Ostwind - Katja von Garnier (2013)

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Salvatore Baccaro
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Ostwind - Katja von Garnier (2013)

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bb8e357803474d3c5a5427e0c6242200.jpg (1 MiB) 77 mal betrachtet

Originaltitel: Ostwind

Produktionsland: Deutschland 2013

Regie: Katja von Garnier

Darsteller: Hanna Binke, Marvin Linke, Cornelia Froboess, Tilo Pückner, Nina Kronjäger, Jürgen Vogel, Amber Bongard, Detlev Buck


Im Alltag von Mika finden Pferde höchstens als Embleme des Ford Mustangs ihres verhassten Lehrers statt, der sie gnadenlos durch die Abschlussprüfung des laufenden Schuljahrs rasseln lässt, was wiederum die Aussichten, dass ihre Eltern, wie geplant, Grünes Licht für die Ferienfreizeit mit ihrer Freundin Fanny geben, empfindlich schmälert. Aus Frust zündet Fanny in einem Anfall von Leichtsinn Mikas Zeugnis an und wirft es aus dem Klassenzimmerfenster, - worauf es natürlich ausgerechnet im offenen Fahrzeug besagter Lehrkraft landet und auch sämtliche andere auf dessen Rückbank gelagerten Zeugnisse in Brand steckt. Ein Inferno bricht aber nicht nur bei den missliebigen Dokumenten los, sondern auch in Mikas Elternhaus: Eine Faulenzerin in der Schule, und nun auch noch Brandstifterin! Statt ins ersehnte Ferienlager wird Mika nunmehr zum Schulstoffbüffeln aufs Land verbannt – um genau zu sein: auf den Pferdehof ihrer Großmutter mütterlicherseits, die sie kaum kennt, da das Verhältnis zwischen ihrer eigenen Mutter und der Oma nicht das rosigste, sprich, nahezu nicht existent ist.

Erwartungsgemäß gebärdet Mika sich in ihrem Zwangsurlaub auf dem Gestüt „Kaltenbach“, wo die leistungsorientierte Großmutter die Dressurreiterinnen der Zukunft ausbildet, wenig regelkonform. Am Abendessenstisch verlaufen die Gespräche mit der alten Dame ins Leere und in die Schulbücher möchte Mika auch nicht ihre Nase stecken. Dafür freundet sie sich mit dem etwa gleichaltrigen Stallburschen Sam an, und entwickelt vor allem Sympathien für den Hengst Ostwind, der als ausgemachter Wildfang gilt, und, seitdem er der Oma bei einem seiner Ausraster derart mit dem Huf getroffen hat, dass sie aufgrund einer irreparablen Beinverletzung nie wieder selbst einen Pferderücken besteigen kann, isoliert in einem dunklen Pferch gehalten wird, und eigentlich auch schon längst zum Abschuss für den „Ungarn“, einen berüchtigten Abdecker, freigegeben ist. Ohne die Gefahr zu kennen, die von dem Ross ausgeht, verbringt Mika eine Nacht bei Ostwind im Stall, und nutzt auch später jede freie Minute, um sich heimlich zu Stelldicheins mit ihrem animalischen Seelenverwandten zu stehlen – sehr zum Missfallen der Oma und deren jugendlicher Entourage, die Mikas beginnende Obsession für Pferde missträuisch beäugt.

Als Mika Ostwind eines Tages eigeninitiativ zu einem Spaziergang mitnehmen möchte und der Hengst ausbüxt, findet er sich auf dem Grundstück von Sams Großvater wieder, einem ehemaligen Reiter, der aus nicht näher erklärten Gründen seit geraumer Zeit im Klinsch mit Mikas Großmutter liegt. Mit Erstaunen stellt der Greis fest, dass Mika über die seltene Gabe verfügt, jedes noch so wilde Pferd handzahm werden zu lassen. Herr Kaan prophezeit unserer Heldin nicht nur, dass sie es mit etwas Übung als Reiterin weit bringen könnte, sondern trainiert sie fortan auch im Pferdehandwerk: Mikas Traum ist es, beim anstehenden Großturnier, den sogenannten "Kaltenbach Classics", mit Ostwind teilzunehmen und ihrer Großmutter sowie den Teenager-Lästerschwestern aus deren Reitschule zu beweisen, dass der Hengst mitnichten auf die Schlachtbank gehört, sondern sich mit etwas empathischer Führung zum beklatschenswerten Dressurpferd mausern kann. Aber auch Mika mausert sich, nämlich in wenigen Wochen zur begnadeten Rittmeisterin, die beim Vortraining ihre Großmutter derart entzückt, dass diese sogar bereit ist, ihr ihre eigenen ehemaligen Reitstiefel zu vermachen. Das aber ruft Neider in Gestalt der intriganten Michelle auf den Plan, die Mikas und Ostwinds großen Auftritt sabotiert, indem sie dem Pferd eine Reizsalbe in die Gamaschen schmiert, die es regelrecht durchdrehen lässt: Ein verletzter Sam, eine ramponierte Mika und eine Großmutter sind die Folge, die Ostwind enttäuscht doch wieder auf den Speiseplan des Ungarn setzen lässt. Mika jedoch möchte nicht tatenlos zusehen, wie ihr engster Gefährte zu Wurst verarbeitet wird, und ergreift mit Ostwind die Flucht. Zielhafen ist das Feriencamp an der Ostsee, wo Freundin Fanny den Sommer verbringt…

