Erblich belastet? - Harry Piel (1913)

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Salvatore Baccaro
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Erblich belastet? - Harry Piel (1913)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Originaltitel: Erblich belastet?

Produktionsland: Deutsches Reich 1913

Regie: Harry Piel

Cast: Ludwig Trautmann et al.


Der kolportagehafteste Film der diesjährigen Bonner Stummfilmtage dürfte wohl ERBLICH BELASTET? aus dem Jahre 1913 sein, ein mittellanges Frühwerk von Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Harry Piel, einem wahren Star seiner Zeit sowie einer der frühesten Autorenfilmer, der heutzutage jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten ist, was sicher nicht zuletzt darin liegt, dass ein Großteil seines Regie-Oeuvres bei Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg für immer vernichtet wurde.

Die Story, die Piel uns in ERBLICH BELASTET?, einem seiner wenigen vollständig erhaltenen Stummfilme, kredenzt, birst und ächzt aus allen Nähten vor Groschenromantik: Ferry Hudson steht als Journalist in Diensten des millionenschweren Zeitungskönigs Harrington, der ihn einst als Säugling adoptierte und wie einen Sohn in seinem eigenen Haushalt großgezogen hat. Das wiederum hindert Hudson nicht daran, sich in seine Stiefschwester Ellen zu verlieben, - eine Verbindung, die zwar auf Gegenseitigkeit beruht, der jedoch der greise Papa, als er die Täubchen einmal zufällig beim Turteln erwischt, brüsk den Riegel vorschiebt: So gern er Hudson auch habe, und so sehr ihm das Glück seiner Tochter am Herzen liege, einer ehelichen Verbindung zwischen ihnen könne er nie und nimmer zustimmen! Grund dafür ist Hudsons Familiengeschichte, die Harrington ihm nun erstmals vor Augen führt: Hudsons Vater nämlich soll einen jungen Offizier ermordet haben, wofür er zum Tode verurteilt wurde. Der Waise Hudson ist damit, laut Harrington, erblich vorbelastet, denn offenbar glauben Zeitungstycoons im Jahre 1913 noch daran, dass sich solche oftmals aus Affekt begangenen Dinge wie ein Mord über Gene an die nächste Generation weitervererben ließen.

Verständlicherweise ist Hudson wegen all dieser Eröffnungen am Boden zerstört, - zumal nun auch sein Liebesglück mit Ellen auf dem Spiel steht. Zu seiner seelischen Erbauung trägt es definitiv nicht bei, dass kurz darauf ein folgenschwerer Verdacht auf ihn fällt: Der Verwalter von Harringtons Presseimperium nämlich hat sich ein Depot voller Wertpapier unter den Nagel gerissen, und befindet sich auf der Flucht. Hudson, der davon nichts weiß, begegnet ihm zufällig auf die Gasse, - und um sich von dem Verbrechen reinzuwaschen, steckt der Halunke unserem Helden heimlich einen Teil der Wertpapiere in die Manteltasche. Der miese Trick gelingt: Natürlich findet Harrington bei seinem Ziehsohn die entwendeten Dokumente, und natürlich sieht sich der Millionär in seinem Vorurteil bestätigt: Hudson ist wirklich erblich belastet, ein Verbrecher wie sein exekutierter Vater, nur noch eine Frage der Zeit und er dreht die erste Gurgel um! Hudson resigniert, bricht seine Zelte in der Großstadt ab, nimmt Abschied von Ellen: Als Rasender Reporter möchte er im Wilden Westen einen Neuanfang starten, so schwer es ihm auch fällt. Ausgerechnet in der Weite der Prärie trifft er jedoch auf seinen Erzfeind aka die einzige Person, die seine Unschuld beim Diebstahl der Wertpapiere beugen kann, denn auch der flüchtige Verwalter verdingt sich nunmehr als Goldgräber in der unwirtlichen Wildnis. Es kommt zum Duell zwischen den Kontrahenten…

