Inflatable Sex Doll of the Wastelands - Atsushi Yamatoya (1967)

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Maulwurf
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Inflatable Sex Doll of the Wastelands - Atsushi Yamatoya (1967)

Beitrag von Maulwurf »

Inflatable Sex Doll of the Wastelands
Kôya no datchi waifu
Japan 1967
Regie: Atsushi Yamatoya
Miki Watari, Yûichi Minato, Shôhei Yamamoto, Masayoshi Nogami, Noriko Tatsumi, Mari Nagisa, Akaji Maro, Taka Ôkubo, Hatsuo Yamatani


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Italo-Cinema (Gerald Kuklinski)

Der Killer Sho wird vom Geschäftsmann Naka in die Stadt gerufen. Sho soll Nakas Mädchen, das bereits seit einem halben Jahr in der Gewalt des Gangsters Ko ist, befreien. Sho hat sowieso noch eine ganz alte Rechnung mit Ko offen, hat dieser doch vor 5 Jahren Shos Mädchen getötet, und seitdem jagt er Ko erbarmungslos. Jetzt wird es zur Konfrontation kommen. Nur einer wird überleben. Morgen um 3 Uhr werden sie sich zum Showdown treffen. Im Saloon. Um 3 Uhr …

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Ein Western. Männer die wie Cowboys auftreten. Die Handschuhe ohne Finger tragen, um die Waffe besser im Griff zu haben. Die, bevor sie einer Frau den Hintern versohlen und sie fast ertränken, noch mal ihren Hut geraderücken. Männer, die einen tödlichen Hass aufeinander haben, und in einer Stadt aufeinander treffen, um diesen Hass zu einem Ende zu bringen. Und es ist gleich, ob diese Stadt Tombstone heißt oder Tokio. Das Duell zwischen den Kontrahenten findet pünktlich um 3 Uhr im Saloon statt, und man hört geradezu die Uhr ticken in ihrem unerbittlichen Lauf, zusammen mit der sich Spieluhr deren Melodie erbarmungslos ihrem Ende entgegenklingt. Wenn Ko und Sho (Jack und John? Jeff und Hank? Tim und Slim?) das erste Mal im Saloon aufeinandertreffen werden noch Worte ausgetauscht. Man trinkt etwas (Whisky, was sonst?), man droht sich, man verabredet sich zum Sterben, während im Kino ein paar Straßen weiter EINE FLUT VON DOLLARS läuft. Ein Western.

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Ein Gangsterfilm. Ein Killer kommt in die Stadt um eine alte Rechnung zu begleichen und um einen Auftrag auszuführen. Und so, wie der Gangsterfilm sowieso nur die Übertragung der Westernmythen in die moderne Großstadt ist, so ist INFLATABLE SEX DOLL auch nichts anderes als die Weiterführung ebendieser alten Geschichten mit modernen Mitteln. Es wird telefoniert, es gibt geheimnisvolle Gegensprechanlagen, die Mädchen werden mit Drogen abgefüllt, und die Pistolen sind keine Revolver mehr sondern moderne Pythons. Gegenüber dem Western bietet der Gangsterfilm aber oft mehr Twists und mehr verschachtele Ebenen. INFLATABLE SEX DOLL trägt dem Rechnung, indem hier nichts so ist wie es scheint. Ist Naka nur ein Immobilienmakler, der Yakuzas in die Quere gekommen ist? Ist Ko wirklich ein böser Gangster der Frauen quält? Ist Sho allen Ernstes ein aufrechter Rächer? Ist Mina tatsächlich nur die dumme Hure, die Sho in eine Falle locken soll? Oder ist das alles vielleicht ganz anders? Ein Gangsterfilm, gedreht in wunderschönem Schmuddel-Schwarzweiss, um die Nähe zu den großen amerikanischen Gangsterepen noch zu betonen. Und deren Hard-Boiled-Aussage zu überhöhen und in ihr Gegenteil zu verkehren. Und über das Pflaster auf Kos Nase hat Polanski dann später sogar einen ganzen Film gedreht. Ein Gangsterfilm.

