ein Lichtblick.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.

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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitrag von buxtebrawler »

Tatort: Tote Taube in der Beethovenstraße

„Ich pfeif‘ ,Die Brücke am Kwai‘!“

Für den sechsten Teil innerhalb der „Tatort“-Reihe um den Kölner Zollinspektor Kressin (Sieghardt Rupp) wagte der WDR ein besonderes Experiment: Erstmals engagierte man mit dem US-Amerikaner Samuel Fuller („Der nackte Kuß“) einen ausländischen Regisseur. Fuller, der seine Drehbücher selbst zu schreiben pflegte und dies auch hier tat, hatte sich einen Namen als Ausnahmeregisseur gemacht, zu dem u.a. die Vertreter der Nouvelle Vague ehrfürchtig hinaufblickten. Die am 7. Januar 1973 erstausgestrahlte Episode wurde bis aufs Rupps Textzeilen komplett auf Englisch gedreht und anschließend auf Deutsch synchronisiert. Neben der deutschen TV-Ausstrahlung wurde auch eine leicht erweiterte Fassung unter dem Titel „Dead Pigeon On Beethoven Street“ in die US-Kinos gebracht. Das deutsche „Tatort“-Publikum konnte mit dem Ergebnis nicht viel anfangen und sah sich in seinem Sehgewohnheiten empfindlich gestört.

„Reden Sie vernünftig!“

Mitten in der Bonner Beethovenstraße wurde der amerikanische Privatdetektiv Johnson erschossen. Der Täter Charlie Umlaut (Eric P. Caspar, „Aurelio und Co.“) konnte schnell gefasst werden und befindet sich unter Bewachung im Krankenhaus. Da man zunächst glaubt, es mit internationalem Drogenschmuggel zu tun zu haben, wird Zollinspektor Kressin auf den Fall angesetzt. Dieser lernt im Leichenschauhaus Johnsons Partner, den US-Privatdetektiv Sandy (Glenn Corbett, „Mörderisch“) kennen, der Kressin einweiht: Er war mit seinem toten Partner einem internationalen Erpresserring auf der Spur, der Politiker – unter anderem ihren Auftraggeber – betäubt, kompromittierende Fotos von ihnen zusammen mit attraktiven jungen Damen schießt und mittels dieser um hohe Geldsummen erpresst. Einer Befragung kann sich der Mörder jedoch durch Flucht aus dem Krankenhaus entziehen, während derer er Kressin anschießt und damit außer Gefecht setzt. Sandy kommt der sich für die Erpresserfotos hergebenden Christa (Christa Lang, „Is’ was, Doc?“) jedoch auch ohne Kressin auf die Spur. Er benutzt sie, um als vermeintlicher Konkurrent Kontakt zu den Hintermännern zu bekommen. Doch verliebt er sich auch in Christa – und sie sich in ihn…

„Ich schnapp‘ gleich über!“

Den initialen Mord enthält Fuller seinem Publikum vor und zeigt lediglich Charlie Umlaut (der Versuch einer „deutschen“ Namensgebung?), wie er dem Toten etwas entwendet. Die Verfolgungsjagd mit der Polizei ist kurz, recht unspektakulär wird Charlie angeschossen und verhaftet. Wesentlich aufsehenerregender und turbulenter ist Charlies Flucht aus dem Krankenhaus, in deren Verlauf er nicht davor zurückschreckt, an der Säuglingsstation herumzuballern und eben auch auf Kressin zu schießen. Dies ist nur der Auftakt für mehrere „Entweihungen“ bzw. Umdeutungen von Schauplätzen, die sich durch diesen „Tatort“ ziehen: Im Hotel Petersberg beispielsweise, wo sonst offizielle Staatsempfänge stattfanden bzw. deren Gäste untergebracht waren, treiben Sandy und Christa ein schmutziges Spiel mit einem afrikanischen Politiker. Am eindringlichsten ist sicherlich die Sequenz ausgefallen, in der Sandy ausgerechnet mitten in einem Karnevalsumzug den als Clown verkleideten Umlaut eigenhändig erwürgt – eine vom Wahnsinn geprägte Szene. Kressin hingegen spielt seit seiner Schussverletzung keinerlei Rolle mehr in diesem Fall, weshalb konsequenterweise auch auf das sonst obligatorische „Kressin und…“ im Titel verzichtet wurde.