Im Grunde hat Piel in Gestalt von ERBLICH BELASTET? zwei relativ unabhängig voneinander funktionierende Filme gedreht: Die Rahmenhandlung, die Akt Eins sowie Akt Drei einnimmt, ist ein melodramatisches Herzschmerzdrama rund um den armen Hudson, der mit allerhand unschönen Dingen konfrontiert wird, namentlich: der Weigerung seines Adoptivvaters, ihm die eigene Tochter zur Frau zu geben sowie einer düsteren Familiengeschichte, die wie ein Damoklesschwert über seinem Haupt kreist. Die Mise en Scène in diesen Akten ist noch genauso sehr vom Theater beeinflusst wie das arg überzogene Schauspiel und die unfassbar konstruierte Geschichte, die am Ende gar noch einen Bruder Harringtons aus dem Hut zaubert, der in einem Abschiedsschreiben zugibt, den Offizier erschossen zu haben, dessen Tod Hudsons Vater angelastet wurde. Ellens Onkel schießt sich in den Kopf, Hudson ist von jedem Verdacht befreit, die Gene eines Killers in sich zu tragen, Harrington vereint die Hände der Liebenden zum ewigen Bund. Wirklich harter Tobak, tatsächlich, und in manchen Szenen für heutige Augen die Grenze zur unfreiwilligen Komik mühelos überhüpfend: Wenn Harringtons Bruder sich voller Gewissensbisse am Brustkorb herumnestelt; wenn Hudson fast ohnmächtig wird, als er erfährt, Sohn eines verurteilten Kapitalverbrechers zu sein; wenn die Verliebten sich am Ende heißblütig in die Arme fallen, - mein Grinsen muss in diesen Momenten dem der Cheshire Cat geähnelt haben.

Diese extrem exaltierten Melodramen-Teile umgrenzen wiederum den zweiten Akt, bei dem es sich um reines Action-Kino handelt. Sobald Hudson den Mann erspäht hat, dem er sein gegenwärtiges Unglück verdankt, besteht ERBLICH BELASTET? für lange Minuten bloß noch aus einer wilden Aneinanderreihung von Verfolgungsjagden, Schießereien, Dachstürzen: Gemeinsam mit einer Gruppe Cowboys hetzt Hudson den Verwalter durch die Prärie – und Piel beweist, dass er vielleicht nicht der geborene Regisseur für wehmütige Liebestragödien ist, im Sensationsfilm jedoch sein Fach überaus glänzend versteht. Mit Realismus haben auch die stuntreichen Kapriolen nichts zu tun, die Piel uns nunmehr offeriert, - sind vielmehr ein äußerst unterhaltsamer Vorbote dessen, was man später als Exploitationfilm bezeichnen wird. Putzig freilich ist, wie sehr sich ERBLICH BELASTET? in seinem Western-Mittelsegment an das US-amerikanische Kino anlehnt und kurzerhand irgendwelche Wälder, Äcker und Wiesen rund um Berlin und Potsdam zur unkultivierten Steppe erklärt, - was dem kundigen Auge natürlich nicht verborgen bleibt. Gerade deswegen versprüht der zweite Akt vorliegenden Films eine Naivität, in der man sich gerne baden möchte, - so wie überhaupt dieser knapp fünfzigminütige Streifen mich außerordentlich befriedigend zurücklässt: Was Piel uns hier präsentiert, das ist ein Kino, das sich auf halbem Wege zwischen Jahrmarktsspektakel und seriösem Spielfilm befindet, sich offenkundig allerdings noch nicht ganz entscheiden kann, ob es eher zu ersterem oder eher zu letzterem tendiert, weswegen es beide Optionen fein säuberlich nebeneinander drapiert, Gewimmer und Geballere, Schmachten und Schießen, herzzerbrechende Offenbarungen und halsbrecherische Ritte, für alle etwas dabei in dieser Wundertüte an Haarsträuberein. Ja, nicht nur als filmhistorisches Artefakt ist ERBLICH BELASTET?, wie ich finde, ein wahrer Leckerbissen…
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