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Nouvelle Vague. Die Dekonstruktion überlieferter filmischer Traditionen und das Aufbrechen althergebrachter narrativer Elemente. Wenn Sho erzählt was er erlebt hat, dann sehen wir dies als schnell erzählte kleine Rückblende in dahingehuschten Szenen. In Momenten wie leichten Pinselstrichen. Das gleiche gilt für Kos Erzählungen, aber trotzdem wissen wir nie, welche dieser Geschichten denn richtig ist. Rashomon ist unter die Gangster gefallen, und er verwirrt den Zuschauer mit seiner Vielzahl angebotener Möglichkeiten. Das Stilmittel, das Quentin Tarantino 30 Jahre später so viel Aufmerksamkeit sicherte, nämlich eine Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Lösungen zu erzählen, mögliche(!) Entwicklungen einer Handlung bereits zu bebildern, hier ist es bereits vorhanden. Treibender Free Jazz untermalt leere Menschen in einer leeren Umgebung, die sich wie Ameisen bewegen und die zerstörerische Dinge tun. An anderen, aber auch an sich. Es gibt kein Morgen, nur das Heute. Und das ist mit Tod gefüllt. Assoziative Bilder werden von fremden Geräuschen überlagert. Die Western-Atmosphäre des Gangsterfilms mischt sich mit dem nervösen Saxophon der Tonspur und der Sexpuppe im Bild. Was davon ist Wirklichkeit? Das Klingeln des Telefons? Novuelle Vague.

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INFLATABLE SEX DOLL ist ein Western, der mit den Mitteln der Nouvelle Vague einen Gangsterfilm mit leicht erotischem Unterton erzählt. Zwar tauchen immer wieder Ansichten nackter Frauen auf, dies aber eher beiläufig und oft artifiziell. Die Frauen sind hier eher die Sexpuppen aus dem Titel, die nur zur Belustigung und zum Gebrauch da sind. Sae, das entführte Mädchen, dämmert beispielsweise in Katatonie dahin und wacht nur auf, wenn die Kamera läuft und sie missbraucht werden soll. Wie eine Schauspielerin. Oder wie eine Sexpuppe. Entsprechend werden am Ende des Films Huren gezeigt, die wie Schaufensterpuppen in ihren Zimmern liegen, und dem Blick der Kamera genauso ausgeliefert sind wie dem Gebrauch der Männer, und der Unterschied zwischen dem künstlichen und dem lebendigen Objekt verschwimmt zunehmend. In dieser Gesellschaft haben die Frauen keinen Stellenwert, das wird uns erzählt, und doch sind die wenigen Frauen in INFLATABLE SEX DOLL diejenigen Charaktere, die die Handlung überhaupt erst in Gang bringen oder entscheidend beeinflussen, während die Männer sich zum Affen machen und wie die Filmhelden aus den amerikanischen Filmen sich gegenseitig töten wollen. Sich lächerlich machen in einer Welt, die dem aufgesetzten Gehabe und der Künstlichkeit verpflichtet ist. Vielleicht müssen deswegen auch die Frauen künstlich sein: Damit sie nicht die Spiele der Männer stören können …

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INFLATABLE SEX DOLL ist ein ganz frühes Beispiel eines Pinku Eiga, wenngleich von der erotischen Seite her auch äußerst zurückhaltend, der so vollgestopft ist mit Referenzen in beide Richtungen der Zeit, dass einem fast schwindlig werden kann. So viele Ideen wurden später von italienischen und amerikanischen Regisseuren aufgegriffen. So viele Ideen von Regisseuren wie Akira Kurosawa (die Platzierungen der Figuren in der Geschichte), José Bénazéraf (die Musik) oder Sejiun Suzuki (der Stil) werden hier verarbeitet und zu etwas Neuem und sehr spannendem transformiert. Ein Genrefilm mit intellektuellem Anspruch. Ein Arthouse-Film mit Gewalt, Sex und Thrill. Ein Film wie er Spaß macht auf mehr …

8/10

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