„Die Amerikaner sind ein gewalttätiges Volk!“

Um sich zunächst einmal an Christas Fersen zu heften, folgt Sandy ihr ins Kino, wo er sich den US-Western „Rio Bravo“ ansieht, seiner Freude über den Streifen Ausdruck verleiht und John Wayne anfeuert – eine Szene, die wie eine Parodie auf US-Amerikaner wirkt und den bulligen, schnauzbärtigen Sandy als einfältiger charakterisiert, als er eigentlich ist. Denn der wahrscheinlich beste Kniff der Handlung ist der gewiefte Plan, den er anschließend eiskalt durchführt, indem er Christa betäubt, Fotos von ihr schießt und für eine kompromittierende Fotomontage verwendet, sodass fürs Publikum temporär der Eindruck entsteht, er sei selbst Teil des Erpressersyndikats. Als Sandys Plan aufgeht und er auf den Kopf des Syndikats (Anton Diffring, „7 Tote in den Augen der Katze“) trifft, entpuppt sich dieser als bildtelefonierender und international operierender Boss – und Sammler mittelalterlicher Hieb- und Stichwaffen. In seiner Exzentrik erinnert er ein wenig an die Obermotze aus Agententhrillern. Mehr als für seine Figuren scheint sich Fuller aber für Zitate und Insider-Verweise zu interessieren: Neben „Rio Bravo“ wird eine kurze Szene aus „Alphaville“ von Nouvelle-Vague-Vorreiter Jean-Luc Godard zitiert, in der Christa-Darstellerin Christa Lang zu sehen ist, die auch Fullers Ehefrau war. Ohne wirklichen Bezug zur Handlung ist Stéphane Audrans Gastauftritt, ein Star der Nouvelle Vague. Ihr Rollenname: Dr. Bogdanovich…

Mit seinen zeitweise eingesetzten Zooms auf Augenpartien erinnert Fuller hingegen ans damalige italienische Genrekino. Seine Kameraführung ist verspielt und perspektivenreich, dabei häufig selbstzweckhaft. Die fatalistische Beziehung zwischen Christa und Sandy gemahnt an den Film noir. Die Kölner Avantgarde-Gruppe Can löste Stammkomponist Klaus Doldinger bei der Filmmusik ab. Was nach einer reizvollen Melange klingt, ist jedoch sehr dialoglastig inszeniert worden, zudem wird die lineare Erzählung von Auslassungen bedeutender Ereignisse unterbrochen, um sich im Anschluss wieder mühsam durch Belanglosigkeiten zu schleppen. Wie viel davon Kalkül und Intention Fullers war, kann ich nicht beurteilen, zumindest scheint er aber eine nachvollziehbare oder gar spannende Inszenierung seinen stilistischen Spielereien, seinen Augenzwinkereien und seinen Referenzierungen geopfert zu haben. Erschwerend hinzu kommt, dass die Amerikanisierung dieses „Tatorts“ ihn vor vertrauter rheinländischer Kulisse wie einen Fremdkörper erscheinen lässt.

