Yojimbo, der Leibwächter - Akira Kurosawa (1961)

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Maulwurf
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Yojimbo, der Leibwächter - Akira Kurosawa (1961)

Beitrag von Maulwurf »

Yojimbo, der Leibwächter
Yôjinbô
Japan 1961
Regie: Akira Kurosawa
Toshirô Mifune, Eijirô Tôno, Kamatari Fujiwara, Takashi Shimura, Seizaburô Kawazu, Isuzu Yamada, Hiroshi Tachikawa, Kyû Sazanka, Tatsuya Nakadai, Daisuke Katô, Takuzô Kumagai, Shin Ôtomo


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Ein Mann kommt in eine Stadt, in der sich zwei Banden gegenseitig bekriegen. Der Mann spielt die beiden Banden gegeneinander aus und zieht um Geld und Erfahrungen reicher von dannen.

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Eine zutiefst persönliche Besprechung eines Films, den alle anderen bereits kannten …

Ich bin Italo-Western-Fan, nun schon seit mittlerweile fast 40 Jahren. Ich habe mich mit der Historie beschäftigt, mit den Geschichtchen aus der Kulisse, und kenne und liebe glaube ich von den Klassikern des Genres bis zu den faulen Äpfeln aus der hintersten Reihe eine Menge Spaghetti-Western. Und natürlich bin ich mit der anekdotischen Entstehung des Genres vertraut: Wie Sergio Leone das Remake eines japanischen Samurai-Films als Western plante, in Spanien mit einer Deutschen und einem Italiener in den führenden Nebenrollen und einem amerikanischen Hauptdarsteller, und wie dieser Amerikaner, der aus seinem Serieneinerlei zuhause ausbrechen wollte, am Hollywood Boulevard eine schwarze Jeans und einen Poncho kaufte, weil er glaubte dass dies die richtige Kleidung für seine Rolle wäre …

Nun habe ich das erste Mal das Original zu FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR gesehen: YOJIMBO, DER LEIBWÄCHTER. Ich habe das erste Mal Toshiro Mifune bewusst wahrgenommen und ihn als Schauspieler erleben können. Habe die starke Musik und die hinreißenden Kulissen bestaunen dürfen, die herrlich kaputt aussehenden Nebendarsteller, die feine Regie, die Mifune so viel Leben gestattet, und ich muss sagen: Ich habe den ersten Italo-Western entdeckt (und ja, ich weiß sehr wohl, dass Filme wie DIE SIEBEN SAMURAI oder DIE VERBORGENE FESTUNG vorher entstanden sind. Die habe ich aber noch gar nicht oder das letzte Mal vor rund 40 Jahren gesehen. Wie ich zu Beginn schrieb, eine ausgesprochen persönliche Besprechung …).

Und was Leone sich nicht alles abgeschaut hat aus diesem Samurai-Western: Die verhauenen Gestalten mit den Charakterfressen. Der Wind, der durch den kleinen Ort heult und soviel Einsamkeit und Trostlosigkeit, aber auch den permanenten Anstoß zur Gewalt enthält. Die Apotheose des Helden, der erst durch die Hölle muss, bevor er seine Rache an den Peinigern nehmen kann, und sogar diese Apotheose ist im ständig heulenden Wind des Todes bereits enthalten. Sogar das Stückchen Holz im Mundwinkel des Helden, das dann ein paar Jahre später zu einem Zigarrenstummel im Mund eines überzeugten Nichtrauchers wird. Und natürlich die moralische Verkommenheit des Helden, der eigentlich gar kein Held im klassischen Sinne ist, sondern einzig und allein um des Geldes willen handelt. Ein Gefühl für Anstand bringt ihn dazu, die Frau zu befreien, und dafür tötet er bedenkenlos sechs Männer. Im Jahre 2021 ist dies in Filmen der unterste mögliche Body Count, anders werden Filme heute nicht mehr als erfolgreich erachtet. Aber 1961?? Der fast namenlose Samurai tötet schnell und mitleidlos, er kennt weder Erbarmen noch zögert er beim Töten. Und als sein Hauptwidersacher stirbt hat er auch nur einen hämischen Kommentar parat – Ja, der Italo-Western der Jahre ab 1965 hat hier seine Ursprünge, und sie sind in fast jeder Szene zu finden. Wenn Toshiro Mifune durch den einsamen Ort läuft, dann könnte das auch genauso gut Tony Anthony sein, der ganz alleine gegen eine Übermacht kämpft, gleich welchen Preis er dafür zahlen muss. Hauptsache er bekommt das Geld und seine Rache …

