Drive my Car - Ryûsuke Hamaguchi (2021)

Moderator: jogiwan

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fritzcarraldo
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Drive my Car - Ryûsuke Hamaguchi (2021)

Beitrag von fritzcarraldo »

Drive my car
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275488544_2579404498857425_6043615085970059387_n.jpg (68.29 KiB) 124 mal betrachtet
(Cinema im Ostertor Bremen) (OmU)
(Doraibu Mai kâ)
(Japan 2021) (177 Minuten)
Regie: Ryûsuke Hamaguchi
Nach Haruki Murakami.
Mit:
Hidetoshi Nishijima
Tôko Miura
Reika Kirishima
Yoo-rim Park
Dae-Young Jin
Sonia Yuan
Satoko Abe
Masaki Okada
Perry Dizon
Ann Fite
Eine Frau und ein Mann. Verheiratet. Sie schreibt Drehbücher für TV-Serien und er ist Theater-Schauspieler und Regisseur. Sie sind scheinbar glücklich verheiratet und ergänzen sich privat wie auch beruflich. Eines abends bekommt er mit, dass sie mit einem jüngeren Schauspieler schläft. Er sagt aber nichts. Wochen später stirbt sie an einem Hirnschlag.
Nach 40 Minuten setzen die Filmtitel ein. Die Zusehenden wissen durch den beschriebenen Prolog zwar schon einiges, aber eigentlich beginnt jetzt ein neuer Film. Weitere 137 Minuten folgen, die aber für mich fast wie im Flug vergingen. Zum Prolog werden jetzt weitere Details ergänzt. Und auch neues wird hinzugefügt. Wir sehen Kafuku, den Mann aus dem Prolog, der "Onkel Wanja" am Theater in Hiroshima inszenieren soll. Seine Spezialität ist, dass alles multilingual inszeniert wird. Es wird japanisch, englisch, koreanisch, Mandarin, koreanische Gebärdensprache und Schwyzerdütsch gesprochen. Allein dies mit anzusehen bzw. anzuhören ist eine wahre Freude. Darüberhinaus geht es aber um die Beziehungen untereinander. Reden, Verstehen, Zuhören. Vor allem Zuhören. Es gibt lange, sehr lange Monologe. Erklärungen der einzelnen Charaktere. Das ist vor allem eines. Sehr faszinierend. Zuhören. Besonders auch dann, wenn Kafuku alte Kassetten mit der Stimme seiner verstorbenen Frau hört, die sie für ihn aufgezeichnet hat. Für mich persönlich war Drive my Car eine Art Meditation über Beziehungen, Liebe, Sexualität, Freundschaft, Trauer, Vergebung, Auto fahren, Kultur, hier im speziellen Theater, Schauspiel aber auch Architektur.
"Das Leben ist noch verrückter als Scheiße!" (Es war einmal in Amerika)

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karlAbundzu
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Re: Drive my Car - Ryûsuke Hamaguchi (2021)

Beitrag von karlAbundzu »

Im Kino OmU.
Eine Haruki Murakami Verfilmung über einen Theaterregisseur. Dessen Leben wird von manchem Schicksalsschlag getroffen. Und nun soll er Onkel Wanja in Hiroshima inszenieren.
Da hört man schon gleich die Bildungsschiene: Europäische Literatur, neben Tschechow Samuel Beckett, und die Hauptfigur heißt Kafuku. Er fährt einen Saab Turbo, Zentraleuropäische Bauweise, also für Rechtsverkehr gebaut. Der Titel verweisst auf die Beatles. Die andere Referenzgröße ist der amerikanische Film: Die Figur des Drivers (wenn auch hier von einer jungen Frau dargestellt) ist ja ein klassischer US-Mythos, in den letzten Jahren wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt.
Aber eben auch eine dynamische Figurenentwicklung, die neben den tragischen Aspekten auch tatsächlich schönes und auch humorvolles hat, wenn auch versteckt und eher absurd.
Die Schauspieler und das Buch nahmen mich voll mit, gerade Toko Miura als Fahrerin hat mich fasziniert. Ryusuke Hamaguchi geleitet uns durch diesen Kosmos.
Der Soundtrack ist wunderschön und wird selten und unauffällig eingesetzt, wohl von Eiko Ishibashi, anscheinend mit der Hilfe von Jim O'Rourke, hört man.
Der Film ist lang, die erste Halbe Stunde ist sozusagen die Einführung und stellt die Grundkonstellation dar, dann kommt der Vorspann.... Aber eben nicht zu lang, ich war verwundert, dass das drei Stunden gewesen sein soll. Und das bei einem Film, der auf ruhige Einstellungen und Dialogen baut.
Apropos Dialoge: Der Regisseur im Film ist streng in seiner Konstruktion und offen im Gebrauch von Sprache. So nutzt er immer mehrsprachiges, bei Beckett gibt es Übertitel in verschiedenen Sprachen, zu Onkel Wanja holt er ein internationales Ensemble, es wird Japanisch, Englisch, Mandarin, Koreanisch und sogar koreanische Gebärdensprache genutzt. Die Schauspieler verstehen sich untereinander zum Teil nicht. So wird auf eine Ebene der Sprache verwiesen, die über der Wortbedeutung hinaus geht.
Und auch noch politisches, die Auswahl der Orte ist eben nicht zufällig.
Klare Empfehlung.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.

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