Der Showdown mit seinem Degenkampf und Sandys verzweifeltem Gebrauch des Waffenarsenals des Syndikatsbosses ist irgendwo zwischen skurril und bizarr einzuordnen. Nichtsdestotrotz ist es Fuller gelungen, einen „Tatort“ mit einer knallharten Pointe zu entwickeln, in dem durch die Bank weg alle käuflich sind, ständig jemand geschmiert wird und jeder ein falsches Spiel spielt – ein Stück weit wie ein permanenter böser Karneval, in dem niemand der- oder diejenige ist, die er oder sie zu sein vorgibt. Ganz so, wie dieses „Tatort“ kein Kressin-Fall ist – und eigentlich auch gar kein richtiger „Tatort“. Ob Fuller diese Parallelen bewusst waren?
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitrag von buxtebrawler »

Tatort: Macht der Familie

„Sie haben die Leitung, es ist Ihre Entscheidung!“

„Tatort“-Stammregisseur Niki Stein inszenierte mit seiner Regiearbeit für die öffentlich-rechtliche Krimireihe Bundespolizist Thorsten Falkes (Wotan Wilke Möhring) 15. Einsatz – der neunte zusammen mit Bundespolizistin Julia Grosz (Franziska Weisz). Stein verfasste auch das Drehbuch des Falls, der während des ersten Corona-Shutdowns gedreht wurde und deshalb in Teilen umkonzipiert werden musste. Die Erstausstrahlung erfolgte am 18.04.2021.

„Du bist wahnsinnig.“

Julia Grosz leitet, frisch zur Hauptkommissarin ernannt, einen brisanten Einsatz: Der verdeckte Ermittler Tarik (Ercan Karacayli, „Almanya – Willkommen in Deutschland“) soll helfen, einen in Hamburg lebenden russischen Waffenhändler (Wladimir Tarasjanz, „Marco W. - 247 Tage im türkischen Gefängnis“) zu überführen. Tarik trifft dafür auf den Neffen (Jakub Gierszal, „Finsterworld“) des russischen Familienoberhaupts, das tief in illegale Machenschaften verstrickt ist. Nervös beobachtet Grosz zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen von der Einsatzzentrale aus, wie der Neffe kurzfristig den Plan ändert und mit dem verdeckten Ermittler nach Zypern fliegen will. Grosz entscheidet sich, den Einsatz nicht abzubrechen – und muss kurz darauf erfahren, dass eine im Flieger deponierte Bombe das Flugzeug in der Luft in Fetzen riss. V-Mann, Waffenhändler und die Besatzung kamen ums Leben. Marija (Tatiana Nekrasov, „Die Auferstehung“), die Nichte des Waffenpatriarchs und seit ihrer Distanzierung von ihrer Familie selbst als verdeckte Polizistin tätig, übernimmt nun die Ermittlungen innerhalb ihrer Familie. Sie kann nicht glauben, dass ihr Onkel seinen Neffen opferte, und möchte dem wahren Mörder und dessen Motiv auf die Spur kommen…

Der Auftakt ist rasant und hochspannend inszeniert. Er zeigt nicht nur Menschen in Lebensgefahr, sondern auch den Druck, unter dem Grosz während ihrer ersten Einsatzleitung steht. Die Explosion bedeutet nicht nur eine Zäsur innerhalb ihres Teams – fortan gilt sie als gefühlskalt –, sondern auch für die Dramaturgie. Der „Tatort“ gerät zu einer Mischung aus Krimi und Familiendrama, dialoglastig und in Bezug auf die Familiengeschichte, die er zu erzählen versucht, überambitioniert. Die Handlung erscheint zu komplex und schwer nachvollziehbar und die anfänglich noch interessante, wenn nicht gar aufregende Erzählstruktur mit ihren Zeitsprüngen und Rückblenden trägt von nun an zur Verwirrung und Ermüdung bei. Das Rotlichtmilieu entromantisierende Kiezszenen dienen lediglich zur Einführung der Figur Marija und werden nicht wieder aufgegriffen. Durchaus lobenswert ist indes der Ansatz, den russischen Familien-Clan einmal entgegen allen Klischees als belesene, elitäre Hochkulturanhänger(innen) zu zeichnen.

