Die Wiese - Ein Paradies nebenan - Jan Haft (2019) [Doku]

Moderator: jogiwan

Antworten
Benutzeravatar
Salvatore Baccaro
Beiträge: 2575
Registriert: Fr 24. Sep 2010, 20:10

Die Wiese - Ein Paradies nebenan - Jan Haft (2019) [Doku]

Beitrag von Salvatore Baccaro »

71NcF38vIiL._SL1200_.jpg
71NcF38vIiL._SL1200_.jpg (226.99 KiB) 210 mal betrachtet

Originaltitel: Die Wiese - Ein Paradies nebenan

Produktionsland: Deutschland 2019

Regie: Jan Haft

Cast: Flora und Fauna einer bundesdeutschen Sommerwiese


Mein Silvester-Film 2021:

300 Drehtage innerhalb von drei Jahren und 1.000 Stunden in Tarnverstecken an 30 Drehorten soll diese im Auftrag der Deutschen Wildtierstiftung bei Naturfilmer Jan Haft in Auftrag gegebene Doku verschlungen haben, um ihr Publikum per beeindruckender Einblicke in Flora und Fauna einer bundesdeutschen Wiese dafür zu sensibilisieren, welche Gefahren dem „Paradies nebenan“ durch umweltunfreundliche Agrarwirtschaft drohen: Überdüngung; zu frühes Mähen; Verwendung viel zu aggressiver Maschinen, die jedwedes Lebewesen, das sich im hohen Gras versteckt hält, erbarmungslos einen Kopf kürzer machen. Dabei umschifft DIE WIESE allerdings einen allzu prätentiösen Predigerton, versucht vielmehr Verständnis für Landwirte zu wecken, die dem filigranen Ökosystem „Wiese“ eine schwere Zeit bereiten, weil sie selbst Familien zu ernähren haben und keinerlei nennenswerten Subventionen erfahren, sollten sie sich für schonendere Methoden entscheiden. Mögliche Lösungsansätze deutet der Film jedoch nur am Ende kurz an und belässt es dann auch etwas paternalistisch dabei, der Politik zu raten, den Bauern durch ökonomische Anreize eine artenreiche Wiese schmackhaft zu machen.

Tatsächlich lebt DIE WIESE aber sowieso mehr von seinen atemberaubenden Bildern, die den agitatorischen Subtext des Films fortwährend überlagern: Nachdem wir unter Zuhilfenahme von Tacitus-Zitaten darüber aufgeklärt worden sind, dass Wiesen erst durch den Menschen quasi künstlich geschaffenes Grünland darstellen, schießt sich der Film auf eine Handvoll animalischer Protagonisten ein, die er einen Sommer lang beim Gebären, beim Erwachsenwerden, bei der Nahrungssuche, beim Sterben begleitet – eine Gruppe Brachvogelküken; zwei Reh-Zwillinge; ein Füchschen –, gestattet sich aber auch immer wieder Exkurse zu anderen Tieren, die die Wege unserer „Helden“ kreuzen. So wohnen wir einer Grillenpaarung bei, schauen zu, wie die Feldlerche sich an den Haaren bedient, die die Rehe beim Fellwechsel verlieren, um sie als Isoliermaterial für ihr Nest zu verwenden, sind in einer besonders berührenden Szene live dabei, wie die Ricke ihre beiden Kinder zur Welt bringt – das alles, wie gesagt, durchweg so dicht am Geschehen, dass man beispielweise kleine Kameras in besagtem Lerchennest versteckt hat. Auch die Pflanzenwelt kommt nicht zu kurz: Im Zeitraffer erblüht der Löwenzahn; in Zeitlupe schaukelt der Wiesensalbei im Sommerwind.

Derlei potenziell effekthascherische Stilmittel wendet DIE WIESE indes sehr behutsam aus. Sicher, es geht nicht ganz ohne Pathos, und gerade der Vorspann mit seinen ausladenden Zeitlupensequenzen und Chorgesang ließ mich Schlimmstes befürchten. Im weiteren Verlauf jedoch setzt Haft seinen unaufgeregten Klavierscore sehr zurückhaltend ein, verlangsamt oder rafft Bildfolgen meist nur dann, wenn uns bestimmte Vorgänge wie eine Vögelchenfütterung oder eben das besagte Blütenblühen vor Augen geführt werden sollen, die in Echtzeit schlicht zu ephemer oder zu langatmig fürs menschliche Auge wären, und müht sich redlich, seine beflügelten, bepelzten und bestäubten Protagonisten nicht über Gebühr zu anthropomorphisieren. Vorwerfen könnte man DIE WIESE vielleicht, dass das titelgebende Biotop etwas zu arg zum Idyll hochstilisiert wird. Fressen und Gefressen-Werden findet kaum statt: Eine „unvorsichtige Maus“ gerät ins Maul eines Fuchses und ein Rehkadaver geht während des Verwesens in den Stoffkreislauf ein – ansonsten scheint unseren Tieren einzig Schaden von außerhalb zu erwachsen, konkret: Wenn der Bauer mit seinem Mähdrescher naht und die Wiese in ein Schlachtfeld verwandelt, aus dem eigentlich nur „Schlachtenbummler“ wie Storche und Rotmilane als Gewinner hervorgehen, die sich anschließend an all den zerhäckselten Tierchen gütlich tun, als sei’s ein Selbstbedienungsladen.

Insgesamt hat mir DIE WIESE, den ich mal als Bonus-DVD in ein Paket der Deutschen Wildtierstiftung beigelegt bekommen hatte, sehr lehrreiche, sehr unterhaltsame und visuell sehr anregende eineinhalb Stunden beschert…

Antworten