BAM - Bodies of Armed Matriarchy - Julia Riedler, Anna Gschnitzer (2020)

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Salvatore Baccaro
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BAM - Bodies of Armed Matriarchy - Julia Riedler, Anna Gschnitzer (2020)

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Originaltitel: BAM - Bodies of Armed Matriarchy

Produktionsland: Deutschland 2020

Regie: Julia Riedler, Anna Gschnitzer

Darsteller: Zeynep Bozbay, Gro Swantje Kohlhof, Jelena Kuljić, Eva Löbau, Annette Paulmann, Julia Riedler, Julia Windischbauer


„Wer Uniform und Waffe trägt, hat Macht. Aber wer ist dieser Macht gewachsen? Die derzeitigen Entwicklungen zeigen, dass Männer nicht länger imstande sind, diese verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen. Eine Überforderung, die schwerwiegende Folgen mit sich trägt. Die internationale Vereinigung „Bodies of Armed Matriarchy“, kurz: BAM, möchte den überlasteten Männern helfen und ruft seit geraumer Zeit und mit immer größerem Erfolg zur absoluten Entwaffnung aller patriarchaler Institutionen auf. Eine Waffe in den Händen des Patriarchats sei ein historisches Missverständnis, das es aufzuklären gilt. Das Hauptquartier der BAM befindet sich im Süden Deutschlands und ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Es handelt sich wohl um einen der geheimnisvollsten Orte der Welt. Die BAM verfügt hier über ein riesiges Areal, dessen genaue Größe nicht bekannt ist“, heißt es in der von Nachrichtenbildern unterlegten und als „Skandalreportage“ aufgemachten Prologsequenz des knapp halbstündigen Kurzspielfilms BODIES OF ARMED MATRIARCHY, den Julia Riedler und Anna Gschnitzer mit zahlreichen Ensemblemitgliedern der Münchner Kammerspiele realisiert haben.

In den Hauptstützpunkt der anti-patriarchalen Entwaffnungsorganisation - ein verwaister Gebäudekomplex aus Zeiten des Kalten Krieges, der über einen unterirdischen, sich tief in die Alpen grabenden Bunker verfügen soll -, hat es eine namenlose Reporterin, (verkörpert von Co-Regisseurin Riedler, bekannt aus Tilman Singers 80er-Italo-Horror-Hommage LUZ), verschlagen, die im Auftrag ihres Senders einen investigativen Bericht über die Umtriebe der militanten Matriarchinnen drehen soll. Zunächst wird sie von den BAM-Damen mit sprechenden Namen wie Ulrike Deingut, Brigitte Blumkopf oder – besonders schön – Rosa Lichtenstein einigermaßen zutraulich empfangen: Man führt die Journalistin über das weitläufige Gelände, lässt sie sowohl Körperertüchtigungsübungen wie Schulungen beiwohnen, die bei der BAM – in Abgrenzung zum patriarchal kompromittiertem Begriff des „Seminars“ – „Ovulare“ genannt werden, und wo die Mitglieder sich mit Themen wie Klassentheorie, Intersektionalität, Matriarchale Geschichte auseinandersetzen müssen, posiert vor laufender Kamera mit Handfeuerwaffen und skandiert Slogans à la „Dem Matriarchat die Waffen!“ Ebenso fasziniert wie verstört taucht unsere Heldin immer tiefer in den Gegenweltentwurf der BAM ein – und wird sexuell von der bereits erwähnten Rosa Lichtenstein angezogen, mit der sie sich unter dem Vorwand, tiefer ins matriarchale Milieu eintauchen zu wollen, an Schnaps und Joints gütlich tut. Als die Reporterin jedoch beginnt, den Alltag im BAM-Camp heimlich zu filmen und dabei, unter anderem, die Anlieferung eines Trucks voll Waffen einfängt, zieht sie sich das Misstrauen einiger Gruppenmitglieder zu, die in ihr eine verkappte Spionin vermuten…

„BAM ist Skandalreportage, Mockumentary, Liebesgeschichte und Absage an den stringenten, patriarchalen Plot“, bringen Riedler und Gschnitzer ihren Film selbst auf den Punkt und verraten in dieser Tagline bereits die ironische Distanz, die der Film zu seinem Sujet unterhält. Obwohl es schwerfallen dürfte, BAM einen feminismuskritischen Subtext unterzujubeln und ich mir ziemlich sicher bin, dass keine der Macherinnen zur Fraktion der Patriarchat-Fangirls zählt, nehmen Riedler und Gschnitzer einige Klischees, Feindbildvorstellungen, Phrasendreschereien des zeitgenössischen Feminismus augenzwinkernd aufs Korn, wenn die Amazonen im Interview beispielweise den Begriff des „Großen Austauschs“ ins Spiel bringen, ihn jedoch affirmativ als Austausch einer männlich dominierten Gesellschaft durchs Matriarchat verwenden, wenn während des gesamten Films Nachrichtenmeldungen davon berichten, dass die Polizei sowohl in Sachsen-Anhalt wie auch in Bayern bereits damit beginne, freiwillig ihre Waffen niederzulegen und sich dem matriarchalen Diktat zu unterwerfen, oder wenn die Chefin der BAM und ihre drei engsten Vertrauten in einer poppigen Montagesequenz offenkundig nach dem Vorbild von CHARLIE’S ANGELS inszeniert werden. Daneben ergeht sich der semi-professionelle Streifen auch im Spiel mit unterschiedlichen medialen Formen: Passagen, die aufgezogen sind wie eine Yellow-Press-Reportage treffen auf theatrale Spielszenen, bevor im Finale unter Einsatz bewusst billiger Effekte auch noch haarsträubender Trash umarmt wird - Stichwort: Eine gigantische Vagina als Satellitenschüssel, die die matriarchalen Vibes in den Äther blasen soll. Vorwerfen kann man BAM freilich eine gewisse Inkonsequenz in seinem medialen Irrgarten: Obwohl die Prämisse ja vorsieht, dass wir BAM als Pseudo-Dokumentation präsentiert bekommen, zieht der Film dies alles andere als kongruent durch und schon zu Beginn fällt unsere Heldin zunehmend aus ihrer Rolle, spricht mal direkt in die Kamera, (von der wir nie erfahren, wer sie eigentlich führt: ein Kameramann, eine Kamerafrau sind jedenfalls nie zu sehen), nur um dann wieder zu agieren, als existiere die sie permanent begleitende Linse gar nicht. Alles in allem ist BAM aber kurzweilig und kurios genug, um mir einen verkaterten Sonntag zu versüßen – und besonders amüsiert hat mich die Stimme der Chefin unserer Reporterin, die sie immer wieder per Handy in derbstem Schwäbisch zu immer heftigerem Enthüllungsjournalismus anfeuert…

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