Tatiana Nekrasov gelingt es, ihre Rolle undurchsichtig und ein bisschen geheimnisvoll auszulegen, was jedoch auch zu Ungunsten der Emotionalität dieses „Tatorts“ geht. Ihre Verpflichtung ist aber zweifelsohne ein echter Gewinn. Der Showdown mit einer überraschenden Schießerei und Menschenjagd inklusive eingeblendetem Fadenkreuz sorgt dann doch noch für ein actionreiches Finale dieses Falls, der wundervoll fotografiert und mit Bildern aus Tablets, Überwachungskameras und TV-Geräten angereichert wurde. Auf der horizontalen Erzählebene hadert Falke damit, dass sein Sohn (Levin Liam) mit dessen Freundin zusammenzieht, die Quintessenz der eigentlichen Haupthandlung wiederum scheint von aktuellen Umtrieben der Putin-Regierung und ihrer Geheimdienste inspiriert. Fazit: Ein starker Auftakt gefolgt von einem zähen, unnötig kompliziert erzählten Familienporträt, aus dem einen das Finale erweckt – dafür aber ausgesprochen hübsch dargereicht.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Beitrag von karlAbundzu »

Tatort Schwarzwald: Was wir erben.
Eine alte Frau und Industrielle will mit ihren Kindern und ihrer Enkelin das Erbe besprechen und eröffnet ihnen dabei, dass ihre Gesellschafterin die Villa erben soll. Großes Hallo. Was die Erben nicht wissen, ist, dass Mutter und Gesellschafterin bereits verheiratet sind. Kurz darauf stürzt Omma die Treppe hinunter. Mordversuch oder Unfall?
Klassische Story, Erbe, jeder hat ein Motiv, dem Zuschauer werden nach und nach Informationen enthüllt, und klassisch Tatort wird noch Sozialkritik und dunkle Vergangenheit beigemischt.
Löbau und Wagner als die beiden Hauptkommissare haben gar nicht so viel zu tun, ihre persönliche Story wird nur angedeutet. Die anderen Darsteller auch sehr gut, mir am besten gefielen Johanna Polley als Enkelin (ihre und auch ihrer Tante sinneswandel ist hervorragend glaubhaft gespielt und inszeniert) und Wiesława Wesołowska als Gesellschafterin.
Bei den ganzen Old School Zutaten und insgesamt guter Erzählung kam Wohlfühlatmosphäre auf.

PS: Zwischendrin überraschend laut A giant Dog!
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.

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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitrag von buxtebrawler »

karlAbundzu hat geschrieben:
Mo 26. Apr 2021, 16:21
PS: Zwischendrin überraschend laut A giant Dog!
Welche Rasse? :-?
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitrag von karlAbundzu »

buxtebrawler hat geschrieben:
Di 27. Apr 2021, 10:20
karlAbundzu hat geschrieben:
Mo 26. Apr 2021, 16:21
PS: Zwischendrin überraschend laut A giant Dog!
Welche Rasse? :-?
:D Eine weitgehend unbekannte texanische Punkband.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.

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Beitrag von buxtebrawler »

Tatort: Tote brauchen keine Wohnung

„Die alten Häuser werden alle abgerissen!“

Regisseur Wolfgang Staudte („Die Mörder sind unter uns“, „Der Seewolf“) war ein guter Analytiker deutscher Befindlichkeiten und gesellschaftlicher Entwicklungen. Innerhalb der „Tatort“-Reihe debütierte er im Jahre 1973 mit dem dritten Fall des Münchner Kriminaloberinspektors Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer) nach einem Drehbuch Michael Molsners: „Tote brauchen keine Wohnung“, der erste von insgesamt sieben Staudte-Beiträgen zur Krimireihe. Der BR-Rundfunkrat war seinerzeit derart von den Inhalten entsetzt, dass die Episode im Giftschrank landete, aus dem sie erst 1992 ein neuer Intendant befreite.

