Das Lehrerzimmer - İlker Çatak (2023)

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Salvatore Baccaro
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Das Lehrerzimmer - İlker Çatak (2023)

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Originaltitel: Das Lehrerzimmer

Produktionsland: Deutschland 2023

Regie: İlker Çatak

Cast: Leonie Benesch, Michael Klammer, Rafael Stachowiak, Eva Löbau, Leonard Stettnisch, Anne-Kathrin Gummich


Premiere bei der Berlinale, die auf vorwiegend positive Resonanz stieß. Den Deutschen Filmpreis in fünf Kategorien eingeheimst. Ausgewählt als deutscher Kandidat für den Auslands-Oscar. Es sind genau diese Superlative, die mich einem Film wie İlker Çataks DAS LEHRERZIMMER zunächst skeptisch gegenüberstehen lassen – eine Defensivhaltung, deren Vorurteile letztlich schnell dahinschmelzen, wenn sich zumindest das vorliegende Werk als überaus kluge, überaus intensive Angelegenheit entpuppt, von der ich niemals gerechnet hätte, dass sie mich derart umpustet…

Carla ist Gymnasiallehrerin für eine siebte Klasse, Fächer: Sport und Mathe. Frisch von der Uni ist ihr Idealismus ungebrochen: Sie will ihre Schülerinnen und Schüler allesamt gleichbehandeln, blind sein für soziale und kulturelle Herkunft, ihnen nicht nur den Lehrstoff einpauken, sondern sie als eigenständige Menschen ernstnehmen, ihnen gegebenenfalls beistehen, wenn die Erwachsenenwelt sich gegen sie verschwört. Letzteres geschieht im Rahmen einer Serie unaufgeklärter Diebstähle, die seit geraumer Zeit die Schule in Aufruhr versetzt: Immer wieder wird Geld aus Portemonnaies gemopst, oftmals mitten heraus aus Jacken, die im Lehrerzimmer hängengeblieben sind. Der Verdacht fällt auf eine Gruppe Jungs mit Migrationshintergrund aus Carlas Klasse, vor allem der Bub Ali muss sich alsbald rechtfertigen, weshalb er einen ganzen Batzen Geld mit sich herumträgt – Geld, das, wie zumindest seine Eltern bestätigen, dafür gedacht gewesen sei, dass er nach Schulschluss diverse Besorgungen erledigt. Als Carla mitbekommt, wie zwei weitere Schüler von ihren Kollegen regelrecht genötigt werden, ihre Mitschüler zu denunzieren, beschließt sie, selbst die Ermittlungen aufzunehmen – und stellt dem Langfinger eine Falle: Sie lässt ihre Jacke im Lehrerzimmer hängen, in einer Tasche mehrere lockende Geldscheine, und positioniert ihren Laptop so, dass seine Kamera genau auf den potenziellen Tatort gerichtet ist. Tatsächlich fehlt später etwas Geld, und tatsächlich lässt sich auf ihren Aufnahmen ein Arm erkennen, der sich an ihren Sachen zu schaffen macht - und gekleidet ist dieser Arm in eine auffällige Blümchenbluse, wie sie die unscheinbare und treusorge Schulsekretärin gerne trägt.

Zunächst versucht Carla Frau Kuhn, wie die Dame heißt, auf eigene Faust zu einem Geständnis zu bewegen, ihre hartnäckigen Unschuldsbeteuerungen machen indes härtere Bandagen notwendig, weshalb Carla sie bei der Schulleitung anschwärzt. Was folgt ist ein Malstrom an Verwicklungen, der nicht nur unsere Heldin bald nicht mehr Herrin werden kann: Frau Kuhn geht in die Offensive, verbündet sich mit einigen besorgten Eltern, wirft Carla vor, heimlich mit ihrer Laptop-Kamera das Kollegium zu bespitzeln; Frau Kuhns Sohn Oskar, der in Carlas Klasse geht und ihr mit Abstand begabtester Matheschüler ist, sieht sich als mutmaßliches Kind einer diebischen Elster zunehmendem Mobbing der übrigen Schülerschaft ausgesetzt, stiehlt aus Verzweiflung Carlas Laptop, schmeißt ihn in den Fluss, um das Beweismaterial zu vernichten; das Kollegium wendet sich ebenfalls nach und nach gegen Carla, als diese sich weigert, sich vor deren Karren spannen zu lassen, und sich weiterhin für Oskar einsetzt, obwohl er sie inzwischen bei einem Handgemenge gar ins Gesicht geschlagen hat…