Das Negative zuerst: Katja von Garniers Coming-of-Age-Film ist eines dieser modernen Kinomärchen, die meinen, jede ihrer Szenen – (und damit meine ich wirklich jede einzelne Szene!) – mit einer musikalischen Untermalung zukleistern zu müssen, die mir exakt die Emotionen souffliert, die ich beim Schauen empfinden muss. Hinzukommen leitmotivisch verwendete Electro-Pop-Songs der eher furchtbaren Sorte, für die man vielleicht zum Zielpublikum des Streifens, (junge Damen zwischen neun und vierzehn Jahren, schätze ich mal), gehören muss, um ihnen irgendeinen Genuss abzugewinnen. Auch kann man natürlich gut und gerne die ästhetische Agenda des Films kritisieren, diesen unbedingten Willen, das (hessische?) Hinterland zum Postkartenidyll zu stilisieren und sich nahezu in Zeitlupenaufnahmen von springenden, galoppierenden, sprintenden Pferden zu suhlen, als sollte Riefenstahls OLYMPIA die Reverenz im Dressurreiter-Millieu erwiesen werden. Ebenso irritiert mich die Konsequenz, mit der OSTWIND es vermeidet, den gesellschaftlichen Status Quo auch nur hauchzart in Frage zu stellen: Mika sowie Ostwind sind Rebellen, die mit ihrem aufmüpfigen Verhalten bestehende Normen angreifen – die eine, weil sie in der Schule, im Elternhaus, im Alltag nicht so „funktioniert“, wie sie soll, der andere, weil er sich inbrünstig weigert, zum Dressurpferd abgerichtet werden und im Kampf um seine Freiheit schon mal harte Bandage, sprich, die eigenen Hufe einsetzt, die sodann als Kollateralschäden großmütterliche Beine zertrümmern. Was OSTWIND im Grunde erzählt ist aber die Geschichte vom Ende einer (durchaus gerechtfertigten) Revolte: Die beiden Außenseiter tun sich zusammen, jedoch nicht, um gemeinsam umso vehementer gegen das aufzubegehren, was ihnen nicht schmeckt, sondern, um sich als homogene Einheit dem Diktat der bestehenden Ordnung zu unterwerfen. Mika findet ihren Platz innerhalb der Gemeinschaft als bravouröse Reiterin und Ostwind entgeht dem ungarischen Metzgermesser, weil er auf einmal folgsam Turniere bestreitet. Sinn und Zweck dieser Turniere, (und des Reitsports an sich), wird jedoch niemals zur Disposition gestellt – was mich umso mehr verwirrt, wenn ich an die Aufnahmen denke, die Ostwind nach seiner Flucht als freies Tier in der Wildnis zeigen: Ob das Ross überhaupt blöde Hürden überhüpfen möchte, diese Frage stellt sich weder irgendeine der Figuren noch der Film sich selbst.

Aber die reaktionäre Ideologie einmal beiseite gewischt, hat mich OSTWIND doch mehr angesprochen als ich erwartet hätte. Der Film umschifft viele Klippen, an denen andere ähnlich gelagerte Pferdeabenteuer oft und gerne zerschellen, (Stichwort: BIBI UND TINA; WENDY): Verzichtet wird auf infantile Gags, auf Figuren vom Reißbrett, auf allzu unwahrscheinliche Plot-Volten, (obwohl es natürlich maximal fragwürdig ist, dass ein Mädchen, das noch nie in seinem Leben ein Pferd aus der Nähe gesehen hat, sich innerhalb von wenigen Wochen zur Starreiterin entwickelt), stattdessen legt OSTWIND viel Wert darauf, seinen Figuren Leben einzuhauchen, erzählt seine Geschichte eher unaufgeregt und bedächtig, und trumpft vor allem mit interessanten Zwischentönen auf – (wie zum Beispiel dem subtil dargestellten Mutter-Tochter-Konflikt zwischen Mikas Oma und Mama) –, ein paar wirklich putzigen Szenen, die das Hohelied der Freundschaft singen – (wie zum Beispiel diejenige, in der Fanny und ihre Clique, nachdem Mika und Ostwind es zu ihnen an die Ostsee geschafft haben, die entkräfteten Reisenden mit Proviant versorgen: „Alle Vorräte an Deck!“) –, und, (was mich besonders verzückt), der einen oder anderen augenzwinkernden Genre-Referenz: Wenn Sams Großvater Mika zur Rittmeisterin ausbildet, ist die Sequenz wie eine sanfte Parodie auf ähnliche Meister-Schüler-Eskapaden in gängigen Kung-Fu- oder Actionfilmen inszeniert, nur mit dem Unterschied, dass Mika nicht bei einem weißbärtigen Asiaten in die Lehre geht und sie mit Äpfeln jongliert, statt mit Samurai-Schwertern die Luft zu durchhieben. Mikas und Ostwinds Flucht ans Meer wiederum gleicht einem veritablen Roadmovie gleicht und die Szenen, in denen sich unsere Heldin nachts zu ihrem Hengst in den Stall schleicht, knüpfen an das Märchenmotiv des „Tierbräutigams“ an, (freilich ohne dessen sexuelle Obertöne.) Nicht zuletzt die schauspielerischen Leistungen von, beispielweise, Cornelia Froboess als gestrenger Großmutter, Tilo Prückner als Pferdeflüsterer und, allen voran, Hanna Binke als Mika heben das Niveau des Films noch zusätzlich. Sicher, mit meiner neusten Jugendfilmentdeckung KÖNIGIN VON NIENDORF kann OSTWIND zu keinem Zeitpunkt mithalten – dafür ist die Story doch etwas zu plakativ entworfen, ruht sich der Film doch teilweise zu sehr auf seinen glattgeschleckten Bildern aus und begibt das Drehbuch sich doch zuweilen allzu sehr aufs dünne Eis trivialer Groschenromantik –, aber zu behaupten, irgendein Teil meiner Seele hätte nicht seine Freude an dieser herrlich naiven Liebesgeschichte zwischen Ross und Reiterin gehabt, wäre ebenfalls gelogen.

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