Privilege - Yvonne Rainer (1990)

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Salvatore Baccaro
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Privilege - Yvonne Rainer (1990)

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Originaltitel: Privilege

Produktionsland: USA 1990

Regie: Yvonne Rainer

Cast: Yvonne Rainer, Novella Nelson, Blaire Baron, Alice Spivak, Daniel Martin Berkey, Tyrone Wilson, Gabrielle Made


PRIVILEGE beginnt wie eine recht konventionelle Dokumentation zum Thema Menopause. Regisseurin Yvonne Rainer interviewt eine Reihe von Frauen zur Frage, was sich in ihrer Selbstwahrnehmung, was sich in ihrer Fremdwahrnehmung verändert habe, seitdem sie nicht mehr menstruieren. An sich wäre das für einen Film Anfang der 90er bereits ein revolutionäres Sujet, denn: Wie viele Dokumentationen gibt es denn allein heutzutage, die sich mit dem Ende des weiblichen Monatszyklus befassen, oder generell das Thema Menstruation in den Fokus rücken?

Aber Rainer, die sich vor allem als Choreografin postmoderner Tanztechniken einen Namen gemacht hat, bleibt dabei freilich nicht stehen. Schon bald wird ihr Film PRIVILEGE quasi von einem zweiten Film, der ebenfalls PRIVILEGE heißt, gekapert, kontaminiert, durchstoßen. Bei diesem wiederum führt Yvonne Rainers alter ego Yvonne Washington Regie. Interviewt werden zunächst dieselben Frauen zum gleichen Thema: Yvonne Washington allerdings ist, im Gegensatz zur weißen Yvonne Rainer, eine Afroamerikanerin, (was sich einem jedoch erst nach geraumer Zeit eröffnet, so wie ich auch einige Zeit gebraucht habe, um zu begreifen, dass PRIVILEGE sozusagen aus zwei eigenständigen, sich allerdings permanent gegenseitig kommentierenden und/oder durchkreuzenden Filmen besteht.)

Aber auch hier bleibt Rainer noch nicht stehen, sondern verlässt alsbald das Dokumentarfilm-Terrain zugunsten expliziter Spielfilmstrukturen. Eine Frau namens Jenny verliert sich im Interview mit Yvonne Washington in Erinnerungen an ein ihr Leben entscheidend prägendes Ereignis von vor vielen Jahren. Per Rückblende katapultiert uns PRIVILEGE nunmehr ins New York der 1960er, wo sich folgende Geschichte abspielt: Jenny ist mit einer weißen lesbischen Nachbarin namens Brenda befreundet, die ein weiterer Nachbar, der Puertoricaner Digna, zu vergewaltigen versucht, der auch bereits seiner Freundin Digna eine schwere, weil von häuslicher Gewalt geprägte Beziehung beschert. In der sich nunmehr entspinnenden fitkionalen Handlung verhandelt PRIVLEGE solche Dinge wie Klassenunterschiede, Rassismus, Feminismus, wobei wir Carlos‘ Vergewaltigungsversuch, Jennys Reaktion und den anschließenden Gerichtsprozess, in dessen Verlauf beispielweise Digna in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen wird und Carlos im Gefängnis landet, nicht allein aus der Ego-Perspektive unserer Erzählerin Jenny präsentiert bekommen, sondern nahezu sämtliche involvierte Personen Monologe direkt in die Kamera halten: Digna angetan in einer Zwangsjacke in ihrer Anstaltszelle; Jenny sowohl in ihrer dreißig Jahre jüngeren Version wie als Gegenwartsperson, die retrospektiv auf den Vorfall zurückblickt; Carlos in der halbfertigen Kulisse eines Filmstudios. Nicht zuletzt schalten sich auch immer wieder die beiden Yvonnes ins Geschehen ein – mittels Zwischenfragen, Anmerkungen oder eigenen Monologen, die das narrative Garn noch zusätzlich verwirren.

Yvonne Rainers Absicht ist durchaus klar zu erkennen: Offenkundig soll PRIVILEGE, wie bereits der Titel vermuten lässt, davon handeln, welche Gesellschaftsschichten der USA Anfang der 90er mit welchen Privilegien gesegnet sind, wie diese Privilegien unweigerlich dazu führen, dass man unbeabsichtigt zum Opfer oder zum Täter wird, wie aber auch die kritische Auseinandersetzung mit diesem oder jenem Privileg, sei es nun Rasse, Geschlecht oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse, einen blind werden lassen kann für Privilegien, mit denen man sich bislang nicht kritisch auseinandergesetzt hat oder nicht kritisch auseinandersetzen möchte. Dabei wirft Rainer so ziemlich alles ineinander, was aus ihrer (dezidiert feministischen) Sicht die Welt daran hindert, ein besserer Ort zu sein: Ableismus, die Benachteiligung alter Menschen, das Patriarchat in seinen diversen Ausformungen, ein weißer Feminismus, der Scheuklappen aufsetzt, wenn es um die Belange indigener Frauen geht, nicht zuletzt auch eine in Sicherheit wiegende und Banalitäten reproduzierende Mainstream-Filmindustrie, von der sich PRIVILEGE allein durch die genannten strukturellen und ästhetischen Disruptionen brüsk abwendet.

Genau diese strukturellen und ästhetischen Frontalangriffe auf alles, was Filme gemeinhin konsumierbar macht, ist dann aber auch der Grund dafür, dass mir PRIVILEGE vorkommt wie der härteste Brocken, den ich seit langem schlucken musste. Teilweise wirkt Godard selbst in seiner marxistischen Phase wie ein Waisenknabe, wenn Rainer ihre Figuren beliebig nachsynchronisiert und dabei beispielweise einer Frau die Stimme einer anderen Frau oder eines Mannes in den Mund legt, wenn Rainer minutenlang Texte, bei denen es sich sowohl um Passagen aus Büchern feministischer Autorinnen, aber auch um persönliche Zeugnisse zu Themen wie Rassismus oder Klassismus handelt, ohne Ton auf dem Bildschirm eines archaischen Apple-Computers ablaufen lässt, wenn Rainer den Abspann fast zwanzig Minuten vor Filmende in Gang setzt und uns zwischen den Stabangaben kontextlose Bilder irgendeiner Party vorführt. Auch wenn es gerade bei der Interaktion der Interviewerinnen in der Gegenwart und den ausufernden Flashbacks den einen oder anderen komischen Moment gibt – (wenn Yvonne Washington zum Beispiel aus dem Off fragt, wer denn der Typ sei, mit dem Jenny innerhalb der Rückblende beim Sex zu sehen ist – „Who the hell is that?“ – und Jenny, die Frage falsch verstehend, antwortet, dass das doch sie selbst sei, nur eben vor dreißig Jahren) –, steht PRIVILEGE auf eine Art und Weise mit dem Rücken zu seinem Publikum, die mich umso mehr verwundert, wo man doch davon ausgehen muss, dass es Yvonne Rainer primär darum geht, bestimmte Themen, Standpunkte, Stimmen in die Öffentlichkeit zu hieven, - aber wie soll das gelingen, wenn ihr Streifen derart spröde und nachgerade störrisch ausgefallen ist? Ich jedenfalls fühlte mich nach einhundert Minuten Laufzeit regelrecht erschlagen…

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