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Interessant ist es zu sehen, wie Sergio Leone mit der Vorlage umging. Wo er die manchmal etwas langwierige und historisierende Handlung des Originals straffte um eine stringentere Erzählung zu bekommen, Wo er das schnelle und rücksichtslose Duell von YOJIMBO zu einem spannungsgeladenen Epos um ein Gewehr und eine Pistole erweiterte. Wo er die Düsternis und die Verlassenheit des japanischen Dorfes in einen Alptraum aus Sonne und Hitze umfunktionierte. Denn die Stimmung in diesem elenden und verlorenen japanischen Kaff, das den direkten Eingang in die Unterwelt darzustellen scheint, das hat Leone nicht ganz so perfekt hinbekommen. Auch ein Meister wie Sergio Leone musste erst lernen Filme zu drehen, und man muss dann schon auf Filme wie SATAN DER RACHE oder TÖTE, DJANGO zugreifen, um eine vergleichbare Atmosphäre zu erleben. Wenn die Bande vor dem brennenden Haus Ushi-Toras steht und jeden erschlägt der aus dem Inferno zu entkommen versucht, wenn der Wind die Rauchwolken zwischen die Männer bläst und Finsternis und Verzweiflung geradezu zu spüren sind, dann öffnet sich für den Zuschauer genauso die Pforte zur Hölle wie für den heimlich beobachtenden Samurai. Die Verderbtheit und Verkommenheit, die in dieser Szene aus jeder Pore ausgeschwitzt wird, ist diabolisch und so finster wie die Nacht. Mindestens. Kurosawa nimmt in dieser Sequenz die Politik des gesamten kommenden Jahrzehnts vorweg, und rotzt es dem entsetzen Zuschauer mitleidlos vor die Füße. Schau her, sagt er, schau her was wir mit Deinem zivilisatorischen Wohlstandsdenken machen werden …

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YOYIMBO ist ein unglaublich intensives und beeindruckendes Western-Abenteuer im Wilden Osten. Die Längen in der ersten Hälfte, die einer etwas zerfaserten Handlung und der Unkenntnis der japanischen Sitten und Geschichte entspringen, können geflissentlich übersehen werden, denn die Explosivkraft der zweiten Hälfte ist immens. Und Toshiro Mifune zeigt sich als wahrer Vorgänger von Franco Nero und Clint Eastwood, als Japan-Django, der für eine ganze Generation Filmhelden Pate stand, und der dabei auch noch, anders als die Djangos und Sartanas, eine menschliche Seite zeigt und damit als Identifikationsfigur taugt. Mifune ist cool, er ist verdammt cool, er ist so cool, dass er den ihn beobachtenden Freudenmädchen die Zunge rausstrecken kann ohne auch nur ein Quäntchen seiner Aura zu verlieren, aber er ist kein Übermensch. Kein Halbgott mit seiner Waffe, sondern der ganz normale Samurai von nebenan. Und damit gleich noch einmal so beeindruckend …

Wie gesagt, eine persönliche Besprechung. Nach 40 Jahren Filmleidenschaft verstehe ich, warum Akira Kurosawa so groß gefeiert wird. Auch wenn ich nicht weiß, ob die arrivierten Kritiker des Kulturbetriebes so viele Italo-Western gesehen haben wie ich …

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Zuletzt geändert von Maulwurf am Mi 5. Jan 2022, 09:36, insgesamt 1-mal geändert.

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sergio petroni
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Re: Yojimbo, der Leibwächter - Akira Kurosawa (1961)

Beitrag von sergio petroni »

Toller Film, tolle Besprechung!
Kleine Anmerkung noch bezüglich der Vorlage: "Yojimbo" liegt ganz offenbar der
Roman "Rote Ernte" von Dashiell Hammett zugrunde, was aber von Kurosawa bestritten wird.
Zudem bedienen sich sowohl Kurosawa als auch Leone an Stilmitteln aus amerikanischen
Western aus den 1950ern (John Ford, etc.).
DrDjangoMD hat geschrieben:„Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach – es wankt der Grund auf dem wir bauten.“

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Maulwurf
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Re: Yojimbo, der Leibwächter - Akira Kurosawa (1961)

Beitrag von Maulwurf »

sergio petroni hat geschrieben:
Mi 5. Jan 2022, 09:33
Toller Film, tolle Besprechung!
Vielen Dank! :verbeug:

sergio petroni hat geschrieben:
Mi 5. Jan 2022, 09:33
Kleine Anmerkung noch bezüglich der Vorlage: "Yojimbo" liegt ganz offenbar der
Roman "Rote Ernte" von Dashiell Hammett zugrunde, was aber von Kurosawa bestritten wird.
Leider nie gelesen :oops:

sergio petroni hat geschrieben:
Mi 5. Jan 2022, 09:33
Zudem bedienen sich sowohl Kurosawa als auch Leone an Stilmitteln aus amerikanischen
Western aus den 1950ern (John Ford, etc.).
Die liegen jetzt im Lauf der nächsten Jahre noch vor mir. Das ist weitgehend noch Neuland für mich :oops: :oops: :oops:

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