Hannah House - Chad Smith, Max Smith (2002)

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Salvatore Baccaro
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Hannah House - Chad Smith, Max Smith (2002)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Originaltitel: Hannah House

Produktionsland: USA 2002

Regie: Chad & Max Smith

Darsteller: Summer Sawyer, Steve Millin, Dave Mrkvicka, Cecilia Johnson, Max Smith, Duane Richardson, Dea Webb, Chelsea Graham


Die nordamerikanische Prärie um 1900: Nach anfänglichem Zögern nimmt das junge Ehepaar Anna und Jobe doch das Angebot an, das ihnen von Annas Cousine Mary Jo und deren Gatten Casper unterbreitet wird: Ganz in der Nähe des Farmhauses, das Mary Jo und Casper bewohnen, steht ein weiteres Gehöft leer, nachdem die vorherigen Besitzer, eine Familie mit zwei Töchtern, unter rätselhaften Umständen zu Tode gekommen sind. Sollten Anna und Jobe sich dieses Bauernhofs anzunehmen, würde die zuständige Gemeinde ihn dem Pärchen nahezu kostenlos überlassen. Da Anna schwanger ist und Jobe sich sowieso nach einem Neuanfang fernab der Großstadt sehnt, packt man schließlich seine Bündel und reist in den Wilden Westen, wo unsere Helden eine menschenfeindliche Natur, ein permanent sausender, staubtrockner Steppenwind sowie eine überschaubare evangelikale Gemeinschaft erwarten, in deren Mitte der allsonntägliche Kirchgang das einzige Ereignis darstellt, das einen wenigstens ein bisschen dem schweißtreibenden Arbeitstrott entreißt. Tatsächlich stellt sich bald heraus, dass Jobe dem harten Siedlerleben nur bedingt gewachsen ist: Zunehmend greift Annas Mann zur Flasche, beginnt, seine Liebste und das inzwischen zur Welt gebrachte Kind zu vernachlässigen, reagiert abweisend auf die Sorgen, die Anna alsbald umtreiben – denn während ihr Mann auf dem Feld schuftet und sie das öde Farmhaus hütet, schleichen sich zunehmend alptraumhafte Visionen an die junge Frau heran, in denen federführend die innerhalb der vier Wänden am Strang gestorbene Familienmutter Hannah auftritt, um, wie es den Anschein erweckt, Anna auf irgendein schreckliches Geheimnis hinzuweisen und/oder sie vor einem bevorstehenden Unglück zu warnen. Neben Jobes Ohren sind auch die Mary Jos, Capsers und des lokalen Pastors verstopft gegenüber Annas wachsender Panik – selbst dann noch, als zunehmend Schlangen dem Farmhaus regelmäßige Besuche abzustatten beginnt...

Aus zweierlei Gründen macht es wenig Sinn, noch mehr über den Plot des 2002 von den Brüdern Chad und Max Smith realisierten experimentellen Horrorfilm HANNAH HOUSE verraten zu wollen: 1) Bei HANNAH HOUSE gilt das Prinzip „Style over Substance“, sprich, die Handlung des Films ist dem spezifischen ästhetisch-technischen Anstrich konsequent untergeordnet, was zur Folge hat, dass sich der Streifen im Grunde lediglich während seiner ersten Hälfte an etwas entlanghangelt, das einer klassischen Narration gleicht, diese aber zunehmend über Bord wirft, um sich vor allem in seinem letzten Drittel in assoziativ wirkenden Schreckensbildern zu ergehen, die, wenn überhaupt, von der flächendeckenden Zerstörung vertrauter Erzählkategorien handeln, 2) Mir ist es schlicht nicht möglich gewesen, aus dem Bildersturm, den HANNAH HOUSE spätestens ab Erreichen der Laufzeithälfte vom Stapel lässt, etwas zu destillieren, das ich in irgendeiner Weise als logisch, kohärent, nacherzählbar beschreiben könnte, und selbst einige Details der oben skizzierten Prämisse beruhen lediglich auf Mutmaßungen und Spekulationen meinerseits anstatt darauf, dass der Film mir diese als Faken präsentiert hätte. Um zu erklären, woran das liegt, muss man endlich auf das Alleinstellungsmerkmal von HANNAH HOUSE zu sprechen kommen, den eigentlichen Gimmick des Films, der den Machern wichtiger gewesen zu sein scheint als das Nachverfolgen einer stereotypen Gruselgeschichte. HANNAH HOUSE ist ein Stummfilm. Nahezu sämtliche Dialoge, (bis auf zwei, drei irritierende Ausnahmen), werden per Texttafeln artikuliert. Gedreht wurde HANNAH HOUSE in einem verwaschenen Sepia-Look, zudem nachträglich mit massenweise Bildartefakten überhäuft, die das Material älter wirken lassen als es tatsächlich ist: Es gibt vermeintliche Verunreinigungen der Kameralinse, oftmals beginnt das Bild zu hüpfen, als sei das analoge Ausgangsmaterial beschädigt, man arbeitet mit technischen Trademarks des frühen Kinos wie Lochblenden oder primitiven Überblendungen.