„Das Gesetz ist auf meiner Seite!“ – „Immer auf der Seite, wo’s Geld ist!“

Das just aus einem norddeutschen Jugendknast entlassene ehemalige Heimkind Josef Bacher (Andreas Seyferth, „Oliver“) reist nach München zu seiner Mutter (Mady Rahl, „Venus im Pelz“) und der Familie, die diese mit ihrem neuen Lebensgefährten hat. Man lebt in beengten Verhältnissen und möchte Josef am liebsten schnellstmöglich wieder loswerden. Dieser sucht sich jedoch einen Job – ausgerechnet als Handlanger des Münchner Miethais Pröpper (Walter Sedlmayr, „Th. Hierneis oder: wie man ehem. Hofkoch wird“), der ihm auch ein Zimmer bei seiner renitenten Mieterin Frau Altmann (Herta Worell, „Hurra, unsere Eltern sind nicht da“) verschafft. Pröpper möchte seine Wohnhäuser am liebsten abreißen, um Raum für moderne, einträchtigere Bürogebäude zu schaffen. Für Pröpper macht Josef die Drecksarbeit, indem er vermeintliche Reparaturen durchführt, tatsächlich aber Sabotage verübt, um die Mieterinnen und Mieter zu vertreiben. Der Boxer und Kneipenwirt Rudi Mandl (Arthur Brauss, „Mädchen: Mit Gewalt“) haut ihm dafür auch schon mal aufs Maul. Und plötzlich ist Frau Altmann tot – vergiftet! Das Gift befand sich in ihrer Zuckerdose. Wer ist der oder die Täter(in) und was war das Motiv? Pröpper wollte die Rentnerin loswerden, der alte Herr Hallbaum (Wilhelm Zeno Diemer, „Alte Kameraden“) war zwischen ihr und seiner Haushälterin Frau Kreipl (Hanna Burgwitz, „O.K.“) hin- und hergerissen und Frau Altmanns Neffe scheint ihr Erbe gut gebrauchen zu können. Kriminaloberinspektor Veigl ermittelt im Viertel, in dem die Nerven insbesondere wegen Pröppers Umtrieben blankliegen. Und Frau Altmanns Vergiftung wird nicht der einzige Todesfall bleiben…

Authentische Bilder einer Demonstration gegen Mietenwucher eröffnen diesen „Tatort“ – und sofort fällt auf, wie skandalös wenig sich seit damals geändert hat. Das Leben in Großstädten wird immer mehr zum Luxus, Mieten explodieren und die Gentrifizierung vertreibt die Arbeiterklasse aus ihren Vierteln. Pröpper wird als unsympathischer Kleinbürger und skrupelloser Kapitalist charakterisiert, der seine eigentlichen Beweggründe hinter einer Scheintoleranz verschleiert: Ehemaligen Häftlingen solle man doch eine Chance geben (auch wenn er ihre Not ausnutzt, indem er sie für illegale Machenschaften einsetzt), Ausländer(innen) solle man doch willkommen heißen (auch wenn er einen ganzen „Negerstamm“ nur deshalb in eine seiner Wohnungen einquartiert, um die anderen Mieter(innen) zu vergraulen – eine Szene, die sowohl Xenophobie aufgreift als auch veranschaulicht, wie Ausländer(innen) zum Spielball fremder Interessen werden). Staudte überrascht mit der prominenten Platzierung des durchaus etwas verstörend aussehenden Leichnams im Bild, skizziert ein mit der vollen Breitseite Zeitkolorit ausgestattetes Münchner Wohnmilieu abseits jeglicher Schickeria und schafft ein Bewusstsein für miese Vermietertricks und die aus Privatbesitz von Wohnraum und Geldgier ihrer Besitzer(innen) resultierenden sozialen Spannungen.