Inszenatorisch ist DAS LEHRERZIMMER ein Kammerspiel par excellence: Im Grunde nie verlassen wir das Schulgelände; über die Privatleben sämtlicher beteiligter Figuren erfahren wir höchstens beiläufig etwas; das von İlker Çatak zusammen mit Johannes Duncker verfasste Drehbuch konzentriert sich allein auf das, was sich hinter Schulmauern abspielt, und besitzt dabei eine dramaturgische Dichte, dass zumindest mir spätestens nach dem ersten Drittel kaum noch Luft zum Verschnaufen blieb. Eine der Stärken dieses Films liegt für mich gerade darin, dass hier alltägliche, nachgerade banale Dinge behandelt werden, als hätten wir es mit den epochalsten Ereignissen der jüngeren Menschheitsgeschichte zu tun: Ein Elternabend wird zum Schlachtfeld, ein Kollegiumsgespräch zu einem Duell auf Leben und Tod, das aufmüpfige Verhalten einiger Schüle schmeckt nach einer Revolution, die imstande ist, kein Stein mehr auf dem andern zu lassen. Ganz offensichtlich soll der Mikrokosmos Schule dazu dienen, allegorisch den Makrokosmos (westliche) Gesellschaft abzubilden – und obwohl man schnell riecht, dass sämtliche Ereignisse in DAS LEHRERZIMMER übertragbar sind auf eine höhere, eine politische, eine gesamtgesellschaftliche Ebene, beschlich mich nie das Gefühl, dass mir irgendwelche Botschaften, Denkfiguren, Perspektiven mit dem Holzhammer eingeprügelt werden sollten. Im besten Sinne gleicht DAS LEHRERZIMMER einer nüchternen Bestandsaufnahme des Status Quo: Die Kamera ist, wie es sich für einen ernstzunehmenden Arthouse-Film Anno 2023 gehört, oft statisch, oft semi-dokumentarisch; der Cast agiert zurückgenommen, seine Emotionen verschanzend statt loslassend, (besonders brillant: Hauptdarstellerin Leonie Benesch!); die Bilder sind schlicht, schnörkellos, fast schon unterkühlt – und gerade dieses Runterkochen von allem, was uns oktroyieren könnte, wie wir uns bei dieser oder jener Szene zu fühlen haben, führt dazu, dass DAS LEHRERZIMMER ein Film von unendlicher emotionaler Wucht ist: Allein bei der erwähnten Elternabendszene, wo Carla vor versammelter Elternschaft von Frau Kuhn zur Rede gestellt wird, ist derart unangenehm, dass ich mich im Kinosessel wand wie ein Aal, bis sie endlich vorüber war…

Zwei Filme, an die mich DAS LEHRERZIMMER denken ließ: Zum einen Maren Ades Langfilm-Debüt DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN von 2003, in dem es ebenfalls um eine junge Lehrerin geht, die an Job und Leben kolossal scheitert; zum andern Jessica Hausners CLUB ZERO von 2023, in dem eine junge Lehrerin ihre Schülerinnen und Schüler dazu bringt, ihrer Doktrin zu folgen, keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen. DAS LEHRERZIMMER wartet nicht mit einer Low-Budget-Ästhetik auf wie DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN und suhlt sich auch nicht ansatzweise so sehr in Fremdschammomenten wie Ades Film; andererseits verzichtet er aber auch weitgehend auf die inszenatorischen Manierismen von CLUB ZERO und vor allem auch dessen transzendenten Überbau. Was ihn jedoch mit Hausners Film verbindet: Kurze musikalische Tupfer, Fragmente von Streichern, die in die Szenenübergänge eingestreut sind und wie ein akustischer Kommentar zu dem stetigen Zusteuern auf eine unvermeidliche Katastrophe anmuten.

Kurzum: Ich empfehle!
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