Dennoch würde niemand, wenn auch noch so unbedarft, was Kinogeschichte angeht, HANNAH HOUSE für einen authentischen Film aus den 20ern oder frühen 30ern halten: Vor allem die Art und Weise, wie die Smiths mit ihrer Kamera hantieren, weist das Werk als eindeutig jüngeren Datums aus, und wen der Einsatz von Handkameras oder abrupte Wechsel von Totalen zu Großaufnahmen nicht stutzig machen sollten, der wird spätestens bei den computergenerierten Effekten stutzig werden, mit denen HANNAH HOUSE seine Schockszenen bestreitet. Gerade letztere sind dann auch ein Grund dafür, dass ich den Film nicht so innig in mein Herz schließen konnte wie ich mir das vielleicht gewünscht hätte: Ja, ich mag es, wie Chad und Max Smith die Prärie inszenieren, diesen ständig blasenden Wüstenwind, der Score, der in seinen besten Momenten klingt wie Gothic-Horror-Country-Musik, die vegetative und emotionale Trostlosigkeit, die die blassen Bilder evozieren; ich mag ebenfalls einige visuelle Einfälle wie die Außenansicht des Farmhauses, in dem gerade Vorbesitzerin Hannah am Klavier sitzt, worauf aus dem Schornstein schleifenweise Musiknoten flattern oder die wirklich verstörende Szene, in der Anna ihrem Sohn das Leben schenkt, und wir in Großaufnahme (und tricktechnisch gelungen gelöst) ihre Vagina zu sehen bekommen, aus der sich die Leiber mehrerer Schlangen wälzen; auch finde ich, dass HANNAH HOUSE der Spagat eigentlich ganz gut gelingt zwischen traditionsbewusster Spukhausgeschichte, 20er-Jahre-Stummfilmdrama und Avantgarde-Kino der Nachkriegszeit und dass er sich aus diesen drei Kernbereichen ein durchaus originelles und idiosynkratisches Süppchen zusammenkocht. Was dem Film aber neben seiner Verweigerung, den anfangs skizzierten Plot auch nur ansatzweise dramaturgisch rund zu einem verständlichen Kulminationspunkt zu führen, immerhin ein bisschen das Genick bricht, sind die angesprochenen CGI-Effekte, die zumindest meiner Meinung nach überhaupt nicht mit der sonstigen Vintage-Apparenz harmonieren möchten, weil sie entweder a) zuweilen reichlich billig wirken und b) eine Holzhammer-Plakativität ausstrahlen, die ich eher in einem zeitgenössischen Mainstream-Horror erwarten würde, aber nicht in einem Film, der in seinen schönsten Momenten an eine Mischung aus Guy Maddin, Victor Sjöströms THE WIND und einen vergessenen okkulten Experimentalstreifen denken lässt, inszeniert von jemandem, der eine wahre Obsession für Wüstenschlangen hegt.

Aber das ist Ziegengemecker auf hohem Niveau und ich bin froh um jeden kreativen Kahlschlag wie HANNAH HOUSE, der mich weiterhin befriedigt darüber zurücklässt, wie satt und reich die Filmgeschichte noch immer an ungehobenen Schätzen ist, und mir beruhigend zuflüstert, dass mir wohl noch lange nicht die zu entdeckenden Obskuritäten ausgehen werden…

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