All dies geht mit einer Vielzahl besonders unterhaltsam gestalteter und erinnerungswürdiger Szenen einher, sei es die Verfolgungsjagd des Neffens Frau Altmanns – er im Sportwagen, die Polizei im Helikopter –, sei es die Bürgerversammlung zur Stadtteilveränderung, in der spießige Alte („Ich war mein Leben lang Royalist!“) voller Angst vor „kommunistischen Wohngemeinschaften“ und Gruppensex auf progressivere Junge aber auch Alte (mit Lust auf Gruppensex…) treffen. In Kombination mit der Vielzahl Verdächtiger und der nur auf den ersten Blick köstlichen, vielmehr tragischen Dreiecksgeschichte um Herrn Hallbaum und seine Verehrerinnen bleibt da bei lediglich 77 Minuten Länge gar keine Zeit für etwaigen Leerlauf. Stattdessen wird über kapitalistische Wohnraumspekulation hinaus sogar noch der Umstand aufgegriffen, dass die Polizei die Kapitalist(inn)en schützt, was der gewohnt urbayrisch erscheinende Veigl mit Hallbaums kleinem Enkel Jürgen (Robert Seidl) diskutiert – wobei dieser einzig richtig reagiert, indem er den Exekutivbeamten beleidigt. Am Ende dieses schönen Zeitgeist- und Sittenporträts (interessant: jemanden mit einer ungeladenen Waffe zu bedrohen gilt bei den bayrischen Bullen als harmloser Scherz) ist es dann auch ausgerechnet Jürgen, der sich auf der Flucht befindet, bevor dieser „Tatort“ etwas arg überhastet und abrupt endet – was seine Qualitäten nur marginal schmälert.
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitrag von karlAbundzu »

Tatort Münster: Rhythm and Love
Ein Mann hat zweimal Sex mit verschiedenen Frauen, zwischendurch läuft er nackig durch eine Art Camp, zieht am Joint.
Am nächsten Tag wird er ebenso nackt tot aufgefunden. Thiele verliert seinen ersten Zeugen, hat Probleme, den Namen des Toten fest zu stellen, Börne kommt drauf, hat aber auch UNschönes am Hacken. Der Tote war der Chef-Guru einer Polyamorösen Gemeinschaft, die auch Tantra- und Trommelkurse gibt....
Thiele und Börne mal wieder kräftig unsympatisch und extrem unempatisch was ihre Umgebung angeht, dazu passend diesmal aber, das das auch gar keine Ermittlungserfolge bringt. Daher etwas mehr im Mittelpunkt, die beiden Sympathen: SIlke Haller und Mirko Schröder, die beide zwar einen heftigen Fehler machen, aber imerhin das auch sehen und versuchen damit um zu gehen. Bei Thiele und Börne muss zur kurzfristigen Einsicht Literweise Wein ran.
Beim Setting dachte ich lange, hoffentlich kommt nicht wieder das übliche Klischee, dass diese Kommunen genauso, wenn nicht sogar noch spießiger als anderen sind. Das wird klar umschifft, in der Widerlichkeitsskala ganz oben der bisexuelle Pressesprecher (warum er allerdings Börne droht/erpresst, erschloss sich mir nicht) und am Ende ist der Erlenhof tatsächlich ein funktionierender Ort des anderen Lebens.
Der Fall selbst ist auch klug und spannend inszeniert, der Zuschauer fiebert im Whoandwhydunnit mit, am Ende zwar nicht überraschend, aber eben auch nicht 0815.
In den Nicht-Stammrollen sehen wir Patrycia Ziolkowska, ein Tatortstammgast, August Wittgenstein spielt fast einen Zerrspiegel seiner Rolle aus Ku'Damm 56-63. Nikolai Kinski gibt einen jungen Priester. Und Peter Harting hat zwar wenig Szenen mit noch weniger Dialog, dafür eindrücklich.
Musik gibt es auch viel und sehr gutes: Ein Wiederhören mit Francois Cactus, Chris Isaak und ganz viel Madrugada.
Ich fand es gut.
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