Die große Liebe einer kleinen Tänzerin - Alfred Zeisler (1924)

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Salvatore Baccaro
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Die große Liebe einer kleinen Tänzerin - Alfred Zeisler (1924)

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Originaltitel: Die große Liebe einer kleinen Tänzerin / Esmeralda, die kleine Tänzerin mit der großen Liebe

Produktionsland: Deutsches Reich 1924

Regie: Alfred Zeisler

Cast: Marionetten in Gestalt zarter Tänzerinnen, muskulöser Löwenbändiger, zorniger Zauberer und liebenswerter Raubkatzen


Der bizarrste Film der diesjährigen Bonner Stummfilmtage dürfte wohl DIE GROSSE LIEBE EINER KLEINEN TÄNZERIN von Alfred Zeisler aus dem Jahre 1924 sein. Was sich dem Titel nach anhört wie ein harmloses Melodrama, möglicherweise mit viel Herzschmerz und massenweise historischer Garderobe, entpuppt sich schnell als völlig überdrehte Parodie/Hommage auf/an den deutschen Stummfilmexpressionismus, deren etwa dreizehnminütige Laufzeit nicht etwa von Schauspielern aus Fleisch und Blut, sondern ausnahmslos von wahlweise putzigen oder grusligen Marionetten bestritten wird…

Die titelgebende Mini-Tänzerin mit dem Monumental-Herz hört auf den Namen Esmeralda und ist Blickfang einer mobilen Jahrmarktshow: Nicht nur die Männer im Auditorium verfallen hilflos den Reizen der jungen Frau, auch hinter den Kulissen reißen sich ihre Kollegen darum, zu ihrem auserkorenen Augenstern zu werden. Hierzu gehört indes auch der sinistre Zauberer Dr. Larifari. Dessen Avancen schiebt Esmeralda freilich genauso einen Riegel vor wie denen all der andern, die um ihre Hand buhlen: Einzig und allein Löwenbändiger Leonidas ist es, mit dem sie sich eine rosige Zukunft ausmalen mag. Vor Wut und Eifersucht ist Dr. Larifari außer sich – und greift zu unlauteren Mitteln, um Esmeralda für ihre Zurückweisung zu bestrafen: Fortan soll jeder Mann, der sich ihr in amouröser/erotischer Absicht nähert, den Kopf verdreht bekommen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes! So ergeht es nicht nur zwei Freiern aus dem Zirkusmilieu, sondern auch dem geliebten Leonidas: Als ob die Armen Eulen seien, wirbelt ihnen der Kopf um hundertachtzig Grad auf den Schultern umher. Esmeralda ist verzweifelt genug, um sich in ihrer Not an den mysteriösen Prof. Mordgeschrei zu wenden, ein verrückter Wissenschaftler, von dem es heißt, dass er noch jeden magischen Fluch habe rückgängig machen können. Was Esmeralda, die sich mit Leonidas‘ Lieblingslöwen auf dem Weg in den Schauerpalast des Professors macht, nicht ahnt: In Wahrheit sind Dr. Larifari und Prof. Mordgeschrei ein und dieselbe Person, und der ist mit seinen Racheplänen noch lange nicht am Ende angekommen, hat sich vielmehr noch einige wahrlich sadistische Späße für unsere Heldin aufgespart...

Es ist mehr als ein kleiner Inside-Joke, dass DIE GROSSE LIEBE EINER KLEINEN TÄNZERIN ursprünglich den Arbeitstitel DAS KABINETT DES DR. LARIFARI tragen sollte. Selbst bei oberflächlicher Betrachtung wird es jedem, der mit Robert Wienes Horrorklassiker DAS CABINETT DES DR. CALGIARI auch nur ansatzweise vertraut ist, förmlich ins Gesicht springen, wie sehr diese einzig erhaltene Produktion der Berliner Puppenfilmproduktionsstätte „Piccolo Film“ als augenzwinkernde Parodie auf das Vorbild angelegt ist, - zumal Regisseur Alfred Zeisler als Regieassistent von Fritz Lang bei dessen expressionistisch-neoromantischem DER MÜDE TOD 1921 mit der Materie bestens vertraut gewesen sein dürfte. Zeisler und sein Team tun allerdings mehr als den CALIGARI einfach nur respektlos durch den Kakao zu ziehen. Sie schaffen mit viel Enthusiasmus und beeindruckender technischer Raffinesse ein ganz eigenes und eigenartiges Paralleluniversum, das das Kunststück fertigbringt, sowohl spielerisch mit der expressionistischen Filmästhetik umzuspringen, (und, ja, sie manchmal auch ein bisschen ironisch zu belächeln), und sie andererseits durchaus ernsthaft zu adaptieren, sodass ich DIE GROSSE LIEBE EINER KLEINEN TÄNZERIN in einem Atemzug mit anderen Spätwerken des Stummfilmexpressionismus à la Robert Wienes ORLACS HÄNDE oder Paul Lenis DAS WACHSFIGURENKABINETT, (beide im selben Jahr wie Zeislers Film erschienen), nennen würde: Da prasseln deklamatorische Zwischentitel mit vielen Ausrufezeichen und scharfen Wortkanten über uns herein; da erinnert die Pforte, die ins Schlösschen des angeblichen Wunderdoktors Mordgeschrei führt, an ein monströses schweinsähnliches Gesicht, dessen Augen wie zwei Pendel hin und her schwingen; da liegen die Kulissen jedweden physikalischen Gesetzen trotzend schief im Wind; da scheinen die Marionetten sich von selbst auseinanderbauen und wiederzusammenzuschrauben; da äußern die Püppchen ihre Emotionen in extrem dramatischen Gesten, weit aufgerissenen Augen, als wollten sie jedes Stummfilmklischee bedienen; da wird es im Finale nachgerade blutrünstig, wenn Prof. Mordgeschrei alias Dr. Larifari an der wehrlos auf eine Pritsche geschnallten Esmeralda eine grausige Operation vollziehen möchte, als seien wir mitten in ein Grand-Guignol-Stück getaumelt. Verstörendes und Verspieltes, Witziges und Wildes, Augenzwinkerndes und Ehrenbezeigendes geben sich im Sekundentakt die Klinke in die Hand - und ich bin einmal mehr erstaunt darüber, a) was für Schätze es für mich immer noch innerhalb der Filmgeschichte zu heben zu geben scheint, sowie b) wie vielen wirklich glorreichen Werken innerhalb der etablierten Filmgeschichtsschreibung nicht einmal ein dürftiges Fußnötchen gegönnt zu sein scheint.

Besehen (und bewundert) kann der Film gemeinfrei unter folgendem Link werden: https://www.filmportal.de/sites/default/files/video/Taenzerin_x264.mp4
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