DPRK: The Land of Whispers - Matt Dworzancyk (2013)

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Salvatore Baccaro
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DPRK: The Land of Whispers - Matt Dworzancyk (2013)

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Originaltitel: DPRK: The Land of Whispers

Produktionsland: Vietnam/Nordkorea 2013

Regie: Matt Dworzancyk


Abt. Salvatores kleine Nordkorea-Reise

Das Land des Flüsterns wird die Demokratische Volksrepublik Nordkorea genannt, weil die Leute dort Angst hätten, ihre Gedanken laut auszusprechen, denn das könne ihnen den Kopf kosten oder zumindest eine lange Zeit in einem der gefürchteten (und von der Regierung niemals eingestandenen) Umerziehungs- und Arbeitslager einbringen. So berichtet jedenfalls der Regisseur vorliegender einstündiger Dokumentation, der eigentlich Matt Dworanzyck heißt, sich für DRPK: THE LAND OF WHISPERS allerdings (aus mir unerfindlichen Gründen) das Pseudonym Chrystian Cohen zugelegt hat. Zu Beginn begrüßt uns der junge Mann in seiner Wohnstube, um in Erinnerungen an seine kleine Nordkorea-Reise zwei Jahre zuvor zu schwelgen: Eigentlich sei es gar kein Hexenwerk gewesen, die Weichen dafür zu stellen, einen Ausflug in Kim Jong-uns Märchenreich unternehmen zu dürfen, erklärt er. Er habe sich ganz problemlos bei einer Guided Tour angemeldet, die der einzige Weg für Ausländer seien, einen Fuß auf nordkoreanischen Boden zu setzen. Nach den scheinbar wenig komplizierten Anmeldemodalitäten sei er sodann mit einer Gruppe weiterer westlicher Zaungäste per China in die Volksrepublik eingeflogen worden, wo er sodann für mehrere Tage unter Aufsicht von drei Reiseleitern von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten verfrachtet worden sei. Selbst die Erlaubnis, seinen ungewöhnlichen Urlaub mit dem Camcorder festhalten zu dürfen, haben ihm die Verantwortlichen zugestanden – sofern er sich denn an drei Grundregeln halte: 1. Unter keinen Umständen dürfe er die einheimische Bevölkerung filmen, denn diese reagiere allergisch darauf, von der Kameralinse eines Ausländers anvisiert zu werden, (nicht etwa, dass die nordkoreanische Regierung ein Interesse daran hätte, dass keine Aufnahmen der realen Lebensbedingungen ihrer Untertanen an die Weltöffentlichkeit gelangen.) 2. Sollte er eine Zeitung in die Hände bekommen, in der Bilder von Staatsgründer Kim Il-sung, seinem Sohn und Nachfolger Kim Jong-il sowie dem amtierenden Regenten Kim Jong-il abgedruckt seien, müsse er diese wie ein rohes Ei behandeln, dürfe sie nicht falten oder gar zerfleddern, (was deshalb für alle Zeitungen gilt, weil Dworanzyck in jeder einzelnen, die ihm in die Finger gerät, Photographien der drei Kims entgegenblicken.) 3. Wenn er Monumente filme, müsse Dworanzyck dies auf eine realistische Weise tun, sprich, das Monument müsse stets in Gänze zu erkennen sein, er müsse darauf verzichten, sich auf Details zu fokussieren, und sollte immer die Froschperspektive wählen, um die wahre Größe des jeweiligen Denkmals nicht zu unterminieren. Klingt doch eigentlich ganz simpel, dieses Regelwerk, oder? Unser Regisseur allerdings versteht es wie kein Zweiter, sich nicht an die ihm vor Beginn der Reise eingetrichterten Gesetze zu halten und handelt sich mehr als einmal Ärger mit seinen Reiseleitern und der lokalen Bevölkerung ein, wenn er immer wieder versucht, doch heimlich Passanten zu filmen, das menschenleere Hotel, in dem er untergebracht ist und über dessen Schwelle er nur in Begleitung eines seiner Aufpassers übertreten darf, auf eigene Faust zu verlassen, oder die Guides auch schon mal ganz direkt mit heftiger Staatskritik konfrontiert, namentlich dem Bombardement einer südkoreanischen Militärbasis wenige Monate zuvor.

Manchmal führen Dworanzycks Provokationen zu interessantem Bildmaterial, wenn er beispielweise den Kontakt zu einer Gruppe Kinder hinter dem Zaun eines Privatgrundstücks aufnimmt, die, mutmaßt er, nie in ihrem Leben einen Nicht-Koreaner gesehen haben, ihnen zuwinkt, offensiv die Kamera auf sie richtet, - nur um dann zum wiederholten Mal genau diese Kamera von einem der Reiseleiter beiseite geschlagen zu bekommen. Oft genug aber habe ich Dworanzycks Punk-Attitüde als wenig zielführend empfunden – ich meine, was bringt es denn, wenn man versucht, einen Nordkoreaner, der einem soeben zu Fuße einer überlebensgroßen Statue Kim Jong-ils erklärt hat, der Große Führer sei der bescheidenste Mensch auf Erden gewesen und habe dieses Monument gar nicht errichtet sehen wollen, nur sei eben das Volk so begierig darauf gewesen, ihrem Leitstern ein derartiges Denkmal zu setzen, damit aufs Glatteis zu führen, dass man nachhakt, weshalb denn die Statue nicht hohl sei, sondern durch ihr solides Innenleben noch teurer geworden sei als sowieso schon? Überhaupt scheint es so zu sein, dass Dworanzyck bereits ein relativ formvollendetes, vorgefertigtes Bild von Nordkorea im Kopf hatte, als er seine Reise antrat, und dieses im Grunde nur noch bestätigt sehen wollte: Sicherlich mögen einige der Vorurteile, die der Reisefilmer im Gepäck hat, durchaus zutreffen, doch zuweilen wirkt THE LAND OF WHISPERS dann doch eher wie die vollmundige Bestätigung einer These, die man sowieso nicht hätte über den Haufen werfen wollen, komme, was da wolle. Von einem Werk wie beispielweise Sung-Hyung Chos MEINE BRÜDER UND SCHWESTERN IM NORDEN, dem es tatsächlich ein Anliegen scheint, sich auf die Perspektive des nordkoreanischen Volks einzulassen, ohne sich über sein Sujet zu erheben, sich darüber zu mokieren oder lustig zu machen, scheint THE LAND OF WHISPERS jedenfalls meilenweit entfernt, was nicht nur an der eher deplatziert anmutenden musikalischen Untermalung liegt, (die sich zusammensetzt aus Karaoke-Versionen zeitgenössischer Alternative-Rock- oder Electro-Songs), sondern an der Omnipräsenz von Dworanzyck selbst: Wo Regisseurin Sung-Hyung Cho wie selbstverständlich hinter den Protagonisten ihres Films zurücktritt, spielt sich Dworanzyck andauernd selbst in den Vordergrund, weshalb THE LAND OF WHISPERS dann auch über weite Strecken eher wirkt wie ein rein subjektives Reisetagebuch denn wie eine wirklich ernsthafte Auseinandersetzung mit den Zuständen und den Menschen des Landes, das bereist wird. Auch wenn es natürlich auch hier einige bizarre Szenen zu bewundern gibt, bei denen man gar nicht weiß, ob man sich an ihrem nicht intendiertem Surrealismus weiden oder erschrocken davor zurückprallen soll – darunter ein Auftritt singender und tanzender Kinder in Lederhosen und Dirndln direkt aus der Hölle oder einer der Reiseleiter, mit dem sich Dworanzyck dann doch ein bisschen anfreundet und dem er während der Fahrt seinen Mp3-Player leiht, worauf er zum ersten Mal sowohl mit Rammstein wie mit John Lennon akustische Bekanntschaft schließt–, zeugt es doch von einer gewissen Eindimensionalität, dass THE LAND OF WHISPERS seine Außenperspektive zu keinem Zeitpunkt verlässt, und unterm Strich nur einen Beweis dafür liefert, dass alle Horrormeldungen, die wir aus westlichen Medien über Nordkorea kennen, vollumfänglich wahr sind.

Immerhin scheint mir die Tagline des Streifens nach allem, was ich nunmehr bereits über die DPRK gelernt habe, recht treffend zu sein: North Korea lies somewhere between a 1930s Soviet Union frozen in time and a dark, futuristic vision of society... as imagined back in the 70s.

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